"America will rise again": Trump über dem Weißen Haus

Gabriel Over the White House

Ein Schwebezustand in drei Teilen

Was verbindet Weihnachten, den Erzengel Gabriel und Donald Trump? Der Engel verkündet der Jungfrau Maria im Auftrag Gottes, dass sie dessen Sohn gebären wird, und er überbringt die göttlichen Botschaften an einen neu gewählten US-Präsidenten, der wirkt wie der Prototyp von Trump - in einer Propaganda-Kuriosität von 1933. Gabriel Over the White House ist der Film der Stunde. Interessante Einblicke in die Zensurgeschichte bietet er auch.

Den Film Gabriel Over the White House verdanken wir Walter Wanger, einem gebildeten, aus der oberen Mittelschicht stammenden, stets untadelig gekleideten und bestens vernetzten Liberalen und Roosevelt-Anhänger, der sein Image als "Hollywood Gentleman" kultivierte und Filme produzieren wollte, die nicht nur unterhielten, sondern auch informierten und zu aktuellen Problemen Stellung nahmen. Wanger glaubte, dass ein aufgeklärtes Publikum die richtigen politischen Entscheidungen treffen würde. Dazu wollte er einen Beitrag leisten.

Weil er außerdem ein Faible für Stoffe hatte, die soziale Fragen mit Geschichten um gefallene, in Sünde lebende Frauen kombinierten, hatte er bei den Zensoren den Ruf eines "bad boy", der sie immer wieder mit zu viel Sex, zu viel Politik und zu viel linkem (oder gelegentlich auch rechtem) Gedankengut in Rage brachte. Nachdem er für das glamouröseste aller Filmstudios gearbeitet hatte (die Paramount), und für den vulgärsten aller Studiobosse (Harry Cohn, Chef der Columbia), ging Wanger 1932 zur MGM.

Der von F. Scott Fitzgerald in The Last Tycoon verewigte Produktionschef, Irving Thalberg, hatte ein Herzleiden und klagte darüber, dass ihn die unter ihm tätigen Produzenten dauernd mit Fragen nervten, statt selbständig zu entscheiden. Also wurden ein paar Leute engagiert, die Stoffe und Talente suchen und relativ autonom Filme produzieren sollten, um Thalberg zu entlasten. Einer davon war Walter Wanger. Für sein erstes Projekt ließ er die Rechte an einem noch unveröffentlichten Roman kaufen, der 1933 in Großbritannien als Rinehard und in den USA unter dem Titel des Films herauskam: Gabriel Over the White House.

Im Gegensatz zur britischen erschien die erste amerikanische Ausgabe anonym, was dem Ganzen vermutlich einen sensationellen Anstrich geben sollte. Der Autor, Thomas Frederic Tweed, erhielt als britischer Offizier im Ersten Weltkrieg einen Orden für exemplarische Tapferkeit und war Mitglied der Liberalen Partei, wo er sich für einen aktiven (um nicht zu sagen: aktivistischen) Staat einsetzte. 1927 wurde er Sekretär und Berater von David Lloyd George, dem bis heute letzten liberalen Premierminister des Vereinigten Königreichs (1916-1922).

Tweed schrieb den Roman mit ein wenig Hilfe von John Shaw Billings, der den Text auf Fehler und Ungenauigkeiten durchging und wohl auch mit eigenen Erfahrungen anreicherte, die er als Washington-Korrespondent des Nachrichtenmagazins Time gesammelt hatte. Inspiriert wurde Tweed von der damals mit zunehmender Häufigkeit erhobenen Forderung, dass die Vereinigten Staaten einen "gutartigen Diktator" bekommen müssten, weil nur ein solcher die Probleme des von der Wirtschaftskrise gebeutelten Landes in den Griff kriegen könne. Kommentatoren, denen diese Sehnsucht nach dem starken Mann ein Graus war, warnten davor, dass die Krise das Ende der amerikanischen Demokratie bedeuten könnte.

Heroes for Sale

In William Wellmans Heroes for Sale (1933) begegnen sich zwei Veteranen des Ersten Weltkriegs in einer regnerischen Nacht am Lagerfeuer einiger Landstreicher. Der eine kommt aus der Unterschicht. Der andere ist der Sohn eines Bankdirektors. Jetzt sind sie beide obdachlos. "So kann es mit dem Land nicht weitergehen. Es ist das Ende von Amerika", sagt der eine. "Vielleicht das Ende von uns", antwortet der andere. "Aber es ist nicht das Ende von Amerika. In ein paar Jahren wird es größer und stärker sein als je zuvor." Für viele, die das damals im Kino sahen, war es eine offene Frage, wer von den beiden Recht hatte.

Die Depression war wahrscheinlich die traumatischste amerikanische Erfahrung des 20. Jahrhunderts, weil sie das wirtschaftliche und politische System genauso in Frage stellte wie den Mythos von den Vereinigten Staaten als dem Gelobten Land, in dem jeder aufsteigen und zu Reichtum und Ansehen gelangen konnte, wenn er sich nur genug bemühte und den Geist der Pioniere mitbrachte, die der Wildnis Ackerland und saftige Weiden abgerungen hatten. Nationale Traumata wirken lange nach und lösen sich nicht einfach in Luft auf, wenn das nächste Jahrhundert erreicht ist.

Verglichen mit dem, was Menschen in den Jahren der durch den Schwarzen Freitag vom Oktober 1929 ausgelösten Weltwirtschaftskrise durchleiden mussten, jammern die "Abgehängten" unserer Tage auf hohem Niveau. Es gibt aber nicht nur eine objektive, sondern auch eine subjektive Wirklichkeit. Sinkende Realeinkommen, Zerbröseln der Mittelschicht, Abstieg statt Aufstieg, Identitätsverlust - die Themen waren vor 85 Jahren die gleichen wie jetzt. Auch eine nicht überwundene Weltwirtschaftskrise gibt es wieder. Sie ist nur nicht so sichtbar wie in den Hoovervilles der frühen 1930er, den nach Präsident Herbert Hoover benannten Camps der Obdachlosen.

