Amerikanische Bomber und iranische Revolutionsgarden gegen einen gemeinsamen Feind?

Bagdader bereiten sich auf Angriff der Salafisten vor

Anonyme Quellen aus dem iranischen Sicherheitsapparat haben dem Wall Street Journal die Information zukommen lassen, dass zwei Bataillone der iranischen Revolutionsgarden in den Irak geschickt werden, um dort Schiiten vor der salafistischen Terrorgruppe ISIL zu schützen. Eine unabhängige Bestätigung für diese Nachricht gibt es bislang allerdings nicht. Ob sie stimmt, ist unklar: Es könnte auch sein, dass die Iraner nur die amerikanischen Reaktionen testen wollen. Trifft sie jedoch tatsächlich zu, dann könnten iranische Revolutionsgarden bald an der Seite amerikanischer Bomber kämpfen (vgl. Irak: Werden die USA militärisch eingreifen?).

Ob der Kampf gegen einen gemeinsamen Feind das Verhältnis zwischen dem Iran und den USA verbessern kann, wird möglicherweise die Zukunft zeigen. Das gilt auch für die Frage, inwieweit Luftschläge gegen ISIL von großem militärischen Nutzen sind: Dafür spricht, dass die Gruppe mittlerweile auch zahlreiche schwere Waffen zur Verfügung hat, die gute Ziele abgeben, und dass die irakischen Luftwaffe in einem ausgesprochen Drittweltzustand ist. Dagegen, dass die ISIL-Terroristen Guerrillakämpfer sind, die sich in zivilen Gebäuden verbergen. Ein Bombenhagel mit zahlreichen Kollateralschäden könnte deshalb in der sunnitischen Bevölkerung den Eindruck hervorrufen, dass Amerikaner und Schiiten ein noch schlimmeres Übel sind als Salafisten.

Deren "Pressebüro der Provinz Niniveh" hat währenddessen 16 Regeln veröffentlicht, an die sich die Bewohner der von ihnen eroberten Gebiete strikt halten sollen: Sie verbieten Frauen (abgesehen von Notfällen) das Verlassen der Häuser und schreiben ihnen vor, Kleidung zu tragen, "an der Allah Freude hat". Damit kontrolliert werden kann, ob alle Moslems regelmäßig und pünktlich beten, müssen sie das zukünftig öffentlich und in den Moscheen tun. Neben dem Konsum von Alkohol und Cannabis ist auch der von Tabak verboten. Zuwiderhandlern drohen ebenso wie Dieben Scharia-Körperstrafen. Letzteres gilt jedoch nicht für den ISIL-Warlord Abu Bakr al-Bagdadi, dem eine halbe Milliarde Dollar beschlagnahmtes Geld als "Kriegsbeute" gehört.

Polizisten, Soldaten und Staatsdiener sollen sich dem Willen der Salafisten nach freiwillig bei ihnen melden, damit sie an Umerziehungseinrichtungen überstellt werden. Wer dies nicht tut, dem droht die Enthauptung. Außerdem kündigt man an, alle noch nicht abgefackelten schiitischen und christlichen Heiligtümer und säkularen Denkmale in der Stadt zu zerstören, und warnt die Bewohner vor Versammlungen, die nun streng verboten sind.

Der Journalistin Mina al-Oraibi zufolge halten sich die in Mosul verbliebenen 1,3 Millionen Bewohner derzeit vor allem in ihren Häusern auf, leben von Vorräten, und wissen über die Lage in der Stadt ähnlich wenig wie Nachrichtenleser im Westen: Dass bewaffnete Salafisten die Stadt kontrollieren und dass die Vertreter des Staates Irak geflohen sind oder sich versteckt halten. Schulen sind ebenso wie Krankenhä0user, Tankstellen und Geschäfte geschlossen.

In Bagdad, wo der nächste Angriff der Salafisten erwartet wird, decken sich die Bewohner gerade mit Vorräten ein. Gefragt sind vor allem lange haltbare Güter wie Mehl, Hülsenfrüchte und Dosennahrung. Die Preise sind dort nicht nur wegen der Nachfrage gestiegen, sondern auch, weil die Hauptstadt mittlerweile vom Norden und vom Westen des Landes abgeschnitten ist. (Peter Mühlbauer)

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