"Angst ist die ansteckendste Krankheit überhaupt"

Ein Masernvirus. Bild: CDC

Der amerikanische Autor Seth Mnookin über Impfgegnerschaft, Medizin-Lobbyismus und das Versagen der Massenmedien

Kehren die Masernepidemien nach Europa zurück? Im letztes Jahr wurden in Deutschland laut Robert-Koch-Institut mehr als doppelt so viele Erkrankungen gemeldet als 2010. Auch Infektionen mit Keuchhusten haben zugenommen. In absoluten Zahlen sind die Infektionen zwar immer noch selten, aber das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) formulierte Ziel, die Masern gänzlich auszurotten, wirkt angesichts dieser Entwicklung immer unrealistischer.

Auch in England und Frankreich gab es im vergangenen Herbst und Winter ausgedehnte Masernausbrüche. Sie treffen vor allem Gruppen, in denen die Impfraten niedrig sind. Das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention und -kontrolle (ECDC) schreibt in seinem letzten Überwachungsbericht über die Rückkehr der Masern:

Ein Rückgang bei den Impfungen hat die anfälligen Bevölkerungsteile vermehrt, und die Masern sind in dieser Region zurückgekehrt. Wenn sich die Zahl der anfälligen Bevölkerung erhöht, dann steigt auch die Zahl der Krankheitsfälle und die Zeitabstände zwischen den epidemischen Spitzen nimmt ab.

Viele Menschen nehmen die Gefahr offenbar nicht ernst oder entscheiden sich bewusst dagegen, ihre Kinder zu impfen. Immer noch kursieren Gerüchte, unter anderem im Internet, Impfungen könnten beispielsweise über eine Darmkrankheit zu Autismus führen und ähnliche Vorbehalte. Warum sind solche Gerüchte scheinbar nicht aus der Welt zu schaffen? Was motiviert Impfgegner? Seth Mnookin ist ein bekannter amerikanischer Sachbuchautor. In seinem jüngstes Buch The Panic Virus beschreibt er, welche Interessen die Impfgegner einerseits und der staatlich-pharmaindustrielle Komplex andererseits verfolgen und warum es viel leichter ist, Menschen Angst einzujagen als sie zu beruhigen.