Die meisten US-Bürger sind längst nicht mehr mit den Ingredienzien des American Dream zufrieden, die Dean Martin und Ricky Nelson in Rio Bravo besingen ("My Rifle, My Pony and Me"). Bei Umfragen kommt regelmäßig heraus, dass sie sich eine Familie wünschen, ein Haus und ein Auto, das ordentlich Sprit schluckt. Für Leute wie mich, der mit dem Bild von Amerika als einem von Indianern, Desperados, Trappern und schönen Saloondamen bevölkerten Sehnsuchtsort ohne Gartenzaun, Mauer und Stacheldraht aufgewachsen sind, ist das von einer ernüchternden Banalität. Weniger legitim wird es dadurch nicht.

In Zeiten stagnierender Löhne wurde die Kluft zwischen dem Durchschnittseinkommen und dem Verdienst, den ein Amerikaner braucht, um sich den Traum vom bürgerlichen Glück mit eigenem Haus und Auto erfüllen zu können, ohne sich hoffnungslos verschulden zu müssen, immer größer. Damit nahm auch die Zahl der Amerikaner ab, die eine reelle Chance sehen, sich durch harte Arbeit je leisten zu können, was sie sich vom Leben erwarten. Wähler, denen man mit positiven Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung kommt, wenn gerade ihr Traum vom besseren Leben zerplatzt, fühlen sich veralbert.

Donald Trump hatte da durchaus etwas, an das er in seiner Rolle als Rächer der Enterbten andocken konnte. Kandidaten, die Stimmung gegen Sündenböcke machen und das als Problemlösung ausgeben, würde ich persönlich nicht wählen, weil ich solche Leute nicht leiden kann. Ich finde es aber nachvollziehbar, warum nicht nur alte weiße Rassisten mit Macho-Attitüde und Waffensammlung Trump gewählt haben. Die Aussagekraft historischer Analogien ist immer endlich. Trotzdem kann einem der US-Film der frühen 1930er dabei helfen, die Gegenwart etwas besser zu verstehen.

Einen tiefen Einblick in die amerikanische Psyche der Depressionszeit kriegt man durch The Power and the Glory (1933), eine Art Blaupause für Citizen Kane (nach einem Drehbuch von Preston Sturges). Nach dem Tod des vom Streckengeher zum Eisenbahnmagnaten aufgestiegenen Tom Garner (Spencer Tracy) werden in Rückblenden Stationen seines Lebens erzählt. Der Mann war ein mieser Charakter. Garner trug zumindest eine Mitschuld am Tod seiner ersten Frau, bei einem mit allen Mitteln unterdrückten Streik sind mehr als 400 Menschen gestorben, sein Privatleben war eine Katastrophe (die zweite, viel jüngere Gattin betrügt ihn mit dem eigenen Sohn). Am Schluss bringt er sich um, weil er sich und sein Leben nicht mehr ertragen kann.

Das Irre daran ist: Beim Aufbau des Eisenbahnimperiums leistet Garner ganze Arbeit. Im Beruf nimmt er es mit jedem auf. Garner ist ein Macher und Erfolgsmensch. Das Imperium prosperiert. Wenn dazu ein Massaker an den Arbeitern und der finale Suizid des Chefs gehört, sagt The Power and the Glory, ist das zwar bedauerlich, aber das muss dann eben sein. Die frühen 1930er brachten eine ganze Reihe solcher Übermenschen-Filme hervor, deren Helden charakterlich eine Zumutung sind und doch als Leitbilder präsentiert werden, weil sie etwas aufbauen und materielle Werte schaffen, die den Zuschauern in der realen Welt immer mehr entglitten.

The Power and the Glory

Auch wenn er sich dessen vermutlich nicht bewusst war, knüpfte Donald Trump im Wahlkampf daran an. Ich denke da an den Auftritt, bei dem er sich mit seinen Millionen, seinen Immobilien und seinem wirtschaftlichen Erfolg brüstete und sich zu der Bemerkung verstieg, er könne auf der Fifth Avenue in New York einen Menschen erschießen, ohne eine einzige Wählerstimme zu verlieren. Im Nachhinein muss man wohl konstatieren, dass solche vermeintlichen Entgleisungen zu seinem Wahlsieg beitrugen.

Ob kühl kalkuliert oder spontan und von sich selbst berauscht: Rhetorisch stellte sich Trump damit in den Kreis jener mit trübem Charakter ausgestatteten Helden der materialistischen und nur auf den eigenen Vorteil bedachten Welt, die während der Great Depression auf die Filmemacher und ihr Publikum eine umso größere Faszination ausübten, je mehr sich die Amerikaner durch das Handeln der Regierung und der etablierten Parteien verraten und verkauft fühlten.

Die Zeit, könnte man glauben, ist wieder reif für Figuren, die plötzlich wählbar werden, weil es genug Leute gibt, die über ihre charakterlichen Defizite hinwegsehen, solange die Superhelden den Beweis erbringen, dass sie wissen, wie man ein Eisenbahn-, ein Immobilien- oder sonst ein Imperium in die Landschaft stellt. Dazu passt, wie Trump die Minister seiner Regierung kürt. Nicht Berufspolitiker sind gefragt, sondern Leute, die schon bewiesen haben, dass sie erfolgreich sind. Der Erfolg bemisst sich in Geld. Also dürfen die Milliardäre ran. Man wird sehen, ob und für wen das funktioniert und wer die Zeche zahlt.

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