"An der Oberfläche eine sozialdemokratische Deutungshoheit"

Hauptgebäude der GLS-Bank. Bild: Molgreen; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Nach der Aufregung über einen Telepolis-Artikel: Besuch bei der GLS Bank und bei der Uni Witten-Herdecke

Was bisher geschah

Am 28. Dezember des vergangenen Jahres ist in Telepolis der Artikel Die Bertelsmann-GLS-Bank-Connection erschienen. Die GLS-Bank und die Uni Witten-Herdecke, zu denen ich eine Reihe kritischer Anmerkungen gemacht hatte, waren wenig amüsiert, luden mich aber dennoch beide in der Folge zu einem Gespräch ein.

Entgegen der überwiegend positiven Resonanz im Telepolis-Forum, mit einer Reihe kluger, zustimmender Kommentare, war vonseiten der GLS-Bank und der Uni Witten-Herdecke von einer Vielzahl von "Fehlern" in meinem Artikel die Rede. Kritisiert wurde auch meine wenig diplomatische Wortwahl.

Es hieß, man wolle dennoch die Sachverhalte im gemeinsamen Gespräch klären und ich sagte mit dem Zusatz zu, nach meinem Besuch eventuell einen weiteren Artikel schreiben zu wollen.

Die beiden Treffen haben am 16. April 2018 stattgefunden und dies ist der aus ihnen folgende Artikel, in dem ich mich zugunsten der Objektivität darum bemühen werde, Zuweisungen und Überspitzungen sparsamer einzusetzen - z.B. was Worte wie "neoliberal" oder "Elite-Kaderschmiede" angeht.

Muss man zu kritisierende Organisationen vorwarnen?

Die Presseabteilungen von Unternehmen und Organisationen werden von Kritik nicht gerne kalt erwischt. Daher erwartet man, dass Autoren vor der Veröffentlichung ihre kritischen Artikel artig einreichen und die Reaktion der Kritisierten abwarten. Man argumentiert auch in meinem Falle so:

Der direkte Kontakt hätte auch dazu beitragen können, zumindest einige der vielen inhaltlichen und argumentativen Fehler in Ihrem Artikel zu vermeiden.

Uni Witten-Herdecke

Natürlich gibt der Autor den Akteuren im Falle der Vorwarnung zum einen die Gelegenheit, mit Unterlassungsandrohungen zu reagieren und sich zum anderen umfänglich auf die Reaktion der Öffentlichkeit vorzubereiten. Insofern halte ich die Praxis für nicht so eindeutig gut.

Bei der GLS-Bank wollte man im Vorwege des Gesprächs eine gewisse Vertraulichkeit erreichen, also dass ich etwa wörtliche Zitate aus dem Gespräch nicht gegen die Bank in unfairer Art und Weise verwende. Wir einigten uns darauf, dass ich, wenn ich einen weiteren Artikel schreiben würde, der GLS-Bank vor der Veröffentlichung Gelegenheit geben würde, sich zum neuen Text zu äußern.

Da mein erster Artikel aus meiner Sicht nicht sehr fehlerhaft war, sondern nur ein paar kleinere Fehler und Ungenauigkeiten beinhaltete, wäre das formal gesehen auch bei einem weiteren Artikel aus meiner Sicht nicht unbedingt notwendig gewesen. Ich habe diesen Artikel aber dennoch vorneweg an die GLS-Bank und die Uni Witten-Herdecke geschickt und einige Kleinigkeiten entsprechend der freundlichen Rückmeldung der GLS-Bank korrigiert.

Auch entsprechend der Rückmeldung Uni Witten-Herdecke habe ich hauptsächlich Berechnungen der nachgelagerten Studiengebühren korrigiert und Fehler meinerseits in Bezug auf die formalen Strukturen der Uni, die sich als Außenstehender nicht immer richtig erfassen lassen.

Bei der GLS-Bank in Bochum: "Wir können nicht alle Probleme der Welt lösen"

Herbert Grönemeyer hat über Bochum in seinem gleichnamigen Lied geschrieben, die Stadt sei "vor Arbeit ganz grau" und "leider total verbaut". Das stimmt. Ob auch der zweite Teil des Liedtextes "Hier, wo das Herz noch zählt, nicht das große Geld" korrekt ist, war eines der Grundfragen meines Besuchs bei der Ökobank.

Wenn man das Hauptgebäude so sieht, dann wirkt es fast so. Gelegen in einem Wohnviertel, davor überproportional viele Fahrräder (aber durchaus auch große Parkplätze mit Autos aller Typen und Größen). Na ja - und vor den Haupteingängen natürlich die für eine Ökobank obligatorisch-repräsentativen Elektro-PKW.

Das Gespräch fand in einer zu Anfang etwas angespannten, aber zunehmend angenehmen Atmosphäre statt. Man versteht, das Eis mit dem Kritiker zu brechen. Dass man das Buch des Autors in Vorbereitung gekauft und mit Textmarker durchgearbeitet hat, ist natürlich sehr schmeichelhaft. Auch die Bewertung "absolut sympathisch" und "auf einer Wellenlänge mit uns". Insbesondere mochte man meine Vorschläge für eine post-neoliberale Welt (siehe hier).

Herr Goldfuß, der im G8 Gremium "National Advisory Board Germany" (NAB) sitzt, dessen Vorsitzende Brigitte Mohn von Bertelsmann ist, konnte aufgrund eines internen Missverständnisses am Gespräch leider nicht teilnehmen. Es wäre spannend gewesen, wie seine Einschätzung über die gemeinsamen - oder eben auseinanderlaufenden Interessen von GLS-Bank und Bertelsmann ausgefallen wären.

