Angriff auf das männliche Gehirn

Nach einer Studie verändern Phthalate, die am weitesten verbreiteten Weichmacher, das geschlechtsspezifische Verhalten von Jungen, wenn sie diesen im Mutterleib ausgesetzt waren

Obgleich Weichmacher bzw. Phthalate in der EU bereits nicht mehr in Spielzeug und Babyprodukten enthalten sein dürfen und ihre Verwendung in Kosmetika und Produkten wie Farben eingeschränkt wurde, sind sie weiterhin in zahlreichen Produkten wie pharmazeutischen und medizinischen Produkten, PVC-Produkten, Lacken oder Lebensmittelverpackungen zu finden. Da Phthalate keine Verbindung mit Plastik eingehen, lösen sie sich relativ leicht ab und gelangen in die Umwelt, so dass die Weichmacher mittlerweile überall in der Luft, im Grund- und Trinkwasser und in der Nahrung enthalten sind. Vermutet wird aufgrund von Tierversuchen, dass die Weichmacher zu Reproduktionsstörungen (reproduktionstoxisch), Schädigungen der Kinder im Mutterleib und zur Erhöhung des Östrogenspiegels führen, was Fehlbildungen bei den männlichen Sexualorganen, Rückgang der Spermien und allgemein eine "antiandrogene Wirkung" verursachen könnte.

Da bislang in der Forschung vor allem Tierversuche gemacht wurden, kann die Studie von Wissenschaftler der University of Rochester unter der Leitung der Gynäkologin Shanna H. Swan, die Direktorin des Center for Reproductive Epidemiology ist, einen interessanten Einblick in die Risiken gewähren. Für die Pilotstudie wurden zwischen 2000 und 2003 bei 145 schwangeren Frauen in der 28. Woche Urinproben genommen und nach zwei der am weitesten verbreiteten Phthalate – DEHP und DBP – untersucht. Die Wissenschaftler traten mit den Frauen wieder in Kontakt, als deren Kinder (74 Jungen und 71 Mädchen) zwischen 3,5 und 6,5 Jahre alt waren, und baten sie, einen standardisierten psychologischen Fragebogen zum Verhalten ihrer Kinder (Preschool Activities Inventory) auszufüllen. In dem Fragebogen wird das Spielverhalten und die geschlechtsspezifische Ausprägung eruiert. Gefragt wird etwa, welche Spielzeuge die Kinder am liebsten haben und was sie am meisten spielen und wie ihre Persönlichkeit ist oder ob den Müttern atypisches Verhalten aufgefallen ist.

Ausgangsspunkt der Studie war die Hypothese, dass Phthalate bei Kindern während einer kritischen Zeit im Mutterleib, vermutlich zwischen der 8. und 24. Woche der Schwangerschaft, wenn die Hoden wachsen, die Testosteronproduktion hemmen und dadurch neben der Veränderung der Geschlechtsorgane auch im männlichen Gehirn geschlechtsspezifische Strukturen verändern, die sich während dieser Zeit durch das Hormon herausbilden. Das Ergebnis scheint die Hypothese zu bestätigen. Jungen, die im Mutterleib höheren Phthalat-Konzentrationen ausgesetzt waren, neigten deutlich weniger zu maskulinem Spielverhalten, spielten also beispielsweise weniger mit Spielzeugautos, Spielzeugwaffen oder rauften weniger und zogen geschlechtsneutrale Aktivitäten wie Sport vor. Bei den Mädchen waren hingegen keine Unterschiede festzustellen waren.

Das Ergebnis müsse erst noch weiter bestätigt werden, sagt auch Swan. Sollte es zutreffen, dass eine Aussetzung an hohe Phthalat-Konzentrationen tatsächlich nicht nur reproduktionstoxisch wirken, sondern auch die Gehirne verändern, wirft dies ein Licht auf den bedenkenlosen Einsatz von riskanten chemischen Substanzen, die sich trotz mancher Verbote weiterhin in Tausenden von Produkten und in der Umwelt, in der Wohnumgebung oder auf Nahrungsmitteln finden. Hier wird dann tatsächlich mit den Menschen ein großes Experiment veranstaltet, dessen Ausgang unbekannt ist.

Ähnlich problematisch ist der gleichfalls weit verbreitete Plastikzusatzstoff Bisphenol A (BPA), der ein endokriner Disruptor und ebenso eine antiandrogene und estrogenartige Wirkung auf den Organismus ausübt, wodurch er, nachgewiesen in Tierversuchen, die männliche Sexual- und die Gehirnentwicklung stören und die männlichen Sexualorgane schädigen kann. Bei einer landesweiten Untersuchung wurde 2008 festgestellt, dass im Urin von mehr als 90 Prozent der US-Amerikaner der Weichmacher BPA zu finden ist.

Ein Team von chinesischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern hat nun bestätigt, dass dieser Weichmacher in hoher Konzentration bei chinesischen Arbeitern Erektions- und Ejakulationsstörungen verursacht. Für die Studie, die in der Zeitschrift Human Reproduction erschienen ist, wurden 230 männliche Arbeiter untersucht, die in einer Fabrik arbeiteten, in der intensiv BPA eingesetzt wurde, sowie in Fabriken, die mit Epoxidharz arbeiteten, das aus BPA gewonnen werden kann. In diesen Fabriken wurden an den verschiedenen Arbeitsplätzen Luftproben genommen und auf BPA untersucht. Dazu wurden die Fabriken begangen und die Arbeiter ausführlich über ihre Arbeits- und Gesundheitsgeschichte, ihr Verhalten und ihre Sexualität befragt. Als Kontrollgruppe wurden in derselben Stadt 404 Arbeiter untersucht, an deren Arbeitsplatz diese nicht BPA ausgesetzt waren und deren Arbeit, Alter, Arbeitsgeschichte, Tabak- oder Alkoholkonsum, Krankheiten etc. mit den Mitgliedern der ersten Gruppe vergleichbar war.

Die BPA-ausgesetzten Arbeiter hatten ein signifikant höheres Risiko, an sexuellen Störungen zu leiden, als die Arbeiter der Vergleichsgruppe. Das sexuelle Verlangen war vier Mal so häufig niedriger, die Wahrscheinlichkeit, unter Erektionsproblemen zu leider, war mehr als vier Mal so hoch. Noch stärker, nämlich sieben Mal so hoch, war die Wahrscheinlichkeit von Ejakulationsstörungen. Je stärker die Aussetzung an BPA war, desto größere sexuelle Probleme hatten die Arbeiter. Wenn diese länger als ein Jahr an einem solchen mit BPA belasteten Platz arbeiteten, stiegen die Gefährdung noch stärker an. So war dann die Wahrscheinlichkeit, Erektionsstörungen zu haben, schon 15 Mal größer. Zwar liegt aufgrund der Ergebnisse nahe, dass BPA negative Auswirkungen auf die männliche Sexualität hat. Unklar ist freilich, ob dies nur bei einer sehr hohen Aussetzung der Fall ist oder ob dies auch bei geringeren Mengen festgestellt werden kann.

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