Angebotsverkleinerung als Umweltschutz

Foto: TP

Rewe bietet keine regulären Plastiktüten mehr an

Der Einzelhandelskonzern Rewe, für den der ehemalige Grünen-Politiker Joseph Fischer 2010 eine Beratertätigkeit aufnahm, will an den Kassenlaufbändern künftig keine regulären Plastiktüten mehr anbieten. Kunden haben dort künftig nur die Wahl zwischen Papiertüten und relativ teuren Tragetaschen aus Baumwolle oder Kunststoff.

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Das soll dem Umweltschutz dienen und wurde von der Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) als auch vom Naturschutzbund NABU öffentlich gelobt. Ob die Angebotsverkleinerung dem vorgeblichen Ziel tatsächlich zugute kommt, ist allerdings fraglich:

Glaubt man einer von der Schweizer Materialprüfungsanstalt Empa durchgeführten Untersuchung, sind Plastiktüten unter Einbeziehung der Haltbarkeit, des Energieverbrauchs und des Einsatzes von Pflanzenschutz- und Düngemitteln bei der Herstellung nämlich weniger umweltschädlich als Papier- und Baumwolltaschen. Auch die Bundesumweltministerin musste auf Nachfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) einräumen, dass Papiertüten "ökologisch gesehen nicht unbedingt besser dastehen".

Tatsächlich stehen sie nur dann besser da, wenn man sie mehrfach verwenden würde - was in der Praxis eher selten vorkommt, weil sie sehr leicht reißen und aufweichen. Plastiktüten dagegen werden Umfragen zufolge in Deutschland zu drei Vierteln mehrfach verwendet und dienen zuletzt häufig als Mülleimereinsatz (wozu Papiertüten nur sehr bedingt taugen). Schafft man Plastiktüten ab, dürfte deshalb der Absatz von Mülltüten steigen.

Trotz dieser Realität ist die Plastiktüte bei Politikern und in vielen Mainstreammedien immer noch Symbol für Umweltverschmutzung - so wie in den Zeiten vor der Ölkrise, als die heute meist 10 bis 25 Cent teuren Werbeträger noch kostenlos abgegeben wurden. Dass die 1961 erfundenen Transporthilfen in Supermärkten Geld kosten, hat dazu geführt, dass die Deutschen ihre Einkäufe einer im Auftrag der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) durchgeführten Emnid-Studie nach in vier von fünf Fällen mit mitgebrachten Taschen erledigen. Im Regelfall greifen Einkäufer nur dann zur Plastiktüte, wenn sie die Tasche vergessen haben.

2012 präsentierte der damalige EU-Umweltkommissar Janez Potočnik unter Rückgriff auf die unbelegte Behauptung, Plastiktüten würden oft schon nach einmaligem Gebrauch weggeworfen, einen Achtjahresplan, der vorsieht, dass 2020 jeder EU-Bürger nur noch 39 statt 195 Plastiktüten im Jahr verbraucht. Ein Jahr darauf einigten sich Vertreter der EU-Kommission, des Europaparlaments und der 28 Mitgliedsländer auf eine modifizierte Fassung dieses Vorhabens, der zufolge der Pro-Kopf-Verbrauch von Plastiktüten von durchschnittlich 200 bis 2019 auf 90 und bis 2025 auf 45 Stück reduziert werden soll (vgl. Plastiktüten-Planwirtschaft).

Deutschland lag damals mit einem Verbrauch von etwa 70 Tüten bereits deutlich unterhalb des ersten Zielwerts für 2019. Mehr Umstellungsbedarf gibt es für Händler und Verbraucher in Ländern wie Portugal und Polen, wo 450 Plastiktüten pro Kopf und Jahr ausgegeben werden.

Nicht von der Regulierung betroffen sind dünne Plastiktüten für offene Lebensmittel wie Fleisch, Wurst, Käse und Obst. Ihr Verbot würde der EU-Kommission nach zur Folge haben, dass die keimanfälligen Waren aus Hygienegründen in Verpackungen gesteckt werden, deren Herstellung mehr Rohstoffe verbraucht und die zu einem höheren Müllaufkommen führen. Solche dünnen Plastiktüten soll es auch bei Rewe weiterhin kostenlos geben - für manche Kunden, die noch schnell etwas brauchen, dürften sie eine Ausweichlösung sein.

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Eine andere Möglichkeit, mit der Angebotsverringerung bei Rewe umzugehen, ist der Umstieg auf andere Einzelhandelsgeschäfte. Er bietet zudem den Vorteil, dass man dort häufig weit weniger lang an der Kasse warten muss und oft bessere Qualität für weniger Geld bekommt (vgl. Einkäufe doppelt abgebucht).

(Peter Mühlbauer)

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