"America will rise again": Trump über dem Weißen Haus

Wüst, reaktionär und radikal

Wanger war ein liberaler Intellektueller, aber auch ein Produzent, der sich rühmte, das Ohr am Puls der Zeit zu haben und auf aktuelle Entwicklungen schneller zu reagieren als andere. Die Begeisterung für Diktatoren, die große Teile der amerikanischen Gesellschaft erfasst hatte, war bestimmt ein Grund dafür, dass er keinen nennenswerten Widerstand gegen die von Hearst verfassten Reden des Präsidenten leistete. Hammond hört sich an, als referiere er die aus der Hearst-Presse bekannten Rezepte zur Genesung des amerikanischen Patienten.

Walter Wanger

Man braucht, kurz gesagt, einen autoritären Mann der Tat, der für "das Volk" spricht (das Volk sind in diesen Szenarien immer diejenigen, die dem Führer zujubeln), sich nicht durch der Gewaltenteilung dienende Institutionen wie den teils korrupten und teils lethargischen Kongress ausbremsen lässt und das den Eliten dienende "System" vom Kopf auf die Füße stellt. Das kommt dem schon ziemlich nahe, was Trump in Gettysburg für den Fall angekündigt hat, dass man ihn nicht durch ein manipuliertes Wahlsystem um den Sieg betrügen und er ins Weiße Haus einziehen werde.

Wenn sich durch Hearsts Beteiligung die Gewichte verschoben war das Wanger recht. Er wünschte sich einen Knalleffekt. Der Sohn des aus Bayern eingewanderten Juden Sigmund Feuchtwanger wollte seinen assimilierten Namen so ausgesprochen haben, dass er sich auf danger reimte. Die Branche sollte wissen, dass sich ein Walter Wanger durch Gefahren nicht erschrecken ließ. Nach einem demütigenden Rauswurf bei der Paramount und frustrierenden Erfahrungen bei Harry Cohns Columbia wollte er mit Gabriel Over the White House seinen ramponierten Ruf als Produzent kontrovers diskutierter Filme aufpolieren.

In einem frühen Stadium der Projektentwicklung schrieb ein Gutachter aus der Drehbuchabteilung der MGM, dass Gabriel Over the White House eine Sensation werden könne. Genau das war es, was Wanger sich erhoffte: Eine Sensation. Ausweislich des fertigen Films muss man wohl konstatieren, dass ihm die Art der Sensation und die Botschaft nicht ganz so wichtig waren. Ende Januar reichte die MGM das von ihm, Wilson und Hearst angefertigte Drehbuch bei Dr. James Wingate vom Hays Office zur Genehmigung ein. Ein firmeninterner Gutachter hatte dem Skript zuvor attestiert, dass es "auf eine wüste Weise reaktionär und hochgradig radikal" sei.

Das ist ein guter Moment, um innezuhalten und sich darüber klar zu werden, wer eigentlich hinter diesem Hays Office steckte, das nun darüber zu beraten hatte, ob das Kinopublikum einen Film sehen durfte, in dem der Präsident sein Kabinett feuert, den Kongress in Urlaub schickt und als Diktator regiert, weil sich die Massenarbeitslosigkeit, das Gangstertum und die mangelhafte Zahlungsmoral der Europäer nur von einem Alleinherrscher wirkungsvoll bekämpfen lassen. Das Hays Office, schrieb Dr. Wingate in einer ersten Stellungnahme, könne "der Leinwand nicht das Recht verweigern, eine dramatische Lösung der gegenwärtigen ökonomischen Probleme zu zeigen".

America always first

Die frühen 1920er Jahre waren für die amerikanische Filmindustrie eine Zeit gewaltiger Umsatzsteigerungen, aber auch eine Zeit des Schreckens. Durch die Skandale um den zu Unrecht der Vergewaltigung mit Todesfolge beschuldigten Komiker Roscoe "Fatty" Arbuckle, den ermordet in seiner Wohnung aufgefundenen Regisseur William Desmond Taylor und den morphiumsüchtigen Frauenschwarm Wallace Reid geriet Hollywood, im puritanisch geprägten Amerika ohnehin verschrien als Sündenpfuhl und als der Ort, von dem aus unschuldige Menschen zur Sittenlosigkeit verführt wurden, enorm unter Druck.

