"America will rise again": Trump über dem Weißen Haus

Der richtige Mann im Weißen Haus

William Randolph Hearst war eines der Vorbilder für Charles Foster Kane in Orson Welles’ Meisterwerk Citizen Kane, dem Lieblingsfilm von Donald Trump. Ich würde mich nicht wundern, wenn da der Narzissmus des President-elect eine wichtige Rolle gespielt hätte. Vielleicht hat er im Wahlkampf nur versprochen, Hillary Clinton hinter Gitter zu bringen, weil Kane in seiner Kampagne verspricht, nach dem Wahlsieg einen Sonderermittler einzusetzen, der dafür sorgen soll, dass sein Gegenkandidat angeklagt wird und im Knast landet.

Die Parallelen zwischen Trump und Kane sind zahlreich: Beide erben ein riesiges Vermögen; der eine steht einem Immobilienimperium vor, der andere einem Medienimperium; der eine baut den Trump Tower, die Trump Plaza, Trump’s Castle in Las Vegas sowie das Trump International Hotel (beim Weißen Haus gleich um die Ecke) und der andere Xanadu, das in der echten Welt San Simeon oder auch Hearst Castle hieß. Beide, Trump wie Kane, beherrschen das Spiel mit den Medien und schrecken vor keiner Lüge zurück, um an ihr Ziel zu kommen (die Lüge war eines der wichtigsten Manipulationsinstrumente von Hearsts Revolverblättern).

Citizen Kane

Kanes erste Ehe scheitert an seiner Beziehung zur mäßig talentierten Sängerin Susan Alexander, so wie Trumps erste Ehe an der Beziehung zur mäßig talentierten Schauspielerin Marla Maples scheiterte. Hearsts Geliebte Marion Davies hatte im Gegensatz dazu jede Menge Talent, wurde von ihrem Liebhaber aber behandelt, als ob ihre Karriere von seiner Protektion abhängen würde. Er leistete sich eine Produktionsfirma, die Cosmopolitan Pictures, die vor allem dafür da war, Filme mit Marion in der Hauptrolle herzustellen.

Citizen Kane

Seit 1923 drehte die Cosmopolitan auf dem Studiogelände der Metro Pictures Corporation, aus der 1924 die Metro-Goldwyn-Mayer wurde, weil der New Yorker Kinomagnat Marcus Loew, der Eigentümer der Metro, zur Hebung der Qualität die Goldwyn Pictures zukaufte und Louis B. Mayer zum Chef machte. Das Mutterunternehmen, die Loew’s Incorporated, kümmerte sich um den Verleih der von der MGM hergestellten Filme und auch um den der meisten Cosmopolitan-Produktionen, in denen ebenfalls Geld der MGM steckte.

William Randolph Hearst / Hearst bei einem Treffen mit Walter Wanger von der MGM, das während der Dreharbeiten zu Gabriel Over the White House stattfand

Im Gegenzug erschienen in der Hearst-Presse nicht nur positive Besprechungen der Cosmopolitan-Filme, auch Eigenproduktionen der MGM wurden dort sehr freundlich aufgenommen. Wanger konnte sich darauf verlassen, dass Mayer diese einträgliche Beziehung nicht so einfach riskieren würde. Hearst als Partner zu gewinnen war also eine Rückversicherung, änderte allerdings die politische Ausrichtung des Films.

Seine politische Karriere begann Hearst als Kandidat der Demokraten. Für sie wurde er zweimal in den Kongress gewählt, hatte aber auch kein Problem damit, eigene Parteien zu gründen, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen. Das gelang nicht wirklich. Er kandidierte erfolglos als Bürgermeister von New York sowie als Gouverneur und scheiterte mit dem Versuch, als demokratischer Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden. Als Zeitungsbesitzer wetterte er in Leitartikeln gegen die Reichen und die Mächtigen und gab den Anwalt der Arbeiter und der Zukurzgekommenen, die seine Revolverblätter kauften.

Wahlkampfbutton

Wie Donald Trump inszenierte sich Hearst als Außenseiter und Kämpfer gegen das Establishment, dem er selbst von Geburt an angehörte. Er war ein selbsternannter Volkstribun, der von sich behauptete, mit seinen Zeitungen dem "Mann von der Straße" eine Stimme zu geben wie Trump im Wahlkampf ("I am your voice!"). Dabei interessierte er sich primär für große Führergestalten, die dem Land seiner Meinung nach als einzige den Weg aus der Krise weisen konnten. Für den "kleinen Mann", der unter der Krise am meisten zu leiden hatte, interessierte er sich nicht so sehr.