Die beim Gespräch anwesenden GLS-Vertreter hatten zu diesem Thema nicht viel zu sagen, außer, dass ihre Zielgruppe "alle Menschen" seien und man daher auch auf alle Menschen und Akteure zugehe und mit ihnen spreche. Man pflege eine offene Kommunikation ja auch mit Kunden (was der Autor als Kunde bestätigen kann). Auf die Kritik in meinem Artikel an Lukas Beckmann als Mitglied der Kohle-Stiftung RAG und zugleich der GLS-Bank, geht man inhaltlich nicht ein, sagt aber, dass Herr Beckmann inzwischen im Ruhestand sei. Ich persönlich denke, im Lichte der Doppelmitgliedschaft bei der GLS und der RAG ist man in Bochum nicht ganz unglücklich darüber.

Bei der GLS-Bank teilt man meine Fundamentalkritik an den Aktienmärkten zwar zum Teil, aber man möchte als Bank auch wachsen (derzeit hat man rund 220.000 Kunden) und steht daher dazu, eigene Aktienfonds aufzusetzen. Man geht den Weg des Kompromisses (vielleicht wie die Grüne Partei?). Man betont die scharfe Auswahl der Unternehmen, in die investiert werde.

Für die Fonds unterhält man eine Forschungsabteilung, die ethische Kriterien anlege, so dass nur in sehr wenige und ausgewählte Unternehmen investiert werde. Wichtig sei die "sinnvolle Wirkung des Geldes".

Die Grundhaltung scheint zu sein: "Wir können nicht alle Probleme der Welt lösen." In dem Zusammenhang betont man aber, man unterscheide sich positiv von anderen Banken, da man etwa intern vollständig auf die branchenüblichen Provisionsmodelle für MitarbeiterInnen verzichte, also auf Belohnungen, wenn die Mitarbeiter Produkte verkaufen - die für die Kunden in vielen Fällen keinen Nutzen haben.

Insgesamt investiere man 70% der zur Verfügung stehenden Gelder in Lieblingsprojekte, also etwa ökologische, soziale oder biolandwirtschaftliche Projekte. Der Rest müsse aufgrund von Finanzmarktregulierungen zu einem Teil schnell verfügbar gehalten werden. Dies erfolge durch die Mitgliederschaft bei der DZ-Bank, die im Verbund der Volksbanken, dem die GLS angehört, obligatorisch sei.

Dies zwinge die GLS-Bank, zumindest einen Teil der Gelder in der DZ-Bank vorzuhalten, bei dem man keine Kontrolle darüber habe, wie sie investiert würden.

Zu meinem Hinweis auf die Auszeichnung der GLS-Bank als "Bank des Jahres" von den Bertelsmann-Medien n-tv und Börseonline stellt man bei der GLS-Bank klar, dass die Auszeichnung ein Publikumspreis ist und daher nicht von der Bank selber in irgendeiner Weise initiiert worden sei. Insofern scheint die Auszeichnung tatsächlich nur ein Zufall zu sein.

Ich hatte ja auch nur von einer "vielleicht zufälligen Verbindung" geschrieben. Die Auszeichnung kann man sich als Gewinner in der Werbung aber nur dann anheften, wenn man Geld an die Initiatoren bezahlt. Insgesamt sieben Mal hat die GLS Bank den Preis bekommen und nur beim siebten Mal hat sie das Geld an die Initiatoren des Preises überwiesen, um Werbung mit der Auszeichnung machen zu können. Dagegen ist ja auch eigentlich nichts weiter einzuwenden.

Meine Kritik an der Uni Witten-Herdecke kann man bei der Bank nur zum Teil nachvollziehen. Man verweist auf die Fast-Pleite der Uni 2008/2009 und die verzweifelte Suche nach neuen Finanzierungsquellen. Auch verweist man auf einige als innovativ empfundene Ansätze der Uni Witten-Herdecke wie das "Studium Fundamentale".

Kritik an Bertelsmann kann man bei der GLS Bank nach eigener Darstellung gut nachvollziehen und die Kommerzialisierung der Bildung wird auch von der GLS-Bank grundsätzlich kritisch gesehen.

Dennoch sagt man nicht, dass die Investition in die "Chancen e.G." ein Fehler gewesen sei. Das Thema des aus der Uni Witten-Herdecke ausgegründeten und von der GLS-Treuhand finanzierten Startups Chancen e.G. ist ein Konfliktthema, bei dem wir im Gespräch nicht auf einen Nenner kommen.

Ich habe gefragt, ob die GLS-Bank über keine Ethikkommission verfüge, die das Investment Chancen e.G. geprüft habe - zumal es sich um ein Geschäftsmodell von Studiengebühren handelt und dies aus meiner Perspektive ethisch nicht förderbar sein dürfte. Dies ist nicht der Fall.

Drei Kritikpunkte in Bezug auf die Aktivitäten der GLS-Bank bleiben aus Sicht des Autors bestehen:

  • Die Nutzung der Aktienmärkte für Fondsprodukte und damit die Unterstützung der turbokapitalistischen Kapitalmärkte mit ihrem systembedingten Fokus auf Profitmaximierung. Aktiengesellschaften sind aus einer demokratisch-gesellschaftlichen Perspektive zudem deutlich schlechter zu bewerten als etwa Genossenschaften.
  • Die Finanzierung von Unternehmen, die Geschäftsmodelle rund um Studiengebühren verkaufen und damit zur Ökonomisierung der Bildung beitragen.
  • Die kommentarlose (und unkritische?) Zusammenarbeit in Gremien, die unter der Führung von Bertelsmann organisiert sind.