Um einer allseits geforderten Verschärfung der Zensurbestimmungen entgegenzuwirken gründeten die Studiobosse 1922 einen Wirtschaftsverband namens Motion Picture Producers and Distributors of America (MPPDA). Die Produzentenvereinigung wollte den Ruf der Branche kräftig aufpolieren. Dafür brauchte sie einen gewieften Strippenzieher, der wusste, wie man Imagekampagnen fährt und hinter den Kulissen politisch Einfluss nimmt. Die Wahl fiel auf William H. Hays als perfekten Vertreter der amerikanischen Mainstream-Gesellschaft.

William H. Hays

Hays stammte aus dem Mittleren Westen, war Protestant, Abstinenzler, engagierte sich bei den Presbyterianern, war Mitglied zahlreicher Vereine und Interessengruppen und hatte den Wahlkampf des Zeitungsverlegers und republikanischen Präsidentschaftskandidaten Warren G. Harding organisiert. Auch wenn sie vielleicht gar nicht wissen, wer das war, sind all die Blogger und Kommentatoren, die im Internet ihre Theorien über manipulierte Wahlen und Hinterzimmerverschwörungen etablierter Politklüngel verbreiten, Harding zu ewigem Dank verpflichtet.

Der Senator von Ohio ging 1920 als chancenloser Außenseiter ins Rennen, der nach den Vorwahlen der Republikaner eigentlich schon erledigt war. Weil selten etwas wirklich neu ist war der dann folgende Nominierungsparteitag durch Berichte über für damalige Verhältnisse astronomische Wahlkampfausgaben einiger Kandidaten überschattet. Das sorgte für eine Debatte über Abhängigkeiten zwischen Politik und Kapital und nährte den bösen Verdacht, dass das gesamte System korrupt und Wahlen gekauft sein könnten.

Die Favoriten waren so beschädigt, dass keiner von ihnen die erforderliche Mehrheit auf sich vereinigen konnte. In dieser schwierigen Situation beschlossen die Parteigranden, Harding als Kandidaten durchzudrücken, was später zu den unterschiedlichsten Verschwörungstheorien führte. Nie bestätigten und nie widerlegten Gerüchten zufolge fiel die entscheidende Rolle Will Hays zu, dem Vorsitzenden der Republikanischen Partei. Heute ist das Reince Priebus, den Trump in der Wahlnacht zum "Superstar" erklärte und der sein Chief of Staff werden soll, um das Establishment endlich in seine Schranken zu verweisen.

In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1920 konferierte Hays im Zimmer 404 des Blackstone Hotel in Chicago mit den Granden der Partei, die sich in dieser "night of the smoke-filled room" auf Harding geeinigt haben sollen. Einer von mehreren Versionen nach musste Harding in den frühen Morgenstunden antanzen und versichern, dass nichts Nachteiliges gegen ihn vorlag (womit er mindestens eine Geliebte verschwiegen hätte). Jedenfalls wurde er nach erbittert geführten Auseinandersetzungen und mehreren von Korruptionsvorwürfen begleiteten Wahlgängen als Kandidat der Republikaner nominiert.

Bei einem Wahlsieg der Demokraten wäre Franklin D. Roosevelt Vize-Präsident geworden. Harding aber gewann für die Republikaner mit einem Programm, das drei große, kurz nach dem Ersten Weltkrieg äußerst populäre Themen in den Vordergrund rückte: Isolationismus, Beschränkung der Einwanderung, Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten. Kurz gesagt: Amerika den Amerikanern. Der Rest der Welt ist uns egal. Slogan: "America always first!".

Zwischen Teekanne und Sündenbabel

Will Hays wurde Postminister der neuen Regierung und gehörte damit zu einer Clique von Verwandten, Freunden und Unterstützern, die der neue Präsident nach seinem Sieg mit Posten bedachte. Trotz starker Konkurrenz gilt die von zahlreichen Skandalen erschütterte Harding-Administration als eine der korruptesten der US-Geschichte. Erfolglos war sie auch, weil der versprochene Isolationismus zwar Wählerstimmen brachte, die wirtschaftlichen Probleme aber nur vergrößerte.

Warren G. Hardings erstes Kabinett und das Kabinett in Gabriel Over the White House

Hays war in den Teapot Dome Scandal verwickelt (benannt nach einem Ölfeld in Wyoming), der bis zur Watergate-Affäre als der größte Politskandal der Vereinigten Staaten galt. Es ging da um Bestechungsgelder, die zwei Ölmagnaten, Edward L. Doheny und Harry F. Sinclair, an die Republikanische Partei und deren Innenminister Albert B. Fall gezahlt hatten. Doheny war das Vorbild für den von Daniel J. Lewis gespielten Daniel Plainview in There Will Be Blood. Western-Freunde könnte auch interessieren, dass Fall, ein gelernter Anwalt, 1908 einen der mutmaßlichen Mörder von Sheriff Pat Garrett verteidigte und einen Freispruch erwirkte.

