Angriff auf Klinik Im Nordirak: Wenn Nato-Truppen auf IS-Spuren wandeln

Die türkische Armee hat nach einem Drohnenangriff auf ezidische Milizangehörige ein Krankenhaus bombardiert, in dem die Verletzten behandelt wurden

Die Nachricht aus dem nordirakischen Şengal (Sindschar) ging in der westlichen Welt angesichts der Schockstarre über den Sieg der radikalislamischen Taliban in Afghanistan beinahe unter: Am Dienstag bombardierte ausgerechnet eine Nato-Armee ein Krankenhaus in dem überwiegend von Ezidinnen und Eziden bewohnten Gebiet, das 2014 von der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" überfallen worden war.

Bei dem Angriff der türkischen Luftwaffe am Dienstag sind nach Informationen der kurdischen Nachrichtenagentur ANF acht Menschen ums Leben gekommen - vier Mitarbeitende des Krankenhauses und vier Mitglieder der Miliz YBŞ (Yekîneyên Berxwedana Şingal - Widerstandseinheiten Şengals), die dort medizinisch behandelt worden waren.

Diese ezidischen Einheiten waren als Konsequenz aus den IS-Massakern von 2014 gegründet worden, zur Selbstverteidigung, nachdem die Dschihadisten versucht hatten, die kurdischsprachige religiöse Minderheit als Gruppe zu vernichten - teils durch Massaker, teils durch Zwangskonvertierung und Versklavung vor allem von Mädchen und Frauen.

Als Ableger der PKK behandelt

Die türkische Regierung in Ankara behandelt die YBŞ aber schlicht als Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und nimmt sich heraus, diese auch außerhalb der türkischen Staatsgrenzen zu bekämpfen. Der Autonomierat der aktuell betroffenen Region geht allerdings davon aus, dass der Angriff auf die Klinik "mit internationaler und regionaler Zustimmung erfolgt" ist.

Erst am Montag waren bei einem türkischen Drohnenangriff in der YBŞ-Kommandant Said Hassan, und sein Neffe getötet worden. Bei den am Dienstag im Krankenhaus Getöteten soll es sich zum Teil um Verletzte dieses Drohennangriffs gehandelt haben.

Der Vizebürgermeister Dschalal Chalef Bisso sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Klinik sei "völlig zerstört". In mehreren deutschsprachigen Medienberichten war nach staatstragender türkischer Lesart von verletzten beziehungsweise getöteten "PKK-Kämpfern" statt von YBŞ-Kämpfern die Rede.

"Als Ezidinnen und Eziden trauern wir seit Wochen, weil die Weltmächte und die Feinde des Ezidentums den August zum einem Monat der Massaker gemacht haben", erklärte der Autonomierat der Region Şengal laut Übersetzung der ANF. Der Drohnenangriff habe vor den Augen des irakischen Ministerpräsidenten Mustafa Al-Kadhimi stattgefunden:

Der irakische Ministerpräsident befand sich in Şengal, aber weder er selbst noch die irakische Regierung haben sich zu dem Anschlag geäußert. Anstatt auf die türkischen Besatzungsangriffe zu reagieren, hat al-Kadhimi vor den Massengräbern in Koço erklärt, dass er die Beziehungen mit der Türkei verbessern will. (…)

Wir möchten an dieser Stelle festhalten, dass die Angriffe der vergangenen beiden Tage ein neues Glied in der Kette des Völkermords in Şengal sind. Es handelt sich nicht um alltägliche Angriffe.

Das türkische Militär hatte bereits im April eine Offensive gegen mutmaßliche PKK-Stellungen im Norden des Nachbarlands gestartet. Die PKK wird von der Regierung in Ankara als "Terrororganisation" eingestuft und ist auch in Deutschland verboten. Allerdings hatten ihre bewaffneten Einheiten 2014 maßgeblich zur Rettung von Ezidinnen und Eziden vor dem IS beigetragen, indem sie einen Fluchtkorridor freigekämpft hatten. Daraufhin wollten kurzzeitig sogar einzelne CDU-Politiker die offizielle Haltung Deutschlands zur PKK ändern. Der damalige Unionsfraktionschef Volker Kauder hatte sogar laut darüber nachgedacht, die PKK mit Waffen zu beliefern. Doch solche Töne sind in diesen Kreisen schnell wieder verstummt; und sieben Jahre später ist die PKK in Deutschland immer noch verboten.

Für den Drohnenangriff und die Bombardierung des Krankenhauses in Şengal macht der Exekutivrat der KCK (Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans) übrigens auch die USA verantwortlich, da der Luftraum über dem Irak von den USA kontrolliert wird. (Claudia Wangerin)