"America will rise again": Trump über dem Weißen Haus

Glorifizierung der Schamlosigkeit

1930 hieß Hays’ Statthalter in Los Angeles Jason Joy. Der frühere Generalsekretär des Roten Kreuzes war Direktor des von Hays gegründeten Studio Relations Department (SRD), der Vorläuferorganisation der PCA. In dieser Funktion arbeitete er eng mit den Studios zusammen. Sein undankbarer Job bestand darin, darauf einzuwirken, dass alles entfernt wurde, was zu Problemen mit der Zensur führen konnte. Das war, wenn dieser Scherz erlaubt ist, ein extrem freudloses Unterfangen. Der arme Colonel Joy musste mit ein paar Helfern überwachen, ob die mehr als 500 Spielfilme, die Hollywood jährlich produzierte, die Regeln des Production Code befolgten oder nicht.

Das waren Regeln, über deren Auslegung jeder eine andere Meinung hatte. Nicht einmal eine definitive Fassung des Code, auf die sich die Konfliktparteien 1930 einigten, ist überliefert. Aus dem in Los Angeles aufbewahrten Archiv der Production Code Administration ist einiges verschwunden, so auch der Code in seiner Urfassung. Finden kann man Versionen mit oder ohne philosophisch-religiöse Anmerkungen, manche Formulierungen unterscheiden sich, später wurden Ausführungsbestimmungen angefügt und Zusatzartikel ("Amendments") wie bei der Verfassung.

Colonel Joys Möglichkeiten, die Regeln durchzusetzen, waren begrenzt. Im Sommer 1932 gab er entnervt auf, um eine Führungsposition bei der Fox anzutreten. Hays musste nun Prügel dafür einstecken, dass sich die Filmindustrie einen Verhaltenskodex gegeben habe, den sie nicht einhalte. Pater Lord fühlte sich düpiert und teilte Hays das mehrfach mit. Quigley schrieb böse Leitartikel, in denen er Hays damit drohte, dass ihn Millionen von Amerikanern eines Tages zur Rechenschaft ziehen würden. Die Debatte am Köcheln hielt auch Joe Breen, der eigene Karrierepläne damit verfolgte.

Wes Geistes Kind Breen war zeigt ein Brief, aus dem Gregory D. Black in seinem Buch Hollywood Censored: Morality Codes, Catholics, and the Movies zitiert. Breen zieht in dem Brief über die "lausigen Juden" her, die in Hollywood regieren, nur vor Geld Respekt haben, sexuellen Perversionen und heidnischen Gebräuchen Vorschub leisten und nicht einmal wissen, was das Wort "Moral" bedeutet. Adressat war der Jesuitenpater Wilfrid Parsons, der wie Breen am Erstellen des Production Code mitgewirkt hatte. Antisemitische Hassbekundungen dieser Art waren alles andere als ungewöhnlich, wenn es galt, gegen die vermeintliche Verdorbenheit der Filmindustrie und ihrer Produkte zu hetzen.

Hays gab schließlich bekannt, dass Dr. James Wingate, bis dahin Chefzensor des staatlichen Erziehungsressorts in New York, Joys Posten als Direktor des SRD übernehmen werde. Seine Hoffnung, dass dadurch Ruhe einkehren würde, erfüllte sich nicht. Die organisierten Katholiken verloren allmählich die Geduld. Das National Council of Catholic Men prangerte an, dass Hollywood ganz offen die "sexuelle Lust" anspreche und sich über alles lustig mache, was dem gläubigen Christen heilig sei: "Vater und Mutter, das Heim und die Kinder, Sittsamkeit, Disziplin, Rechtschaffenheit" usw. Für die Catholic Daughters of America war das Kino einfach nur Sünde, und eine Publikation namens Ave Maria verlangte einen Boykott unmoralischer Filme oder, besser, des Mediums an sich.

Possessed

Wilfrid Parsons, der Brieffreund von Joe Breen, veröffentlichte in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift America einen "Offenen Brief an Dr. Wingate", in dem er diesen aufforderte, endlich für mehr Moral zu sorgen: "Vor vier oder fünf Jahren haben Filme die Jungfrau Maria verherrlicht; heutzutage glorifizieren sie die Schamlosigkeit." Als besonders schändliches Beispiel führt Parsons Possessed an, einen der Filme, die Joan Crawford in den frühen 1930ern mit Clark Gable drehte. Zwischen den beiden gab es unzweifelhaft das gewisse Etwas. Possessed konnte so nur in der Zeit vor 1934 entstehen, vor der strikten Durchsetzung des Production Code.

Glückliche Sünder

Marian Martin (Crawford) will nicht den Rest ihres Lebens in einer Pappschachtelfabrik arbeiten. Sie geht nach New York, um sich einen reichen Mann zu angeln, solange sie noch schön und begehrenswert ist. Der Anwalt Mark Whitney (Gable) wäre nicht abgeneigt, will aber nach schlechten Erfahrungen mit seiner Exfrau nicht wieder heiraten. Ohne Trauschein geht es auch. Drei Jahre später ist Marian nicht nur Marks Bettgefährtin, sondern eine kultivierte junge Dame und die perfekte Gastgeberin für seine einflussreichen Bekannten.

