Anatomie einer Jungfrau

The Moon is Blue

Otto Preminger und die Herrschaft des Gesetzes

2014 könnte das Jahr des Rechtsstaats (in der Krise) werden. Obama hat versprochen, die Gesetze besser zu beachten, wenn er gegen den Terror kämpft, und seine Redenschreiber bedienen sich jetzt schon bei Eisenhower, auf dass auch die Idee von der rule of law zur Platitüde werde, wenn der Präsident den Begriff vom Teleprompter abliest. Ein SPD-Innenpolitiker, ein kanadischer Anbieter von pädophiler Schmuddelware, das Bundeskriminalamt und ein Staatsanwalt haben uns ein Schmierentheater der politischen Parteien und der durch die Talkshows ziehenden Empörungsexperten beschert, in dem munter Moral und Strafrecht vermischt werden und jeder der Akteure den "Rechtsstaat" bemüht, wie er ihn gerade brauchen kann. Der Erfinder des "Supergrundrechts Sicherheit" musste als Agrarminister zurücktreten, weil er als Innenminister überfordert war, präsentierte sich im Frühstücksfernsehen als Held der Zivilcourage und plädierte dafür, Gesetze zu ignorieren oder kurzerhand abzuschaffen, die ihm nicht in dem Kram passen. Puzzling Evidence, um es mit den Talking Heads zu sagen. Was sagt das Kino über den Rechtsstaat, was kann es zur Entwirrung dieser unübersichtlichen Gemengelage beitragen? Nicht viel, wenn man den deutschen Film betrachtet. Vage kann ich mich an den mit Silbernen Bären und anderen Preisen dekorierten Norbert Kückelmann erinnern, dessen Beiträge zum Thema nie auf DVD erschienen sind und im Archiv vergammeln. Andere Länder haben uns da einiges voraus, was nicht nur an den Unterschieden im Prozessrecht liegt. Den besten Gerichtsfilm, den ich kenne, hat ein in die USA emigrierter Österreicher gedreht. Deshalb heute:

Filme, die man gesehen haben muss, ehe einen die Demenz ereilt - Folge 5: Anatomy of a Murder

Niedere Formen der sexuellen Beziehung

Bevor wir zu den Anwälten kommen, wollen wir uns kurz zwei anderen Berufsgruppen zuwenden: Der erfolgreiche Architekt Don Gresham (William Holden) folgt der nicht so erfolgreichen Schauspielerin Patty O’Neill (Maggie McNamara) auf die Aussichtsplattform des Empire State Building und lädt sie zum Abendessen ein. Patty erklärt sich bereit, mit in seine Wohnung zu kommen. Während der Taxifahrt sagt sie ihm, dass sie noch Jungfrau ist und entschlossen, das auch zu bleiben. Im Verlauf des Abends stößt der alternde, im selben Haus wohnende Playboy David Slater (David Niven) dazu, der Vater von Dons Ex-Freundin Cynthia (Dawn Addams). Es entspinnen sich Gespräche über Geschlechterbeziehungen und Sexualmoral. Beide Möchtegern-Verführer sind frappiert, mit welcher Offenheit Patty über solche Dinge spricht. Der jungen Frau gelingt es, die Nacht mit intaktem Jungfernhäutchen zu überstehen. Am nächsten Morgen, wieder auf dem Empire State Building, macht ihr Don einen Heiratsantrag.

Das ist die Kurzfassung von Otto Premingers The Moon is Blue, des vielleicht größten Film-Aufregers des Jahres 1953 in Eisenhowers Amerika (zeitgleich und in denselben Sets drehte Preminger die deutsche Version mit Johanna Matz, Hardy Krüger und Johannes Heesters in den Hauptrollen: Die Jungfrau auf dem Dach). Von heute aus betrachtet ist The Moon is Blue die etwas wortlastige, ziemlich souverän inszenierte und hervorragend gespielte Verfilmung eines mittelprächtigen Bühnenstücks des gebürtigen Wieners F. Hugh Herbert, dessen Heldin erkannt hat, dass in der Konsumgesellschaft auch die sexuelle Unberührtheit eine Ware ist, die es sich zu hüten lohnt, weil sie sich gegen die Ehe mit einem gut situierten Mann eintauschen lässt, der ein Apartment mit hochmodernem Müllschlucker bewohnt. Damals ging diese ätzende Botschaft glatt unter, weil man sich über Worte wie "virgin", "seduce" und "pregnant" erregte, die man so wie hier, eingebettet in einen sexuellen Kontext, in amerikanischen Kinos nicht mehr gehört hatte, seit der erzreaktionäre Katholik Joseph I. Breen damit betraut worden war, die im Production Code niedergelegten Regeln zur Selbstzensur der Industrie durchzusetzen. Das war im Jahr 1934 gewesen.

