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Amerika spielt Monopoly, Russland spielt Schach

Bild: Weißes Haus

Real Game of Thrones

Im exzeptionalistischen Königreich, dessen disruptive Entwicklung wir in dieser Chronik [1] aufzeichnen, scheint immer noch ein unsichtbarer Krieg zwischen der Regierung von König Donald und den Meistern der Intelligence zu toben - und niemand weiß, in welche Richtung sich das Ganze entwickelt.

Vor langer Zeit, als noch ein Eiserner Vorhang die Welt teilte, und niemand genau wusste, was auf der anderen Seite vor sich ging, gab es eine Wissenschaft, die zu ergründen versuchte, welche Politik und welche Pläne in der dunklen Burg der Hauptstadt Moskau ausgeheckt wurden. Diese Wissenschaft nannte sich "Kreml-Astrologie" und versuchte ähnlich wie die Sterndeuter anhand von Konstellationen und Bewegungen am Himmel die Zukunft zu deuten - anhand von Äußerungen und Launen der Kreml-Mitarbeiter, die man "Apparatschiks" nannte. Seit mit König Donald jetzt ein scheinbar unberechenbarer Außenseiter auf dem Thron gelandet ist, existiert im exzeptionalistischen Königreich nun die Wissenschaft der "White House Astrologie" - der Versuch, aus Donalds kryptischen Zwitschernachrichten [2] und anderen Kleinigkeiten seine nächsten politischen Schritte zu enträtseln.

Dass die in den Tiefen des Reichs bei den Meistern der Intelligence beheimateten Kreml-Astrologen seinerzeit keinen blassen Schimmer davon hatten, dass das Objekt ihrer Analysen, das sie "das Reich des Bösen" nannten, zusammenbrach und sie erst davon Wind bekamen, als die Berliner Mauer fiel, hatte das Vertrauen in die prophetischen Kompetenzen der Meister nachhaltig erschüttert. Um davon abzulenken und ihre Inkompetenz zu kompensieren hatten sie sich dann umso eifriger daran gemacht, in diesem Reich eine willfährige Marionette als König zu installieren und waren sehr stolz, als ihnen das gelungen war. Mit König Boris, den man den "Wodka-Container" nannte, hatten sie einen geradezu perfekten Kandidaten für ihre Zwecke gefunden.

Wie aus dem kooperativen Wladimir der aggressive Ultraböse wurde

Diese Zwecke bestanden natürlich vor allem darin, an die Schätze des ehemaligen "Reich des Bösen" zu kommen, das ja eigentlich gar nicht böse war, sondern im Gegenteil über die größten Mineralien-Reserven der Welt verfügte. Öl, Gas, Metalle, Seltene Erden ... ein Drittel aller Rohstoffe der Welt lagen unter seiner Erde und wer - wie das exzeptionalistische Königreich mit seiner "Full Spectrum Dominance" [3]-Doktrin - den ganzen Globus beherrschen wollte, musste diese Schätze irgendwie unter seine Kontrolle bekommen. Sie lagerten vor allem in einer Region, die man die "sibirische Schatztruhe" nannte und kaum erschlossen war.

Da König Boris aber keinerlei Geld hatte, die notwendigen Bergwerke und Bohrtürme zu errichten, schlugen die Exzeptionalisten ihm einen Deal vor: wir stellen dir alle Förderanlagen hin, sie kosten dich keine Kopeke. Als Gegenleistung wollen wir 25 Jahre lang Öl und Gas fördern, danach gehören die Anlagen dir. Weil sie aber so furchtbar teuer sind, können wir in dieser Zeit keinen Cent für das Öl zahlen.

Da König Boris ständig benebelt war unterschrieb er den Vertrag. Und weil er nicht rechnen konnte, ließ er sich bei diesem Deal gnadenlos über den Tisch ziehen. Nachdem ihn dann der viele Wodka völlig unzurechnungsfähig gemacht hatte, wurde ein neuer König gebraucht und mit Wladimir, den man auch "Putin" nannte, kam ein recht unbeschriebenes Blatt auf den Thron. Man wusste eigentlich nur, dass er im Osten des damals noch geteilten Reichs der heutigen Königin Angela als Agent eingesetzt war und dort - wie einst Angela als sogenannte "FDJ Sekretärin für Propaganda" - dem Ostherrscher Erich I. gedient hatte.