In Gabriel Over the White House sieht man die Arbeitslosen, die sich frustriert im Park versammeln, um zu einem Protestmarsch aufzubrechen. Den Grund für den Protest, ihr tägliches Elend, sieht man weniger. Durch Hearsts Beteiligung verschoben sich die Gewichte. Der Film spricht sich für einen autoritär regierenden Präsidenten aus, dies aber nur, damit das Wirtschaftssystem so bleiben kann, wie es ist. John Bronson, der Anführer der Arbeitslosen, beeilt sich zu versichern, dass er weder ein Roter noch ein Anarchist sei. "Dieses Land ist gesund", sagt er im Rundfunk. "Der richtige Mann im Weißen Haus kann uns aus der Verzweiflung herausholen und zurück zum Wohlstand bringen."

Heroes for Sale

Der Film lässt dann eine Geschichte folgen, durch die Bronsons Analyse bestätigt wird. Wer mehr über das Leben des gemeinen Volkes in der Wirtschaftskrise wissen will ist anderswo besser aufgehoben, beim sträflich unterschätzten William A. Wellman beispielsweise, dessen Heroes for Sale und Wild Boys of the Road (beide 1933) hier nachdrücklich empfohlen seien. Bei Wellman muss kein John Bronson sagen, dass er kein Anarchist sei, weil das (versagende) System selbst den Anarchismus generiert. Die Raumrevolution, die in unseren Tagen die Globalisierung ausgelöst hat, findet da in Gestalt von Recht- und Besitzlosen statt, die durch das Land ziehen und auf der Müllhalde landen. Gabriel Over the White House hat für so etwas wenig Zeit, weil er sich dem Führertum widmen muss.

Wild Boys of the Road

Hillary Clinton dürfte es als bittere Ironie empfinden, dass ihr Gatte Bill moralische (scheinheilige) Standards aufweichte, wovon dann Donald Trump profitierte. Man kann auch sagen, dass die Nachrichten über Bills Sexualleben und den Spermafleck auf einem blauen Kleid von Monica Lewinsky das verlogene Bild vom monogamen Ehemann und Familienvater, das amerikanische Politiker zwingend von sich zeichnen mussten, so nachhaltig zerbersten ließen, dass man es danach nicht mehr zusammensetzen konnte.

Wenn ich mich recht erinnere war Bill der erste Kandidat der neueren Zeitrechnung, der zum Präsidenten gewählt wurde, obwohl sein nicht regelkonformes Sexualleben nicht wie bei zahlreichen Vorgängern vertuscht, sondern zum Wahlkampfthema wurde, als mit Gennifer Flowers eine Ex-Geliebte an die Öffentlichkeit ging und mit Nacktphotos in Herrenmagazinen die Haushaltskasse aufbesserte. Zu Zeiten der Filmfigur Charles Foster Kane und ihres Pendants im echten Leben, William Randolph Hearst, war so etwas für amerikanische Politiker noch tödlich.

Citizen Kane

Kane verliert die Wahl zum Gouverneur, weil sein Gegner den nicht zu seinem Imperium gehörenden Zeitungen steckt, dass er sich mit Susan Alexander ein Liebesnest eingerichtet hat. Bei Hearst war es eher umgekehrt. Er hatte fünf Söhne mit seiner Gattin Millicent, von der er sich nie scheiden ließ, baute aber nach dem Ersten Weltkrieg Hearst Castle und lebte dort ganz offen mit Marion Davies. Das wurde so gedeutet, dass er seine Hoffnungen, doch noch Präsident zu werden, begraben hatte.

Marion Davies

Wanger kannte Hearst schon lange, weil seine erste Gattin, die Schauspielerin und spätere Syphilis- und Krebsforscherin Justine Johnstone, mit Marion Davies befreundet war und das Paar oft nach San Simeon eingeladen wurde. Der Zeitungszar war bereit, sich finanziell zu beteiligen und das Projekt unter dem Dach der Cosmopolitan zu realisieren, weil er eine Gelegenheit sah, mit den Republikanern abzurechnen. Hearst war anfangs fasziniert von Franklin D. Roosevelt. Mitte der 1930er vollzog er einen radikalen Schwenk nach rechts und griff mit seinen Zeitungen den New Deal an, weil FDR doch nicht ganz die Politik betrieb, die er von ihm erhofft hatte.