The Moon is Blue (oben), Die Jungfrau auf dem Dach

Zum Meilenstein wurde The Moon is Blue nicht wegen seiner künstlerischen Qualitäten, sondern weil er der amerikanischen Filmindustrie einen Weg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit wies und hin zu Stoffen für Erwachsene, die seit 1934 mit einem Tabu belegt waren und nur verklausuliert behandelt werden durften oder so, dass Breen und seine Leute von der Production Code Administration (PCA) es nicht bemerkten. In The Moon is Blue wird alles so direkt ausgesprochen, dass ein Überhören unmöglich war. Weil die Sexkomödie auf die Dialoge beschränkt bleibt, Pattys Keuschheit mit Dons Heiratsantrag belohnt wird und Playboy David dafür da ist, die Lüsternheit zu brandmarken, blieben Skandale aus, als die Bühneninszenierung erfolgreich durch die USA tourte. Das ermutigte die Paramount, das Stück bei der PCA zur Begutachtung einzureichen. Breen antwortete am 26. Juni 1951, dass ein solcher Film völlig inakzeptabel sei: "Das Unakzeptable ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass der Humor in diesem Stück fast zur Gänze auf einer unbeschwerten und heiteren Behandlung des Themas unerlaubter Sex und Verführung beruht. Auch wenn es in der Geschichte keine wirkliche Verführung gibt, scheint mir die generelle Haltung dem unerlaubten Sex gegenüber doch gegen die Klausel im Code zu verstoßen, in der es heißt: ‚Aus Filmen soll nicht abzuleiten sein, dass niedere Formen der sexuellen Beziehung akzeptiert oder normal sind.’ Außerdem schreibt der Code ausdrücklich vor, dass Verführung oder unerlaubter Sex nie der Gegenstand einer Komödie oder einer Farce sein sollen, oder dass sie den Stoff für Gelächter abgeben."

The Moon is Blue

Mehr oder weniger wortgleich fielen Breens Antworten an alle anderen aus, die nach der Paramount anfragten, ob er eine Verfilmung gestatten würde: an die Warner Bros., an den Autor des Stücks und schließlich an Otto Preminger, bis dahin Vertragsregisseur in Hollywood, der im Oktober 1951 ankündigte, dass er The Moon is Blue als unabhängige Produktion in New York realisieren werde, mit Herbert als Partner. Im April 1952 unterschrieben die beiden einen Kontrakt mit der United Artists, die den Film finanzieren und verleihen würde. Es war das erste Mal in seiner Karriere, dass Preminger einen Film in künstlerischer Freiheit drehen konnte und das Recht auf den final cut hatte, die letzte Schnittfassung. Das wollte er sich von der PCA nicht wieder nehmen lassen. Am 26. Dezember 1952 schickte er einen Drehbuchentwurf an Breen. Dieser antwortete am 2. Januar, dass der Film niemals die Freigabe erhalten werde. Angefügt waren drei Seiten mit gegen den Code verstoßenden Dialogsätzen: "Men are usually so bored with virgins" und so weiter. Am 6. Januar teilten Preminger und Herbert der PCA mit, dass sie entschlossen seien, das Stück zu verfilmen wie geplant. Das war mutig und doch ein kalkuliertes Risiko, denn Preminger war zu klug, sich auf einen Kampf einzulassen, den er nicht gewinnen konnte. Umgekehrt wirkt die Auseinandersetzung im Rückblick, als habe sich ein von gesundheitlichen Problemen geplagter Joe Breen zu einer letzten Schlacht aufgerafft.

Explosionen auf dem Dach

Der Hintergrund: 1948 urteilte der Oberste Gerichtshof der USA in einem gegen die Paramount angestrengten Verfahren, dass die Praxis der "vertikalen Integration" (Produktion, Verleih und Abspielstätten in einer Hand) gegen die Antikartellgesetze verstieß. Die großen Studios waren gezwungen, sich von ihren Kinoketten zu trennen. Die fünf Majors aus der nun zu Ende gehenden Ära des Studiosystems (Fox, MGM, Paramount, RKO, Warner) hatten den Code maßgeblich mit ausgehandelt und akzeptiert, dass kein Film ohne Prüfsiegel der PCA in den von ihnen betriebenen Kinos gezeigt werden durfte. Dadurch waren auch die kleineren Konkurrenten gezwungen, sich an den Code zu halten. Nach der Paramount-Entscheidung wurden die Karten neu gemischt. Filmemacher, die sich nicht länger gängeln lassen wollten, fanden Verbündete in Kinobesitzern sowie in kleineren Studios (und in der Folge auch den Majors), die nach Programmen mit Inhalten Ausschau hielten, die das Fernsehen nicht bieten konnte, weil dort die finanzstarken Werbekunden den Ton angaben und die Moralvorstellungen von gestern oder vorgestern hochhielten.

