An die Geldhamster

Vor 100 Jahren plante Bayerns oberster Finanzherr Silvio Gesell, negative Sparzinsen einzuführen

Wie kann das Geld seine alles überlagernde Bedeutung verlieren? Vielleicht, indem es nicht mehr wie früher in Truhen aufbewahrt wird und künftig nur noch im bargeldlosen Verkehr fließt. Diesen Gedanken formuliert Rainer Maria Rilke in einem Brief an seinen Bankiersfreund Karl von der Heydt. Abstrakt, imaginär, nicht greifbar: So soll, ginge es nach Rilke, das Geld der Zukunft aussehen. Momentan treffen diese Adjektive nur auf Rilkes Theorie zu. Er sieht ein, dass seine Idee noch ein wenig der Bearbeitung bedarf. Den Brief schickt er nicht ab.

Silvio Gesell (1895)

An diesem 7. April 1919 könnte Rilke der Lösung seines Problems ein Stück näher kommen. In München, der Stadt, in der er seit Ausbruch des Krieges lebt, regiert ein Revolutionärer Zentralrat. Die Minister heißen jetzt Volksbeauftragte, und ihr Land, der Freistaat Bayern, ist ab sofort eine Räterepublik wie zuvor schon Russland und Ungarn. Das Finanzresort leitet ein gewisser Silvio Gesell, von dem Rilke bislang noch nichts gehört hat. Es gibt aber eine Verbindung: Rilke hat Georg Simmels "Philosophie des Geldes" studiert, auf dessen Erkenntnisse sich Gesell zwar nicht ausdrücklich bezieht, die er aber teilt.

Ursprünglich der Gemeinschaft dienend, als Tauschersatz und Wertmesser, ist das Geld zum materiellen Gut geworden. Gegenüber anderen materiellen Gütern hat es den Vorteil, dass es sich bequem anhäufen, jederzeit einsetzen und überall, in beliebiger Menge, mit sich führen lässt. Der erhöhte Anreiz, es zu besitzen, hat Geld, so Simmel, zu einem Wert an sich gemacht. Auch sein Zweck hat sich geändert: Es wird nicht mehr ausschließlich eingesetzt, um zu bezahlen. Attraktiver ist es, es zu besitzen. Gesell geht noch einen Schritt weiter: Wer Geld besitzt, wird dafür belohnt, da bereits seine bloße Lagerung Gewinn abwirft, in Form von Zinsen. Es vermehrt sich automatisch, ohne dass sein Besitzer dafür eine Leistung erbringen muss. Beim Verpachten von Land oder dem Vermieten einer Immobilie verhält es sich ähnlich.

In Banken lagerndes Kapital wird dem Produktionszyklus entzogen und nicht mehr investiert. Laut Gesell dürfte es daher keinen Bonus einbringen, ebenso wenig wie nicht vom Eigentümer bewirtschaftetes Land und nicht vom Vermieter genutzter Wohnraum. Auf Geld will Gesell negative Zinsen erheben (jährlich etwa 5,2 Prozent), privaten Grundbesitz in genossenschaftlichen umwandeln. Wird ruhendes Geld mit einem Malus belegt, muss es "wie die Waren verrosten, verschimmeln, verfaulen." Dies nun ist der Anreiz, es wieder zu investieren und in produktive Prozesse einfließen zu lassen. Durch Aufhebung der Golddeckung und die Einführung freier Wechselkurse soll der Geldwert marktwirtschaftlichen Prinzipien unterliegen. Ein Entrinnen ins Gold oder in ausländische Devisen wäre keine Lösung, ebenso wenig die bei Kaufkraftverlusten übliche Flucht in Sachwerte, die Gesell bei Nichtnutzung enteignen will.

Drei Jahre zuvor hatte Gesell sein Hauptwerk "Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" veröffentlicht, zunächst im Selbstverlag im schweizerischen Les Hauts-Geneveys. Dort besitzt er einen Bauernhof und züchtet Vieh und Bienen. Das Gut will er verkaufen, um sich künftig ganz der Politik und seinem Projekt zu widmen. Anfang 1919 startet er eine Vortragsreise durch Deutschland, mit München, Berlin und Leipzig als ersten Stationen. Auch sucht er einen größeren Verlag für sein Werk. Gustav Landauer und Erich Mühsam, beide an der Räterepublik beteiligt, kennen es bereits und teilen das anarchistische Gedankengut des Autors. Sie schlagen Gesell als Volksbeauftragten für Finanzen vor.

