Amazon und Säckeschmeißer: Verschwendung in neuer Dimension

Überflussgesellschaft im Endstadium? Amazon-Standort in Großbritannien. Foto: Chris Watt / CC-BY-2.0

Ein britischer Sender hat aufgedeckt, dass an einem Standort des Online-Giganten rund 130.000 Produkte pro Woche vernichtet werden. Hierzulande wird dergleichen steuerlich sogar forciert

Neu ist das Problem nicht: Heute sind es Laptops, Fernsehgeräte, Kopfhörer, Bücher und originalverpackte Gesichtsmasken - um 1930 waren es zum Beispiel Kaffee und Getreide. Damals schrieb der politische Kabarett-Autor Julian Arendt die "Ballade von den Säckeschmeißern", in der es heißt:

Es gibt zuviel Kaffee auf der Welt.

Und darum pro Zentner zu wenig Geld.

Drum wird, so will es das Weltgewissen,

Die halbe Ernte ins Wasser geschmissen.

Hanns Eisler komponierte dazu einprägsame Musik und Ernst Busch sang den Agit-Prop-Song, an dessen Ende die Frage steht, wann die Säckeschmeißer "die fetten Räuber hinterher" werfen. Das besagte "Weltgewissen" wird heute durch den Online-Versandriesen Amazon verkörpert - und es hat sich "weiterentwickelt", wie eine investigative Recherche des britischen Fernsehsenders ITV zeigt. Allein in einem schottischen Lager von Amazon werden demnach jedes Jahr Millionen unverkaufter Produkte zerstört. Und zwar auch solche, die 1930 noch Science Fiction waren - wie etwa Laptops und High-Tech-Fernsehgeräte.

Auf heimlich angefertigten Filmaufnahmen ist zu sehen, dass auch solche Geräte neben Büchern, Kopfhörern, Schmuck und Gesichtsmasken zur Entsorgung markiert wurden. ITV filmte mehrere Lastwagen, welche die Ware einerseits zu Recyclingzentren, andererseits aber auch auf Müllhalden transportierten.

Ein anonymer Ex-Mitarbeiter gab dem Sender gegenüber an, dass wöchentlich rund 130.000 Produkte vernichtet würden. Das soll der Größenordnung nach internen Dokumenten entsprechen, die ITV vorliegen. Ein "durchgestochenes" Dokument aus dem Amazon-Standort soll zeigen, dass innerhalb einer Woche im April mehr als 124.000 Artikel mit der Aufschrift "Zerstören" markiert wurden - und nur 28.000 mit "Spenden". Etwa die Hälfte der entsorgten Produkte war nach Angaben des Ex-Mitarbeiters noch neuwertig eingepackt, die andere Hälfte seien zurückgesendete Artikel in gutem Zustand.

Amazon selbst gab dem Sender gegenüber an, dass die Lagerhalle im schottischen Dunfermline für sämtliche Entsorgungen in ganz Großbritannien zuständig sei. Transporte zu Mülldeponien bestritt der Konzern gegenüber dem Portal Business Insider: Die von ITV erwähnte angebliche Müllhalde sei auch ein Recyclingzentrum. "Wir arbeiten auf das Ziel hin, keine Produkte zu entsorgen, und unsere Priorität ist es, unverkaufte Produkte weiterzuverkaufen, an gemeinnützige Organisationen zu spenden oder zu recyceln. Keine Produkte werden in Großbritannien auf Müllhalden gebracht", erklärte die Amazon-Pressestelle.

Was momentan nach einer Überflussgesellschaft aussieht, kann schnell ins Gegenteil umschlagen, denn inzwischen besteht die Gefahr, dass innerhalb weniger Jahrzehnte die Anbauflächen für Lebensmittel knapp werden, wenn das System der Ressourcenverschwendung als Treiber des menschengemachten Klimawandels nicht gestoppt wird. In den USA wird bereits nach Regionen gesucht, die traditionelle Anbaugebiete im von Dürren geplagten Kalifornien ersetzen können.

In Deutschland konterkariert das Steuerrecht die "Obhutspflicht"

Und gestoppt werden kann die Verschwendung eben nicht allein durch verantwortungsbewussten Konsum und gut überlegte Kaufentscheidungen oder den individuellen Boykott von Amazon, denn es werden ja nicht nur zurückgeschickte, sondern auch neuwertig verpackte Waren vernichtet.

In Deutschland kann Amazon sogar die Gesetzgebung dafür verantwortlich machen, dass nicht mehr unverkaufte Ware gespendet wird. Denn nach deutschem Steuerrecht müssen Unternehmen auch für gespendete Artikel Umsatzsteuer zahlen, obwohl damit gar kein Umsatz gemacht wurde. Eine Ausnahme gilt bisher nur für verderbliche Lebensmittel.

Nach Amazon-Angaben wird in Großbritannien schon vergleichsweise viel gespendet. Der Konzern betont in seinem deutschsprachigen Firmenblog, dass im Vereinigten Königreich und den USA bereits 2019 das Spendenprogramm "FBA Donations" gestartet worden sei, über das Verkaufspartner nicht verkaufte Produkte oder Retouren spenden könnten. Amazon verspricht: "Wir stehen in den Startlöchern, dieses Programm auch nach Deutschland zu bringen - wenn es die Gesetzeslage hergeben würde".

Die deutsche Gesetzgebung ist aktuell widersprüchlich: Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte vor wenigen Wochen, dass es zwar ein offiziell 2020 in Kraft getretenes Gesetz gibt, dass die Zerstörung intakter Ware verhindern soll, die sogenannte Obhutspflicht aber bisher nicht durch eine Rechtsverordnung umgesetzt und überwacht wird. Der Konzern nutze diese Straflosigkeit aus. Greenpeace verwies auf Filmaufnahmen von "Destroy-Stationen" bei Amazon in Winsen, die belegen würden, dass die Ressourcenverschwendung "organisiert" stattfinde. Ein Greenpeace-Rechercheur habe mehrere Wochen undercover im Amazon-Logistikzentrum in Winsen gearbeitet und die Vorgänge dokumentiert.
(Claudia Wangerin)