Von Liebe ist bei dieser Beziehung zweier sehr auf ihren Vorteil bedachter Menschen lange Zeit nicht die Rede, aber dann verlangt sie doch ihr Recht und trägt den Sieg davon, als Mark sich zwischen Marian und einer politischen Karriere entscheiden muss. Am Ende triumphieren das Gute und die Romantik über den Egoismus und die Unmoral. In den Augen des gestrengen Herrn Parsons fand der Film trotzdem keine Gnade. Er empörte sich darüber, dass die Beziehung zwischen Joan Crawford und Clark Gable als "zärtlich, tief, schön, auf großartige Weise loyal" präsentiert werde und die beiden miteinander glücklich würden, obwohl sie den ganzen Film über keinen Trauschein haben und also in Sünde leben.

Beim Production Code fällt einem meistens ein, was verboten war: Nacktheit, der Gebrauch des Wortes virgin (Jungfrau) in einem nicht-religiösen Kontext, Doppelbetten (Ehepartner schliefen getrennt), realistische Gewaltdarstellungen (Erschossene starben ohne Loch im Anzug, Blut war verpönt). Parsons’ Einlassungen zeigen aber, dass es noch eine andere Seite gab. Schon Quigley hatte Kardinal Mundelein einen von Katholiken verfassten Moralkodex damit schmackhaft gemacht, dass man das Publikum durch eine Art positiver Gehirnwäsche zum moralisch einwandfreien Verhalten würde erziehen können.

Die Vorbildfunktion war dabei ganz wichtig. Wenn Leute unbedingt Sex vor oder außerhalb der Ehe haben wollten durfte das nur mehr oder weniger katastrophale Folgen haben. Gottes Strafe war unverzichtbar. Die Frau konnte etwa im Kindbett sterben und der Mann dem Suff verfallen. Traditionell war die Syphiliserkrankung ein probates Mittel zur Abstrafung der Sünder. Im Film war das schwierig, weil das wieder mit Sex zu tun hat und es den Sex in der vom Code gewünschten Welt am besten gar nicht geben sollte.

Im von Daniel Lord formulierten Moralkodex war nicht vorgesehen, dass Menschen Sex haben und damit auch noch glücklich werden. In seiner Autobiographie Played By Ear (1935) erinnert sich der Jesuitenpater an Kinobesuche mit seiner Mutter. Da mussten die beiden schlimme Sachen sehen wie zum Beispiel eine Heldin, die zu einem See im Wald kam, ihre Kleider ablegte und nackt ein Bad nahm (der Erfinder des Burkini ist Pater Lord aber nicht). Am schockierendsten daran war, dass so etwas vor einem potentiellen Millionenpublikum geschah.

Dem Film wurde zum Verhängnis, dass er die demokratischste aller Künste war. Quer durch alle Gesellschaftsschichten gingen die Leute ins Kino, Frauen wie Männer, Erwachsene wie Kinder (die Einteilung nach Altersgruppen wurde erst viel später eingeführt). Darum waren sich die Empörten darin einig, dass er besonders stark zensuriert werden müsse (parallel dazu liefen Initiativen zur Verschärfung der Pressezensur). Bis heute hat sich diese Spezialbehandlung des Films erhalten, auch in Deutschland. Wir leisten uns gleich zwei Institutionen, die uns schützen oder wenigstens so tun als ob: die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) und die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK). Eine Freiwillige Selbstkontrolle der Verleger, die Büchern Altersfreigaben aufklebt und Kürzungen fordert, gibt es nicht.

Pater Lord verfolgte ein Ziel, das schon die protestantischen Reformer der 1920er angestrebt hatten. Mit Hilfe des Kinos sollte ein System propagiert werden, das auf drei Säulen ruhte: der Kirche, der Regierung und der Familie. Wer ein Leben innerhalb dieses Systems führte, so die geforderte Botschaft, wurde mit Glück und Zufriedenheit belohnt. Der Code war darauf ausgerichtet, diese Lehre zu verbreiten. Wer aus dem System ausbrach sollte dafür mit dem Verlust von Liebe, Schutz und Geborgenheit bezahlen. Darum war Parsons so erregt, als er Joan Crawford und Clark Gable in Possessed sah. In Sünde leben und glücklich sein, das ging gar nicht.

Im nächsten Teil wird man erfahren, in was für einer illustren Ahnenreihe Donald Trump demnächst seinen Platz einnimmt und was dabei herauskommt, wenn sich eine Zensureinrichtung, die das christliche Amerika, die Regierung und die Familie schützen will, um den Präsidenten und seine Mitarbeiter kümmert.

(Hans Schmid)

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