Unabhängig von ihnen hat der Zentralratsvorsitzende Ernst Niekisch um Gesells Dienste angefragt. Er hat ihn sogar schon nach Bayern gelotst - mit noch sehr zögerlichem Einverständnis des SPD-Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann. Am 3. April trifft Gesell in München ein. Eine richtige Aufgabe hat er noch nicht. Erst als Hoffmann am Montag darauf samt Kabinett vor der Räterepublik nach Bamberg flieht, ist für ihn der Weg ins Ministeramt frei. Sofort macht er sich an die Arbeit.

Über sein politisches Programm hat Gesell sich bereits in der Schweiz ausgelassen: "Der Zukunftsstaat soll die persönliche Freiheit, das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, die Selbstverantwortung, die freie Berufswahl, die Freizügigkeit, auch das private Eigentum jedem Menschen in der absolutesten Form gewährleisten. Jeder soll nach Lust, nach seinen persönlichen Bedürfnissen arbeiten. Keine Beaufsichtigung, keine Verordnungen, keine Bürokratie - im Gegenteil weitgehendste Entstaatlichung des heutigen Staates. Keine Erweiterung, sondern Einengung der staatlichen Aufgaben und Befugnisse." Zwei Jahrzehnte veranschlagt Gesell, bis sein Modell zum Tragen kommt. Doch wie lange Zeit wird ihm wirklich bleiben?

"Rostende" Banknoten und Genossenschaften

Silvio Gesell wurde am 17. März 1862 im Eifelstädtchen Sankt Vith geboren. Seine Biografie ist typisch für die Geschichte und die sozialen Bedingungen im heute belgischen, damals zur Rheinprovinz gehörenden Grenzgebiet. Das siebte von neun Kindern eines protestantischen preußischen Beamten und einer katholischen wallonischen Lehrerin besuchte das Gymnasium in Malmedy. Später musste er es verlassen, da "das tausendmal verfluchte Geld" zum Schulbesuch fehlte. In Berlin, wo sich bereits zwei seiner Brüder niedergelassen hatten, kam Gesell kurzfristig unter, vermutlich im Weinhandel seines Onkels Romain Talbot. Bald danach schloss sich ein zweijähriger Aufenthalt in Malaga an, ebenfalls im Weingeschäft.

Später wanderte Gesell nach Argentinien aus. Dort erlebte er mehrere wirtschaftliche Krisen, das zusätzliche Abwürgen der Konjunktur durch Deflation und Geldhortungen, daraus resultierende Firmenpleiten mit Massenentlassungen und sozialen Unruhen. Er stellte erste Überlegungen an, wie mit "rostenden" Banknoten Investitionen begünstigt und die Geldmenge durch Angebot und Nachfrage gesteuert werden konnte. Wieder zurück in Europa, verfeinerte er sein Modell und verknüpfte seine Freigeldtheorie mit einer Boden- und Steuerreform. Jeder Einzelnen sollte nur so viel an Grund besitzen, wie er in Eigenarbeit bewirtschaften konnte. Niemand dürfe, so Gesells Credo, auf Kosten anderer leben. Vor allem soll niemand, auch da geht er mit Marx konform, anderer Menschen Arbeit zur Vermehrung seines Kapitals ausbeuten.

Doch sieht sich Gesell keineswegs als Marxist, sondern als Freiwirtschaftler, und glaubt an die Kräfte des Marktes, der freilich von Monopolen und Kartellen bereinigt werden muss. Einen Staatskapitalismus lehnt er ab, eine zentrale Planwirtschaft mit Kontrollzwang und überbordender Bürokratie würde jede unternehmerische Initiative ersticken. Stattdessen setzt Gesell auf arbeitsteilige Modelle in Form von Genossenschaften. Hier weiß er sich wiederum mit Gustav Landauer einig, der in der Räterepublik für Bildung und Volkserziehung zuständig ist.