Grafik: WHO
Herr Mnookin, von Hause aus sind Sie kein Mediziner. Wie kamen Sie dazu, ein Buch über Infektionskrankheiten und Impfungen zu schreiben?
Seth Mnookin: Vor drei Jahren, kurz nach meiner Heirat, stellte ich in Gesprächen mit Freunden und Bekannten fest, wie viele von ihnen Vorbehalte und Vorurteile gegen Impfungen hatten. Manche von ihnen hatten bereits kleine Kinder, andere dachten darüber nach, welche zu bekommen. Die Kreise, in denen ich verkehrte, waren eigentlich überdurchschnittlich gebildet und wohlhabend - Leute, die alle Fragen der Kindererziehung äußerst wichtig nehmen, die sich ökologisch geben und nur Bio-Lebensmittel einkaufen. Gerade unter ihnen herrschte diese diffuse Skepsis gegen Impfungen, weil die schließlich nicht natürlich seien. Gleichzeitig war das Thema in den amerikanischen Medien stark präsent und umstritten, gerade wegen des vermeintlichen Zusammenhangs zwischen der de.wikipedia.org/wiki/MMR-Impfstoff;;MMR-Impfung gegen Masern. Mumps und Röteln und Autismus. Also begann ich zu recherchieren.
Zum Hintergrund: Die renommierte medizinische Zeitschrift The Lancet hat 1998 einen Aufsatz von Andrew Wakefield veröffentlicht, einem englischen Arzt, der behauptet, die gebräuchliche Masern-Impfung könne zu Autismus führen. Dann sprangen nach und nach immer mehr Zeitungen und Fernsehsender auf das Thema an. In Ihrem Buch über den "Panik-Virus" schreiben Sie, dass es von Anfang an Vorbehalte gegen die staatlichen Impfkampagnen gab. Hat sich die Anti-Impf-Bewegung historisch verändert?
Seth Mnookin: In den USA haben wir im Moment immer noch mit dieser Wakefield/Autismus-Panikmache zu kämpfen. In den 1970er und 1980er Jahren war die Angst vor Thimerosal verbreitet, einem quecksilberhaltigen Konservierungsstoff, der für die Herstellung von Impfmitteln eingesetzt wird. Die konkreten Anlässe verändern sich also, aber die Struktur bleibt die gleiche: Je seltener die Krankheit, desto abstrakter die Bedrohung und desto kritischer werden Impfungen wahrgenommen.
In gewisser Weise scheitern die Impfungen an ihrem Erfolg. Solange die Menschen noch aus eigener Erfahrung die Gefahr kennen, stellen sie ihre Vorbehalte hintan. Ein gutes Beispiel ist die Polio-Impfung gegen Kinderlähmung. Als diese Impfung in den 1950er Jahren in den USA eingeführt wurde, gab es tatsächlich Probleme mit dem Impfstoff und einige schwere Impfschäden. Obwohl damals sogar Kinder starben, wurde das Programm nicht eingestellt, die breite Öffentlichkeit unterstütze es sogar weiterhin - einfach weil die Amerikaner damals aus eigener Anschauung wussten, dass Kinderlähmung zu Lähmungen und manchmal zum Tod führt. Gerade weil vielerorts die Herdenimmunität gegen Krankheiten wie die Masern erreicht wurde, können Eltern sich sozusagen als Trittbrettfahrer verhalten. Auch wenn sie dem eigenen Kind mögliche Nebenwirkungen einer Impfung ersparen, bleibt das Ansteckungsrisiko klein.
Die sogenannte Herdenimmunität spielt beim Infektionsschutz eine wichtige Rolle, die aber kaum je richtig dargestellt wird. In Gemeinschaften, die "durchgeimpft" sind, kann ein Erreger sich weniger stark verbreiten, weshalb auch diejenigen geschützt sind, die nicht immun sind. Davon profitieren besonders Neugeborene, die noch nicht geimpft werden können, und alte Menschen. Je nach Krankheit entsteht dieser qualitativer Sprung zwischen 90 und 95 Prozent Immunität in einer Population. Warum, glauben Sie, ist dieses Argument eigentlich so wenig zugkräftig?
Seth Mnookin: Ich glaube, dass viele diesen Zusammenhang nicht wirklich verstehen. Einige interpretieren das Argument mit der Herdenimmunität so, dass tatsächlich bestehende Impfrisiken sozusagen dadurch aufgewogen würden, dass insgesamt weniger Menschen krank werden. Hierzulande hört man dann unweigerlich das Gegenargument: "Ich werde das Wohl meines Kindes nicht für das Gemeinwohl opfern!" Tatsächlich verweist die Herdenimmunität auf eine Win-win-Situation: Die Impfungen nutzt dem Einzelnen und der Gemeinschaft.
Die individualistische Vorstellung ist ganz falsch, die Menschen könnten ihre medizinische Entscheidungen danach treffen, "was für sie persönlich das beste ist". Im Fall des Infektionsschutzes sind die Konsequenzen einer Entscheidung nicht auf die Entscheider begrenzt. Was die anderen tun oder auch nicht tun, hat unweigerlich Konsequenzen auch für mich.
Auch wenn ihre Bedeutung umstritten ist, Impfungen haben dazu beigetragen haben, schlimme Infektionskrankheiten zurückzudrängen, an denen früher viele Menschen, vor allem Kinder starben. Eigentlich müsste doch einzusehen sein, dass diese Entwicklung nicht unumkehrbar ist. Was treibt Ihrer Meinung nach die Impfgegnerschaft an?
