Anglerglück und Künstlerpech

Die digitalisierten Journalisten müssen zurückfinden aus der virtuellen in die wirkliche Welt

"Wissen Sie schon", geht die Frage an den Bundesverteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) in dessen Amtszimmer auf der Bonner Hardthöhe - er hinter seinem Schreibtisch, der Besucher davor auf dem Gästestuhl mit Blick auf Nato- und Bundesfahne -, "dass Sie gefeuert sind? Dass Sie gleich kein Verteidigungsminister mehr sind?"

"Koch, sind Sie verrückt geworden?", kommt es zurück.

Die Augen hinter der randlosen Brille sind weit aufgerissen. Röte schießt unter dem hohen Haaransatz in das Gesicht, das dann sehr blass wird. Eben noch habe er mit dem Bundeskanzler telefoniert. Helmut Kohl habe kein Wort davon gesagt.

Binnen drei Stunden hat Scholz die Bestätigung, nach demütigenden Anrufen bei Mitarbeitern Kohls.

Kanzler Kohl hatte es nicht für nötig gehalten, den Minister, wenn schon nicht im persönlichen Zwiegespräch, so doch wenigstens am Telefon ins Bild zu setzen und ihn in gehöriger Form um Verständnis zu bitten für die Gründe der Entlassung. So war er eben, der Herr Kohl.

Der CDU-Kanzler brauchte den Job von Scholz für Gerhard Stoltenberg, dem Vormann der norddeutschen CDU. Dem musste er, im Frühjahr 1989, das Amt des Bundesfinanzministers nehmen und ihn mit einem anderen gewichtigen Ministerposten abfinden, dem Verteidigungsministerium. Denn Theo Waigel verlangte das Finanzministerium für sich, das nach dem des Regierungschefs wichtigste Amt im Kabinett. Waigel war nach dem Tode von Franz-Josef Strauß zum CSU-Vorsitzenden aufgestiegen. Kohl wollte ihn, um nicht länger wie vom Ministerpräsidenten Strauß aus Bayern gepiesackt zu werden, unbedingt als Minister in seinem Kabinett einbinden.

Scholz war das Opfer. Er hatte, anders als Stoltenberg, keine nennenswerte Hausmacht in der CDU.

Neulich hat man sich wiedergesehen, der Rechtsprofessor Scholz ist renommierter Anwalt. Scholz sagte, er sei immer noch dankbar für die Warnung. Er wäre sonst "total kalt" erwischt worden vom Rausschmiss.

Warum ich das erzähle? Weil wir vom SPIEGEL auch im engsten Kreis um Kohl, unter seinen auf strengste Verschwiegenheit verpflichteten Beratern und Mitarbeitern, unsere Quellen hatten. Weil man derlei exklusive Informationen nicht googeln kann. Damals nicht, selbst wenn es das Internet gegeben hätte, heute nicht, weil im Netz immer noch keine streng vertraulichen Informationen zu finden sind.

Man braucht heute wie damals den persönlichen Kontakt. Den muss man behutsam aufbauen, den muss man pflegen mit langem Atem. Bis sich allmählich Vertrauen einstellt zwischen dem Informanten und dem Journalisten. Dessen Wort, Quellenschutz sei für ihn absolutes Gebot, darf nie, unter keinen Umständen, auch nicht unter Zwang bei Gericht, gebrochen werden.

Augenrollen - das war die Antwort jüngerer Kollegen, als Heiner Geißler auf einer Pressekonferenz in Berlin mein neues Buch ("Der ambulante Schlachthof oder Wie man Politiker wieder das Fürchten lehrt", Westend Verlag) vorstellte und dabei auf meinen Weckruf zu sprechen kam, es müsse wieder mehr und besser recherchiert werden. Im Magazin "Cicero" war ich bei meiner Kritik am mangelnden Recherchefleiß dann noch deutlicher geworden.