Da Arbeit für die Meister der Intelligence in allen Ländern als geeignete Voraussetzung für höhere Staatsämter gilt, wurde Wladimir nach seiner Thronbesteigung allgemein als geeigneter und fähiger König akzeptiert, auch von den Vertretern und Kaufmännern des exzeptionalistischen Königreichs, die beflissen ihre Zusammenarbeit anboten. Doch diese Sympathie währte nicht lange, denn als Waldimir die Verträge entdeckte, die unter dem benebelten Boris gemacht worden waren, traute er seinen Augen kaum. Sie verpflichteten ihn, die Rohstoffe seines Reichs ein Vierteljahrhundert lang zu verschenken, um am Ende ein paar verrostete Fördertürme über leergepumpten Quellen dafür zu bekommen.

Eine unerwartete "Willkommenspolitik" nach dem Regime Change

Das konnte einfach nicht wahr sein, dachte Wladimir, doch als er die Geschäftspartner darauf ansprach, diesen nur mit einem königlichen Vollrausch zu erklärenden und daher ungültigen Deal rückgängig zu machen, meinten diese nur "Vertrag ist Vertrag" und lehnten ab.

"Was tun?" [4] fragte sich Wladimir in Anlehnung an seinen berühmten Vorgänger und Namensvetter, den man "Lenin" genannt hatte. Im Land herrschte große Armut und die Staatskassen waren leer. Nach der alten Regel "Amerika spielt Monopoly, Russland spielt Schach" analysierte König Wladimir in den Gemächern des Kreml gewissenhaft die Stellung, er suchte mit seinen besten Strategen nach dem besten Zug und fand ihn schließlich: eine Exportsteuer auf jedes Fass Öl, das die exzeptionalistischen Multis außer Landes schaffen.

Der Tag, an dem das neue Gesetz in Kraft trat, bedeutete dann einen doppelten Umschwung: Die Kassen des Reichs füllten sich wieder, den vielen Armen, Rentnern und Tagelöhnern ging es besser und der kleine Wladimir wurde für seine Landsleute bald zu einem der beliebtesten Könige seit dem zwei Meter langen Peter dem Großen.

Im exzeptionalistischen Königreich hingegen und auch bei seinen Vasallen mutierte der bis dahin als fähig und kooperativ geltende König nun quasi über Nacht zum "gefährlichen", "aggressiven" Putin [5]. Die Herolde und Lautsprecher im Königreich bekamen sich in der Folge kaum noch ein, die Ultraboshaftigkeit und Gefährlichkeit Wladimirs in den schrillsten Farben und unter Zuhilfenahme von reichlich Fake News auszumalen, sodass bald fast alle im Lande vergessen hatten, dass sein Verbrechen eigentlich nur darin bestanden hatte, dass er die Schätze seines Landes nicht weiter umsonst, sondern zum Marktpreis abgeben wollte.

Dies aber war nicht die Art von "Willkommenskultur", die die Meister der Intelligence nach einem regime change erwarteten. Als sie dann im benachbarten Königreich Ukraine einen Putsch inszenierten, um die Katapulte ihrer Nato-Truppen direkt vor Wladimirs Haustür zu platzieren und seinen wichtigsten Seehafen auf der Insel Krim unter Beschlag zu nehmen, hypnotisierte Putin bekanntlich mit der Magie seiner Gedankenstrahlen die Krim-Bewohner, die über Nacht allesamt in sein Reich überliefen. Damit wurde er in den Augen des exzeptionalistischen Königreichs nun endgültig zum Ultrabösen und fortan geschah quasi kein Übel auf der Welt mehr, das nicht sofort dem schrecklichen Wladimir zugeschrieben wurde.

Email und die Detektive

Als dann unsichtbare Häscher der Vizekönigin Hillary ihre gesamte Post entwendeten und die Dokumente veröffentlichten, welche ein Ausmaß an korrupter Vermischung von Politik und Geschäften verdeutlichten, das selbst wohlmeinende Hillary-Unterstützer erschaudern ließ, war der sicher geglaubte Sieg gegen den Kandidaten mit der Eichhörnchenfrisur dahin.

Donald wurde König, aber die Schuld wollten Hillary und ihre Partei nicht bei sich selbst suchen und so lag es nahe, die Wahlniederlage dem als Universal-Übeltäter und Großfeind schon eingeführten Ultrabösen zuzuschreiben. Zwar konnten die offiziellen Meister der Intelligence und alle Detektive des Landes keinerlei Belege dafür vorweisen, aber die Hillary ergebene Gilde der Herolde und Lautsprecher posaunte Tag für Tag Geschichten in die Welt, wie der perfide Wladimir die Wahlen manipuliert und Donald auf den Thron gehievt hätte.