Seth Mnookin: Man muss da unterscheiden zwischen einer weit verbreitetem Skepsis und der organisierten und ideologisch argumentierenden Bewegung, sozusagen dem harten Kern. Dieser Aktivismus ist oft verbunden mit einer grundsätzlichen Ablehnung von Biopolitik und Naturwissenschaft. Einige der Aktivisten in den USA fühlen sich außerdem als Eltern selbst betroffen, weil ihr Kind oder ein Kind in der Bekanntschaft unter Autismus leidet. Solche Eltern suchen natürlich nach Gründen und Erklärungen, und da liegt es eben nahe, die Impfung für dieses Schicksal verantwortlich zu machen: Die erste Impfung wird schließlich ungefähr zur selben Zeit gegeben in der seelische Behinderungen üblicherweise auffallen. Diese Aktivisten bekommen viel mediale Aufmerksamkeit, aber sie sind natürlich nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung. Viel wichtiger sind die vielen, vielen Menschen, die aus einem diffusen Gefühl des Unbehagens heraus Impfungen vermeiden oder aufschieben.
Sie betonen, dass sowohl hinter Impfgegnern wie Impfbefürwortern Lobby-Verbände stehen.
Seth Mnookin: Natürlich gibt es gute Gründe, die Aussagen von Regierungen oder der Pharma-Industrie kritisch zu hinterfragen. Die Tatsache, dass Impfungen an sich nützlich sind, bedeutet ja nicht, dass deshalb alle Produkte der Industrie makellos seien. Aber zu einer realistischen, nicht verschwörungstheoretischen Analyse gehört meiner Meinung nach, dass beide Seiten wirtschaftliche Interessen verfolgen. Zumindest in den USA stehen hinter der sogenannten Alternativmedizin und den Naturheilverfahren starke Wirtschaftsinteressen. Und dann gibt es schließlich noch die Quacksalber, die verzweifelten Eltern das Geld aus der Tasche ziehen, indem sie ihnen Hilfe versprechen, wo die gängige Mainstream-Medizin versagt.
Aus Sicht der staatlichen Seuchenbekämpfung machen die ganz oben und die ganz unten die meisten Probleme. Es sind häufig die sehr armen und überforderten Eltern einerseits und andererseits die reichen, die ihre Kinder nicht impfen lassen. Die offene Impfgegnerschaft scheint sogar ein Mittel- und Oberschichtsphänomen zu sein. Ist das in den USA auch so?
Seth Mnookin: Mich hat das völlig überrascht! Ich hätte die Impfskepsis viel eher in den Unterschichten vermutet, die in den USA ja oft aus ihrer konservativen politischen Einstellung heraus ohnehin wissenschaftskritisch sind, wenn es beispielsweise um die Evolutionstheorie geht. Aber das Gegenteil ist der Fall. In akademisch geprägten wohlhabenden Wohnsiedlungen in den USA, deren Bewohner sich selbst eher als liberal und ökologisch orientiert bezeichnen, sind die Impfraten am niedrigsten. Ich hatte ein Gespräch mit einem Regierungsmitarbeiter, der sich mit Impfungen beschäftigt und er sagte zu mir: "Wenn wir nach räumlichen Clustern suchen, wo wenig Impfschutz besteht, schauen wir einfach, wo die Bioläden sind." Und das war nur halb im Spaß!
Obwohl es immer wieder Wellen der Impfskepsis gibt, ist der Begriff der "Impfmüdigkeit" missverständlich. Bis zum Jahr 2009 - das letzte Jahr, für das Statistiken vorliegen - stiegen überall auf der Welt die Impfquoten. Nach den jüngsten Zahlen des Robert-Koch-Instituts ist die Impfquote auch in Deutschland immer besser geworden, auch wenn es in bestimmten Regionen und Altersgruppen noch Lücken gibt.
Seth Mnookin: Das stimmt zwar, auch in den USA liegen die Impfquoten in vielen Fällen um die 90 Prozent. Aber es kommt nicht so sehr auf nationale Durchschnittswerte an, sondern auf die Anfälligkeit in der jeweiligen Gruppe, in der sich Individuen bewegen und anstecken. In manchen Gemeinden liegt die Impfquote nur bei 60, 50 Prozent - und dort brechen dann unter Umständen Masern und Keuchhusten aus.
In Ihrem Buch gehen Sie hart mit der medialen Berichterstattung über die "Impfdebatte" ins Gericht - warum?
Seth Mnookin: Die Nachrichtenmedien haben sich völlig unverantwortlich verhalten, in dem sie unbegründete Ängste - die auch von vornherein als solche erkennbar gewesen wären - aufgegriffen und verstärkt haben. Trotz Facebook und der Fragmentierung des Mediensystems spielen die Mainstream-Medien nach wie vor eine Schlüsselrolle. Natürlich zirkulieren im Netz unzählige Verschwörungstheorien, aber um wirklich nennenswerte Bevölkerungsanteile zu erreichen und zu überzeugen, brauchen solche Theorien die etablierten Zeitungen und Sender. Das Problem im Fall der Wakefield-Debatte war, dass viele Journalisten keine Ahnung von der Materie hatten und ihre Berichte nach dem Schema aufbauten: "Die einen sagen dies, die anderen sagen das; beide Seite sollen zu Wort kommen" - obwohl es in dieser Frage einfach keine zwei Seiten gibt.
