An den falschen Stellen wird gespart

Die britische Regierung kürzt die Gelder für Jugendarbeit und setzt darauf, dass die "Big Society" sich des Problems annimmt, während die Jugendkriminalität ansteigt

In Großbritannien muss gespart werden. Und obwohl die Ausgaben für die Jugenddienste gemeinhin nicht sonderlich hoch sind, wird hier radikal gespart. Die Regierung strich 100 Millionen Pfund, mit denen die Jugendarbeit von Gemeinden unterstützt wird. Schon wurden 3000 Angestellte entlassen, die für Jugendarbeit zuständig waren. Viele Jugendzentren müssen geschlossen werden. In den Gemeinden wurden die Budgets teils erheblich zusammengestrichen, wenn nicht ganz gekürzt, wie der Guardian berichtet. Die Regierung hofft, die Zivilgesellschaft werde es schon richten - natürlich mit weniger Geld. Schon jetzt wird deutlich, eine absehbare Folge, dass die Jugendkriminalität anwächst.

In Großbritannien scheint sich wieder einmal die Kurzsichtigkeit der politisch Verantwortlichen zu zeigen, die Einsparungen machen müssen, dies aber an der falschen Stelle tun, weil dort man wenigsten Widerstand zu erwarten ist, auch wenn lang- oder gar schon mittelfristig vermutlich ihnen selbst klar ist, dass daraus gesellschaftliche Koste entstehen werden, die vielfach höher sein können. Aber das ist in einer zwar nahen, aber in den demokratischen Zyklen doch fernen Zeit, die die jetzt Regierenden nicht zu tangieren scheinen und gleichzeitig ein demokratisches Manko offenbaren, nämlich die prinzipielle Verantwortungslosigkeit der gewählten Volksvertreter.

Großbritannien ist bekanntlich klamm wegen der Bankenkrise. Die Schulden häufen sich, es muss radikal gespart werden. Mitten in die Krise hinein wurde eine konservativ-liberale Regierung gewählt, die sich, wie dies in diesen Kreisen oft üblich ist und gerade in den USA das Land auch in den Bankrott führen kann, das Ziel gesetzt hat, den Staat möglichst klein zu machen und alle outzusourcen, was nur irgend möglich ist, abgesehen von Gerichtsbarkeit, Polizei und Militär, die nicht zuletzt der Sicherung des Eigentums der Wohlhabenden dienen (Weitestgehende Privatisierung des Staates). Groß Gesellschaft, kleiner Staat heißt die Devise (Britische Regierung verspricht "Machtrevolution" durch das Konzept der "Big Society"), der angeblich freie Markt und die private Gesellschaft regeln die Probleme am besten und billiger als das demokratisch regulierte, im Prinzip von kollektiver Vernunft bestimme Gemeinwesen. Man setzt auf die "unsichtbare Hand", die desto besser wirken, desto weniger der Staat eingreift.

Auch wenn die Axt gerade erst angelegt wurde, zeigen sich schon die Folgen der Kürzungen in der Jugendarbeit. In London stieg die schwere Jugendgewalt sowieso schon um 4 Prozent jedes Jahr an, um 9,6 Prozent stieg der Einsatz von Messern an. In diesem Jahr sind in London schon 8 Teenager ermordet worden, beispielsweise Negus McLean, der von sieben Jugendlichen auf dem Fahrrad verfolgt und von diesen schließlich erstochen wurde. Zwischen Februar und April sind die von der Polizei registrierten Verletzungen durch Messerstechereien von 941 im Vorjahr auf 1.070 angestiegen. Die Opfer von Messerangriffen in der Altersgruppe zwischen 13 und 24 Jahren haben sich zwischen 2008-09 und 2010-11 um 30 Prozent erhöht. Nach dem Guardian warnen Experten vor einem Sommer der Gang- und Messergewalt von Jugendlichen, wenn die Kürzungen der Gelder für Jugendarbeit weiter gehen. Besonders in den Ferien könnte die Jugendkriminalität zunehmen, wenn die Jugendlichen nicht mehr betreut werden.

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