Amerikaner haben Probleme, Meinungen und faktenbasierte Nachrichten zu unterscheiden

Nach einer Pew-Umfrage werden Nachrichten nach eigener politischer Präferenz klassifiziert und eher diejenigen geglaubt, die sich als faktenbasiert darstellen

Richtig nachvollziehbar ist nicht, warum seit einigen Jahren die Skepsis gegenüber Informationen wächst, die von Behörden, Regierungen und so genannten Mainstreammedien stammen. Erklärt wird dies von den Kritisierten gerne damit, dass die Kritiker, die paradoxerweise mit Donald Trump nicht nur in der Opposition, sondern an der Regierung sind, Desinformationskampagnen zum Opfer gefallen seien. Man müsse sie nur richtig aufklären und mit Faktenfindern konfrontieren, um die Ordnung der Welt wiederherzustellen. Bei dem Narrativ trifft ein Feind auf verführbare, gegen Manipulation nicht geschützte Gehirne. Auch ohne Feind erklären Verlierer etwa bei Wahlen, sie hätten ihre - an sich richtigen und überzeugend Botschaften - nur nicht richtig kommuniziert, weil sie ja sonst angekommen wären.

Wie auch immer, derzeit scheinen konventionelle Vertreter der Wahrheit, die auf Ablehnung stoßen, nun in Überlegungen zu geraten, wie Menschen überhaupt Vertrauen in Informationen und Informationsquellen generieren. Das ist eigentlich eine philosophische Frage, bei der es zwar nicht um Gewissheit geht, aber doch darum, welchen Informationen und Informationsquellen Menschen warum so weit Vertrauen entgegenbringen (können oder sollen), dass sie der Überzeugung sind, einigermaßen richtig informiert zu werden, ohne dies selbst wirklich nachprüfen zu können.

Man kann dem empirisch nachgehen und fragen, wie dies die Menschen faktisch machen. PEW hat mehr als 5000 Amerikaner befragt, um herauszufinden, ob die Menschen unterscheiden können, ob eine Nachricht einen Fakt darstellt ("etwas, das durch objektive Beweise bestätigt oder widerlegt werden kann") oder eine Meinung ist, "die die Ansichten und Werte von denen reflektiert, die sie äußern".

Es geht also um eine Überprüfung der Urteilskraft. Aber deren Tiefen oder Untiefen wollte man bei PEW nicht ausloten, sondern befragte nur Menschen, ob sie 5 Aussagen, die sich nach Meinung der Befragten durch einen Faktencheck überprüfen lassen, egal ob sie falsch oder richtig sind (z.B. "President Barack Obama was born in the United States" oder "Immigrants who are in the U.S. illegally have some rights under the Constitution"), von 5 Meinungen unterscheiden können, die sich nicht überprüfen lassen und die auf den Werten oder Überzeugungen derjenigen beruhen, die sie äußern (z.B. "Abortion should be legal in most cases" oder "Immigrants who are in the U.S. illegally are a very big problem for the country today"). Überdies sollten noch zwei Aussagen als Fakten oder Menungen eingestuft werden, die grenzwertig sind: "Zusätzliche Kontrolle von muslimischen Amerikanern würde den Terrorismis in den USA nicht reduzieren" oder: "Wählerbetrug in den USA hat die Ergebnisse unserer Wahlen beeinträchtigt".

Abgefragt wurde eigentlich vor allem damit, ob die Menschen Sätze richtig erkennen, die etwas behaupten, was sich faktisch nachprüfen ließe. Eine Mehrheit der Befragten konnte zwar drei der fünf Aussagen erkennen, die sich faktisch nachprüfen ließen (man müsste hinzufügen, wenn man dann den Quellen vertraut, die diese Behauptungen be- oder widerlegen). Pew sagt, das sei nur etwas mehr, als wenn man zufällig raten würde. Nur 2 oder weniger erkannten 28 Prozent, 21 Prozent nur 3, was zusammen fast die Hälfte ausmacht, die nicht mehr als 3 Aussagen richtig identifizierten. Nur 26 Prozent konnten alle 5 Aussagen erkennen, 35 Prozent erkannten alle 5 Meinungsäußerungen.

