Amazon verspricht Einkauf ohne Warteschlangen

Mit der Amazon-Go-App meldet man sich bei Betreten des Ladens an. Foto: Amazon.

Erster Go-Supermarkt in Seattle eröffnet

Das, was Einkaufen so unangenehm macht, ist das, womit das Westfernsehen im Kalten Krieg Bilder aus der DDR illustrierte: Lange Warteschlangen. Sie resultieren heute weniger aus einem begrenzten Angebot knapper Waren oder aus antiquierten Öffnungszeiten, sondern daraus, dass der Bezahlvorgang an den Kassen häufig sehr lange dauert - vor allem dann, wenn Kunden mit EC-Karten bezahlen, was häufig deutlich länger dauert als das Bezahlen mit Bargeld, weil Nummern eingegeben, Datenübermittlungen abgewartet und Belege unterschrieben werden müssen.

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Teilweise gewinnt man auch den Eindruck, dass sich die Personalstärke weniger an der Kundenzufriedenheit als an anderen wirtschaftlichen Kriterien orientiert. Aber auch eine suboptimale Betriebsorganisation trägt zu den langen Wartezeiten bei: Zum Beispiel in Tengelmann-Supermärkten, wo Kunden manchmal mehrere Minuten warten müssen, bis ein Verkaufsleiter mit einem Storno-Schlüssel kommt, wenn sie eine Kassiererin vertippt hat (was recht häufig vorkommt).

Amazon verspricht Verbrauchern nun einen stressfreieren Einkauf ohne Warterei und ohne ein zweimaliges Ein- und Wiederauspacken der Waren. Die werden in dem am Montag in der Seventh Avenue 2131 in Seattle eröffneten Amazon-Go-Laden nämlich nicht mehr per Hand an einer Kasse eingescannt, sondern automatisch erfasst, nachdem sich der Benutzer mit seiner Amazon-Go-App beim Betreten des Geschäfts angemeldet hat.

Eine in den letzten vier Jahren entwickelte Technologie aus Sensoren und Deep-Learning-Algorithmen, die Amazon mit der in autonomen Automobilen eingesetzten vergleicht, soll dabei nicht nur erkennen, wenn ein Kunde etwas aus dem Regal nimmt, sondern auch, wenn er es wieder zurückstellt. Je nachdem, wie sehr Kunden dieser Technologie vertrauen, können sie anschließend überprüfen, ob die richtigen Beträge von ihrem Amazon-Konto abgebucht wurden - oder es sein lassen (vgl. Einkäufe doppelt abgebucht).

Um den Laden sofort nutzen zu können, muss man allerdings nicht nur in Seattle wohnen, sondern auch bei Amazon arbeiten. Vorerst steht die Einkaufsmöglichkeit nämlich nur Amazon-Mitarbeitern zur Verfügung, mit denen ausprobiert werden soll, ob im Praxisbetrieb alles so läuft wie geplant. Ist das der Fall, soll das Geschäft Anfang des nächsten Jahres für Amazon-Kunden geöffnet werden. Für bequemere Weihnachtseinkäufe ist das aktuelle Angebot in dem relativ kleinen Laden ohnehin nur bedingt geeignet: Neben Grundnahrungsmitteln wie Milch und Brot gibt es vor allem Fertiggerichte und Snacks, die teilweise frisch zubereitet werden.

Dem Wall Street Journal zufolge könnte Amazon in den nächsten zehn Jahren alleine in den USA etwa 2.000 solcher Läden eröffnen. Ziehen andere Supermärkte und Geschäfte nach, könnten den Zahlen des U.S. Bureau of Labor Statistics bis zu 3.478.420 Kassiererarbeitsplätze und eine unbekannte Zahl von Hilfskraftstellen zum Einpacken abgebaut werden. In Deutschland wurde dieser Teil der Arbeit, die die Amazon-Go-Elektronik überflüssig macht, schon in den letzten Jahrzehnten auf den Kunden ausgelagert, der mit viel zu kleinen Ablageflächen hinter der Kasse unter Stress gesetzt wird (vgl. Heimliche Arbeitszeitverlängerung).

Dass Arbeitsplätze in Supermärkten wegfallen oder sich verändern werden, liegt aber nicht nur an Läden ohne Warteschlangen, sondern auch an Lebensmittel-Lieferdiensten wie Amazon Fresh. In Deutschland liegt der Online-Umsatzanteil von Supermarktgütern bislang nur bei etwa einem Prozent - im Vereinigten Königreich sind es bereits fünf. Wie sehr die Möglichkeit der Online-Lebensmittelbestellung vom Kunden angenommen wird, hängt auch davon ab, ob es Anbietern gelingt, die Auslieferung verlässlicher zu gestalten, als die Logistikdienstleister sie bislang durchführen. Derzeit ist es nämlich keine Seltenheit, dass Paketboten nur einen vorgefertigten Abholzettel durch den Briefschlitz werfen - und das Paket gar nicht dabei haben, sondern aus ihrem Laster holen müssen, wenn sie dabei erwischt werden.

Muss der Verbraucher schwere Lebensmittelpakete aber erst in einem weit entfernten Lager abholen, dann verwandelt sich der Vorteil einer Frei-Haus-Lieferung schnell in einen Nachteil: Auch deshalb, weil der nächste Supermarkt oft deutlich weniger weit entfernt ist als das Lager des Paketzustellers. Hinzu kommt, dass verderbliche Lebensmittel unterbrechungsfrei gekühlt werden müssen. Dafür sind spezielle Lieferfahrzeuge notwendig.

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Diese Probleme könnten gelöst werden, indem Anbieter eigene Lieferdienste aufbauen, die sich stärker an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Kunden orientiert und diese zum Beispiel den genauen Zeitpunkt wählen lässt, an dem sie ihre Lebensmittel geliefert bekommen. Dass es hier in Sachen Service noch Spielraum gibt, zeigen nicht nur die Logistikunternehmen, sondern auch die bislang in Deutschland verfügbaren Spezialdienste (vgl. Aldi prüft angeblich Internetbestellungen). (Peter Mühlbauer)

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