Angriff der Chaotarchen

Was hat die Bankenkrise mit einem Schutzschirm für die Menschheit im Jahre 4900 herum zu tun? Ein Interview mit dem Chefredakteur der deutschen SF-Serie Perry Rhodan

Seit mehr als 40 Jahren düst er durch den Weltenraum und hängt an den Zeitungskiosken: Perry Rhodan, Held der gleichnamigen Science-Fiction-Serie aus Deutschland. Der durch einen „Zellgenerator“ unsterblich gewordene Dauer-Chef der Menschheit wurde in den kritischen 1970er Jahren gerne unter der Rubrik „Faschismus im All“ abgelegt, wirbelt aber heute politisch keinen Sternenstaub mehr auf. Verblüffend ist vielmehr die Beharrlichkeit, mit der sich die Heftserie des Pabel-Moewig-Verlages zwischen Internet und Computerspielen behauptet, man ist inzwischen bei Heft 2486 angelangt. Rudolf Stumberger sprach mit Perry-Rhodan-Chefredakteur Klaus N. Frick über Fragen wie Schutzschirme für die Menschheit und Rentenversicherung für Unsterbliche.

Heft 2486
Herr Frick, in welchem Jahr befinden sich Perry Rhodan und die Welt mittlerweile? Was ist gerade los in der Galaxis?
Klaus Frick: Auf der Erde und auf den von Menschen besiedelten Planeten des Perry-Rhodan-Universums – wir nennen es kurz auch Perryversum – schreibt man derzeit das Jahr 1347 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Ohne ins Detail gehen zu wollen: Das entspricht etwa Ende des fünften Jahrtausends christlicher Zeitrechnung – wir sind mit der Handlung also gut 2900 Jahre weg von "heute". Die Galaxis steht im Perryversum vor einer ungeheuren Bedrohung: Die Terminale Kolonne TRAITOR, so der Name der außerirdischen Macht, hat die Milchstraße sowie einige benachbarte Sterneninseln besetzt. Diese Besetzung hängt mit dem Ringen der kosmischen Mächte zusammen, das sich überall im Universum abspielt. Und eigentlich sind einzelne Menschen, ja sogar einzelne Planeten, in diesem Ringen nicht mehr als Mikroben im Sand.
Im Heft 2486 steht: „Die Lage für die Menschheit ist verzweifelt“, die Milchstraße ist von Chaotarchen besetzt, deren Ziel die Ausbeutung ist. Haben Sie damit die aktuelle Finanzkrise vorhergesehen?
Klaus Frick: An die Finanzkrise selbst haben wir nicht gedacht. Aber es gibt tatsächlich einen Zusammenhang: Die Terminale Kolonne als Heer der Chaotarchen ist eine unbegreifliche Bedrohung, gegenüber der jeder Einzelne eigentlich keine Chance hat. Insofern ist das schon mit der sogenannten Globalisierung vergleichbar, wo man uns "in der realen Welt" ja seit Jahren einredet, man könne nichts dagegen machen, das sei eben so.

Schutzschirm für die Banken?

