Amri: Der "offenbare Attentäter" vom Breitscheidplatz

Amris Video-Bekenntnis zum IS. Bild: quapan/CC BY-2.0

Seit drei Jahren lassen die Ermittlungsbehörden Parlamente und Öffentlichkeit über die diskussionswürdige Videoaufnahme aus dem U-Bahn-Tunnel am Zoo im Unklaren

Anis Amri soll nach dem Anschlag zur nächsten U-Bahn-Station geflüchtet sein. Eine inzwischen bekannte Videoaufnahme belegt dagegen, dass er weder zur U-Bahn ging noch von ihr kam, sondern lediglich eine Unterführung durchquerte. Aber warum?

Immer rätselhafter wird, wie sich der angebliche Attentäter vom Breitscheidplatz laut Ermittlungsbehörden verhalten haben soll. Offiziell heißt es, Amri habe, nachdem er den Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt gesteuert hatte, den Tatort Richtung Bahnhof Zoologischer Garten verlassen. Einziger Beleg ist bisher eine Videoaufnahme, die Amri wenige Minuten nach dem Anschlag in einem Tunnel des U-Bahnhofs Zoo zeigt. Die Aufnahme, die der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) veröffentlicht hat, ist 30 Sekunden lang und endet damit, dass der Tunesier den ausgestreckten Zeigefinger demonstrativ in eine Überwachungskamera hält (Letztes Video auf der Seite). Das wird von den Ermittlern als sogenannter islamistischer "Tawhid"-Gruß und Tatbekennung interpretiert.

Die Richtung, in die Amri geht, ist hinaus aus den U-Bahn-Gängen und nicht etwa hinein. Er begibt sich nach oben auf den Hardenbergplatz, der nur wenige hundert Meter vom Tatort Breitscheidplatz entfernt liegt. Aber woher kam Amri? Eine um mehrere Sekunden längere Videosequenz zeigt, dass er nicht etwa vom U-Bahnsteig der Linie U 9 kam, sondern vom U-Bahn-Eingang auf der entgegengesetzten Seite des Hardenbergplatzes, der auch als Omnibusbahnhof dient. Amri kommt ins Blickfeld der Kameras aus diesem Zugang zum Tunnel um 20:05:58 Uhr. Der Zeitstempel ist im Gegensatz zur vom RBB veröffentlichten Aufnahme klar zu erkennen. Amri verschwindet am anderen Ende um 20:06:34 Uhr. Der Anschlag wurde zwischen 20:02 und 20:03 Uhr verübt.

Nimmt man die Täter-Hypothese der Bundesanwaltschaft ernst, dann hätte sich Amri vom Tatort Breitscheidplatz zum Hardenbergplatz am Bahnhof Zoo begeben, hätte diesen Platz oberirdisch überquert, wäre auf Seite des Bahnhofgebäudes in den U-Bahntunnel hinuntergegangen, um dann auf der entgegengesetzten Seite wieder hochzukommen - dort, wo er herkam. Welchen Sinn machte das?

Um den islamistischen Gruß in eine Überwachungskamera zu halten? Das hätte er auch tun können, wenn er den U-Bahntunnel auf direktem Wege und eben in anderer Richtung hin zum Bahnhofsgebäude durchschritten hätte. In dem Korridor sind insgesamt vier Videokameras angebracht. Möglichkeiten zur Demonstration genug.

Die Bundesanwaltschaft hat gegenüber den politischen Gremien bisher immer den Eindruck erweckt, der Attentäter Amri habe sich über den U-Bahnhof Zoo vom Tatort entfernt. Tatsächlich geht aus Ermittlungsunterlagen hervor, dass das Bundeskriminalamt realisiert hatte, dass Amri den fraglichen U-Bahntunnel lediglich wie eine Unterführung des Platzes benutzte, am Zugang zur U 9 vorbei ging und auf der anderen Seite des Hardenbergplatzes wieder heraus kam. Er wäre also in gewisser Weise zurückgegangen.

Hat man das nie in dieser Klarheit kommuniziert, weil dann die Täterschaft mit einem Fragezeichen versehen werden müsste? Tatsächlich sprechen die Ermittler laut Unterlagen relativierend vom "offenbaren Attentäter" Amri. Völlig ohne Zweifel scheinen sie sich bei seiner Täterschaft nicht zu sein.

"Ermittlungsthesen", aber keine Beweise

Wohin sich Amri nach seinem Wiederauftauchen auf dem Hardenbergplatz wandte, und wo er in den eineinhalb Stunden war, ehe er in seiner Unterkunft im Wedding seinen Rucksack holte und wieder ging, können die Ermittler nicht sagen. Nach eigener Erklärung wissen sie auch nicht, wann und wie der "offenbare Attentäter" die Stadt verließ. Er soll erst am frühen Morgen des 21. Dezember 2016 im weit entfernten Nordrhein-Westfalen wieder gesichtet worden sein. Ein Zeuge, der von den Ermittlern als glaubwürdig eingestuft wird, will Amri in einem Bus von Emmerich nach Kleve gesehen haben. Amri war bei der Ausländerbehörde in Kleve registriert und wohnte einige Zeit in einer Flüchtlingsunterkunft in Emmerich.

Im Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses von Berlin räumte der stellvertretende Generalbundesanwalt Thomas Beck im Oktober 2019 ein, dass sie nur "Ermittlungsthesen" haben, keine "Beweise" und sagte wörtlich eigenartigerweise: "Die werden Sie auch nicht bekommen." Die Aussage bezog sich auf die persönlichen Gegenstände Amris, die im und am Tat-LKW gefunden wurden, darunter ein Handy, mittels dessen er mit einem IS-Mentor auf dem Weg zum Anschlag kommuniziert haben soll.

Eine ganz ähnliche Antwort gab Bundesanwalt Beck einmal zur Frage, woher Amri die Pistole hatte, mit der der polnische Speditionsfahrer erschossen wurde und die der Verdächtige bei sich hatte, als er selber in Italien erschossen wurde. "Wir werden es vermutlich nie erfahren", so der oberste Terrorermittler der Bundesanwaltschaft. Wird hier wirklich ernsthaft ermittelt?

Allerdings muss sich die Bundesanwaltschaft (BAW) ganz auf das Bundeskriminalamt (BKA) verlassen. Mindestens in einem Fall hat das BKA dem BAW Beweismittel vorenthalten. Jedenfalls: Eine belegte, zwingende und geschlossene Tat- und Tätertheorie kann die oberste Ermittlungsbehörde bisher nicht vorweisen.