"Am härtesten trifft Covid-19 die Immun- und die Finanzschwächsten"

Warnt vor den sozialen Folgen der Pandemie: Armutsforscher Christoph Butterwegge. Bild: Wolfgang Schmidt, CC0

Der Politikwissenschaftler und Ungleichheitsforscher Christoph Butterwegge über die sozialen Folgen der Corona-Pandemie, den Neoliberalismus und Inzidenzzahlen in Villenvierteln

Herr Butterwegge, ist Sars-CoV-2 ein "Ungleichheitsvirus", wie mitunter zu lesen war?

Christoph Butterwegge: Ganz und gar nicht. Bei diesem Begriff handelt es sich um eine biologistische Fehlinterpretation, die kritisch hinterfragt werden sollte. Sars-CoV-2 behandelt nämlich prinzipiell alle Menschen gleich, ist aber weder der "Große Gleichmacher" (Andrew Cuomo, Ex-Gouverneur von New York) noch ein "Ungleichheitsvirus", von dem selbst die internationale Hilfs- und Entwicklungsorganisation (Oxfam) spricht.

Vielmehr verstärken sich die schon vor der Pandemie bestehenden sozialen Ungleichheiten durch Covid-19, weil das neuartige Coronavirus im Finanzmarktkapitalismus der Gegenwart auf extrem unterschiedliche Einkommens- und Vermögensverhältnisse, auf zum Teil hervorragende, zum Teil katastrophale Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen der Menschen sowie auf wenig egalitäre Wirtschaftsstrukturen, vielmehr auf polarisierende Verteilungsmechanismen trifft.

Infektionsrisiken und gesundheitliche Folgen weichen bei Personen bzw. Personengruppen, deren materielle Lage und/oder soziale Stellung sich deutlich unterscheiden, zum Teil stark voneinander ab. Am härtesten trifft Covid-19 die Immun- und die Finanzschwächsten, also zwei weitgehend identische Bevölkerungsgruppen.

Das gilt in Deutschland, aber auch weltweit. Dadurch wächst die sozioökonomische Ungleichheit, aber Verursacher ist nicht etwa Sars-CoV-2, sondern der Neoliberalismus, den man als "Ungleichheitsvirus" bezeichnen kann, weil er die ideologischen und politischen Voraussetzungen für eine verschärfte gesellschaftliche Spaltung geschaffen hat.

Schaut man sich die Presseberichte der vergangenen Monate an, so fällt auf: Quarantänemaßnahmen wurden über Hochhäuser in Göttingen, Dresden und Berlin verhängt, nicht aber über Villenviertel. Was sagt uns das?

Christoph Butterwegge: Hochhäuser, in denen viele Erwerbslose, prekär Beschäftigte und arme Migrant:innen wohnen, stehen meist in "Hochinzidenzstadtteilen", während das Virus in ein Villenviertel höchstens über das Hauspersonal und die Gärtner der Reichen gelangt.

Köln hatte im Frühjahr 2021 unter den großen deutschen Städten die höchste Sieben-Tage-Inzidenz. Diese korrelierte negativ mit dem Sozialstatus der einzelnen Stadtteile. Sie betrug Null im noblen Hahnwald, wo Christoph Daum, Stefan Raab und Toni Kroos leben, aber vermutlich zu den ärmeren Bewohnern gehören. Und sie reichte bis zu 717,1 in Gremberghoven, einem Stadtteil mit einer sehr hohen Arbeitslosenquote.

Mehrsprachige "Anti-Corona-Scouts" und mobile Impfteams in "vulnerable Sozialraumgebiete" zu schicken, wie das die Kölner Stadtverwaltung erst spät tat, war zwar notwendig, die Aufhebung der Impfpriorisierung nach dem Lebensalter stellte aber eine positive Diskriminierung von sozial benachteiligten Wohnquartieren dar, ohne dass mit der extrem ungleichen Stadtentwicklung die strukturellen Ursachen des Problems beseitigt oder auch nur auf die kommunalpolitische Agenda gerückt wären.

Kinder der Ungleichheit: Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt

Carolin Butterwegge, Christoph Butterwegge

Campus Verlag

255 Seiten

22,95 € (Print), 20,99 (Kindle)