Am Sonntag haben Erneuerbare 95 Prozent des Strombedarfs produziert

Bild: Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme

Die Energie- und Klimawochenschau: Von Lausitzer Protest-Camps, neuen Rekorden, dunklen Wolken und rechter Zukunftsverweigerung

In der Lausitz, im südöstlichen Zipfel Brandenburgs, hat am Montag ein Protestcamp begonnen. Aktivisten aus der Region sowie dem In- und Ausland wollen eine Woche lang sich mit diversen Veranstaltungen weiterbilden, debattieren und mit allerlei Aktionen ihre Ablehnung der Kohlekraftwerke und Tagebaue deutlich machen.

Gecampt wird in Proschim (sorbisch Prožym) in der Gemeinde Welzow unmittelbar am Rand des Tagebaus Welzow Süd. Der Ort ist von der Ausweitung des Kohleabbaus betroffen, und entsprechend wird das Camp wie schon in den Vorjahren von der örtlichen Bevölkerung unterstützt, wie einer der Organisatoren gegenüber Telepolis versichert. Zu den lokalen Initiativen und Organisationen bestehe ein enger Kontakt und einige seien auch im Organisations-Team vertreten.

Auf dem Programm stehen diverse Workshops über Klima und fossile Brennstoffe, Kochen mit der Sonne und TTIP sowie viel Sport, Musik und auch Theater. Die Teilnehmer kommen nicht nur aus der ganzen Bundesrepublik, sondern unter anderem auch aus Schweden, Großbritannien, Frankreich und der benachbarten tschechischen Republik sowie aus Polen. Dazu muss man wissen, dass Welzow nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt liegt, die hier von dem kleinen Flüsschen Neiße gebildet wird. Gleich auf der anderen Seite planen polnische Behörden und Unternehmen ebenfalls einen Tagebau und entsprechend kooperieren die Kohlegegner schon seit Jahren über den Fluss hinweg.

International wird es auch am Wochenende zugehen, wenn die Kampagne Ende Gelände vom 13. bis zum 16. allerlei Aktionen zivilen Ungehorsams in der Lausitz organisiert. Mehrere Tausend Teilnehmer aus dem In- und Ausland werden erwartet. Unter anderem hat sich auch ein Bus belgischer Umweltschützer aus Brüssel angekündigt.

In der Lausitz arbeiten noch etwas mehr als 8.000 Menschen im Tagebau und den angeschlossenen Kraftwerken. Die Zahlen gehen von Jahr zu Jahr leicht zurück. Die Organisatoren des Camps vermissen aber bei der Landesregierung den Willen, einen geordneten und zügigen Ausstieg aus der Braunkohle zu organisieren. Dafür müsste jetzt angefangen werden, neue Industrien anzusiedeln. Dass die Region ohne die Braunkohle untergehen würde und Massenarbeitslosigkeit drohe, sei ein Schreckensszenario, so ein Mitglied des Camp-Komitees gegenüber Telepolis. Die meisten Arbeitsplätze würden bei einem schrittweisen Auslaufen über Verrentung oder Ähnliches abgewickelt werden können. Nur müssten die politisch Verantwortlichen endlich aktiv werden, damit der Ausstieg aus der Braunkohle ohne soziale Härten vollzogen werden kann.

Am Sonntag dürfte ein neuer Rekord in der Geschichte der erneuerbaren Energieträger in Deutschland aufgestellt worden sein. Der hiesige Bedarf wurde fast vollständig von Solar-, Wind- und Biogasanlagen sowie Wasserkraftwerken abgedeckt. Um die Mittagszeit speisten sie zeitweise etwas mehr als 51 Gigawatt (GW) ins Netz. Weil Braunkohle- und Atomkraftwerke nicht so einfach runtergeregelt werden können, führte das zu einem großen Überangebot an der Börse. Entsprechend wurde der Strom dort zeitweise zu negativen Preisen gehandelt. Das heißt, Abnehmer bekamen noch Geld hinzu, wenn sie Strom kauften.

Bei einem Bedarf von unter 60 GW lag die addierte Leistung der Solar- und Windkraftanlagen zwischen 10:30 und 16:15 Uhr über 40 GW. Hinzu kamen noch die Eispeisung aus den Biogas- und Wasserkraftwerken, die allerdings nicht zeitnah zentral erfasst werden. Die entsprechenden Angaben sind Durchschnittswerte. Näheres dazu sowie die Daten auf den Seiten des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme.

Von diesem Institut ist auch obige Grafik, die die Daten veranschaulicht. Unterschiedliche Farben symbolisieren jeweils den Beitrag der verschiedenen Energieträger in der vergangenen Woche, aufgelöst in Viertel-Stunden-Intervallen. An der senkrechten Achse ist der Anteil in Prozent dargestellt. 100 Prozent entspricht dem netto Inlandsverbrauch. Negative Prozentwerte bedeuten Nettoexport ins Ausland.

Für Sonntag 14 Uhr sind die Daten rechts im Bild tabellarisch angeordnet. Zu dieser Zeit wurde eine Strommenge exportiert, die 25,2 Prozent des netto Inlandsverbrauchs entsprach. Der Inländische Bedarf wurde zu 50,9 Prozent von Solarenergie und zu weiteren 28,6 Prozent von Windenergie gedeckt. Rechnet man die vermutlichen Werte für Biogas und Wasserkraft hinzu, kommt man auf gut 95 Prozent des hiesigen Strombedarfs, der zu dieser Zeit von den erneuerbaren Energieträgern abgedeckt wurde. Atom- (10,4 Prozent) und Braunkohlekraftwerke (12,6 Prozent) arbeiteten hingegen ausschließlich für den Export.

