Amokfahrt im selbstgebauten Panzer

In einer amerikanischen Kleinstadt inszenierte ein Mann einen spektakulären Racheanschlag, mit dem er sich vom Leben verabschiedete

Moderne Technologie erweitert bekanntlich nicht nur die Macht von großen Organisationen, sondern auch von Einzelnen. Mit Sprengstoff oder Waffen wie einer Kalaschnikow kann ein einzelner Mensch großes Unheil anrichten und Schrecken verbreiten. Mit Massenvernichtungswaffen wie dreckigen Bomben, chemischen oder biologischen Waffen steigt die potenzielle Macht des Individuums noch weiter in bislang fantastische Dimensionen. Doch noch werden die traditionellen Terrorwaffen eingesetzt. Am 11.9. wurde die verheerende Zerstörungskraft von umfunktionierten Passagierflugzeugen und kurz darauf die von Anthrax-Briefen ausgehende Panik demonstriert. Massaker in Schulen oder an Arbeitsplätzen gab es schon viele mit Feuerwaffen. Jetzt hat ein Geschäftsmann in Colorado gezeigt, wie ein moderner Kohlhaas in einem Selbstmordanschlag auch die Kräfte einer Planierraupe nutzen kann.

Terrorismus ist nicht nur eine politische Tat. Auch ein Verhalten, das man gemeinhin als Amoklauf bezeichnet und damit als durchgebrannte Aktion, gehört dazu. Die Anzeichen mehren sich, dass Terror zu einer Option für Aufmerksamkeitsattentäter jeder Art wird (Ich bin Gott). Dabei ist mittlerweile Fantasie im weltweiten Wettbewerb gefragt. Wer keine ungewöhnliche Wege beschreitet oder die Aktionen der Konkurrenten überbietet, hat wenig Chancen über die regionalen Nachrichten hinaus wahrgenommen zu werden. Möglicherweise dienen mehr und mehr spektakuläre Anschläge heute dazu, einen Selbstmord aufzuwerten und so wenigstens im Tod seine Spuren auf der Welt zu hinterlassen. Heute ist es zudem möglich, damit auch global Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Der 52-jährige Marvin Heemeyer hat diest und damit einen gewissen Nachruhm für sich ohne Zweifel geschafft - und er hat keineswegs spontan gehandelt, sondern sich gut und lange auf seine finale Tat vor dem Gang aus der Welt vorbereitet. Gegenüber Bekannten hatte er schon im Januar seine Revanche mit einem Bulldozer angekündigt hatte, nachdem die Gemeinde Granby es gestattet hatte, dass neben seinem Geschäft für Schweißgeräte eine Zementfabrik gebaut wurde. Offenbar gab es schon lange eine Fehde mit dem Besitzer der Zementfabrik. Dann kam noch eine Geldstrafe der Gemeinde, weil Heemeyer auf seinem Grundstücke Autowracks herumstehen ließ und sein Haus nicht ans Abwasser angeschlossen war. Seit einem Jahr stand ein großer Bulldozer auf dem Grundstück mit einem Schild "For Sale".

Heemeyer fand sich jedenfalls von der Gemeinde ausgebootet und reagierte am Freitag Nachmittag um 15 Uhr Ortszeit mit einem Angriff auf die Immobilien derjenigen, die nach seiner Ansicht seine Rechte verletzt haben. Die Fantasie, alles platt zu walzen, was einen stört, schlummert wahrscheinlich in vielen Menschen, Heemeyer konnte immerhin eineinhalb Stunden in dem Städtchen mit 2.200 Einwohnern seiner Rache nachgehen und unter anderem die Zementfabrik, das Rathaus, die Bibliothek, eine Bank, das Gebäude der lokalen Zeitung sowie einige Geschäfte und Häuser zerstören oder beschädigen, die Gemeinderatsmitgliedern gehörten. Als er zu einem Wohngebiet fahren wollte, in dem Häuser von Gemeinderatsmitgliedern stehen, wurde er von einer noch größeren Planierraupe gestoppt und musste umdrhen. Ein Motiv dafür gab er selbst dafür nicht an. Auf seinem Anrufbeantworter klang alles unverdächtig: "I'm sorry, I'm gone. I should be back on the fourth or fifth of June."

He's a teddy bear. He's a real lovable, soft, sweet guy. I didn't think he would hurt them intentionally - but that he would go after their businesses and hurt him financially, the way he thinks they hurt him.

Ein Bekannter von Heemeyer

Immerhin schien es Heemeyer nicht auf die Menschen abgesehen zu haben, verletzt wurde niemand, aber seinen destruktiven Rachefeldzug wollte er solange wie möglich ausführen. Als Schweißexperte baute er sich einen gepanzerten Bulldozer, in dem er vor Schüssen sicher war. Umgeben hatte er das Gefährt mit einem Panzer aus Stahlplatten, zwischen denen sich Beton befand. Vermutet wird, dass er einen selbstgebastelten Kran benutzte, um den Panzer über den Bulldozer zu heben. Einmal umschlossen wäre Heemeyer von selbst nicht mehr aus seinem gepanzerten Fahrzeug herausgekommen. Es war also vermutlich eine Amokfahrt, die mit seinem Tod enden sollte, wie dies auch geschehen ist. Vermutlich hatte er sich selbst erschossen, als der Motor seiner Planierraupe vor einem Haus ausging.

I'm trying to be politically correct, but this guy was a nasty son of a bitch. He had the maturity level of a 5-year-old.

Der Bürgermeister von Granby

Heemeyer, mit 115 Kilogramm selbst ein Schwergewicht, steuerte den Behelfspanzer mittels Videokameras und drei Monitoren. Aus der Kabine mit einer Klimaanlage konnte er mit drei Gewehren nach vorne durch kleine Schlitze feuern, die es auch an der Seite und hinten gab. Mit den Gewehren schoss er einige Male auf Propangastanks vor einem Geschäft und wollte offensichtlich eine Explosion auslösen. was ihm allerdings nicht glückte. Polizisten gaben auf den Bulldozer-Panzer, als er Häuser, Autos, Bäume und Lampen niederwalzte, angeblich Hunderte von Schüssen ab, ohne etwas bewirken zu können. Es muss eine gespenstische Szene gewesen sein, wie das unheimliche Gefährt seine Vernichtungsspur durch das Städtchen zog (Video), gefolgt von Polizisten, die zu Fuß und aus Fahrzeugen heraus auf den Panzer schossen.

Sicherheitshalber versuchten die Sicherheitskräfte zunächst, mit Sprengsätzen in das Innere des Panzers zu gelangen. Mit Schneidbrennern konnte man schließlich nach einer Stunde Arbeit am Samstag um zwei Uhr früh bis zu dem Toten vordringen, den man dann mit einem Kran herauszog, da die Angst bestand, dass Heemeyer im Inneren Sprengladungen angebracht haben könnte. (Florian Rötzer)

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