In Tweeds Roman gibt es den Herrscher über ein Medienimperium, der mit seinen Zeitungen gegen Rinehard zu Felde zieht. Hearst aber sah sich wohl eher als der Film- und Fernsehproduzent (auch nur im Roman vorhanden), der im Auftrag des Präsidenten einen Propagandafilm dreht und dann Chef eines neu geschaffenen Ministeriums für Volksinformation wird. Sein Engagement bei Gabriel Over the White House kann man so verstehen, dass er dem nächsten Präsidenten der USA, dessen Fan er damals noch war, den Film als Morgengabe präsentieren wollte. Wahrscheinlich wollte er ihm und den Kinogehern auch zeigen, was er vom Amtsinhaber erwartete.

Nicht nur Hearst, in dessen Blättern Benito Mussolini, Adolf Hitler und Hermann Göring unkommentierte Gastbeiträge veröffentlichen durften, verlangte in den Jahren der Krise und des wirtschaftlichen Niedergangs nach einem starken Mann. Das entsprach dem Zeitgeist. Walter Lippmann, hin und wieder als der einflussreichste Journalist des 20. Jahrhunderts bezeichnet, drängte den frisch gewählten FDR in seiner viel gelesenen Kolumne "Today and Tomorrow", als Präsident "eine buchstäblich diktatorische Macht" an sich zu reißen, weil er der Krise nur so wirkungsvoll begegnen könne.

Nach dem starken Mann riefen auch Al Smith, der 1929 Herbert Hoover unterlegene Präsidentschaftskandidat der Republikaner und innerparteiliche Rivale Roosevelts sowie Alf Landon, der von den Republikanern als künftiger Gegenkandidat Roosevelts aufgebaut wurde (und 1936 gegen ihn verlor). Während das Wirtschafts- und Finanzblatt Barron’s bekannte, dass sich die Redaktion mal offen und mal heimlich nach dem Auftauchen eines Supermannes sehnte und sogar Stalin positive Seiten abgewinnen konnte, warnte der Sozialistenführer Norman Thomas, von 1928 bis 1948 sechsmaliger Präsidentschaftskandidat der Socialist Party of America (SPA), vor der amerikanischen Spielart einer faschistischen Diktatur.

Benito Mussolini

Wenn Donald Trump seinen Anhängern im Oktober 2016 in Gettysburg verspricht, mit ihnen nach Washington zu marschieren und den Sumpf trocken zu legen, braucht man sich nicht zu wundern, wenn manch einem Kommentator dazu Mussolini einfällt und dessen Marsch auf Rom im Oktober 1922, mit dem die Faschisten in Italien die Macht übernahmen (wie erhellend solche Vergleiche sind ist eine andere Frage). Im Amerika der großen Wirtschaftskrise, von dem hier jetzt die Rede ist, hatte der Duce sehr viele Bewunderer, die glaubten, dass so etwas wie der Marsch auf Rom auch den USA nur gut tun könne.

Marsch auf Rom

Jack Cohn, früher Newsreel-Produzent bei der Universal und zusammen mit seinem Bruder Harry Gründer der Columbia, stellte aus Wochenschauaufnahmen einen 76-minütigen Kompilationsfilm her, der 1933 unter dem Titel Mussolini Speaks in amerikanische Kinos kam. "Dieser Film", teilte ein einleitender Text mit, "ist einem Mann des Volkes gewidmet, dessen Taten für sein Volk der ganzen Welt auf ewig eine Inspiration sein werden". Beschrieben und interpretiert" wurden die Reden und sonstigen Auftritte des Duce vom Rundfunkreporter Lowell Thomas, der bei der NBC allabendlich eine Nachrichtensendung präsentierte.

In seiner früheren Karriere als Kriegskorrespondent war Thomas in die Wüste zu Lawrence of Arabia gefahren, um ihn zu interviewen und einen Film über ihn zu drehen, der T. E. Lawrence weltberühmt machte. Seither war auch Thomas eine bekannte Persönlichkeit und ein Mann, dem seine Zuhörer vertrauten (in David Leans Lawrence of Arabia heißt er Jackson Bentley und wird - wenig schmeichelhaft - von Arthur Kennedy gespielt). Nach Meinung des Kritikers der New York Times erledigte er seine Aufgabe bei Mussolini Speaks so gut, dass auch die Nichtitaliener im Publikum nicht anders konnten, als bei den Ansprachen des Duce und bei den Bildern vom Marsch auf Rom "ein Anschwellen patriotischer Gefühle" zu erleben. Die Cohn-Brüder durften sich über eine Million Dollar freuen, die ihnen der Film einbrachte.

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