"Durch Freigeld wird der Kapitalismus restlos beseitigt"

Gesell bezieht seine Amtsräume im Wittelsbacher Palais, wo Bayerns letzter König Ludwig III. bis zu seiner Flucht vor der Revolution und aus München residiert hatte. Gleich in seinem ersten Memorandum stößt er diejenigen vor den Kopf, deren Lebenssituation er langfristig verbessern möchte. Der nach vier Kriegsjahren große Not leidenden Bevölkerung eröffnet Gesell, sie könne unmöglich mit Preissenkungen rechnen, denn diese "erdrosseln unfehlbar und hoffnungslos jede Volkswirtschaft". Preissteigerungen dagegen hätten den Vorteil, zu einer raschen Schuldentilgung beizutragen. Droht eine Inflation, greift die Währungsaufsicht ein und deckelt die Preise. Damit diese sich auch ohne dirigistische Maßnahmen auf vernünftig hohem Niveau einpendeln, wird die "absolute Währung" eingeführt und mit dem "Freigeld die ganze Volkswirtschaft auf das kräftigste belebt, da endlich unter der dauernden Wirkung des Freigeldes der Zinsfluß automatisch sinkt und die Löhne entsprechend steigen".

Gesell scheint sehr von seinem Konzept eingenommen. Ein Scheitern? Kommt nicht infrage! Alle möglichen Einwände ignorierend verweist er auf sein Standardwerk, in dem sich jeder Interessierte über Wesen und Wirkung des Freigelds informieren kann. Am Ende gibt sich Gesell überzeugt, "daß durch Freigeld der Kapitalismus restlos beseitigt und am Wiedererstehen mit absoluter Sicherheit verhindert wird."

Auch nördlich des Mains macht sich Gesell wenig Freunde. Die Räterepublik werde "in Bezug auf die Währung selbständig vorgehen", droht er der Reichsbank in Berlin an. "Ich will mit durchgreifenden Mitteln die Währung sanieren, verlasse die Wege der systemlosen Papiergeldwirtschaft, gehe zur absoluten Währung über und bitte um Bekanntgabe Ihrer Stellungnahme." Letztere kommt umgehend, vom Reichsbankpräsidenten persönlich. Rudolf Havenstein reichen dazu fünf Wörter: "Ich warne Sie vor Experimenten!"

Gesell lässt sich nicht beirren. In weniger als einer Woche, vom 9. bis 15. April, verlassen 15 Verordnungen, programmatische Entwürfe und Aufrufe ("Gegen die Papiergeldflut", "An die Geldhamster") sein Ministerium. Um auch nur irgendetwas in die Tat umzusetzen, reicht die Zeit nicht. Die erste Räterepublik in Bayern fällt einer aus Bamberg befohlenen stümperhaften Intervention zum Opfer. Der so genannte Palmsonntagputsch misslingt, die Kommunisten übernehmen. Ihre Räterepublik wird am 1. Mai von Berlin aus, auf Geheiß von Reichspräsident Ebert und Reichswehrminister Noske und unter Zuhilfenahme rechtsgerichteter Freikorps, blutig niedergeschlagen. Gesell muss einen Hochverratsprozess über sich ergehen lassen, wegen seines beabsichtigten Vorgehens gegen die Reichsbank und damit gegen den Staat. Er hält eine beeindruckende Verteidigungsrede und wird, anders als der Großteil der Räterepublikaner, freigesprochen. Nur darf er sich nicht länger in Bayern aufhalten. Im brandenburgischen Eden bei Oranienburg gründet er mit Gleichgesinnten eine Obstbaugenossenschaft. Sie besteht bis heute.

Freigeld nach Gesell Modell: Physiokratisches Geldes von Georg Blumenthal (1919)

Gesells Freigeldexperiment findet ebenfalls noch statt, im tirolischen Wörgl. Ein Jahr hat die zinsfreie Wirtschaft mit eigens von der Gemeinde herausgegebenen Geldscheinen Bestand. Dann wird sie von der österreichischen Regierung verboten, die Nationalbank fürchtet um ihr Geldmonopol. Dabei kann sich das Ergebnis sehen lassen: Die Arbeitslosigkeit in der Gemeinde in Wörgl geht innerhalb eines Jahres um ein Viertel zurück, während sie im selben Zeitraum im übrigen Österreich um zehn Prozent steigt. Freigeldinitiativen nach Gesells Modell entstehen auch in der Schweiz, in Argentinien, Brasilien und den USA. Sie alle erlebt der Urheber nicht mehr. Am 11. März 1930 stirbt Silvio Gesell in Eden an einer Lungenentzündung.

PS: Im abgelaufenen Jahr 2018 betrug die Summe aller weltweit produzierten Güter und erbrachten Dienstleistungen laut Weltbank knapp 85 Billionen Dollar. Die Summe aller außenstehenden Terminwetten auf Aktien, Währungen, Zinsen und Rohstoffe etc. bezifferte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Ende 2018 auf 595 Billionen Dollar. (Ralf Höller)

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