Den eigentlichen Treppenwitz der Geschichte, nämlich wie es überhaupt dazu kommen konnte, das höchst geheime Staatspost in Hillarys Privatgemächern lagerte, wo sie von Häschern sehr einfach geklaut werden konnte, erzählte dagegen kaum jemand. Als Hillary nämlich Vizekönigin unter Obama geworden war, bekam dieser von den Meistern der Intelligence ein hoch modernes und abhörsicheres Zwitschergerät, das man "Blackberry" nannte. Hillary wollte auch eines, aber die Meister sagten nein [6], es gibt nur eins für den Chef. Da war Hillary beleidigt: "Dann benutze ich eben mein privates Gerät weiter", sagte sie. Geht nicht, sagten die Meister, zu unsicher für eine Außenministerin und nicht passend zum dem Netz im Ministerium. "Dann richte ich mir eben zu Hause eine eigene Station ein", sagte sie, stampfte mit dem Fuß und ließ sich nicht abhalten. Die Geräte in ihrem Ministerium benutzte sie nie, alle Post lief über ihre Heimstation und wird eben dort dann Beute für die unbekannten Häscher. Und so nahm das Drama seinen Lauf.

Dass sich Hillary die Wahlniederlage mit ihrer eigenen Zickigkeit wegen eines blöden Zwitschergeräts selbst eingebrockt hatte, gab nun aber keine vorteilhafte Nachricht her und so wurde die Geschichte vom großen Postdiebstahl durch die unsichtbaren Häscher des Ultrabösen erfunden. Wie wir schon im 1. Kapitel dieser Chronik [7] gesehen haben, strickten die Meister der Intelligence an dieser Story kräftig mit und erhoben sie vom fiktiven Status der Fake News zu einer immer noch faktenfreien, aber nun quasi-offiziellen, halb-amtlichen "Wahrheit", die von den Herolden und Lautsprechern weiter gesponnen werden konnte.

Im zweiten Schritt beseitigten sie dann Donalds Chefstrategen [8], General Flynn, indem sie ihm heimliche Kontakte mit dem Ultrabösen vorwarfen. An denen war zwar gar nichts Illegales, aber die Meister hatten die Gespräche belauscht und festgestellt, dass der General seinem Chef nicht alles darüber berichtet hatte - und diese Info an ihre Lautsprecher durchgestochen.

Der mutige Ed und die feigen Meister

König Donald beschwerte sich umgehend über dieses Datenleck, was man ihm in diesem Fall nur übel nehmen kann, wenn man das Belauschen von Mitgliedern der königlichen Regierung durch königseigene Lauscher für normal und die Weitergabe des Belauschten an die Öffentlichkeit für üblich hält.

Einigen fiel in diesem Zusammenhang sofort der berühmte Pfeifenbläser Edward Snowden ein, den die Meister der Intelligence um den ganzen Erdball gejagt hatten, bis ihm Wladimir in seiner Hauptstadt Asyl gewährte. Der mutige Ed hatte anhand von Daten, die er aus den Tiefen des Reichs entwendet hatte, aufgezeigt, dass die Meister der Intelligence mit ihren Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen systematisch gegen sämtliche höchsten Gesetze des Königreichs verstießen.

Weil die Meister das für Verrat hielten, wollten sie ihn dafür lebenslang im Kerker schmachten sehen. Für sich selbst sahen sie dort aber keine Verwendung, obwohl sie gerade einen viel übleren Verrat begangenen hatten. Anders als der mutige Ed, den fast alle Leute als Held ansahen, weil er die Verbrechen der Intelligence aufgedeckt hatte, hatten die feigen Meister aus dem Hinterhalt ihren eigenen König verraten [9] und seinen Chefstrategen ans Messer geliefert. Und anders als Ed, der kriminelle Machenschaften offenbarte, ging es den Meistern bei ihrem Verrat um nichts anderes, als einen ihrer politischen Gegner auszuschalten.

Zusammen mit dem General hatte König Donald bekanntlich vor, mit dem Ultrabösen "klar zu kommen" - statt die Spannungen weiter zu eskalieren -, um sodann mit vereinten Kräften dem Wickelmützen-Kalifat ISIS den Garaus zu machen, statt diese islamistischen Terroristen weiterhin als verdeckte Söldner-Truppe zu fördern. Mit dieser Strategie hatten die Meister ja seit langem operiert und nicht nur ihr eigenes Budget, sondern auch das für den gesamten Bereich, den König Ike einst den "militärisch industriellen Komplex" genannt hatte, Jahr für Jahr kräftig erhöht. Dieser "Great War On Terror", wie sie die Operation nannten, war eine geniale Geldmaschine, denn ein definiertes Ziel des Kriegs gab es genauswenig wie ein Ende, denn Terror konnte ja mit Krieg genauso wenig beendet werden wie Feuer mit Benzin.