The Moon is Blue

Wie sehr alles im Fluss war kann man daran sehen, dass die United Artists Ende Januar 1952 den Passus aus dem Vertrag mit Preminger und Herbert strich, in dem diese sich verpflichteten, einen Film mit Prüfsiegel der PCA abzuliefern. Preminger hatte da schon mit den Dreharbeiten begonnen und das Management der UA nicht zuletzt dadurch für sich eingenommen, dass er versprach, in nur 24 Produktionstagen (und 10 Tagen für die Proben) und mit einem sehr moderaten Budget von 350.000 Dollar zwei Filme herzustellen, die amerikanische und die deutsche Version. Am 18. Februar 1952 fiel die letzte Klappe, am 8. April war Vorpremiere in Pasadena, am 10. April rief Breen bei Preminger an und teilte ihm mit, dass sein Film nach Prüfung durch die PCA kein Siegel erhalten könne. Das war der Auftakt zu mitunter sehr heftig (und sehr öffentlich) ausgetragenen Streitigkeiten.

Gegen die Entscheidung legten Preminger und die United Artists Einspruch bei der Motion Picture Association of America ein, dem von den Majors gebildeten Verband der Produktionsgesellschaften, der sich als Interessenvertretung der gesamten Filmindustrie verstand (was die anderen nicht immer genauso sahen). Die Beschwerde wurde abgewiesen. Theoretisch war das kein Hinderungsgrund für eine Kinoauswertung mehr, weil die nach der Entscheidung des Supreme Court von den Studios verkauften Kinos nach dem Eigentümerwechsel von der MPAA getrennt waren. The Moon is Blue war der Testfall, an dem sich erweisen würde, wie sehr sich die Theorie mit der Praxis deckte. Das hätte durchaus schiefgehen können. Das Risiko zahlte sich aus, weil sich Preminger mit viel Verve in die Debatte warf und die United Artists, unterstützt von Preminger, eine klug ausgedachte Verleihstrategie fuhr. Preminger setzte auch durch, dass der Graphikdesigner Saul Bass in die ästhetisch anspruchsvolle Werbekampagne einbezogen wurde. Das war der Beginn einer sehr fruchtbaren Zusammenarbeit. Bass und Preminger taten in den folgenden Jahren viel für den Einzug der modernen, mit Abstraktion statt mit altbackenen Starbildern arbeitenden Kunst in die Welt der Filmplakate - siehe die von Bass gestalteten Plakate für die Preminger-Filme The Man with the Golden Arm, Saint Joan, Bonjour Tristesse etc. Aus dem Vorspann, sonst eine lästige Pflichtaufgabe, machten sie eine spannende Angelegenheit (Bass arbeitete auch mit Hitchcock und Billy Wilder zusammen).

Plakate von Saul Bass zu "Bonjour Tristesse" "The Man with the Golden Arm" und "Saint Joan"

The Moon is Blue kam zugute, dass das noch eine Zeit war, in der nicht simultan Hunderte von Kopien auf den Markt geworfen wurden und das erste Wochenende über Erfolg oder Misserfolg entschied. Vielmehr gab es nach und nach gut besuchte Vorpremieren und Premieren in großen Städten, begleitet von Kritiken, deren Autoren darüber schrieben, dass diesem an sich harmlosen Film das Siegel der PCA verweigert worden war. Das verringerte die Bedenken zunächst skeptischer Kinobetreiber. Am 30. Juni 1953 meldete das Branchenblatt Variety, dass drei große Kinoketten The Moon is Blue gebucht hatten. Stellvertretend für die amerikanischen Mainstream-Kritiker kann Bosley Crowther von der New York Times stehen. Crowther berichtete am 12. Juli, dass er eine Sprache gehört habe, die im alltäglichen Gebrauch nichts Besonderes mehr sei, in einem Film aber "wie kleinere Explosionen" klinge.