Die Differenzen zwischen Autor und GLS-Bank sind insgesamt überschaubar. Deutlich kontroverser ist das Verhältnis zur Privat-Uni Witten-Herdecke, weshalb der größere Teil dieses Artikels dem zweiten Termin am 16. April gewidmet sein soll.

Besuch bei der Uni Witten-Herdecke

In Witten wurde ich von zwei Marketing/PR-Leuten sowie zwei Studierenden aus der "Studierenden Gesellschaft" empfangen. Es war eine gewisse Anspannung zu spüren, nachdem ich in meinem Artikel sehr unversöhnlich und klar gegen die Privatuni geschrieben hatte. Mein Artikel habe, gelinde gesagt, "Irritationen" ausgelöst, hieß es.

Man fragt, was mich denn überhaupt bewogen habe, den Artikel im Dezember zu schreiben. Man erscheint erstaunt zu sein darüber, dass jemand grundsätzlich in Opposition geht zur Existenz ihrer Universität und der Art und Weise ihrer Ausgestaltung. Ich erkläre den Artikel mit meinem Engagement gegen die Ökonomisierung aller Gesellschaftsbereiche und der Bildung - insbesondere der Hochschulbildung.

Sehr deutlich ist von Beginn an die extrem hohe Identifikation der Anwesenden mit der Hochschule und dem starken Widerspruch zu meiner Darstellung - wie er etwa im Dezember auch bereits im Forum exemplarisch geäußert worden ist.

Studiengebühren

Zunächst tut man sich im Gespräch schwer, mein Wort von den "Studiengebühren" anzuerkennen. An der Uni Witten-Herdecke spricht man lieber vom "Umgekehrten Generationenvertrag", wohl eine Erfindung der Wittener Studierenden selber. Interessanterweise decken die Studiengebühren nur einen kleineren Teil der Gesamtkosten der Universität ab. Man spricht von etwa 25%.

Die nachgelagerten Studiengebühren der Uni Witten-Herdecke verkauft man unter dem Slogan "Frei studieren, frei finanzieren". Dass individuell zu zahlende Gebühren, fallen sie nun während oder nach dem Studium an, die Freiheit einschränken, möchte man hier nicht so sehen. Auch das Wort Kredit lehnt man vehement ab, da man beim nachgelagerten Modell ja nicht zahlen müsse, wenn man eine bestimmte Gehaltsgrenze unterschreite.

Die liegt bei einem "maßgeblichen Einkommen" von 21.000 Jahresbrutto, was real laut Uni Witten-Herdecke etwa 30.000 Euro brutto entspricht. Kaum ein Absolvent dürfte darunter liegen. Man findet, die nachträgliche Zahlung habe keinerlei Einfluss auf die Wahl des Studienfaches - und habe auch keinerlei abschreckende Wirkung.

Die zu zahlenden 14% des Einkommens über einen Zeitraum von 10 Jahren (und bis 25 Jahre, wenn man zwischenzeitlich nicht genug verdient und daher befreit ist, bis also die 10 Gehaltsjahre voll gezahlt wurden) sind aus meiner Sicht kein so kleiner Anteil des Lohns, gerade wenn man eine Familie hat und obendrein Alleinverdiener ist.

Bei Vielverdienern kommen bei einem Anteil von 14% dann in der Summe natürlich noch höhere Studiengebühren zusammen. Die Studiengebühren für die Sofortzahlung orientieren sich am jeweiligen Durchschnitt derjenigen ehemaligen Studierenden, die nachträglich zahlen.

Nachträglich sind derzeit 14% des Nettogehalts zu entrichten, was für die Sofortzahler wiederum auf die Semester hochgerechnet wird. Das Verhältnis von Direktzahlern und nachgelagerten Zahlern betrage etwa 50-50.

Mein Einwand, die wohlhabenden Eltern würden bei Direktzahlung wohl einspringen, wird abgelehnt. Eine Direktzahlung sei möglich, etwa, wenn man mehrere lukrative Nebenjobs und mehrere Stipendien habe. Ob das die Regel ist, darf aber wohl bezweifelt werden. Es handelt sich um monatliche Kosten bei der Direktzahlung immerhin in Höhe von ca. 464 bis 1.100 Euro.

Für mich wäre das als Student, ohne BAföG und aus der recht abgesicherten Mittelschicht stammend, nicht finanzierbar gewesen. Zum Anteil von BAföG-Empfängern kann man mir im Gespräch nichts sagen, weshalb ich auch nicht überprüfen kann, ob die behauptete soziale Durchmischung der Studierendenschaft etwas mit der Realität zu tun hat. Ich habe Zweifel daran.

Trotz der generellen Skepsis gegenüber Studiengebühren, die man auch auf Seiten der Uni Witten-Herdecke nachvollziehen könne, ist man sich nicht zu schade, ein Zitat von Karl Marx hervorzukramen. Dieser notierte 1875 in seiner Kritik am sog. Gothaer Programm der SPD:

Wenn in einigen Staaten höhere Unterrichtsanstalten unentgeltlich sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel zu bestreiten.

