Ancient Aliens

Wie Pseudowissenschaft auf dem History Channel an Glaubwürdigkeit gewinnt

Der Begründer der Sozialpsychologie Gustave Le Bon verfasste im Jahr 1895 seine große Arbeit über die Massenpsychologie in der er feststellte, dass es nichts Unwahrscheinliches für die Massen gäbe und dass das Unwahrscheinliche das Auffallendste ist. Auch heute noch regt das Unwahrscheinliche viele Menschen zum Träumen, Spekulieren und Nachdenken an.

Dass aus Überlegungen und Träumereien die kuriosesten Dinge entstehen können, sei einmal dahingestellt. Ein bedenkliches Kuriosum unserer Zeit stellt jedoch das TV-Format Ancient Aliens dar, erstmals ausgestrahlt im Jahre 2010 auf dem History Channel. Auf der Webseite des Senders wird die Serie folgender Maßen beschrieben: "[…] each episode in this hit HISTORY series gives historic depth to the questions, speculations, provocative controversies, first-hand accounts and grounded theories surrounding this age old debate. Did intelligent beings from outer space visit Earth thousands of years ago?"

Die Serie selbst basiert auf den Büchern und Ideen des Präastronautikers, des so genannten UFO- und Alienexperten, Erich von Däniken. Es wäre unklug Ancient Aliens als reine Unterhaltungssendung von ein paar "Träumerinnen und Träumern" zu betrachten, da sich hier Pseudowissenschaft, Halbwissen und Wissenschaft begegnen und zu einer Sendung vermischt werden. Besonders auffällig ist jedoch der Missbrauch von Wissenschaft, um Theorien und Ansichten der Präsastronautik zu legitimieren, was sich auch im englischen Titel "Ancient Aliens - Science and Mythology" widerspiegelt.

Noch deutlicher wird die Vermischung von beidem in der Selbstbeschreibung in der International Movie Database: "Science and mythology - and how they are the same thing". Durch den großen Erfolg der Serie - zur Zeit gibt es 12 Staffeln - entstand zudem eine große Linie an Merchandiseprodukten, die unter anderem zahlreiche Bücher, DVDs, T-Shirts mit Abbildungen von Aliens oder dem Gesicht des bekannten Präsastronautikers und Ancient Aliens-Koproduzenten Giorgio A. Tsoukalos, hervorbrachte und noch immer hervorbringt.

Ancient Aliens gehört dennoch formal zum Genre der Dokumentation. Wie die oberen Ausführungen vermuten lassen, hat die Sendung nicht viel mit den hohen Idealen eines John Grierson oder Dzega Vertov gemein. Diese Begründer der Dokumentation vertraten die Auffassung, dass die Realität mit Hilfe von Film und Ästhetik interpretiert, verständlich gemacht und erklärt werden solle.

Dieser edle, aus heutiger Sicht fast ein wenig naive Ansatz veränderte sich unter anderem durch die Etablierung des Discovery Channels im Jahre 1985. Nun stand nicht mehr die Vermittlung der reinen "Wahrheit" bzw. der tatsächlichen "Wirklichkeit" im Vordergrund, sondern das Gewinnen von möglichst viel Publikum und Reichweite. Um dies zu erreichen wird auch vor allem auf die Hilfsmittel der Inszenierung und der Dramatisierung zurückgegriffen.

Wo endet Wissenschaft und beginnt die Spekulation?

Auch bei Ancient Aliens werden beide Methoden aufgegriffen. Zudem wird mit hoher Professionalität auf den Einsatz von Musik, Geräuschen und einer Flut von Bildern zurückgegriffen, um die einzelnen Aussagen zu unterstreichen. Es ist auffallend, dass jede Episode durch einen Wissenschaftler eingeleitet wird. Diesem folgt ein Verfechter der Präastronautik. Für Laien, die in der Welt der Wissenschaft nicht sonderlich bewandert sind, wird es dadurch fast unmöglich herauszufiltern, was nun Fakt und was Fiktion ist bzw. wo die Wissenschaft endet und die Pseudowissenschaft und die reine Spekulation beginnt.

Zudem muss hier angemerkt werden, dass besonders die Vertreter der Präastronautik über ein gewisses Charisma, Temperament und weitreichende Erfahrung im Umgang mit Unterhaltungsmedien bei ihren Erzählungen verfügen, was oft äußerst mitreißend auf das Publikum wirken kann. So verfügt beispielsweise David Childress, ein Präastronautiker der sich selbst als eine Art Indiana Jones wahrnimmt und präsentiert, über ein äußerst imposantes Redetalent. Meist sind seine Erscheinungsphasen in den verschiedensten Folgen, schließlich ist er ein Fixpunkt der Serie, gekrönt mit intellektuellen und reflektierten Fragen zu den verschiedensten Themengebieten. Generell sind die Themen, die in der TV-Serie Ancient Aliens angesprochen so divers, wie die Strömungen dieser Pseudowissenschaft selbst.

Eine weitere Methode der Manipulation, die bereits angedeutet worden ist, ist das Zusammenschneiden von Interviews, die meist so wirken, als würden führende Wissenschaftler die Meinung der Präastronautiker teilen. Jede Redesequenz ist höchstens ein paar Minuten lang. Die schnelle Dynamik und das Wechseln der Sprecher macht es sehr schwer, die einzelnen pseudowissenschaftlichen Ansätze genau herauszufiltern und zu unterscheiden.