Diese verbalen Explosionen wollten auch viele seiner Landsleute hören, obwohl einflussreiche Lobbygruppen wie die katholische Legion of Decency und die (ebenfalls katholische) Parent-Teacher League den Film verdammten. Francis Spellman, Kardinal mit Sitz in New York, veröffentlichte in mehreren Zeitungen einen Brief, in dem er das Sündige des Films betonte, den er selbstredend nie gesehen hatte, und James Francis McIntyre, sein Amtskollege aus Los Angeles, ließ in allen Kirchen seines Bistums einen Hirtenbrief verlesen, in dem er eindringlich vor dem Kinobesuch warnte. In der ein eher intellektuelles Publikum ansprechenden Saturday Review (27. Juni 1953) erschien ein Artikel, in dem es hieß, dass es bei der Kontroverse um The Moon is Blue weder um große Kunst noch um Fragen des guten Geschmacks gehe: "Die Frage ist vielmehr, ob amerikanische Filme weiterhin durch Regeln gelähmt werden sollen, die das Themenspektrum der Filme, ihre Moral und ihre Sprache auf etwas beschränken, das man als geeignet für Kinder oder eine kindähnliche Mentalität ansieht." Zumindest das amerikanische Militär beantwortete die Frage mit einem Ja. Die Komödie über die Jungfrau vom Empire State Building wurde für alle Waffengattungen als ungeeignet eingestuft und durfte in militärischen Anlagen nicht gezeigt werden.

Moral Minority

Auf der von Variety erstellten Liste mit den erfolgreichsten Filmen des Jahres 1953 nahm The Moon is Blue den 15. Platz ein. Für eine unabhängige Produktion in einer nach wie vor von den Majors dominierten Kinolandschaft war das mehr als beachtlich. William Holden hatte auf einen Teil seiner üblichen Gage verzichtet und dafür eine Gewinnbeteiligung erhalten. Später erzählte er, dass er, Preminger und Herbert von Anfang an auf eine werbewirksame Konfrontation mit Joe Breen spekuliert hätten. Das kann man ihm so glauben. Natürlich war Otto Preminger auch ein geschäftstüchtiger Showman. Als Regisseur und Produzent in Personalunion brach er verkrustete Strukturen auf und öffnete Türen, durch die später andere hindurchgingen, ohne sich bewusst zu sein, dass da je welche gewesen waren. Ohne das Talent, für sich und seine Filme kräftig die Werbetrommel zu rühren, hätte er gar nicht überleben können. Dabei ging es aber auch immer um Grundsätzliches - um Werte, für die Preminger eintrat und die er verteidigte, weil sie konstituierende Bestandteile der Demokratie sind.

Für Preminger gab es einen fundamentalen Unterschied zwischen den Gesetzen eines Rechtsstaats und der Zensur, die er bekämpfte wo er konnte, weil er die Meinungs-, Informations- und Kunstfreiheit für den besten Schutz gegen Diktaturen und Totalitarismen aller Art hielt. Seiner Überzeugung nach hatten in einer freiheitlichen Gesellschaft ordentliche Gerichte in öffentlicher Verhandlung darüber zu befinden, ob ein Film (oder ein darin gesprochenes Wort) obszön, gewaltverherrlichend oder was auch immer war, nicht dubiose Einrichtungen wie die PCA, die vorab in Hinterzimmern entschieden, was ein Filmemacher zeigen und ein Kinozuschauer sehen durfte. Heimlichkeit und alle Formen von fürsorglicher Bevormundung waren ihm ein Graus, weil sie langfristig zerstören würden, was angeblich geschützt werden sollte. Darum scheute er keinen Konflikt mit den Zensoren. Das zog eine Reihe von Gerichtsverfahren nach sich, bei der Richter und Geschworene in aller Regel zugunsten von The Moon is Blue urteilten.