Karl Marx

Was man nicht zitiert, ist der nächste Absatz von Marx:

Nebenbei gilt dasselbe von der unter A.5 verlangten "unentgeltlichen Rechtspflege". Die Kriminaljustiz ist überall unentgeltlich zu haben; die Ziviljustiz dreht sich fast nur um Eigentumskonflikte, berührt also fast nur die besitzenden Klassen. Sollen sie auf Kosten des Volkssäckels ihre Prozesse führen?

Karl Marx

Man sollte diese Zitate nicht nur oberflächlich hervorholen, sondern versuchen, den Kontext zu verstehen. Die Sätze aus dem Zusammenhang gerissen 150 Jahre später in eine Diskussion in einer anderen Gesellschaft einzuwerfen, reicht nicht aus. Es ging Marx bei seiner Kritik offenbar darum, eine Gesellschaft zu kritisieren, in der ohnehin nur die Eliten studieren konnten.

Nun ist Deutschland von 1875 wenig gut vergleichbar mit dem Deutschland von heute und sowohl soziale Schichten als auch soziale Milieus sind andere als damals. Heute steht bei mittlerer bis höherer intellektueller Fähigkeit praktisch jedem Menschen in der Gesellschaft die höhere Bildung offen.

Das bedeutet, dass Studiengebühren eben gerade aus dem "Volkssäckel" bezahlt werden müssen, damit auch ärmere Menschen oder Kinder von ärmeren Menschen kostenfrei und ohne finanzielle Hürden studieren können. Und überhaupt - beim Bau einer Straße fragt ja auch keiner, wieso sie von den Auto- oder Fahrradlosen mitfinanziert wird.

Das Hervorheben dieses Marx-Zitats ist eine fadenscheinige Argumentationsweise, ganz nach dem Motto, wenn ein Linker etwas sagt, müssen andere Linke ihm 150 Jahre später zustimmen. Die Argumente für Studiengebühren wurden im 21. Jahrhundert auch schon vielfach widerlegt und die Politik ist durch die Wiederabschaffung der Studiengebühren diesen Argumenten gefolgt (wenn auch nur widerwillig und zum Zwecke der eigenen Wiederwahl).

Übrigens hatte schon die Tageszeitung Taz bereits 2012 in einem Artikel das Zitat von Marx hervorgekramt, um Studiengebühren zu legitimieren und als "emanzipatorisches Projekt" zu verklären. Da hatte man wehgeklagt: "Nun überlegt auch Bayern, die Studiengebühren abzuschaffen. Das wäre der Abschied von einem emanzipatorischen Projekt" und "der wahre Grund aber, warum Akademiker das Bezahlstudium bekämpfen, ist sehr einfach: Jeder ist sich selbst der Nächste".

Also glaubt die Taz offenbar an den Menschen als Homo Ökonomikus. Der Tiefpunkt des Taz-Artikels war der folgende abstruse Absatz:

Das Mantra der Allgemeinen Studentenausschüsse, das in etwa "Studium für alle" lautet, ist nichts anderes als Propagandaschwindel. Studentenvertreter betätigen sich als Lobbyisten ihrer Klasseninteressen [...]. Asta-Fritzen kämpfen im Che-Guevara-T-Shirt für ein vermeintlich kostenloses Studium. In Wahrheit aber sind sie die Vorhut reicher Ärzte-, Anwälte- und Redakteurskinder, die Papis Kohle weiter in Skiurlaube statt in die Campus-Maut stecken wollen.

Taz

Diese Argumente für Studiengebühren, die heuchlerisch gesellschaftliche Gerechtigkeit fordern, sind schwach, da wir in Deutschland über progressive Steuersätze verfügen. Das bedeutet, Akademiker, die später viel verdienen, zahlen auch mehr Steuern (und Akademiker wie auch Arbeiter oder prekäre Dienstleister, die wenig verdienen, zahlen wenig Steuern).

Die gefährliche ökonomische Logik, die Studierenden mit Studiengebühren aufgezwungen wird, bleibt unerwähnt. Eine Logik, welche die Beschleunigung des Studiums bei Direktzahlung zur Folge hat oder die Wahl des Studiengangs entsprechend der Verwertungsmöglichkeiten des eigenen "Humankapitals" auf dem Arbeitsmarkt trifft. Das alles steht im Widerspruch zur kritischen und umfänglichen Auseinandersetzung mit Inhalten und einem Studium, das im Humboldschen Sinne der Entfaltung der individuellen Persönlichkeit dient.

Laut Darstellung der Uni Witten-Herdecke wurden die seit 1995 bestehenden Studiengebühren als eine Bedingung des Landes Nordrhein-Westfalen für die weitere staatliche Förderung eingeführt. Damals noch unter der SPD und Johannes Rau als Ministerpräsidenten, in Koalition mit den Grünen. Heute ist man in Witten stolz auf die angeblich "sozialverträgliche Finanzierung".

Die Studierenden Gesellschaft, die die Studiengebühren eintreibt, holt sich das nötige Kapital für die nachgelagerten Studiengebühren übrigens über eine Anleihe rein. Man spricht von einer "einmaligen Möglichkeit zum 'Mission Investing' im deutschen Bildungswesen". Was ist Mission Investing?

Es sind Geldanlagen gemeint, bei denen der Anleger neben dem Wunsch nach Rendite auch zusätzliche, weltanschauliche Ziele verfolgt. Es geht also um ideologische Ziele in Bezug den Umbau der Hochschullandschaft. Studiengebühren werden damit quasi als ethische Geldanlage an der Börse Düsseldorf verkauft. Man wirbt: "Durch ein Investment in die Anleihe werden finanzielle 'Bildungshürden' abgebaut und sozialer Selektion entgegengewirkt."