Interessant sind an der Grafik auch die Werte für die Stromproduktion der Gaskraftwerke, die durchgehend nur wenige Prozentpunkte beitrugen. Dabei sind in Deutschland, wie hier zu sehen ist, Gaskraftwerke mit einer Leistung von rund 28 Gigawatt (GW) in Betrieb. Jedoch speisen sie davon selten mehr als acht GW ein; meistens sind es sogar deutlich weniger. Mit anderen Worten: Gaskraftwerke könnten praktisch sofort die Atom- und auch noch einige Braunkohlekraftwerke ersetzen, wenn es den politischen Willen dazu gäbe. Zudem würden sie wegen ihrer hohen Flexibilität viel besser zum wachsenden Beitrag der unregelmäßig produzierenden Windkraft- und Solaranlagen passen.

Unterdessen ziehen Wolken über der Energiewende auf. Der Zubau neuer Solaranlagen ist in Deutschland auf einem neuen Tiefpunkt angekommen. Zwischen Januar und März wurden lediglich Anlagen mit einer Leistung von 212 Megawatt ans Netz angeschlossen. Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum ist das ein Rückgang von 34 Prozent.

Die Neuinstallationen werden bereits seit Jahren immer weniger. Ursache sind zu niedrige Vergütung und seit letztem Jahr auch eine neue Ausschreibungspflicht für größere Anlagen. Für Solarstrom von neu in Betrieb genommenen Anlagen auf Dächern gibt es derzeit je nach Anlagengröße einen Garantiepreis von 8,5 bis 12,3 Cent pro Kilowattstunde.

Da lohnt sich die Installation meist nur, wenn man den größeren Teil des Stroms selbst verbraucht. Der von der Regierung gewollte Rückgang des Ausbaus ist umso ärgerlicher, als die Preise für Solaranlage in den letzten sieben Jahren um 75 bis 80 Prozent gefallen sind. Solarstrom aus den neuesten Anlagen ist inzwischen um einige Cent pro Kilowattstunden billiger als der Strom aus den auf See von großen Kapitalfonds und Energiekonzernen betriebenen Windkraftanlagen.

In den Golf-Emiraten lässt sich mit Solaranlagen inzwischen billiger als mit Kohlekraftwerken Strom erzeugen, berichtet die Nachrichtenagentur "Bloomberg". Bei einer Auktion hat in Dubai kürzlich ein Unternehmen den Zuschlag bekommen, das Solarstrom für nur 2,99 US-Cent (2,62 Euro-Cent) pro Kilowattstunde liefern will.

Unklar ist allerdings noch, ob dieser Solarpark wirklich wirtschaftlich arbeiten kann. In der Vergangenheit mussten schon einige Projektentwickler Konkurs anmelden, weil sie in ähnlichen Auktionen zu niedrige Preise geboten hatten. Die Bieter Verfahren laufen so ab, dass die zuständige Behörde oder Netzgesellschaft einen bestimmten Umfang an Leistung auslobt, zum Beispiel Solaranlagen mit 100 MW elektrischer Leistung. Die darf dann derjenige Bieter errichten, der den Zuschlag erhält, welcher meist für das Gebot mit dem niedrigsten Strompreis vergeben wird.

Hierzulande gibt es ja inzwischen mit der AfD eine parlamentarische Partei, die Islamophobie und generelle Fremdenfeindlichkeit mit einer inbrünstigen Wissenschaftsfeindlichkeit im Allgemeinen und der Ablehnung der Energiewende im Besonderen zu verbinden weiß. Der Zukunft fest abgewandt, sozusagen. Aber mit einer solchen Haltung ist sie keine Besonderheit. Auch in Polen und Ungarn setzen ähnlich gestrickte, fremdenfeindliche Parteien lieber auf neue Atom- und Kohlekraftwerke, und in Österreich gibt es gerade einen Vorstoß der extremen Rechten gegen den Ausbau der Windkraft.

Wie das dortige "Wirtschaftsblatt" berichtet hat im Bundesland Oberösterreich die FPÖ-Fraktion im Parlament einen Antrag eingebracht, den Mindestabstand von Windkrafträdern zu Wohnhäusern von 800 auf 1200 Metern zu erhöhen. Das käme dort, so die Autorin, einem Aus für den weiteren Ausbau gleich.

Statt dieses Schnellschusses sei eine gründliche Diskussion über die Energiepolitik notwendig. In diesem Zusammenhang weist sie auf Probleme hin, die Österreich über den europäischen Strommarkt und Billigimporte entstehen. Hocheffiziente einheimische Gaskraftwerke kämen nicht mehr zum Zuge. Nicht nur Wind- und Solarenergie werde in Deutschland gefördert. Das Problem seien auch Kohle- und Atomkraftwerke, deren direkte und indirekte Subventionierung die der Erneuerbaren um ein Vielfaches übersteige.

Womit unter anderem deutlich wird, weshalb die Auseinandersetzung um die hiesigen Tagebaue und Kohlekraftwerke über die Landesgrenzen hinaus Bedeutung haben. (Wolfgang Pomrehn)

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