Die aufgebrachten Kollegen haben recht: Der Autor, nicht mehr an vorderster Nachrichtenfront im Einsatz, habe nur einen oberflächlichen Einblick, wie hart es heute zugehe im Journalistengewerbe. Acht Stunden lang sitze man am Computer und schreibe sich, schlecht bezahlt, die Finger wund im gefräßigen Online-Geschäft. Oder: Man habe andere wichtige Fähigkeiten entwickelt. Man verstehe sich darauf, gewaltige Datenmengen, die hundertausende Aktenordner füllen würden, auf verräterische Hinweise durchzuflöhen, wer welche krummen Dinger drehe. Alles richtig, alles wichtig. Wenngleich die Stille unheimlich ist, die heute in zu vielen Redaktionen der gebeugten Rücken und Tunnelblicke vor den Bildschirmen herrscht. Früher wurde dort viel getratscht und gelacht.

Aber der Autor hat auch recht. Die digitalisierten Journalisten müssen zurückfinden aus der virtuellen in die wirkliche Welt. Hajo Schumacher schreibt in einer Kolumne über das Buch: "Ein Plädoyer für die Urtugenden des Journalismus: Hingehen, Gucken, Fragen, Zuhören. Jeden Tag einen Menschen kennenlernen, auch am Wochenende. Computer eine Stunde früher aus und rein ins Gespräch, nicht mit phrasierenden Mächtigen, sondern den Rackerern in der zweiten Reihe.. Norbert Blüm bestätigt: "Koch erzählt von den wichtigsten Tugenden der Journalisten: Fleißig sein und mutig. Recherchieren und vor allem: Nicht vor der Macht kuschen."

Angela Merkel hat es mit ihrem strengen Regiment geschafft, dass nun seit Jahren schon kaum interessante Indiskretionen aus dem Zentrum der Macht - aus dem Kabinett, aus den Parteipräsidien, aus der Koalitionsspitze - nach außen dringen. Gut für die Demokratie und ihr Transparenzgebot ist das nicht. Die Vierte Gewalt, die Presse als Kontrolleurin der Staatsmacht, hat hier gewaltig viel Arbeit vor sich.

Was immer Merkels streng geheim tagendes Küchenkabinett aus engsten Vertrauten beschließt, es muss umgesetzt werden in Weisungen an die Ministerien, an die deutsche EU-Vertretung in Brüssel, in EU-bezogene Parlamentsvorlagen, die durch den EU-Bundestagsausschuss gehen, in Vorlagen für den Bundesrat, der Vertretung der Bundesländer - es gibt eine Fülle von Informationspipelines, die nicht allzu schwer anzuzapfen sind.

Was also tun? Rein ins Leben, Leute treffen, auch nach Schichtende in Redaktion oder Homeoffice. Wer meint, im Journalismus gebe es die 40-Stunden-Woche, hätte sich besser in der Stadtverwaltung (vielleicht beim Friedhofsamt?) verdingt.

Ein paar Tipps. Wo ansetzen? Wie wär's bei den Haarrissen und Sprüngen im Gefüge Regierungskoalition von CDU, CSU und SPD? Auf dem weiten reichen Feld der Interessengegensätze, der Eitelkeit, der Machtgier, der Rachegelüste stößt man ziemlich leicht auf Gold. Warum sich nicht mit den Leuten anfreunden, die nicht ganz oben stehen, aber dennoch viel wissen? Es gibt viele, oft fähige, bestens informierte Frauen und Männer in der Politik, die sich verkannt fühlen. Und die dann wenigstens heimlich via Medien Macht ausüben wollen. Man mustere nur mal die Reihen der gut bezahlten, machtarmen Parlamentarischen Staatssekretäre in den Ministerien oder die beamteten Würdenträger um den Bundespräsidenten, der zwar durch einen Beobachter am Kabinettstisch vertreten ist, aber nichts politisch Wichtiges zu entscheiden hat. Geht es um vertrauliche Kabinettsvorlagen, ist auch der gute Draht zu Berliner Lobbyisten viel wert.