Außerdem waren viele Berichte genauso, wie es die Konvention verlangt, nämlich mit einem anschaulichen Einstieg, in dem Betroffene zu Wort kommen. In diesem Fall berichteten Eltern von autistischen Kindern über ihr Schicksal, danach referierten medizinische Experten die Fakten. Aber Zuschauer werden grundsätzlich stärker durch Geschichten als durch Zahlen beeinflusst. Deshalb liefern wir Journalisten ihnen ja nicht einfach einen Haufen Daten, sondern wir entwickeln aus Fakten ein Narrativ, eine Erzählung. Man darf nicht eine Familie präsentieren, in der die Eltern davon überzeugt sind, dass eine Impfung ihr Kind zum Autisten gemacht hat, und danach einen Wissenschaftler, der das als Unsinn bezeichnet. So etwas überzeugt niemanden!
Das nächste Problem ist, dass wenn eine bestimmte Angst erst einmal verbreitet wurde, es faktisch unmöglich ist, sie zu zerstreuen. Deshalb heißt mein Buch "Der Panik-Virus". Angst ist die ansteckendeste Krankheit von allen.
Nun gibt es ja tatsächlich Nebenwirkungen und Gefahren von Impfungen, selbst wenn diese im Vergleich zum Nutzen klein sein sollten. Wie sieht ihrer Meinung nach eine verantwortungsbewusste Berichterstattung darüber aus?
Seth Mnookin: Wer das verschweigt, schneidet sich ins eigene Fleisch, weil ihm letztlich niemand mehr glaubt. Das medizinische Establishment in den USA hat leider auf die Angst-Kampagnen der Impfgegner oft so reagiert, dass sie Gefahren herunterspielte. Mit einer solchen Strategie bringt man sich um die Glaubwürdigkeit. Es ist immer besser, ein realistisches Bild zu zeichnen. Es gibt Risiken, aber der Autismus gehört nun mal nicht dazu.
Es gibt in allen gesellschaftlichen möglichen Feldern ein verbreitetes Misstrauen gegen das Establishment, gegen die "offizielle Version". Ich glaube, gerade das hat Andrew Wakefield genutzt, der sich als besorgter Arzt mit Praxiserfahrung und außerdem als unabhängiger Außenseiter stilisierte, der gegen die übermächtige Pharmaindustrie antritt.
Das Problem ist, dass bestimmte verbreitete Formen der Internetnutzung wirkliche Expertise tendenziell entwerten. In den USA hat ein Prominenter kürzlich gesagt, er habe einen "Abschluss von der Google-Universität". In den Internetforen stehen sich dann Fachleute, die sich ihr halbes Leben mit einer bestimmten Problem beschäftigt haben, und Dilettanten, die keine Ahnung, aber starke Meinungen haben, scheinbar gleichberechtigt gegenüber. In dieser Situation können Scharlatane oder ein Quacksalber wie Wakefield, der allen Ernstes behauptete, den Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus mit einer Fallstudie nachweisen zu können, die ganze zwölf Patienten umfasste, die alle diese häufigen Faktoren aufwiesen.
In Ihrem Buch zitieren Sie einen amerikanischen Prediger aus dem 19. Jahrhundert, der sagte: "In der Zeit, die die Wahrheit braucht, um ihre Schuhe anzuziehen, geht eine Lüge rund um die Welt."
Seth Mnookin: Genau. Wer einen Abschluss von der Google-Universität hat, verfügt im besten Fall über gesunden Menschenverstand. Aber bei komplexen medizinischen Fragen kann dieser Alltagsverstand völlig in die Irre gehen
Anhand des Falles Wakefield stellen Sie die Frage, wie wir als Gesellschaft entscheiden, was wahr ist und was nicht. Mir scheint das auf ein anderes Problem zu verweisen - wem können wir vertrauen? Wem schreiben wir Expertise zu?
Seth Mnookin: Viele Menschen sehen die staatliche Gesundheitspolitik und die Pharmaindustrie mit Misstrauen - und dafür gibt es ja auch wirklich gute Gründe. Ich denke, das ist nicht nur ein Problem der Medien, sondern ein gesellschaftliches Problem. Die Mainstream-Medizin muss anfangen, die Ängste und die Bedürfnisse der Menschen wirklich aufgreifen und ernst nehmen. Der Erfolg der Naturheilverfahren, von Chiropraktikern und Akupunktur, all das kommt daher, dass Patienten sich dort ernst genommen fühlen. Dort fühlen sie sich nicht wie ein Produkt auf einem medizinischen Fließband, das sie kurz ins Sprechzimmer des Arztes und gleich wieder hinaus befördert.
Das Erfolgsgeheimnis der Alternativmedizin ist einfach, dass sie mit den Patienten reden. Die Schulmediziner müssen wirklich aktiv werden, um wieder ein Vertrauensverhältnis mit den Menschen aufzubauen.
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