Zudem tragen auch führende Vertreter der Präastronautik zum Teil akademische oder andere Titel oder werden als Experten für ein gewisses Feld ausgewiesen. So werden der Präastronautiker Brian Foerster, selbsternannter Experte für die Kultur der Inka, und der Kurator des Joseph Campbell Archives, Jonathan Young, als Experte für alte Kulte und Religionen regelmäßig gezeigt, wie zumindest Young auch gerne in seiner Kurzbiographie betont. Auffallend in der Sendung ist der zur Schau gestellte Respekt anderer Präastronautiker, dem man ersterem für seine "Forschungstätigkeiten" in Südamerika erweist.

Wissenschaftler treibt die Sucht nach Aufmerksamkeit

Hier stellt sich die Frage, was im Wissenschaftsbetrieb etablierte Wissenschaftler eigentlich dazu bewegt, in einem Format, das indirekt die Reputation der Wissenschaft untergräbt, aufzutreten. Ist es Unkenntnis, Naivität oder gar reine Ruhmsucht?

Aufgrund von Interviews, die mit einer Auswahl von in der Serie aufgetretenen Wissenschaftlern geführt wurden, ließ sich feststellen, dass alle drei Punkte zum Tragen kommen. Einige der befragten Wissenschaftler sagten aus, dass sie keine Ahnung hatten, um was genau es sich bei der Serie Ancient Aliens eigentlich handelte und sie gingen einer Interviewanfrage des Formats nach wie vielen anderen auch. Einige hatten das Ergebnis bis dato noch nicht angesehen, wiederum andere waren jedoch mit ihren Ausführungen und ihrem Auftritt in der Serie äußerst zufrieden.

Es war eine gewisse Zufriedenheit bei den Befragten zu erkennen, dass ihre eigenen wissenschaftlichen Ausführungen in der TV-Serie korrekt wiedergegeben wurden. Der Inhalt der restlichen Episode schien sie jedoch nicht weiter zu interessieren.

Diese Geisteshaltung erinnert ein wenig an die griechische Sagengestalt Dädalus, seines Zeichens erster Ingenieur und Wissenschaftler, der nicht nur seinen Landsleuten, sondern auch deren Feinden seine Fähigkeiten zur Verfügung stellte. In seinem Fall ging es zwar nicht um Wissensvermittlung, sondern um Problemlösung, dennoch dachte er so wie die interviewten Wissenschaftler nicht über die Konsequenzen seines Handelns nach.

Der Vergleich ist interessant, wenn man bedenkt, dass Ancient Aliens von Prometheus Entertainment produziert wird. Eine Produktionsfirma, die neben Ancient Aliens Sendungen wie "The Curse of Oak Island", "How the Playboy changed the World" oder "Star Wars the legacy returned" produziert hat. Ihr Begründer Kevin Burns war zuvor beim US-Sender Fox News tätig, der immer wieder für eine besonders laxe Wissenschaftsberichterstattung und die Verbreitung von wissenschaftlicher Desinformation kritisiert worden ist. Wenn man bedenkt, dass es Prometheus war, der den Menschen einst das Feuer und damit nicht nur Wärme, sondern auch Erleuchtung brachte, wird die Ironie augenscheinlich.

Interessanterweise stürzten die einzelnen in Ancient Aliens vertretenen etablierten Wissenschaftler nicht wie Ikarus - Sohn von Dädalus - ins Meer, sondern erlebten zum Teil im Gegenteil sogar ein Hoch in ihren Karrieren. Zumindest erzählten alle von uns Befragten von erfahrener Anerkennung durch den Kollegenkreis oder durch Fans der Serie.

Besonders im angloamerikanischen Raum ist es für Wissenschaftler sehr hilfreich, wenn sie eine gewisse Fernsehpräsenz aufweisen können. Wo und in welcher Sendung dies geschieht, ist dabei (fast) irrelevant, so lange es sich um einen Sender mit großer Reichweite handelt. Die einzelnen Auftritte der Wissenschaftler in Ancient Aliens sind zum Teil sogar auf den Webseiten von Universitäten neben oder unter den wissenschaftlichen bzw. akademischen Werken und Errungenschaften aufgeführt.

So ergeben sich mehrere Dilemmata: Manche Wissenschaftler fühlen sich dazu gezwungen, einen gewissen öffentlichen Bekanntheitsgrad zu erreichen und scheuen daher auch nicht davor zurück, in wissenschaftlich fragwürdigen Formaten aufzutreten. Dadurch legitimieren sie jedoch unabsichtlich zum Teil recht unwissenschaftliche oder irreführenden Ansichten, wie etwa die der Präastronautiker.

Die betreffenden Wissenschaftler nehmen dabei in Kauf, dass Dokumentationen ebenso wie fiktionale Filme und andere Unterhaltungsformate auch das kollektive Gedächtnis prägen. Je breiter und weiter derartiges Gedankengut verbreitet ist, desto schwerer wird es, rein spekulative Theorien und abstruse Glaubensansätze zu endkräftigen. Ein von uns interviewter Wissenschaftler, der in Ancient Aliens zu Wort kommt, hegte beispielsweise die etwas naive Hoffnung, mit seinen Ausführungen vielleicht zumindest ein paar Menschen für die Wissenschaft begeistern zu können.

Die Frage muss jedoch erlaubt sein, wie Medienkonsumentinnen und Medienkonsumenten sich für Wissenschaft begeistern sollen und diese von phantastischen Spekulationen unterscheiden können, wenn Pseudowissenschaft und Wissenschaft in dem betreffenden Format als etwas Gleichwertiges dargestellt werden.

Stefanie Bauer ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Sie arbeitet und forscht am Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Joachim Allgaier ist Soziologe und Wissenschafts- und Medienforscher. Er arbeitet am Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Scienes of Health (ceres). Bis März 2017 war er stellvertretender Institutsleiter des Instituts für Technik- und Wissenschaftsforschung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

(Stefanie Bauer und Joachim Allgaier)