Die Menschen im Perry-Rhodan-Universum verschanzen sich hinter einem Terranova-Schutzschirm, erinnert das nicht an den Schutzschirm, den die Bundesregierung über marode Banken aufspannt?
Klaus Frick: Der TERRANOVA-Schirm schützt die Menschen des Perryversums (und ihre nichtmenschlichen Freunde) gegen die Angriffe böser Außerirdischer, während die maroden Banken ja nicht vor Angriffen geschützt werden, sondern eher ... gegen was eigentlich? Ich glaube, da gibt's keinen Vergleich, der passt.
Heft 1814
Wie geht die Geschichte weiter, können wir etwas daraus für die aktuelle Wirtschaftskrise lernen?
Klaus Frick: Wenn wir schon nach den Parallelen schauen: Wir zeigen, dass der Einzelne sehr wohl eine Chance hat, sich gegen eine massive Übermacht zur Wehr zu setzen. Die Terraner um Perry Rhodan sind trickreich, und sie halten zusammen; sie suchen Verbündete, die durchaus anderer Meinung sein können, die aber das Ideal der Freiheit ebenso verfolgen wie sie. Wenn Sie wollen, können Sie daraus eine Parallele zur Globalisierung, zur Wirtschaftskrise und zu einem – wie ich denke – vernünftigen Verhalten ziehen.
Perry Rhodan gibt es seit mehr als 40 Jahren. Wie sieht denn heute der typische Rhodan-Leser aus?
Klaus Frick: In den fast 48 Jahren, seit der erste Perry-Rhodan-Roman erschienen ist, sind viele Lesergenerationen gekommen und gegangen. Früher war die Serie – wie die meisten Heftromane – eine Jugendlektüre; heute haben wir vor allem Erwachsene als Leser. Der durchschnittliche Perry-Rhodan-Leser ist anfang Vierzig und männlich (80 Prozent unserer Leser sind männlich); er bekleidet häufig einen technisch orientierten Beruf und hat eine gehobene Bildung. Wenn ich mich auf Fan-Treffen mit Lesern unterhalte, habe ich es häufig mit Menschen zu tun, die einen Doktortitel besitzen oder ein Ingenieursdiplom erlangt haben; meist ist das aber kein Thema.
Die Attraktivität der Hefte mit einer Auflage von rund 80.000 Exemplaren jede Woche scheint ungebrochen. Das Internet scheint hier keine Konkurrenz – was Mediennutzung anbelangt – zu sein?
Klaus Frick: Wir versuchen das Internet eher einzubinden. Jeder Perry-Rhodan-Roman erscheint beispielsweise parallel als gedruckter Heftroman, als Hörbuch zum Download übers Internet und als E-Book sowie als Mobiles Buch (demnächst auch auf dem I-Phone). Insofern gibt es keine Konkurrenz.

Um Fragen wie Rentenversicherung oder die Einkommensverhältnisse von Perry Rhodan tricksen wir uns herum

Perry Rhodan scheint die letzte Bastion zu sein, was Zukunftsromane anbelangt. Hat die Zukunft noch Zukunft?
Klaus Frick: Die große Zeit der Science Fiction scheint tatsächlich vorüber zu sein; vielleicht liegt es daran, dass wir – gefühlt – für viele Menschen heute in einer wahren Science-Fiction-Welt leben. Originelle SF-Themen, wie sie beispielsweise Autoren wie Cory Doctorow in ihren Romanen aufgreifen, werden aber auch weiterhin eine Zukunft haben wie eine abenteuerliche Serie à la Perry Rhodan.
Heft 49
Wie ist in der Serie das mit dem Einkommen von Perry Rhodan geregelt und wie ist das mit der Rentenversicherung als Unsterblicher?
Klaus Frick: Hust-hust ... Um solche Fragen tricksen wir uns in den Romanen herum. Die Vorstellung, es gäbe 300.000 Planeten, die mit überlichtschnellen Kommunikationsmöglichkeiten Handel miteinander treiben, ist sehr phantastisch – ich scheitere aber daran, mir vorzustellen, wie in einem solchen System dann beispielsweise Börsen funktionieren oder wie ausufernd Kapitalverzinsungen unter diesen Bedingungen sein müssten ... Da stoßen wir mit einer Romanserie schlicht an unsere Grenzen.
Die Rhodan-Serie wird auch im Ausland vertrieben – werden für diese Leser die Inhalte geändert und sind die Reaktionen anders als in Deutschland?
Klaus Frick: Wenn Perry Rhodan in Japan oder Frankreich, in Brasilien oder den Niederlanden, in Tschechien oder den USA erscheint, so sind das schlicht Übersetzungen. Teilweise benutzen unsere Lizenzpartner eigene Titelbilder. Es gibt übrigens in fast allen Ländern auch eigene Perry-Rhodan-Clubs und Fan-Zeitschriften.
Wie war die Aufnahme der Serie nach der Wende in den neuen Bundesländern?
Klaus Frick: Das war vor meiner Zeit als Chefredakteur, ich weiß es nicht genau. In den neuen Bundesländern ist Perry Rhodan heute auf jeden Fall nicht so stark in der Populärkultur verankert wie in den alten Bundesländern, wo man die Serie eben seit 1961 kennt. (Rudolf Stumberger)
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