An der Tilgungsfront

Reportage aus einer Königsdisziplin

Am Schalter der Sparkasse Landsberg-Diessen. Deren Direktor Franz Böck (im Hintergrund) wollte sich nicht mit mir fotografieren lassen. Ich bin zur Filiale gegangen, um die erste Rate zur Tilgung der deutschen Staatsschulden auf das Konto 860 010 30 der Deutschen Bundeskasse in Halle an der Saale, BLZ 860 000 00, einzuzahlen. Dieses Konto wurde mir genannt, nachdem die Deutsche Bundesbank die Eröffnung eines Treuhandkontos zur Tilgung der deutschen Staatsschulden mit der Begründung verweigert hatte, sie betreibe "kein kommerzielles Bankgeschäft".

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Das Geld gehört nicht mir - ich bezahle es treuhänderisch für den Literaturprofessor Jochen Hörisch und die Finanzmanagerin Ute Sommer. Sie sind Deutschlands erste freiwillige Tilger. Und ich habe sie dazu verführt.

Man mag bei Schulden stolz darauf sein, wenn es nicht zu viele sind und man die Zinsen bedienen kann. Nicht wenige rühmen sich, überhaupt niemandem etwas schuldig zu sein. Aber vorhandene, vielleicht gar große Schulden zurück zu bezahlen, darf als Königsdisziplin des Kapitalismus bezeichnet werden. Wie kam es dazu?

Wie andere Königsdisziplinen, etwa Triathlon oder Innere Medizin, ist auch die Tilgung nicht populär. Wenn eine Firma ihre Zahlungsunfähigkeit erklärt, muss sie beim Amtsgericht ein Vermögensverzeichnis einreichen. Unter Punkt 18 muss erklärt werden, ob Ansprüche gegen die Gesellschafter bestehen. Es gibt auch vier Tipps, worin diese Ansprüche bestehen können:

  1. auf Erbringung der Einlage
  2. aus ungerechtfertigter Bereicherung
  3. aus Darlehn (ja, altmodisch ohne "e" geschrieben)
  4. aus sonstigen Verpflichtungen

Im Rahmen von Insolvenzverfahren kommt es regelmäßig zu sogenannten Anfechtungsklagen gegen Gesellschafter und andere Gläubiger, die sich vor der Insolvenz in den Punkten a-d unrühmlich hervorgetan haben. Welche Gesellschafter aber hat ein Staat? Wähler? Steuerbürger? Einwohner?

Dass bei 2 Billionen Schulden und 550 Milliarden Einnahmen Insolvenz angemeldet werden muss, ist eigentlich klar. Ein Kleinbetrieb mit 500.000 Euro Umsatz kann ja im nächsten Jahr seinen Umsatz verdoppeln. Ein Staat mit 82 Millionen Einwohnern und 3.500 bilateralen Verpflichtungsverträgen nicht. Aber was sollen ich oder einmal meine drei Söhne dann ins Vermögensverzeichnis schreiben?

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Auf dem Display sehe ich eine Frankfurter Nummer. Mit meinem fünfjährigen Sohn stehe ich an einem Apriltag auf dem Vorderdeck des Raddampfers Diessen. "Hier ist das Büro von Herrn Steltzner. Herr Steltzner möchte gerne mit Ihnen sprechen."

Holger Steltzner ist Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ich hatte ihn in einem persönlichen Brief angeschrieben, ob es nicht möglich sei, die von mir errechneten Zahlen zur Tilgung der deutschen Staatsschulden auch in der FAZ zu veröffentlichen. Steltzner erklärt mir freundlich, dass weder er noch die FAZ je solchen unqualifizierten Hirngespinsten Raum geben werden. Schulden, so Steltzner, werden durch Wirtschaftswachstum getilgt. Oder es kommt die Währungsreform. Außerdem soll der Staat erst mal sparen. Aber man könne ja dazu mal ein Streitgespräch machen, wen ich denn vorschlagen könne. "Dr. Schäuble", fällt mir ein. Steltzner meldete sich nie wieder.

Ein paar Monate später veröffentlichte Jürgen Kaube eine Glosse im FAZ-Feuilleton. Der Titel "Selbst schuld" bezieht sich auf das Tilgen: Wer wider jede ökonomische Vernunft selbst tilgt, ist selbst schuld. Das stimmt übrigens, denn der Tilger sieht ja die Staatsschuld in chronischer Verkennung der Realität als seine eigene an.

Meine Frau ist genervt: "Wieso müssen wir denn selbst auch tilgen?" "Weil ich sonst unglaubwürdig bin", sage ich. "Du unglaubwürdig? Du investierst doch so viel Zeit darin und läufst nur gegen die Wand damit. Aber Du bist doch alles andere als unglaubwürdig!"

Wir überweisen 1.500 Euro auf das Sonderkonto Tilgung Staatsschuld, Konto-Nr. 221 672 58 bei der Sparkasse Dießen-Landsberg, BLZ 700 520 60. Einige Studenten überweisen jeweils 20 Euro. Sie bekommen ein schönes Tilgungszertifikat.

Berlin. Ich besuche den Initiator des Appells für eine Vermögensabgabe, Dieter Lehmkuhl. Seine Altbauwohnung in Berlin-Frohnau erinnert mich an meine Studentenzeit in Berlin: geschliffene Dielenböden, Mitbringsel aus exotischen Ländern, regierungskritische Literatur und eine Dosis Jugendstil. Trotz Schnee und Eis bin ich mit Flugzeug und Taxi aus München gekommen. Es hat mich weitere 460 Euro gekostet.

Lehmkuhl ist Erbe eines Brauereibetriebes und steht nicht gerne in der Öffentlichkeit. Er serviert mir knusprigen, selbstgebackenen Stollen - und schickt mich unverrichteter Dinge nach Hause. Die Millionäre um Lehmkuhl wollen nicht nur nicht mit tilgen. Sie werden nicht einmal unter "Links" auf unsere Initiative www.hurrawirtilgen.de, noch auf die Presse dazu verlinken. Aus der Traum von einer Vereinigung der Initiativen.

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