Es lohnt sich, die Eifersüchteleien, Kompetenzzankerei, ja Feindschaften zwischen Bundesministern samt ihren Beamtenheeren sorgfältig aufzuklären; da lässt sich oft gute, fette Beute machen. Die vom Auswärtigen Amt mögen es gar nicht, wie sich die vom Kanzleramt in die Außenpolitik einmischen, und über die Schmalspurdiplomaten des Entwicklungsministeriums lästert man gerne gemeinsam. Wirtschafts- und Sozialministerium liegen im Dauerclinch, Innen- und Justizministerium haben sich auch nicht lieb, im Finanzministerium lassen sich die dicksten Hunde der Ausgabenorgien von Landwirtschafts- oder Verteidigungsministerium einsammeln.

In Hanoi und Saigon hat man dazu neulich vor den Nachfahren des Vietcong Vorträge gehalten. In einer demokratischen Anwandlung hatte das Regime den Autor eingeladen, den Funktionären zu erklären, wozu Pressesprecher in Ministerien eigentlich gut sein sollen. Großes Erstaunen, als ich die Zuhörer gewarnt habe: Kein ganz ungefährlicher Job. Läuft was schief, schiebt der Minister die Schuld auf den Sprecher, der als erster gefeuert wird; auf Solidarität der anderen Sprecher ist kein Verlass, stets muss man auf der Hut sein vor der Illoyalität der konkurrierenden Ressorts.

Und noch ein Tipp, wenn der Computer endlich ausgeschaltet ist: Fachliteratur und Akten lesen. Politiker und Beamte schätzen es, sich mit Journalisten zu unterhalten, die Fachwissen haben und deshalb die richtigen Fragen stellen. Denen sie nicht erst erklären müssen, wo die Probleme bei der Pflegeversicherung oder der LKW-Maut liegen. Und wenn man dann noch zur Zusammenarbeit mit Kollegen hinfindet, die sich auf anderen Politikfeldern zu Experten entwickelt haben, umso besser. (Kooperativer Journalismus!) Auch der regelmäßige Blick durch die Protokolle des Bundestags ist nicht verkehrt. Parlamentspräsident Norbert Lammert beklagt das Desinteresse der Medien an den Debattenbeiträgen. Franz Josef Strauß schon pflegte zu spotten, wenn man etwas wirklich geheim halten wolle, dann müsse man es im Plenum vortragen.

Bloß nicht Reißaus nehmen, falls es schwierig wird. Im neuen Buch habe ich geschrieben, wer als Journalist einen dicken Fisch fangen will, muss Netze ausbringen, muss sich zum Fischen schon an den Fluss bequemen. Dabei können sich Anglerglück und Künstlerpech verheddern. Wenn dann plötzlich auch der eigene Verleger am Haken zappelt.

Rudolf Augstein und sein SPIEGEL hingen mit drin im großen Parteispenden- und Flick-Skandal, bei dem durch weit überhöhte Spendenquittungen die Finanzbehörden um Millionenbeträge betrogen wurden. Über Wochen hat Augstein den Abdruck der Enthüllungsgeschichte verhindert. Er war stur, ich auch. Er hat schließlich nachgegeben. Übrigens, um wie viel Geld es bei dieser SPIEGEL-Affäre der anderen Art ging, hat man, trotz aller Recherchierfreude, nie nachgefragt. Zuweilen ist es ratsam, nicht alles wissen zu wollen und so nicht zum Komplizen werden zu können.

Dirk Koch hat über 25 Jahre des SPIEGEL-Hauptstadtbüro in Bonn geleitet und 1981 die Flick-Affäre aufgedeckt. Im Februar ist sein Buch "Der ambulante Schlachthof oder Wie man Politiker wieder das Fürchten lehrt" im Westend Verlag erschienen.

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