Angeblicher georgischer Scharfschütze: "Wir waren schon im März 2013 in Kiew"

Kritik an der Glaubwürdigkeit der Zeugen

In der Ukraine wurden die Aussagen der Georgier von verschiedenen Stellen als "Fakes" bezeichnet. Nach einer "vorläufigen Prüfung" könne der italienische Film als Ansammlung falscher und gefälschter Informationen bezeichnet werden, sagte der Sonderermittler der Generalstaatsanwaltschaft Sergei Gorbatyuk.

Auch Zoryan Shkiryak vom ukrainischen Innenministerium erklärte: "Dies ist ein weiterer Fake der russischen Propaganda, diesmal im italienischen Fernsehen, der keiner Diskussion wert ist." Die Interviews mit dem mazedonischen Journalisten scheinen in der Ukraine noch unbekannt zu sein.

Auf der ukrainischen Website "StopFake.org" bezeichnet ein anonymer Autor, den italienischen Bericht ebenfalls als "Fälschung" und als "Märchen", die geständigen Zeugen seien "Schauspieler". Begründet wird diese Einschätzung jedoch nicht mit Beweisen und stichhaltigen Argumenten, sondern im Wesentlichen damit, dass Beschuldigte wie "Mumulashvili" [Schreibfehler im Original] angeblich Alibis für die Tatzeit hätten. Da heißt es dann, dass dieser am 14. Dezember 2013 in Baku bei einem Kampfsportturnier war. Dies widerlegt jedoch nicht, dass Mamulashvili am 19. Februar 2014 auf dem Maidan Schießbefehle ausgegeben haben kann. Viele der dort veröffentlichten "Belege" gehen weit an den eigentlichen Vorwürfen vorbei und entkräften dabei auch nichts.

Viele der Kritiker weisen darauf hin, dass die italienische Reportage auf einem Sender ausgestrahlt wurde, der zu Silvio Berlusconis Medienimperium gehört. Berlusconi und Putin seien befreundet, so der Vorwurf, deswegen sei die Reportage Propaganda. Bei der Ausstrahlung der neuen Interviews des mazedonischen Journalisten gehen diese Anschuldigungen nun aber ins Leere.

Doch schon ist absehbar, dass dem Journalisten Milenko Nedelkovski von interessierter Seite vorgeworfen werden wird, er biete "Verschwörungstheoretikern" eine Bühne. Denn immerhin hat er auch schon mal den Schweizer Historiker Daniele Ganser, den französischen Journalisten Thierry Meyssan, den russischen Politiker Alexander Dugin oder den Autor Erich von Däniken interviewt. Mit der Glaubwürdigkeit der georgischen Zeugen hat all dies nichts zu tun. Diese wird jedoch durch andere Recherchen ernsthafter erschüttert.

Der Interviewte Alexander Revazishvili identifizierte sich sowohl in der italienischen Reportage als auch im mazedonischen Interview mit dem falschen Mann in einem russischen TV-Beitrag. Der Bericht des Senders "LifeNews" aus einem georgischen Zelt auf dem Maidan zeigt der Kamera zugewandt drei sitzende Männer. Der ganz links trägt eine Mütze, deren Schirm einen Teil des Gesichtes verdeckt. Dieser sei er gewesen, behauptet Revazishvili:

Einmal als wir uns im Zelt aufgewärmt haben, kamen Journalisten zu uns. Ich habe die Kamera gesehen und habe verstanden, das sind Journalisten. Rauszugehen, hatte schon keinen Sinn mehr gehabt. Ich habe meine Mütze nach unten ins Gesicht gezogen.

Revazishvili

Tatsächlich ist diese Aufnahme bislang der einzige "Beweis" für die Anwesenheit eines der drei Georgier auf dem Maidan. Doch eben dieser Beleg Revazishvilis stellt sich als wertlos heraus, denn kurz darauf ist in der russischen Reportage genau jener Mann vor der Kamera zu sehen. Er wird als Georgi Svaridze bezeichnet und sieht deutlich anders aus als Revazishvili. Die BBC bezeichnet Revazishvili wegen dessen Fehlinformation als "unzuverlässigen Zeugen".3

Der Georgier mit Mütze im Life-News-Beitrag ist nicht Alexander Revazishvili. Bild: Screenshot "Life!"

