Ameisen-Apotheker

Apterostigma-Ameisen. Foto: Carlos de la Rosa / Organization for Tropical Studies

Wissenschaftler hoffen, dass eine Substanz, die pilzzüchtende Ameisen zur Schädlingsbekämpfung nutzen, als neues Antibiotikum eingesetzt werden kann

Ein Team aus Wissenschaftlern Universidad de Costa Rica (UCR), der Harvard University und der University of Wisconsin-Madison haben ein Patent auf ein neues Antibiotikum namens Selvamicin angemeldet, das eigentlich schon seit 50 Millionen Jahren zur Bekämpfung parasitärer Pilze eingesetzt wird – aber nicht von Menschen, sondern von Apterostigma-Ameisen die in Costa Rica leben.

Selvamicin, das nach seinem Entdeckungsort La Selva benannt wurde, hat den Erkenntnissen der Forscher nach nicht nur die Fähigkeit, das Wachstum des auch für Menschen schädlichen Pathoges Candida albicans (das Windelpilz und andere Erkrankungen im Genitalbereich und an den Schleimhäuten verursacht) zu hemmen, sondern diesen Pilz auch zu töten, wenn man es richtig einsetzt. Darüber hinaus könnte es gegen die Pilzerkrankung Aspergillose helfen, die die Lunge und andere Organe befällt und allergische Reaktionen hervorruft.

Bis Selvamicin als Medikament zugelassen wird, müssen Wissenschaftler und Pharmaunternehmen allerdings noch viel Zeit investieren und die Substanz umfassend an Tieren und Menschen testen. Allerdings ist Adrián Pinto von der UCR aufgrund der Ergebnisse der bisherigen Studien optimistisch, dass das Molekül (dessen ungewöhnliche Struktur seinen Harvard-Kollege Ethan Van Arnam nach eigenen Angaben “fasziniert”) deutlich geringere Nebenwirkungen haben könnte als die bislang von der World Health Organization Medikamente (WHO) empfohlenen Medikamente Nystatin A und Amphotericin B. Kommt Selvamicin auf den Markt, wollen sich die drei Universitäten die Lizenzeinnahmen für das Patent, das dann 20 Jahre lang einen Monopolpreis erlaubt, teilen.

Rätsel: 50 Millionen Jahre lang als Antibiotikum eingesetzt, ohne das die Schädlinge dagegen resistent wurden

Die Entdeckung des neuen Antibiotikums ist aber nicht nur wegen der wahrscheinlich geringeren Nebenwirkungen bedeutend, sondern auch, weil Erreger gegen die in den letzten 70 Jahren eingesetzten Antibiotika Resistenzen entwickelten und weiter entwickeln. Gegen Selvamicin, dass die Ameisen seit 50 Millionen Jahren einsetzen, gibt es bislang keine solchen Resistenzen. Warum das so ist, wollen die Wissenschaftler herausfinden und die Ursache dafür dann eventuell für die Entwicklung einer neuen Generation von Antibiotika nutzen.

Komplexe Symbiose: Ameisen bieten Selvamicin-absondernden Bakterien perfekte Lebensbedingungen

Im biologischen Forschungszentrum La Selva, das zu der Organization for Tropical Studies gehört, arbeiten derzeit 300 Wissenschaftler aus aller Welt an insgesamt 150 Projekten. Mit der Erforschung der Apterostigma, die einen Pilz namens Leucoagaricus züchten und fressen, begann man dort 2009. Bereits im Jahrzehnt davor hatten Evolutionsbiologen entdeckt, dass Ernten der Ameisen von einem parasitären Miktopilz namens Escovopsis bedroht werden, der sich ebenfalls von Leucoagaricus ernährt. Die Ameisen entwickelten jedoch ein komplexes symbiotisches Verhältnis zu einem Bakterium, dem sie optimale Lebensbedingungen bieten und das das für Escovopsis tödliche Selvamicin absondert, das ihre Kolonien vor dem Parasiten schützt.

Dem costaricanisch-amerikanischen Forscherteam gelang es, das Bakterium außerhalb von Ameisenkolonien im Labor zu züchten. Damit konnten sie Selvamicin an einer großen Zahl verschiedener Pilze testen und feststellen, gegen welchen es wirkt und gegen welche nicht. (Peter Mühlbauer)