Man setze sich mit seinem Investment somit für "Chancengerechtigkeit" ein.

Also damit wir das mal klar haben: Die staatlichen Hochschulen kosten kein Geld, aber die Uni Witten-Herdecke hat direkte oder nachgelagerte Studiengebühren. Wie soll das sozialer Selektion entgegenwirken?

Studentische Initiativen und die "Studierenden Gesellschaft"

Wie ich bereits im Artikel aus dem Dezember angemerkt habe, gibt es keinerlei studentische Initiativen an der Uni Witten-Herdecke gegen die Ökonomisierung der Bildung und den Einfluss der Wirtschaft. Und vor allem keinerlei Initiativen gegen den Bertelsmann-Einfluss in Form einer eigenen Professur, seinen Mitarbeitern und mehreren Honorarprofessoren.

Alleine schon die Tatsache, dass die Uni zentral die Initiativen in einem Diagramm mit dem Logo der Uni darunter darstellt, zeigt, wie einträchtig Uni und Studierende sich sehen. Hashtags wie #dieweltverändern klingen gut und bedeutend, bleiben aber Worthülsen, wenn es bei vielen Initiativen offenbar primär darum geht, sich mit einem lukrativen Job in die Wirtschaft "einzuheiraten".

Es geht häufig wohl auch um mehr Softskill-Training als darum, die Gesellschaft ihn ihren Grundfesten zu erschüttern. Es dominieren wenig politische Initiativen wie "Englandprojekt" oder "Gründergeist Witten", "WirTanzen", "Music Club" oder "Medical Exchange Program Master".

Auch politische Initiativen wie die Amnesty-International-Gruppe haben nichts mit kontroverser Hochschulpolitik zu tun und so kann es kaum fundamentale und systembezogene Aushandlungsprozesse zwischen Interessengruppen über Richtungsentscheidungen an der Uni Witten-Herdecke geben. Vorherrschend scheint eher eine Art irreal erscheinende Übereinstimmung zwischen Universität, Studierenden, Bertelsmann-Leuten, Familienunternehmern und Professoren zu sein.

Die Erhebung und Eintreibung der Studiengebühren an der Uni Witten-Herdecke liegen in der Hand der studentischen Studierenden Gesellschaft (SG). Die Studierenden Gesellschaft ist ein als gemeinnützig eingetragener Verein, der 1995 von Studierenden gegründet wurde. Stolz heißt es auf der Internetseite: "Die Studierenden der UW/H verwalten ihre Studienbeiträge eigenverantwortlich."

Im Prinzip ist die SG ein Unternehmen innerhalb der Universität. Aus Sicht der Uni Witten-Herdecke ist die Existenz der Studierenden Gesellschaft natürlich ein intelligentes Design; wenn man also die Verantwortung für die Zahlung von Studiengebühren nicht nur auf die einzelnen Studierenden abwälzt, sondern auch noch die gesamte Organisation der Einnahme von Studiengebühren.

So schafft man offenbar erfolgreich Identifikation mit dem ökonomischen System der Finanzierung. Sogar Bemühungen, die Studiengebührenmodelle weiterzuentwickeln, gehen von studentischer Seite aus.

Die Vorstände und das "Team" der Studierendengesellschaft sind natürlich bestens vernetzt in die Wirtschaft und haben bereits mehrere Jobs neben ihrer Tätigkeit für die SG, was der Selbstdarstellung zu entnehmen ist.

Es gibt neben der Studierenden Gesellschaft auch eine Studierendenvertretung entsprechend einem AStA an staatlichen Hochschulen. Aber wenn man nach der im Internet sucht, ist sie im Gegensatz zur Studierenden Gesellschaft kaum sichtbar. Die Internetseite des "Studierendenrats" ist zwar auf der Seite der Uni Witten-Herdecke verlinkt, aber nicht einmal für die Öffentlichkeit einsehbar.

Politische Listen bei Wahlen der Studierendenvertretung gibt es auch nicht und so ist es kein Wunder, dass, obwohl die Studiengebühren seit der Einführung an der Uni WH regelmäßig erhöht wurden, dies ohne von außen sichtbaren Protest vonseiten der Studierenden ablief. Undenkbar an großstädtischen Universitäten in Deutschland.

Bertelsmann an der Uni Witten-Herdecke

Für die Abwendung der Insolvenz und die Einführung der nachgelagerten Studiengebühren wurden seit 2008 diverse Deals mit der Wirtschaft gemacht. Die Zeit titelte "Investoren retten Uni Witten-Herdecke".

Mehrere Privatunternehmen pumpten Gelder in die Privatuni, um ihr Überleben zu sichern. Auch wurde das Bertelsmann-Institut 2010, kurz nach der Krise gegründet. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Im Gespräch kann man die Bertelsmann-Kritik gar nicht oder nur in Teilen nachvollziehen. Der Uni Witten-Herdecke sei daher das Buch Bertelsmannrepublik Deutschland von Thomas Schuler empfohlen, oder als Kurzfassung der Kritik dieser Artikel der Nachdenkseiten (die zur Zeit der Veröffentlichung jenes Artikels noch nicht verschwörungstheoretisch unterwegs waren).

Die Aussage an der Uni Witten-Herdecke lautet, es gebe nur einen einzigen Bertelsmann-Lehrstuhl von vielen und die Honorarprofessoren seien fast nie anwesend. Man weist daher meinen Begriff der von "Bertelsmann durchsetzten" Universität ab.