Edward L. Doheny mit Enkelin

In die Justizgeschichte aber ging Albert B. Fall vor allem deshalb ein, weil er als erstes ehemaliges Kabinettsmitglied wegen Untreue im Amt zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Ein Gericht sah es als erwiesen an, dass er von Doheny 385.000 Dollar kassiert hatte, im Austausch für zum Freundschaftspreis vergebene Bohrlizenzen. Hays nahm aus anderen Gründen Geld an. Vermutlich, ohne sich bei der Gelegenheit persönlich bereichern zu wollen, sammelte er dubiose Zahlungen millionenschwerer Geschäftsleute ein. Nach dem sehr teuren Wahlkampf für Harding musste er die Schulden der Republikanischen Partei abbezahlen.

Harry F. Sinclair

Beim Teapot-Dome-Skandal geriet er in Erklärungsnot, weil er vom Ölmagnaten Sinclair größere Summen erhalten hatte, teils als Parteispende und teils als Kredit. Das Angebot der Studiobosse war für ihn eine Chance, den (gut dotierten) Absprung aus Washington zu schaffen und sich aus der Schusslinie zu nehmen. Als Präsident der MPPDA inszenierte er sich als der strenge Puritaner, der die amerikanischen Werte repräsentierte und in Hollywood, diesem modernen Babylon, gegen die Sünde kämpfte. Als Darsteller dieser Rolle machte er seine Sache extrem gut.

Albert B. Fall

Hays sah aber nicht gerne Filme und residierte lieber in New York als in Los Angeles. Seine Aufgabe war die eines Fassadenverschönerers, und mehr war von den Leuten, die sein Gehalt bezahlten, auch nicht erwünscht. Hays war der Erfinder einer laut hinausposaunten "Moralklausel" in Hollywoodverträgen, sorgte dafür, dass weniger über den luxuriösen Lebensstil der Stars berichtet wurde, verhandelte mit den Gewerkschaften, spielte sich als Schutzheiliger der "kleinen Leute" (der Statisten) auf und hielt den Kopf hin, wenn die Anständigen, von denen die meisten noch weniger Filme als er gesehen hatten, einen Anlass fanden, sich zu empören.

William H. Hays

Einfluss auf Form und Inhalt nahm er kaum. Als PR-Mann und Lobbyist war Will Hays nicht zu schlagen. Dauerhaft allerdings ließen sich die Pharisäer draußen vor den Toren Babylons durch kosmetische Maßnahmen nicht ruhigstellen. In den 1920ern waren es überwiegend protestantische Lobbygruppen, die ein Eingreifen des Staates forderten, ehe die von "Hebräern" dominierte Filmindustrie Amerika endgültig verderben konnte. Der Einfluss des Antisemitismus auf die Sprecher der Empörten und ihr Fußvolk ist nicht zu unterschätzen.

Zwei protestantische Priester führten 1926 eine aus mehr als 200 Personen bestehende, mit geistlichen Herren und Vertreterinnen von Frauenvereinen wie der Women’s Christian Temperance Union besetze Delegation an, die nach Washington fuhr, um vom Kongress ein landesweites Gesetz zur Kontrolle des Films zu fordern. Das Unternehmen geriet in schwieriges Fahrwasser, als die Abgeordneten nach Titeln besonders schlimmer Filme fragten. Die meisten Delegierten gingen nicht ins Kino, weil das Sünde war.

Neuen Auftrieb erhielt die Bewegung durch die Einführung des Tonfilms. Die Zensureinrichtungen der einzelnen Bundesstaaten verstärkten ihre Bemühungen, um zu verhindern, dass das Publikum zu hören kriegte, wie Verbrecher sich über Polizei und Gesetz lustig machten, Politiker Bestechungsgelder verlangten und aufreizend gekleidete junge Damen den Wunsch äußerten, ein sittlich einwandfreies Leben zu führen, was derzeit aber noch nicht möglich sei.

Die katholische Kirche, obwohl dem Medium Film gegenüber mindestens so intolerant wie die Protestanten, hatte sich bisher zurückgehalten, weil die Bischöfe der Meinung waren, dass Zensur Sache der Polizei sei (der sie ab und an sachdienliche Hinweise gaben). Das änderte sich, als Martin Quigley, strenggläubiger Katholik und Verleger des in Chicago erscheinenden Fachblatts Exhibitors Herald-World, die Debatte mit einem interessanten Argument bereicherte.

Anzeige