Amnestien und eine Volksabstimmung über eine Nationalgarde

Die mexikanische Armee übt einen Einsatz. Foto: Public Domain.

Der neue mexikanische Präsident López Obrador will den Drogenkrieg beenden

Narcos Mexico war einer der Serien-Höhepunkte des Jahres 2018. Das Gerüst der Ereignisse, die dieser Erzählung zugrunde liegen, schrieb die Geschichte. Ihren Lauf will der am 1. Dezember in sein Amt eingeführte neue mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador ändern: Er propagiert eine "Friedensstrategie", nachdem der von seinen Vorgängern propagierte "Krieg gegen Drogen" dazu führte, dass es 2017 mit 29.169 Morden so viele gab wie in keiner Statistik zuvor.

Konkret will López Obrador mit seiner Strategie Amnestien für niederrangige Beschäftigte im Drogenanbau und -handel mit einer Volksabstimmung über die Bildung einer Nationalgarde verbinden. Diese Nationalgarde soll den militärisch ausgerüsteten Kartellbekämpfern einen neuen rechtlichen Rahmen geben und sie weniger anfällig für Korruption und Infiltration, aber auch weniger anfällig für Menschenrechtsverletzungen machen.

Ehemalige Armeeangehörige

Die Kartelle, die die neue Nationalgarde bekämpfen soll, erwirtschaften alleine durch den Export in die USA jährliche Einkünfte zwischen 20 und 30 Milliarden Dollar und nahmen dem mexikanischen Staat in den letzten 40 Jahren beträchtliche Teile seiner Macht ab. Ein wichtiges Kartell, die Zetas, entstand aus Angehörigen des mexikanischen Militärs. Die in den Bundesstaaten Coahuila, Nuevo León, Tabasco und Campeche dominierende Verbrecherorganisation erwarb sich einen so grausamen Ruf, dass sogar die Hacker von Anonymous vor ihr einknickten (vgl. Anonymous: Meinungsfreiheit hat (k)einen Namen - Teil 3).

Das Golf-Kartell, für das die Zetas bis 2010 arbeiteten, herrscht östlich der Zetas im Bundesstaat Tamaulipas und kann auf eine inzwischen bald hundertjährige Geschichte zurückblicken. Sein Gründer Juan Nepomuceno Guerra schmuggelte nämlich zur Prohibitionszeit Alkohol in die USA. Den extrem blutigen Scheidungskrieg mit den Zetas überlebte das Golf-Kartell Anfang des Jahrzehnts mit leichten Zerfallserscheinungen.

"El Más Loco" - ein ehemaliger Zeuge Jehovas

Etwa gleichzeitig verlor auch die ehemals mächtige Familia Michoacána aus dem gleichnamigen Bundesstaat an Bedeutung. Sie wurde von Nazario Moreno angeführt, der im Dezember 2010 bei einer Schießerei mit Sicherheitskräften ums Leben gekommen sein soll, dessen Leiche allerdings nie gefunden wurde. Moreno, ein ehemaliger Zeuge Jehovas, der den Spitznamen "El Más Loco" (der Verrückteste) trug, predigte eine vom evangelikalen Autor John Eldredge beeinflusste religiöse Ideologie, in der Gott und die Familie ganz oben stehen und das Töten von Feinden ein Selbstbehelf zur Verwirklichung "göttlicher Gerechtigkeit" ist.

In seinem Herrschaftsgebiet verbot Moreno angeblich die Zuhälterei und den Konsum von N-Methylamphetamin, für dessen Export in die USA die Familia bekannt war. Und wer unter ihm Karriere machen wollte, der musste Medienberichten zufolge nicht nur schießen können, sondern auch regelmäßig an Gebetstreffen teilnehmen.

Was die Familia besonders von anderen Kartellen unterschied, war ihre PR: In Zeitungsanzeigen warb die Organisation damit, dass sie Kredite an Bauern und Geschäftsleute vergeben und Geld für Schulen und Kirchen spenden würde. Auch den Anspruch darauf, Ordnungsmacht zu sein, machte das Kartell ganz offensiv geltend: 2009 und 2010 bot es der Regierung öffentlich seine Auflösung an, wenn diese es schaffen würde, die anderen Kartelle in Michoacán von Verbrechen abzuhalten - und der Familia-Manager Servando "La Tuta" Gómez meinte in einer Radiosendung, bei der er anrief, seine Organisation sei ein "notwendiges Übel", um das Volk zu schützen.