Auch spielt man die Bedeutung der Bertelsmann-Honorarprofessoren herunter: Nach Satzung hätten sie schließlich keinerlei Einfluss auf Forschung und Lehre (sind ihre sporadischen Vorlesungen denn eigentlich nicht Lehre?) - und Reinhard Mohn sei im Übrigen nur eine kurze Zeit an der Uni Witten-Herdecke gewesen, um Controlling und Finanzbuchhaltung einzuführen.

In Bezug auf das Kuratorium, in dem Bertelsmann-Leute vertreten sind, weist man mich auf einen Fehler in meinem ersten Artikel hin. Es handelt sich nicht um das Kuratorium der gesamten Hochschule, sondern nur um das Kuratorium des Bertelsmann-Instituts selbst. Insgesamt gebe es drei bis vier Kuratorien an der Uni Witten Herdecke, allerdings auch nur mit beratenden Funktionen, ohne formale Entscheidungsmacht. Ob sich das in der Praxis allerdings alles so trennen lässt, daran sind wohl Zweifel angebracht.

Der Einfluss von Bertelsmann wird in der Kommunikation mit der kritischen Öffentlichkeit insgesamt als gering eingeschätzt. Man könnte auch sagen, heruntergespielt, denn eine kleine Recherche in einer Suchmaschine der Wahl bringt keine ganz geringe Zahl von Hochglanz-Veranstaltungen von Bertelsmann in Kooperation mit der Uni Witten-Herdecke zutage.

Veranstaltungen, die stattfanden, heißen zum Beispiel: Growing World Population - Growing Markets - Symposium with Students from Witten/Herdecke mit den Bertelsmann-Repräsentanten Liz Mohn und Gunter Thielen.

Eine andere Veranstaltung hieß "Wirtschaftsstudenten besuchten Bertelsmann", im Zuge derer noch einmal ganz deutlich unterstrichen wurde: "Regelmäßig besuchen Wirtschaftsstudenten der Universität Witten/Herdecke, mit der Bertelsmann seit ihrer Gründung 1982 eng verbunden ist, das Corporate Center in Gütersloh."

Interessant ist auch, dass man es an der Universität Witten-Herdecke nicht als Widerspruch sieht, im Rahmen des Medizinstudiums den Menschen in den Mittelpunkt stellen zu wollen und sich zugleich Bertelsmann institutionell ins Haus zu holen. Ausgerechnet einen Konzern, der die Privatisierung des Gesundheitssystems vorantreibt. Weiß man bei der Uni Witten-Herdecke nichts darüber? Zu den Privatisierungsbestrebungen von Bertelsmann sagt Lobbypedia von der Nichtregierungsorganisation LobbyControl:

Das CKM [Centrum für Krankenhausmanagement] wurde 1994 von der Bertelsmann Stiftung gegründet und ist der Uni Münster als Institut angegliedert. Selbstdarstellung: Ziel unserer Arbeit ist es, Wege aufzuzeigen, wie praxisbewährte Management-Methoden aus Industrie, Handel und Dienstleistungsbranche in Krankenhäusern und anderen Institutionen des Gesundheitswesens genutzt werden können. Wir stellen uns der Aufgabe, vermeintlich Unvereinbares in Einklang zu bringen: Qualitätssteigerung bei tendenziell sinkenden Kosten.

LobbyControl

Nach dem Termin machte der Autor einen kleinen Durchgang durch das Hauptgebäude der Uni Witten-Herdecke. Angeblich sei ja nur ein verschwindend geringer Teil der Hochschule von Bertelsmann beeinflusst.

Demgegenüber hat sich die Stiftung des Konzerns in Büros prominent im Erdgeschoss des Hauptgebäudes eingekauft. Der entsprechende Flur wird verziert mit einem riesigen Zitat des verstorbenen Patriarchen Reinhard Mohn: "Wir müssen mehr Köpfe ans Denken bringen." Vor dem Flur sind zwei große Plexiglastafeln mit Namen von Bertelsmännern- und frauen angebracht.

Das Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung an der Uni Witten-Herdecke

Das Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung widmet sich seinen Themen nach eigener Aussage im "Geiste der partizipativen und verantwortungsvollen Führungsphilosophie des Stifters Reinhard Mohn". Schwerpunkte seien "Kooperative Beziehungen" oder "Management von Offenheit und Transparenz" und "Unternehmerische Verantwortung".

Inhaltlich wäre zu prüfen, inwieweit die Publikationen und Themensetzungen des Lehrstuhls vom Geiste des Bertelsmannkonzerns beseelt bzw. im Sinne von dessen Geschäftsinteressen ausfallen.

Kritische Wirtschaftswissenschaftler sollten die Publikationen des von der Bertelsmann Stiftung finanzierten Instituts einmal genauer daraufhin durchleuchten, inwieweit der Konzern hier Politik und Lobbyismus betreibt, oder ob es tatsächlich um unabhängige Wissenschaft geht, wie von der Uni Witten-Herdecke behauptet. Publikationen sind etwa hier gelistet.

Keine Eliteuniversität?

Im Gespräch lehnt man vehement ab, eine Eliteuniversität zu sein. Jedenfalls möchte man nicht als Eliteuniversität bezeichnet werden. Dennoch gesteht man ein, dass etwa die Hälfte der Studierenden "Sofortzahler" sind, also mehrere Hundert Euro monatlich für Studiengebühren aufbringen können - zusätzlich zu den Lebenshaltungskosten.

