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Pater Lord kämpft gegen die Sünde und eine komplizierte Welt

Chicago hatte eine der strengsten Zensurbehörden des Landes. Dort wurden laufend Filme verboten, die dann trotzdem im Kino zu sehen waren, weil die Filmleute - so Quigley - Lokalpolitiker schmierten und sich eine Sondererlaubnis kauften. Für Quigley war damit der Beweis erbracht, dass die Zensur durch Städte, Bundesstaaten oder den Kongress in Washington ineffizient und darum verzichtbar war. Überraschend ist das nicht, denn Quigley verstand sich als Advokat der Kinobetreiber. Für die Geschäfte war es schlecht, wenn man Bestechungsgelder zahlen oder damit rechnen musste, dass mitten in der Vorstellung die Polizei kam, um den Film zu konfiszieren oder anstößige Stellen herauszuschneiden.

Auch die Praxis, dass unterschiedliche Zensureinrichtungen unterschiedliche Dinge entfernt haben wollten, war nicht billig. Wie wäre es also, fragte Quigley, wenn es die von den Zensoren beanstandeten Passagen gar nicht mehr gäbe, weil sie schon im Produktionsprozess entfernt worden waren? Mit dieser Idee ging er zu George W. Mundelein, dem mächtigen Kardinal von Chicago. Der Kardinal hielt wenig davon, einen Feldzug gegen Schmutz und Schund im Kino anzuführen, weil sich Zensur in einer Demokratie nicht schickt. Mit dem Gedanken aber, dass die katholische Kirche einen von der Filmindustrie zu befolgenden Moralkodex aufstellen sollte, konnte er sich anfreunden.

Daniel Lord

Die Aufgabe, den Kodex zu formulieren, der dann - leicht abgeändert - als Hollywood Production Code ebenso berühmt wie berüchtigt wurde, übernahm der Jesuitenpartner Daniel Lord. Der Pater war ein Intellektueller, lehrte Theaterwissenschaft an der St. Louis University und gab die in hoher Auflage verbreitete Zeitschrift The Queen’s Work heraus, in der junge Katholiken lesen konnten, was richtig und was falsch war. Falsch war zum Beispiel eine Lords Meinung nach übertrieben komplexe und aufgeklärte moderne Kunst, die sich auf differenzierte Weise gesellschaftlichen Problemen und aktuellen Fragestellungen widmete, und dies womöglich noch mit großem Realismus.

So etwas, fand der Pater, konnte einen Katholiken nur verwirren und schädlich auf ihn wirken. Unterstützt von Quigley und einigen anderen Gesinnungsgenossen studierte er die Zensurbestimmungen einzelner US-Staaten und Städte, eine von Hays erstellte "Don’ts and Be Carefuls"-Liste und die Einwände protestantischer Lobbygruppen gegen das Papier, in dem Hays aufgeschrieben hatte, wovor sich die Filmemacher zu hüten hatten und was sie definitiv nicht tun sollten.

Hays hatte seine Verhaltensregeln nie durchsetzen können und in Hollywood viel Gelächter geerntet. Bei dem von Lord (und Quigley) formulierten und von Kardinal Mundelein abgesegneten Moralkodex war es anders. Die damals etwa 20 Millionen Katholiken in den USA waren straffer organisiert als die in viele Gruppen zerfallenden Protestanten. Wer sich mit ihnen anlegte kriegte es mit einer publizistischen Großmacht zu tun. Die katholische Kirche betrieb in den Vereinigten Staaten eigene Zeitungen und Zeitschriften mit sechs Millionen Lesern.

Außerdem wickelte Kardinal Mundelein seine Finanzgeschäfte über das eng mit ihm verbundene Bankhaus Halsey, Stuart & Co. ab, dessen Anleger im großen Stil in die Hollywoodstudios investierten, seit diese viel Geld für die Umstellung auf den Tonfilm brauchten. Dadurch waren neue Abhängigkeiten entstanden. Die Studiobosse waren gegen den Code, gaben dann aber klein bei, weil sie es sich weder mit den Investoren noch mit 20 Millionen Katholiken verderben wollten. Hays war sofort für den Code, weil er erkannte, dass ihm das in Hollywood mehr Macht verschaffen würde und den Geschäften nützte.

Die Studios waren auf eine stetige Geldzufuhr durch Einnahmen an der Kinokasse und Kredite angewiesen. Mit der Drohung der katholischen Kirche, die Gläubigen zum Boykott aufzurufen und Druck auf Investoren auszuüben, war nicht zu spaßen. Zudem war in der Zensurdebatte eine tragende Säule des von den Studios etablierten Geschäftsmodells unter Beschuss geraten, das block booking. Um die potentiellen Kassenschlager mit den großen Stars zeigen zu dürfen mussten die Kinobetreiber ein ganzes Paket mit Filmen buchen, von denen sie oft nur eine ungefähre Ahnung hatten, worum es sich da handelte.

Die Kinobesitzer klagten nun darüber, für Programme mit als anstößig empfundenen Filmen verantwortlich gemacht zu werden, die sie blind kaufen und dann zeigen mussten. Hays dachte so wie Quigley. Wenn solche Filme gar nicht mehr gedreht wurden, hoffte er, wäre die Kritik am block booking vom Tisch. Das überzeugte auch die Studiobosse. Anfang 1930 akzeptierten sie den von Lord ausformulierten Code. Über die Rolle, welche die katholische Kirche dabei gespielt hatte, wurde Stillschweigen vereinbart. Die Durchsetzung des Production Code sollte Hays und seinen Leuten obliegen.

Es stellte sich dann schnell heraus, dass die verschiedenen Seiten verschiedene Ansichten darüber hatten, was vereinbart worden war. Die Position der Produzenten war die, dass der Code grobe Richtlinien vorgab, innerhalb derer viel Raum für individuelle künstlerische Entscheidungen blieb. Hays bestand darauf, dass der Code eine Liste mit strikt einzuhaltenden Vorschriften sei. Was folgte, war ein vier Jahre dauerndes Gezerre, das mit dem Sieg von Hays endete.

Joe Breen

Zwischen 1930 und 1934 entstandene Hollywoodfilme wie Gabriel Over the White House, die heute unter dem Label "Pre-Code" vermarktet werden, sind solche, die gedreht wurden, als es den Code schon gab, Joe Breen aber noch nicht als Hays’ Vollstrecker tätig war. Joseph Ignatius Breen war ein erzkonservativer Katholik und Antisemit. 1934 wurde er Chef der Production Code Administration (PCA). Ideologisch gefestigter und mit mehr Durchgriffsmöglichkeiten ausgestattet als seine Vorgänger, machte er sich daran, Hollywood auf Linie zu bringen.

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