Neue Tempelritter

Nach Morenos Verschwinden brach ein Kampf um die Macht aus: Eine Gruppe, die den Namen weiterführte, kämpfte gegen eine zweite Gruppe, die sich "Caballeros Templarios" nannte. Auch sie nahm für sich in Anspruch, die Ordnungsmacht in Michoacán zu sein und die Bevölkerung durch das Fernhalten anderer Kartelle vor "Diebstahl, Entführung [und] Erpressung" zu schützen.

Ihre Templer-Anleihen zeigten sie nicht nur auf ihren Abzeichen, auf denen unter anderem zwei Hellebarden, eine Axt, ein Morgenstern, eine Krone, ein Ritterkreuz und ein Jesusbild zu sehen ist, sondern auch mit Kostümen und einem bebilderten Codex mit Verhaltensregeln (Templer-Narcos). Nachdem 2017 der Templer-Anführer Pablo Toscano Padilla (alias "El 500") ums Leben kam, als er ein Bündnis mit dem neuen Jalisco-Kartell aushandeln wollte, ist die aktuelle Bedeutung der Templer schwer einzuschätzen.

Die Nachfolger von Miguel Ángel Félix Gallardos Guadalajara-Kartell

Dieses neue Jalisco-Kartell dominiert nicht nur seinen namensgebenden Bundesstaat, sondern große Teile Zentral- und Südmexikos bis hinunter nach Chiapas. Es ist ein Ableger des Sinaloa-Kartells, der sich 2010 selbständig machte, und wird von Rubén Oseguera Cervantes alias "El Mencho" angeführt.

Auch das in der berüchtigten Grenzstadt Juárez tätige Juárez-Kartell war früher mit dem Sinaloa-Kartell verbunden. Dieses Sinaloa-Kartell entstand aus dem Guadalajara-Kartell der (inzwischen inhaftierten) Narcos-Mexiko-Hauptfigur Miguel Ángel Félix Gallardo und dominiert auch nach der Auslieferung seines Chefs Joaquín Guzmán (alias "El Chapo") an die USA die mexikanischen Bundesstaaten Baja California, Baja California sur, Sonora, Chihuahua, Durango und Yucatan.

Die Amazon- und Netflix-Highlights der vergangenen Monate (126 Bilder)

Die 2. Staffel von Goliath läuft ab dem 15.06.2018 bei Amazon Prime Video.

Der texanische Senator Ted Cruz will mit dem auf 14 Milliarden Dollar geschätzten Vermögen Guzmáns drei Viertel der von Donald Trump versprochenen Grenzmauer zu Mexiko finanzieren. Allerdings ist trotz der Schätzung des Senators noch unklar, wie viel Vermögen die Behörden nach einem Strafurteil gegen ihn tatsächlich beschlagnahmen können und wie viel Vermögen er über Steueroasen und andere Tricks so sicher angelegt hat, dass es sich außerhalb der rechtlichen Reichweite der US-Behörden befindet (vgl. Ted Cruz will die Mauer an der Grenze zu Mexiko mit Drogengeld finanzieren).

Ebenfalls Galliardos Guadalajara-Kartell entsprang das Beltrán-Leyva-Kartell, das auch nach dem Tod von Arturo und Hector und der Inhaftnahme von Carlos und Alfredo Beltrán Leyva weiter existiert und große Teile des Bundesstaats Sinaloa dominiert. Ersteres gilt für das in der gleichnamigen Grenzstadt aktive Tijuana-Kartell der Arellano-Félix-Brüder, das ein weiterer Guadalajara-Ableger ist. Die Nachfolger der Beltran-Leyva-Brüder arbeiten aber nicht mehr mit dem Sinaloa-Kartell zusammen, sondern gingen Allianzen mit den Zetas, dem Juárez-Kartell und dem neuen Jalisco-Kartell ein.

Ein aufstrebendes Kartell ist das von Cancún - zumindest dann, wenn man nach der Zahl der verursachen Toten geht. Anfang des Jahrzehnts gingen nur etwa 20 Morde auf sein Konto, 2017 waren es 227, 2018 bislang 525. (Peter Mühlbauer)

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