Gar nicht so anti-elitär klingen auch die Werbeversprechen für die Studiengänge mit Lernen in kleinen Gruppen - oder ein "Exzellentes Studierenden-Lehrenden-Verhältnis" sowie "Enge Kontakte zu politischen und wirtschaftlichen Einrichtungen" oder "Entwicklungsperspektiven und Karriereoptionen in Unternehmen, Verbänden und NGOs oder Think Tanks". Also eine klare Arbeitsmarktfokussierung mit durchaus elitärem Klang.

Immer wieder wird betont, dass man ja viele ehemalige Waldorfschüler unter den Studierenden habe. Und bei denen muss man von einer relativ klaren sozialen Herkunft aus den Mittel- und Oberschichten ausgehen (wenngleich ich im Artikel vom Dezember ja bereits geschrieben hatte, weshalb ich die Existenz der Waldorfschulen ungeachtet dieser Problematik als positiv bewerte). Man hat leider keine offiziellen Statistiken über den Prozentsatz von BAföG-Beziehern - jedenfalls nicht für die Öffentlichkeit. Anhand solcher Statistiken könnte überprüft werden, wie elitär die Uni tatsächlich ist.

Aber ganz abgesehen davon - wie passt es eigentlich zusammen, wenn man keine Elite-Universität sein will, man sich aber mit den Ergebnissen des Bertelsmann-Spin-Offs "Centrum für Hochschulentwicklung" bewirbt: "Die Wirtschaftsstudiengänge der UW/H erhalten auch im CHE Ranking 2017 Bestnoten in den Bereichen Betreuung und Praxiseinbindung."

Praxisbezug ist überhaupt das Mantra bei der Uni Witten-Herdecke. Man sieht sich hier als den staatlichen Universitäten überlegen (= elitär) und weiß offenbar nicht, dass auch an staatlichen Universitäten in vielen Fachbereichen, vor allem etwa den Sozialwissenschaften (z.B. Geographie an der Uni Hamburg), Theorie und Praxis bereits seit Jahrzehnten gut verzahnt sind und das auch schon bei den ach so schlechten Diplom-Studiengängen hervorragend gelöst war.

Zum Elitismus passen auch die Schilder am Hauptgebäude "Deutschland Land der Ideen - Ausgewählter Ort": 2006, 2008, 2009, 2011 und 2012. Eine gemeinsame PR-Initiative der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft. Im Forum äußerte sich auch ein ehemaliger Student der Uni Witten-Herdecke zur Kritik:

Ich kann Ihnen sagen, dass viele Studierende der UWH sich nicht im geringsten von "neoliberalen" Zwängen beeinflussen lassen und unter Bolognastress möglichst schnell durch ihr Studium hetzen.

Forumsbeitrag

Auch wenn die Kritik an der Bologna-Reform und ihrer versuchten Zerstörung der europäischen Universität legitim ist, könnte man diese Aussage schon als reichlich naiv bezeichnen. Der Ex-Student blendet schließlich sowohl Bertelsmann, als auch die Familienunternehmer als integrale Bestandteile der Uni Witten-Herdecke aus. Auch so Institutionen wie der "Heiratsmarkt" werden außer Acht gelassen, in dem es im folgenden Kapitel gehen soll.

Joey Kelly von der Kelly Family war übrigens bereits vor 10 Jahren einmal kurz an der Uni Witten-Herdecke im Rahmen der PR-Teilnahme an einem Seminar. Das Seminar des Fachbereichs Kulturreflexionen trug den neoliberalen Titel "Markenentwicklung aus Kunst". Aus dem Bauch heraus brachte es Kelly seinerzeit schon auf den Punkt:

Weil äh meine Kinder eventuell hier landen könnten. Also ich würde mich sehr freuen, wenn die halt in so eine[r] äh offene[n] Elite-Universität ähm studieren würden.

Joey Kelly

Unternehmerisch UND humanistisch?

Meine Kritik, die Wirtschaft erlange direkten Zugriff auf die Universität, treffe nicht zu, heißt es in Witten. Ich hätte "unternehmerisch" nur falsch verstanden. Das Wort sei viel ganzheitlicher zu verstehen. So in dem Sinne, dass die Studierenden an der Uni Witten-Herdecke Dinge unternehmen würden, die für die Gesellschaft von Nutzen seien. Dass sich die Studierenden also aktiv und kreativ einbringen würden. Man sieht sich unabhängig von Wirtschaftsinteressen. Schaut man sich die Internetseite der Uni Witten-Herdecke an, kommt es einem aber eher so vor, als sei dies der [Achtung Zuspitzung:] zentrale Ort für die feuchten Träume dynamischer Jungkarrieristen.

Der "Recruiting-Abend Heiratsmarkt" heißt da ein Abend-Event im Rahmen des "Careers Services" der Uni Witten-Herdecke. "Absolventen der Universität nutzen den Heiratsmarkt als Chance für den Jobeinstieg. [… Das Event] kann von einer "heißen Affäre" über eine Partnerschaft auf Zeit bis zu einer "Heirat" reichen." Was soll man dazu noch sagen? Übrigens auch beim Heiratsmarkt anwesend: die GLS-Bank, McKinsey, Capgemini und Bertelsmann.

