Angebliche "Mikroaggressionen"

An kalifornischen Universitäten sollen Äußerungen wie "America is the Land of Opportunity", "I don’t believe in race" und "I believe the most qualified person should get the job" verschwinden

Früher galten US-Universitäten als beliebte Auftrittsorte für Komiker. Inzwischen meiden Jerry Seinfeld Chris Rock, Larry the Cable Guy und viele andere Unterhalter diese Orte. Der Grund dafür ist ein Tabuklima, das zunehmend nicht mehr nur das Witzemachen einschränkt.

Das Schlagwort, mit dem dort immer neue Tabus aufgebaut werden, heißt "Mikroaggression". Der Begriff wurde vor 45 Jahren vom Harvard-Psychiater Chester Pierce erfunden und sollte pejorative, aber nicht justiziable Bemerkungen gegenüber Schwarzen beschreiben. Danach weiteten ihn Anhänger der Identitätspolitik auf Bemerkungen aus, die gar nicht in der Absicht geäußert werden, jemanden zu diskriminieren.

Ein Merkblatt aus dem Büro des Präsidenten der University of California wertet inzwischen sogar Sätze wie "America is the Land of Opportunity" (Amerika ist das Land der Möglichkeit[en]") als Mikroagressionen. Als Begründung dafür führt das Dokument auf, die Äußerung impliziere, dass Rasse und Geschlecht keine Rolle beim Erfolg spielen würden. Mit der selben Begründung hat man auch die Sätze "I believe the most qualified person should get the job" ("Ich glaube, dass die qualizierteste Person die Stelle bekommen sollte") und "Gender plays no part in who we hire" ("Das Geschlecht spielt bei der Entscheidung, wen wir einstellen, keine Rolle") in die Quasi-Verbotsliste aufgenommen.

Ist man "mikroagressiv", wenn man ihn nach der Lösung von Mathematikproblemen fragt? Fields-Medaillen-Preisträger Terence Tao forscht und lehrt an der University of California in Los Angeles. Foto: Babenson at the English language Wikipedia. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Gefahr, sich einen Rüffel oder Schlimmeres einzuhandeln, läuft an den UC-Universitäten mit insgesamt knapp 200.000 Studenten auch ein Hochschullehrer, der sagt, er "glaube nicht an Rasse" ("I don’t believe in race"). Damit, so die Begründung, bestreite man implizit die "Erfahrung und Geschichte der rassischen/ethnischen Identität" des Angesprochenen und verweigere ihm die "Anerkennung als rassisches/kulturelles Wesen".

Vor besondere Schwierigkeiten stellen die neuen Tabus Hochschullehrer, die die sprachlichen Fähigkeiten ihrer Studenten verbessern wollen: Das Lob "You speak English very well" ("Sie sprechen sehr gut Englisch") impliziert dem Papier nach nämlich, dass man jemanden für "exotisch" hält und ihm eigentlich sagen wolle, er sei "kein wahrer Amerikaner". Wollen sich UC-Lehrer nicht dem Risiko der Kritik von Tabuverfechtern aussetzen, müssen sie sich auf den schon etwas älteren pädagogischen Grundsatz "Ned' g'schimpft is gnua g'lobt" ("Nicht getadelt ist genug gelobt") zurückbesinnen.

Aber auch Studenten, die eine fremde Sprache lernen wollen, haben es nicht leicht, wenn sie den Mikroagressions-Ratschlägen folgen wollen: Dann dürfen sie nämlich Personen, die asiatisch oder lateinamerikanisch aussehen, nicht fragen, wie Wörter oder Sätze auf Mandarin oder Spanisch lauten. Bei Asiaten darf man darüber hinaus nicht um Hilfe bei der Lösung von Mathematikaufgaben ansuchen. Sonst verbreite man nämlich die Botschaft "alle Asiaten" seien "intelligent und gut in Mathematik/Naturwissenschaften".

Wie weit die Tabus mittlerweile reichen, zeigt ein Vorfall an der Brandeis-Universität in Massachusetts. Dort sorgten tabuistische Stundenten dafür, dass eine von anderen tabuistischen Studenten initiierte Ausstellung entfernt werden musste, die angebliche Mikroaggressionen wie "Aren’t you supposed to be good at math?" und "I'm colorblind! I don't see race" anprangern wollte.

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