"Angemessene Maßnahme": Großraum Lissabon wegen Delta-Variante abgeriegelt

Beliebtes Reiseziel - und momentan abgeriegelt: Portugals Hauptstadt Lissabon. Foto: Galak76 / CC-BY-SA-3.0-migrated

Bis Montag dürfen die Bewohner wegen der Zunahme von Corona-Neuinfektionen Portugals Hauptstadtregion nicht verlassen. Die Regierung geht auf Nummer sicher

Nach den heftigen Vorgängen im vergangenen Winter lässt man in Portugal nichts anbrennen und greift schnell durch, um zu vermeiden, dass das Land und vor allem die Hauptstadt Lissabon wieder zum weltweiten Coronavirus-Hotspot wird. "Es ist nicht leicht, solche Maßnahmen zu ergreifen, aber uns erschienen sie unerlässlich, damit die Lage, die derzeit in Lissabon herrscht, nicht auf das ganze Land übergreift", sagte die Präsidentschaftsministerin Mariana Vieira da Silva.

Anders als meist dargestellt, ist nicht allein die Hauptstadt abgeriegelt. Die Maßnahme gilt für die "Área Metropolitana de Lisboa" (AML). Dazu gehören etliche Kreise, wie auch die beliebten Ausflugsziele Sintra oder Setúbal sowie der Badeort Cascais. Insgesamt dürfen 2,8 Millionen Einwohner die AML seit Freitag um 15 Uhr nicht mehr verlassen. Auswärtige dürfen nur noch in Ausnahmefällen hinein. Diese Regel gilt bis Montag um 6 Uhr. Präsident Antonío Costa spricht von einer "angemessenen Maßnahme".

In Lissabon knüpft man damit an das erfolgreiche Vorgehen an, mit dem vor fast genau einem Jahr die zweite Corona-Welle mit der Abriegelung von 19 Kreisen um die Hauptstadt herum erfolgreich bekämpft wurde. Damit konnte eine weitere Ausbreitung ins Land hinaus verhindert werden, weshalb auch die zweite Welle sehr milde ausfiel. Zur aktuellen Abriegelung hat sich die Regierung durchgerungen, nachdem die Infektionszahlen in der Hauptstadtregion, wo sich die besonders ansteckende Delta-Variante (B.1.617.2) aus Indien ausbreiten soll, in die Höhe geschnellt waren.

Drei Viertel aller Infektionen im Land entfallen auf die Region

Mit 928 neu entdeckten Infektionen innerhalb von 24 Stunden verzeichnete Lissabon am Donnerstag den höchsten Wert seit dem 19. Februar. Das waren etwa 75 Prozent aller in Portugal registrierten Fälle, obwohl in der Hauptstadtregion nur etwa ein Drittel der portugiesischen Bevölkerung lebt. Am Mittwoch waren im gesamten Land 1.350 Neuinfektionen registriert worden, das war der höchste Wert seit Ende Februar. Wie stark die Delta-Variante an dem Geschehen beteiligt ist, ist allerdings nicht geklärt.

Im Interview mit der Tageszeitung Publico erklärte das Mitglied des Krisenstabs, António Diniz, dass die Identifizierung von Varianten, die in Portugal derzeit zirkulieren, nur langsam vorangehe. Ob die Delta-Variante dabei dominant ist, ist auch dem Experten zufolge unklar. Allerdings weist auch Diniz darauf hin, dass das "Übertragungsrisiko" bei der Delta-Variante "viel höher" sei. Er schätzt die Lage pessimistisch ein und meint, es sei fast "unvermeidlich", dass die Situation in Lissabon auf den Rest des Landes "ausstrahlt".

Vermutet wird, dass die Delta-Variante auch über britische Touristen und Reiserückkehrer aus dem Vereinigten Königreich im vergangenen Winter eingeschleppt worden sein könnte. Briten waren zuletzt in großer Zahl nach Portugal gereist, da Großbritannien das Land zum sicheren Gebiet erklärt hatte. Das wurde zum Ärger vieler Touristen in der vergangenen Woche wieder zurückgenommen.

In Großbritannien steigen die Infektionsraten trotz einer relativ hohen Impfquote wieder deutlich an. Dort soll die Delta-Variante bereits für mehr als 90 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich sein. Gemäß einer Studie der britischen Gesundheitsbehörde könnte sie um 60 Prozent ansteckender sein als die Alpha-Variante B.1.1.7, die in Deutschland noch vorherrschend ist.

Warum die Regierung vorsichtig geworden ist

Bisher zeigte sich Portugals Präsident Marcelo Rebelo de Sousa noch zuversichtlich, dass ein harter Lockdown wie im Januar vermieden werden könne, mit dem die britische Variante letztlich wieder unter Kontrolle gebracht wurde. Die Ansteckungsrate allein rechtfertige solche harten Einschränkungen nicht, solange die Zahl der Krankenhauseinweisungen weit unter dem Höchststand vom Winter liege, sagte er.

Regierungschef Costa ist inzwischen schon deutlich vorsichtiger. Niemand könne garantieren, dass Portugal nicht erneut in den Lockdown müsse. Dass seine Regierung um Weihnachten die Maßnahmen weitgehend ausgesetzt hatte und es angesichts der schon aggressiveren britischen Variante dann fast Zusammenbruch des Gesundheitssystem kam, macht in vorsichtig. Sicher wird der Sozialist Costa bei einer Zuspitzung nun sehr frühzeitig Maßnahmen ergreifen, um eine erneute starke Ausbreitung des Virus zu verhindern. (Ralf Streck)