Wer im Sinne der Pew-Umfrage eine bessere Urteilskraft hat, sind die Amerikaner, die - unabhängig vom Ausbildungsgrad - politisch interessieter sind (36% gegenüber 17%, die weniger politisch interessiert sind), die digital kundiger sind oder die den Nachrichtenmedien in hohem Maß vertrauen (39% gegenüber 18% von denjenigen, die den Nachrichtenmedien wenig oder nicht vertrauen). Die Frage ist dabei natürlich, ob dies in erster Linie vom Vertrauen in Nachrichtenmedien (welche?) abhängt oder davon, sich in größerem Maß aus Medien zu informieren, was auch die Kenntnis verschiedener Textformen verstärken könnte.

Interessanter ist daher vielleicht, dass sich die Neigung zu einer Partei in den USA, wo es nur die Demokraten, die Republikaner und die Menge der "Unabhängigen", also eine dichotomische und wenig differenzierte Aufteilung gibt, direkt auf die Urteilskraft auszuwirken scheint. Wenig überraschend ist daher, dass Anhänger der Demokraten und der Republikaner jeweils eher die Meinungen und Aussagen, die sich überprüfen lassen, als faktenbasiert betrachten, die ihrer politischen Haltung entsprechen.

So betrachteten 89 Prozent der Demokraten die Aussage, dass Obama in den USA geboren wurde, als faktenbasiert, aber nur 63 Prozent der Republikaner. Dagegen stuften 37 Prozent die Meinung falsch als faktenbasiert ein, dass eine Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Dollar die Stunde wichtig für die Gesundheit der US-Wirtschaft sei, während dies nur 17 Prozent der Republikaner machten.

Zusätzlich sollten die Befragten 8 Aussagen einstufen, die, nach Pew, entweder von der als eher links geltenden New York Times, von den eher als rechts geltenden Fox News oder von den eher als neutral geltenden USA Today stammen. Dadurch verschoben sich die Einstufungen im wesentlichen nur bei den Republikanern, die bei den Fox News ein wenig besser als die Demokraten Aussagen richtig identifizierten, die sich faktisch überprüfen lassen.

Bei den 12 Aussagen wurde nachgefragt, ob eine als faktenbasierte Information erkannte richtig oder falsch sei und ob sie einer als Meinung klassifizierten Aussage zustimmen oder nicht. Wenn die Befragten Aussagen richtig identifizierten, die sich prinzipiell durch einen Faktencheck bestätigen oder wiederlegen lassen, dann gingen sie in großer Mehrheit auch davon aus, dass die Behauptung richtig ist. Wenn sie fälschlicherweise als Meinungen identifiziert werden, wurden sie überwiegend als falsch abgelehnt.

Das ist beunruhigend, denn das würde bedeuten, dass auch falsche Tatsachenbehauptungen einfach gemacht werden können, um Menschen wirksam zu beeinflussen. Und durch Wiederholung würde sich der unterstellte Wahrheitsgehalt verstärken. In der Regel werden Nachrichtenkonsumenten nicht selbst nachprüfen, ob die ihnen als Fakten präsentierten Behauptungen zutreffen oder nicht. Und sie werden auch nicht hinterfragen, wenn sie dies machen sollten, ob die Primärquellen die Fakten korrekt darstellen bzw. die Daten richtig interpretieren. Wer Fakes als Tatasachen behauptet, könnte also damit rechnen, dass die Leser oder Hörer sie als richtig aufnehmen.

Pew erklärt, die USA seien noch nicht völlig losgelöst von dem, was faktisch ist und was nicht, kommt aber zu einer verwegenen Schlussfolgerung. Weil nun eine überwiegende Mehrheit der Amerikaner Nachrichten auch online erhält, würden die Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen, korrekt Nachrichten zu klassifizieren, Anlass zur Sorge sein. Weil die Menschen mit Informationen überflutet würden, müssten sie eben schneller entscheiden. War dann die Zeit besser, als die Nachrichten knapp und von wenigen Massenmedien geliefert wurden?

Gerade weil die Öffentlichkeit in den USA strikt nch politischen Lagern aufgeteilt sei, würde angesichts des Verhaltens, nur mal kurz in die Nachrichten zu schauen, die Fähigkeit und Motivation, schnell Nachrichten korrekt einzustufen, immer wichtiger werden. Andererseits haben die Menschen eben durch das Internet jetzt einen weitaus umfangreicheren Zugriff auf Quellen, um Behauptungen in Medien oder von Regierungen nachprüfen zu können, was gerade das Misstrauen in die herkömmlichen Quellen verstärken könnte. (Florian Rötzer)

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