Preminger klagte gegen die Zensurbehörden von Maryland und Kansas, die eine Aufführung des Films verhindert hatten, weil er kein PCA-Siegel hatte. Der Richter, der im Dezember 1953 die Aufführung in Kansas erlaubte, erklärte in seiner Urteilsbegründung, dass der Production Code eindeutig verfassungswidrig wäre, wenn es sich dabei um ein Gesetz handeln würde. Damit legte er den Finger auf einen wunden Punkt. Zensur, zumal wenn sie in Gestalt einer "Selbstzensur" daherkommt, spielt sich oft in einem rechtlichen Graubereich ab und hebelt Grundrechte aus, indem sie sich zum Beispiel auf das Urheberrecht beruft - und dieses dabei ad absurdum führt. Man denke an den Umgang der Murnau-Stiftung mit den "Vorbehaltsfilmen": da wird der Zugang zu mehreren Dutzend Filmen von historischem Interesse durch den Rückgriff auf das Urheberrecht nicht geregelt, sondern unmöglich gemacht (eine nachvollziehbare Begründung spart man sich, weil man der Rechteinhaber ist oder dies wenigstens behauptet). Vor ordentlichen Gerichten haben Zensurentscheidungen wie die in Kansas selten Bestand. Nur: Solche Verfahren kosten Geld. Wo kein Kläger, da kein Richter. Es gibt zu wenige Otto Premingers, was vielleicht auf einen Mangel an Zivilcourage zurückzuführen ist, in jedem Fall aber auch darauf, dass sich viele Anbieter teure Prozesse schlicht nicht leisten können. Wie lange sich die famose "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien" in ihrer jetzigen Form wohl halten würde, wenn es einen Fonds für finanzschwache Marktteilnehmer gäbe, die Nischenprodukte anbieten und nicht das Geld haben, Entscheidungen dieser Behörde durch ein Gericht überprüfen zu lassen?

Der Production Code wurde 1956 vorsichtig reformiert und 1968 von einer Einstufung nach Altersgruppen abgelöst, weil er schlicht nicht mehr durchzusetzen war. Preminger leistete dazu einen entscheidenden Beitrag, weil er sich nicht einschüchtern ließ und mit The Moon is Blue sowie 1955 mit The Man with the Golden Arm (Frank Sinatra spielt einen Drogenabhängigen, was vom Code auch nicht erlaubt war) den Beweis antrat, dass man Filme ohne PCA-Siegel drehen und trotzdem finanziell erfolgreich sein konnte. Breen und die anderen Herren von der Production Code Administration hatten sich eine Stellvertreterfunktion angemaßt und behauptet, den "guten Geschmack", die "schweigende Mehrheit", das "gesunde Volksempfinden" und dergleichen zu repräsentieren. Das Publikum hatte sich nie selbst ein Urteil bilden können, weil Filme mit der PCA nicht genehmen Themen schon im Vorfeld verhindert wurden oder, falls doch gedreht, ohne Freigabe keine Chance auf eine reguläre Kinoauswertung hatten.

The Moon is Blue brachte ans Licht, dass die PCA die Werte einer Minderheit vertrat. Die überwiegende Mehrheit der Amerikaner, die den Film nun sehen durften, obwohl Breen dagegen war, konnte die Entscheidung, das Prüfsiegel zu verweigern, überhaupt nicht nachvollziehen. Dadurch geriet die PCA in eine Legitimationskrise. Für diese Pharisäereinrichtung war das der Anfang vom Ende. Das Siegel für The Moon is Blue wurde 1961 nachgereicht, verbunden mit dem in solchen Fällen äußerst seltenen Eingeständnis des neuen PCA-Chefs Geoffrey Shurlock, dass man sich da wohl geirrt habe. Bevorzugt hinter den Kulissen operierende Zensoren geben so etwas ungern zu, weil ihnen das zwar ein Lob für die Fähigkeit zur Selbstkritik einbringen könnte, es jedoch unweigerlich zu der Frage führt, nach welchen Kriterien sie entscheiden und mit welchem Recht sie bestimmen, was andere Leute sehen dürfen und was nicht.

Shurlocks Eingeständnis war eine nachträgliche Kapitulationserklärung. Seinen größten Triumph im Kampf gegen die vorauseilende Selbstzensur hatte Preminger allerdings bereits 1959 errungen. Damals war Anatomy of a Murder in die Kinos gekommen - mit dem Segen der PCA, obwohl es da um eine Vergewaltigung geht und Dinge aus dem menschlichen Intimbereich zur Sprache kommen, deren Erwähnung vom Production Code verboten war. Wer jetzt aber denkt, dass damit, wie Preminger oft vorgeworfen, Obszönität und das Appellieren an die niederen Instinkte eines genusssüchtigen Publikums über bis dahin hochgehaltene Werte des bürgerlichen Humanismus obsiegten, der irrt. Der Humanismus war bei Preminger in besseren Händen als bei Scheinheiligen vom Schlage eines Joe Breen. An Anatomy of a Murder kann man sehr schön sehen, was Preminger damit meinte, wenn er adult films einforderte: keine Pornos (die gemeinhin in den USA als adult films bezeichnet werden, was auch schon Bände spricht und viel mit dem unheiligen Wirken der PCA zu tun hat), sondern Filme für Erwachsene. Man kann daran auch studieren, wie die Verfilmung eines Bestsellers aussieht, wenn sie gelungen ist.

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