Die zweite wichtige Quelle, aus der beständig Geld für die Meister und ihre befreundete Gilde der Waffenschmiede floss, war die Angst vor dem "aggressiven Ultrabösen", die man auch "Russophobie" [10] nannte und die in Zeiten des Eisernen Vorhangs erfunden worden war. Dass König Jack, den alle nur JFK nannten, diesen Kalten Krieg damals beenden und die Macht der unsichtbaren Meister in den Tiefen des Staats zerschlagen [11] wollte, sahen viele im Königreich als den eigentlichen Grund für seine Ermordung an.

Weil nun die angekündigte Politik König Donalds und seines Chefstrategen die beiden wichtigsten Fleischtöpfe der Meister bedrohte, hatten sie ihm schon vor seiner Inauguration durch den berühmtesten Herold, die alte Tante "Times", ausrichten lassen: "Könige, die sich mit den Meistern anlegen, leben gefährlich" - wovon Donald sich aber nicht beirren lies. Die Art und Weise, wie sie jetzt seinen wichtigsten Berater beseitigten, zeigt ihm aber, dass die Einschläge näher kommen.

Vor Schreck schwenkte er dann gleich auf Rhetorik der Meister ein und ließ die illusorische Forderung verkünden, dass Wladimir die zum ihm übergelaufenen Bewohner der Krim samt ihrer Halbinsel [12] an die Ukraine zurückgeben müsse. In seiner jüngsten Pressekonferenz [13] allerdings betonte er wieder mehrfach, wie vorteilhaft es für das Land sei, mit dem Ultrabösen zu reden und klar zu kommen.

Anders als damals bei König Jack, dessen Anstrengungen einer Deeskalation des Kalten Kriegs vor allem von den Leuten im Königreich unterstützt wurden, die man "Liberale" oder "Linke" nannte - während sogenannte "Konservative" und "Rechte" zusammen mit den Meistern der Intelligence und den Waffenschmieden auf Konfrontation und Bomben setzten -, hat sich die Lage unter König Donald um 180 Grad gedreht. Den unsichtbaren Meistern ist der Coup gelungen, die von der Epidemie des Anti-Donald Syndroms (ADS) [14] infizierten "Liberalen" und "Linken" zusammen mit ihren mächtigen Herolden und Lautsprechern ins Boot zu holen, wo sie nun gemeinsam mit den Waffenschmieden der Russophobie huldigen und das Märchen von Wladimirs gefährlicher Unterwanderung des Königreichs immer weiter spinnen.

Dass einer wie Donald überhaupt auf den Thron kommen konnte, hatte ja schon viele gewundert. Die merkwürdige Koalition, die nun gegen seine Regentschaft geschmiedet wurde, war aber noch wundersamer: Die Freunde der Freiheit und der Demokratie arbeiteten jetzt mit Leuten und Methoden, die sie bisher als absolute Feinde der Freiheit und Demokratie betrachtet hatten. Die Anhänger des Fortschritts, des Friedens und der Transparenz zogen mit Big Brother, den Dunkelmännern des Tiefenstaats, an einem Strang. Der disruptive Donald hatte im exzeptionalistischen Königreich wirklich einiges durcheinander gebracht ...


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[4] https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/
[5] https://www.heise.de/tp/features/Die-Guten-und-die-Boesen-3366912.html
[6] http://www.judicialwatch.org/press-room/press-releases/judicial-watch-state-department-documents-show-that-nsa-rebuffed-hillary-clintons-attempts-to-obtain-a-secure-blackberry/
[7] https://www.heise.de/tp/features/Real-Game-of-Thrones-3596350.html
[8] https://www.heise.de/tp/features/Die-Meister-der-Intelligence-nehmen-Koenig-Donald-an-die-Kandare-3626558.html
[9] https://theintercept.com/2017/02/14/the-leakers-who-exposed-gen-flynns-lie-committed-serious-and-wholly-justified-felonies/
[10] https://www.theamericanconservative.com/articles/more-about-russia-and-less-about-flynn/
[11] https://www.youtube.com/watch?v=y8HTr-F-FVM
[12] https://www.heise.de/tp/news/Inselbegabung-3626221.html
[13] https://www.washingtonpost.com/news/the-fix/wp/2017/02/16/donald-trumps-grievance-filled-press-conference-annotated/
[14] https://www.heise.de/tp/features/Die-Schockstrategie-und-die-Epidemie-des-Anti-Donald-Syndroms-ADS-3617780.html