Eine andere Merkwürdigkeit findet sich zudem in den neuen Interviews mit dem mazedonischen Journalisten. Dort behaupten die Georgier, dass die Waffenausgabe am 19. Februar sowohl im Konservatorium als auch im Hotel Ukraina auf eine von Präsident Viktor Janukowitsch unterschriebene Vereinbarung zu vorzeitigen Neuwahlen zurückging. Tatsächlich unterschrieb Janukowitsch diese Vereinbarung zur Beilegung der Krise in der Ukraine aber erst zwei Tage später.4

Der "Faktenfinder" der Tagesschau berichtet von einer Mitteilung des georgischen Innenministeriums von 2011, in welcher die Rede von einem "Aleqsandre Revazishvili" ist, der in Zusammenhang mit einem Entführungs- und Mordfall aus dem Jahr 1994 als Mittäter festgenommen worden sei. Dazu zeigt der "Faktenfinder" ein Bild aus einem georgischen Polizeivideo. Dieses zeigt offensichtlich Revazishvili und soll bei seiner Festnahme gemacht worden sein.

Revazishvili soll anschließend zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden sein und kam laut "Faktenfinder" erst im August 2014 frei. Demnach hätte er keine der von ihm behaupteten Reisen nach Kiew unternehmen können. Laut seiner Angaben im Interview reiste er in dieser Zeit jedoch zweimal offiziell von Tiflis nach Kiew, was durch seinen Pass oder durch gespeicherte Fluggast- und Einreisedaten nachgewiesen oder widerlegen werden kann. Der Ball liegt nun also bei Revazishvili und den Behörden der betroffenen Länder.

Falls Revazishvili sich tatsächlich als Lügner und seine Vorwürfe als haltlos herausstellen sollten, bleibt unklar, warum er und die beiden anderen Georgier sich durch ihre massiven Anschuldigungen derart öffentlich ins Rampenlicht stellen sollten. Ob wahr oder nicht - mit ihren Aussagen ziehen sie zweifellos die Wut vieler mächtiger Beschuldigter auf sich.

Ebenso bliebe in diesem Falle unklar, warum der georgische Armeegeneral Tristan Tsytalishvili und der frühere georgische Innenminister Alexander Chikaidze beide ebenfalls von georgischen Scharfschützen sprechen, die von Saakschwili auf den Maidan geschickt worden seien, um in die Menge zu schießen. Die Namen der Schützen seien den georgischen Behörden auch bekannt. Diese zwei georgischen Offiziellen seien "russische Agenten" ruft Saakaschwili in dieser TV-Diskussion von Mitte November 2017 dem Politiker Vadim Rabinowitsch zu, der Saakaschwili mit den Vorwürfen konfrontiert.

Zurück zu den neuesten Geständnissen: Aus den Interviews mit dem mazedonischen Journalisten geht hervor, dass alle drei vermeintlichen Zeugen weiterhin in Georgien leben. Gegenüber Racheakten wären sie ungeschützt, zumal große westliche Medien den Plan der Männer, Schutz durch Öffentlichkeit herzustellen, glatt durchkreuzen. Kaum ein großes Medium hat über den Fall berichtet.

Faktenfinder-Autorin Silvia Stöber wirft Heise.de sogar vor, die Informationen der italienischen Reportage ohne weitere Recherchen "verbreitet" zu haben. Im Gegensatz zur ARD und zu weiteren großen Medien in Deutschland hat Telepolis jedoch seine Chronistenpflicht wahrgenommen und unter ausdrücklichem Verweis auf die italienischen und georgischen Urheber der Informationen sowie unter Nutzung des Konjunktives über die Geständnisse berichtet.

Weitere Recherchen hat es sehr wohl gegeben, unter anderem durch Anfragen an den italienischen Journalisten Gian Micalessin, die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft oder das georgische Außenministerium. Die Institutionen scheinen jedoch die Anfragen kleinerer Medien nicht ernst zu nehmen und ignorieren diese konsequent. Eigentlich ein Grund mehr, dass sich auch große westliche Medien wie die ARD endlich mit dem Thema befassen, um den Informationsdruck zu erhöhen.

Doch statt neutral zu berichten, haben ARD und auch die BBC ihre Recherchespezialisten ausschließlich darauf angesetzt, die Zeugenaussagen auf Schwachpunkte abzuklopfen. Dies ist ein richtiger und notwendiger Schritt, doch entbindet eine Hintergrundrecherche nicht von der gleichzeitigen Pflicht zur aktuellen Berichterstattung über relevante Ereignisse. (Stefan Korinth)

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