Analyse von Songtexten: Die Wut nimmt zu

In den 1950er Jahren waren die Texte der Popsongs in einer US-Hitliste nach einer Studie deutlich besser gestimmt

Es ist keine schöne Zeit, eher schon eine düstere. Die Konflikte, die Wut, die Intoleranz nehmen zu. Fast überall sind in den letzten Jahren Parteien entstanden oder haben sich durchgesetzt, die unter Vorgebung apokalyptischer Szenarien aggressiv gegen den politischen Liberalismus und gegen Minderheiten vorgehen und vorgeben, für ein wahnhaft identisches Volk zu sprechen. Kampf ist zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft und gegenüber "Fremden" angesagt, der Hasslevel steigt an, auch zwischen Staaten und Staatenblöcken. Die herrschende Stimmung im neuen Kalten Krieg schlägt sich nach einer Studie auch in der zeitgenössischen Popmusik nieder, behauptet eine Studie.

Kathleen Napier und Lior Shamir von der Lawrence Technological University in Michigan haben versucht, wie sie in ihrem Beitrag für das Journal of Popular Music Studies schreiben, die Songtexte von 2018 mit denen aus früheren Jahrzehnten zu vergleichen, also auch mit denen aus der Zeit des Kalten Kriegs, wo nicht verschiedene Staaten aus geopolitischen Interessen wie jetzt miteinander konkurriert haben, sondern zwei Blöcke mit zwei unterschiedlichen Wirtschaftsmodellen und politischen Visionen.

Die Wissenschaftler haben Songtexte der Billboard Hot 100, einer Hitliste in den USA, seit den 1950er Jahren sprachlich untersucht, insgesamt waren es über 6000 Texte. Früher wurde das Ranking der Songs nach Verkaufszahlen oder Wiedergabe im Radio erfasst, in den letzten Jahren wurde auch Streaming und soziale Medien einbezogen. Bewertet wurde die Stimmung, die in den Texten zum Ausdruck kommen sollen, mit einer automatischen Gefühlsanalyse, die Wörter und Satzteile bewertet. Die Kombination aller Wörter und Satzteile ergibt dann die Stimmung eines Songs. Die Wissenschaftler haben dann die Top-100-Songs eines jeden Jahres zu einem Durchschnitt zusammengefasst. Damit lassen sich dann die durchschnittlichen Stimmungen über die Jahre hinweg vergleichen. Dabei geht es eher um die Musik, die bei den Amerikanern jeweils am besten ankam, nicht um die Musik selbst.

War in den 1950er Jahren noch alles gut?

Nach der so durchgeführten Analyse bis zum Jahr 2016 geht es mit der Stimmung schon lange den Bach herunter. Irgendwie hat seit den 1950er Jahren die Wut oder der Hass zugenommen. Allerdings nicht ganz kontinuierlich. Zwar sind die Songs in den 1950er Jahren - nach dem Zweiten Weltkrieg - am wenigsten wütend, aber es gibt zwischen 1984 und 1986 noch eine kurze Unterbrechung des Anstieg des Wutlevels, bis dann ab Mitte der 1990er Jahre - mit dem Ende des Kalten Kriegs, dem Anstieg des Terrorismus, der Alternativenlosigkeit des Kapitalismus und dem Wissen um dessen zerstörerische Folgen für die Umwelt und die Gesellschaft - die Liedtexte wütender wurde, mehr als zuvor und mit einem Höhepunkt 2015.

Nach der Analyse seien auch Traurigkeit, Abscheu und Angst angewachsen, aber nicht so stark wie die Wut. Angst etwa stieg während der Mitte der 1980er Jahre an, um dann 1988 stark zurückzugehen, als die Spannung der Blöcke abnahm. Es gab aber noch einmal eine massive Zunahme der Angst in 1998 und 1999, vielleicht als Folge der Kriegserklärung von bin Laden an die USA, der Anschläge auf US-Botschaften in Daressalam und Nairobi und der gescheiterten Angriffe der USA auf Ziele im Sudan und in Afghanistan. Interessanter ist vielleicht, dass Freude in den Songtexten der 1950er Jahre überwogen hat, aber seitdem mit einem Peak Mitte der 1970er Jahre - immer weniger wurde.

Die Wissenschaftler betonen, dass nach ihrer Analyse die Amerikaner in den 1950er Jahren Freude - man könnte auch sagen: Optimismus - bevorzugt haben, während sie jetzt eher Traurigkeit oder Wut bevorzugen. Das ist unabhängig davon, was die Musiker zum Ausdruck bringen wollen, könnte aber gut damit übereinstimmen. Das müsste man gesondert untersuchen. Ungeklärt bleibt freilich, wenn die Analyse den Trend richtig erfasst hat, warum die Wut ansteigt und die Freude, also ein wohlwollendes, vertrauensvolles und erwartungsvolles Verhältnis zur Gesellschaft, zur eigenen Situation und zu den Mitmenschen, immer weiter abgenommen hat.

Vielleicht haben die Menschen nach dem Erwartungshoch der 1960er Jahre auf Veränderungen resigniert. Dazu kommt die Alternativenlosigkeit des Kapitalismus, also der Wegfall der Vision einer anderen Gesellschaftsorganisation. Dass eine andere Welt möglich ist, glauben immer weniger, während immer deutlicher wird, dass die Weltgesellschaft trotz anderslautender Parolen und Übereinkommen die Natur zerstört und die Klimaerwärmung weiter verstärkt, während die Ungleichheit in den reichen und armen Gesellschaften zunimmt. No Future macht wütend, der Tanz auf dem Vulkan ist nicht fröhlich, Dystopien überzeugen einfach eher als Utopien. (Florian Rötzer)

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