Zu all dem passt, dass beim Rundgang durch das Hauptgebäude neben dem Mohn-Institut auch das Türschild des "Instituts für Familienunternehmen" ins Auge fällt. Geschrieben steht dort:

Das Wittener Institut für Familienunternehmen wurde im Jahre 1998 als Deutsche Bank Institut für Familienunternehmen gemeinsam mit der Deutschen Bank gegründet und von ihr bis 2005 unterstützt. Durch diesen gewichtigen Beitrag hat sich die Deutsche Bank in außergewöhnlichem Maße um die Forschung über Familienunternehmen verdient gemacht. Wir danken für diese Hilfe, mit der das Institut entstanden ist und sich entwickeln konnte.

Türschild

Neben dem Gang des Instituts für Familienunternehmen hängen zwei ca. 3 Meter hohe Tafeln mit langen Listen von Wirtschaftsvertretern sowie einer Vielzahl von Firmenlogos. Im Kuratorium des Instituts sitzen: "Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Kultur, aus Politik und Wissenschaft [...] Sie stehen als Partner dem Präsidium in Fragen der Finanzierung und der strategischen Ausrichtung beratend zur Seite."

Von 19 Personen des Kuratoriums sind etwa 15 aus Privatunternehmen (darunter nur 4 Frauen). Und zwar vor allem aus den Branchen Finanz-, Immobilien- und der Gesundheitsindustrie. Ich habe also in meinem Artikel vom Dezember vergessen zu schreiben, dass die Uni Witten-Herdecke nicht nur von Bertelsmann, sondern auch von einer Vielzahl weiterer, vor allem mittelständischer Unternehmen "begleitet" wird (um nicht zu sagen, durchsetzt ist).

Es ist eine geschickte Positionierung, im Wettbewerb zu behaupten, alternativ zu sein, alle Meinungen zuzulassen und sich in den Wirtschaftswissenschaften gegen die "Mainstream-Ökonomie" zu positionieren. Also gegen die Neoklassik, die unkritisch wie eine Religion an den meisten deutschen Universitäten gelehrt wird.

Und auch hier: den Widerspruch zwischen dieser vermeintlich "alternativen" Schwerpunktsetzung und den Familienunternehmen wie auch dem Bertelsmannkonzern als Teile der Hochschule, die alle für den ökonomischen Mainstream stehen, sieht man nicht.

Unehrlich ist, dass man bei der Uni Witten-Herdecke nicht auf die Studierenden und die Öffentlichkeit direkt zugeht und sagt: "Hör zu, Du willst einen gut bezahlen Job und Karriere machen. Wir sind bestens vernetzt in Wirtschaft und Politik und können Dir das bieten. Komm zu uns, und du wirst später ordentlich Kohle machen und oder an eine einflussreiche Position in unserer Gesellschaft gelangen. Positioniere dich mit der Studienwahl bestens für den Arbeitsmarkt."

Und obwohl man das mit so vielen Worten umschreibt, möchte man es direkt so nicht formulieren. Denn wer will schon eine "Eliteschmiede" sein? Das klingt nicht gut in einem Land, in dem an der Oberfläche eine sozialdemokratische Deutungshoheit herrscht.

Fazit des Tags in Bochum und Witten

Der Besuch bei der GLS-Bank hat gezeigt, dass der Autor in vielen inhaltlichen Punkten mit der Bank übereinstimmt, aber die Kritik aufrecht erhält, dass etwa die Investitionen in Studiengebühren-Dienstleister inakzeptabel ist.

Auch die Entscheidung, mit welchen gesellschaftlichen Akteuren die Bank zusammenarbeitet (und mit welchen nicht), ist aus meiner Sicht nicht transparent und nachvollziehbar.

Beim Besuch bei der Uni Witten-Herdecke war für mich sehr spannend, wie sich die Privat-Uni zu meiner Kritik positioniert. Zusammenfassend würde ich sagen, dass die Uni Witten-Herdecke sicherlich einige interessante Ansätze hat, wie Aufnahmeprüfungen anstelle des Numerus Clausus (NC) oder das Studium Fundamentale sowie, den Schwerpunkt auf sozialen Kompetenzen im Medizinstudium zu legen.

Insgesamt verkörpert die Uni Witten-Herdecke aber eine seltsame Art von Querfront zwischen Waldorf und Wirtschaft. Und so bleiben Zweifel an der Behauptung, kritisches Denken wirklich als Hauptziel zu verfolgen.

Humanismus ist ein dehnbarer Begriff und auch das humanistische Gymnasium für die reichen Kinder der Nachbarschaft - elitär und selektiv - trägt seinen Namen mit Stolz. Für mich sieht das alles eher nach Softskill-Training zur Erlangung von Vorteilen im Wettbewerb um gut bezahlte Arbeitsplätze aus.

Dazu passt der unternehmerische Schwerpunkt der Studierenden Gesellschaft neben den braven Initiativen von studentischer Seite. Vollkommen inakzeptabel ist es, sich Lobbyorganisationen wie die Bertelsmannstiftung oder Lobbys für Familienunternehmen ins Haus zu holen und in die universitären Strukturen zu integrieren. Das hat überhaupt nichts mit unabhängiger Bildung zu tun. Auch Studiengebühren nicht, die sozial selektiv wirken und zur Ökonomisierung der Bildung beitragen.

Auch wenn man das keinesfalls zugeben möchte, an allen Ecken und Enden kann man in den Selbstdarstellungen herauslesen, dass es für die Studierenden ganz klar um Karriere geht, wenn sie die Uni Witten-Herdecke als Studienort auswählen, ob nun bewusst oder unbewusst.