Angeblich 255 sunnitische Häftlinge getötet

Human Rights Watch wirft irakischen Soldaten und Schiitenmilizen Massenmord vor

Human Rights Watch wirft der irakischen Regierung vor, dass ihre Soldaten zusammen mit verbündeten Schiitenmilizen im Zeitraum zwischen dem 9. und dem 21. Juni in Mosul, Tal Afar, Bakuba und drei anderen irakischen Ortschaften insgesamt 255 sunnitische Häftlinge ermordeten. Bei den meisten davon soll es sich um Terrorverdächtige gehandelt haben. Einer davon soll unter 18 Jahre alt gewesen sein.

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Die große Mehrheit der 255 wurde den Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation nach erschossen, aber auch Tötungen durch Handgranaten und durch das Anstecken von Gebäudeteilen ohne vorheriges Öffnen der Zellen sollen vorgekommen sein.

Das Motiv steht nicht sicher fest: Da die inzwischen in "Islamischer Staat" (IS) umbenannte Terrorgruppe ISIL bei ihren Eroberungen im Juni stets die Gefängnistore öffnete und dort unter Gewaltverbrechern um Rekruten warb, ist denkbar, dass Soldaten, die keine Möglichkeit eines rechtzeitigen Abtransports der Häftlinge sahen, auf diese Weise verhindern wollten, dass dies auch in den von ihnen bewachten Anstalten geschieht. Dafür spricht, dass die Tötungen in fünf der sechs Fälle zu einem Zeitpunkt geschahen, in dem einer Erstürmung durch die Terroristen kurz bevorstand.

Ebenfalls möglich ist, dass sich schiitische Soldaten an gefangenen Salafisten für die Massenmorde rächen wollten, die ISIL an gefangenen Andersgläubigen verübt. Videos davon verbreiten Anhänger der Terrorgruppe selbst. Auf ihnen ist unter anderem zu sehen wie Salafisten Menschen ganz langsam die Kehle durchtrennen und dabei immer wieder pausieren, um das Röcheln und den Todeskampf des Opfers mit ihren ganz nah an das Gesicht gehaltenen Mobiltelefonen zu filmen.

Aus Rücksicht auf jüngere und empfindlichere Leser haben wir an dieser Stelle auf ein Bild verzichtet. Wer will, der kann sich das beschriebene Enthauptungsvideo hier ansehen.

Wie viele Menschen auf solche Weise ums Leben kamen, ist nicht bekannt. ISIL selbst prahlte mit mindestens 1.700 Gefangenen, die man alleine im Juni 2014 hingerichtet habe. Die Vereinten Nationen gehen anhand von Luftaufnahmen von Massengräbern und anderen Indizien von mindestens 2.661 Toten aus, räumen aber ein, dass die tatsächliche Zahl noch wesentlich höher liegen könnte. Bei mindestens 1,775 Opfern handelt es sich um Zivilisten. Unter den gefundenen Leichen befinden sich auch die Körper kleiner Mädchen, die man offenbar gezielt mit Kopfschuss hingerichtet hat.

Bei den Anschuldigungen, zu denen die irakische Regierung bislang noch nicht Stellung genommen hat, stützt sich Human Rights Watch vor allem auf Zeugenaussagen anderer Häftlinge. Joseph Stork, der stellvertretende Nahostdirektor der Organisation, fordert nun eine internationale Kommission, die alle Menschenrechtsverletzungen im Irak untersuchen und die Verantwortlichen dafür herausfinden und benennen soll. Ihm zufolge dürfen auch extreme Gräueltaten der Terrorgruppe Islamischer Staat nicht dazu führen, dass man bei Verbrechen anderer Akteure ein Auge zudrückt. (Peter Mühlbauer)

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