Angst vor Identitätsverlust

Kulturell angemessene Hilfe für die Andamanen und Nikobaren

Zwischen Indien und Myanmar (früher Birma) liegen die Inselgruppen der Andamanen und Nikobaren, die an Weihnachten 2004 vom Tsunami überrollt wurden. Die dort lebenden Ureinwohner waren vorher weitgehend isoliert. Sie hatten kaum Kontakt zu ihren Nachbarn auf dem Festland und entwickelten eine ganz eigene Kultur, die durch jede Störung von außen endgültig zerstört werden könnte. Schwer von der Flutkatastrophe geschädigt, brauchen sie dringend Hilfe. Aber das Risiko durch Einmischung ihre einmalige Kultur zu zerstören, ist beträchtlich. Ein österreichischer Wissenschaftler, der seit Jahren auf den Insel Forschungsprojekte durchführt, wurde nun von den Einheimischen gebeten, bei der Organisation des kulturell stimmigen Wiederaufbaus zu helfen.

Der Humanökologe Simron Jit Singh vom Institut für Soziale Ökologie der Fakultät für interdisziplinäre Forschung (IFF) der Universität Klagenfurt gilt international als der einzige echte Experte für die Bevölkerung der Nikobaren. Seit 1999 erforscht er Land und Leute, die Nikobarer haben ihn als jemanden kennen gelernt, dem sie vertrauen können.

Indien gestattet nur ganz wenigen Ausländern den Zutritt zu den Andamanen und Nikobaren. Dabei beruft sich die indische Regierung meist auf ein Gesetz zum Schutz der indigenen Bevölkerung, die Protection of Aboriginal Tribes Regulation von 1956. Selbst Inder dürfen nur unter strengen Auflagen einreisen. Allerdings hat der Subkontinent auch klare militärische Interessen in der Region. Das Unionsterritorium der Inselgruppen stellt die östlichste Ausdehnung Indiens dar. Auf der Insel Car Nikobar befindet sich ein militärischer Stützpunkt, der strategisch zur Überwachung der Seestraße von Malacca dient.

Karte der Nikobaren (Bild: Simron Jit Sing)

Am 26. Dezember 2004 erschütterte ein heftiges Erdbeben den Meeresboden nordwestlich von Sumatra. Die Nikobaren liegen nur ungefähr 100 km vom Epizentrum entfernt. Der anrollende Tsunami traf in Form von acht Flutwellen mit einer Höhe von bis zu 20 Meter auf die Küsten der Inseln. Die am Ufer stehenden Holzhütten wurden hinweg gefegt, die Leichen der Ertrunkenen und die Trümmer ihrer Siedlungen zog der Sog der Wellen kilometerweit ins offene Meer hinaus. Die Insel Trinkat wurde in Einzelteile zerlegt.

Der Tsunami tötete mindestens 4.500 Inselbewohner, für wahrscheinlicher halten Fachleute aber eine Zahl von 10.000. Die Naturkatastrophe forderte aber nicht nur einen hohen Blutzoll, sie gefährdet nachhaltig die Kultur der Stämme auf den Andamanen und Nikobaren. Simron Singh erklärt:

Bis zum Tsunami lebten die Stämme der Andamanen- und Nikobaren-Inseln als eines der abgeschiedensten Völker der Welt. Mit der Flutwelle wurden nicht nur mindestens ein Drittel der Inselbewohner getötet und die Inseln zerstört. Auch Totems, traditionelle Bekleidung und Festplätze, die für die Urbevölkerung identitätsstiftend waren, wurden ihnen vom Meer genommen. Teile ganzer Generationen mit Wissen über Riten und Fähigkeiten sind ausgelöscht.

Es ist nichts mehr übrig, was repariert werden könnte, es muss komplett neu wiederaufgebaut werden.

Hilfe dringend gebraucht

Es dauerte nach dem Tsunami drei lange Tage, bis die ersten Hilfslieferungen aus Indien eintrafen. Ausländische Unterstützung hatte sich die Regierung in New Delhi verbeten. Die Inselbewohner waren so verzweifelt, dass sie zwischenzeitlich sogar den indischen Verwaltungsdirektor und den Polizeichef als Geiseln nahmen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen.

Jetzt hatten die Leute erstmal etwas zu essen und Notunterkünfte wurden errichtet. Schnell wurde allerdings klar, dass die einlaufende Hilfe kontrolliert werden muss, damit sie nicht als Geldwelle die Inseln überrollt und die traditionellen Lebensformen auslöscht. Einmal mehr müssen indigene Völker den Spagat zwischen der Bewahrung ihrer kulturellen Identität und dem Austausch mit der Außenwelt üben. Die Vorfahren der Andamaner kamen vor 50.000 bis 70.000 Jahren auf die Inseln und die Ureinwohner dort blieben dort weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Im Gegensatz dazu sind die Bewohner der Nikobaren genetisch vermischter, ihre Ahnen kamen wahrscheinlich erst vor ungefähr 18.000 Jahren auf die Inseln. Die dort heute lebenden Nikobaren sind eng mit anderen Südostasiaten verwandt (Out of Africa). Bislang lebten die Einheimischen von Fischerei, Jagd, Pflanzenanbau und dem Handel mit Kokosnüssen.

Einheimische der Nikobaren Inseln vor dem verheerenden Tsunami beim rituellen Gebeinefest an den Gräbern Verstorbener. Ihre reiche Kultur ist nun vom Aussterben bedroht. (Bild: Simron Jit Singh)

Dem Stammesrat war klar, dass Hilfeleistungen den gesellschaftlichen Stoffwechsel nachhaltig stören könnten. Was der Tsunami noch nicht geschafft hat, könnte jetzt durch gut gemeinte Spenden geschehen: Die Auslöschung der traditionellen Lebensweise, des kulturellen Erbes. Um dieser Gefahr entgegen zu treten, wandte sich der Stammesrat an Simron Singh und bat um Beratung bezüglich des Wiederaufbaus. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und soll nach Auskunft von Simron Singh vorsichtig angegangen werden:

In einem ersten Schritt wird das sozio-ökologische System der Andamanen-Nikobaren-Inseln analysiert. Gespräche mit den Interessenvertretern der Stämme werden den Forschern ein Bild über konkrete Probleme nach dem Tsunami geben. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden dem Forschungsteam anschließend helfen, mögliche Zukunftsszenarien für die Einheimischen zu entwickeln sowie konkrete Hilfsprojekte zu starten und nach Abschluss zu evaluieren.

Hilfe von der einstigen Kolonialmacht

Die Inseln waren einst die erste Überseekolonie des Habsburger Reiches, Ende des 18. Jahrhunderts gehörten die Nikobaren vorübergehend zum Kaiserreich. Deswegen besitzt das Völkerkundemuseum in Wien eine umfassende Sammlung von Artefakten dieser indigenen Kultur. (The Nicobar Islands: Linking Past and Future). Jetzt erweist sich das Museum als eine Arche Noah der nikobarischen Kultur – ebenso wie das Buch "Die Nikobaren. Das kulturelle Erbe nach dem Tsunami") von Simron Singh, das vergangenes Jahr erschien (Czernin Verlag, 228 Seiten mit 300 Farbfotos, ISBN: 3-7076-0078-5, 49 Euro).

500 Exemplare dieses Bildbands verteilte Singh an Nikobarer, um ihnen Anregungen für die Wiederbelebung ihrer Kultur anzubieten. Eine bizarre Situation – oder eine echte Wiedergutmachung – , dass die ehemalige Kolonialmacht mit geraubten Kulturschätzen und wissenschaftlichen Erkenntnissen den Erhalt der kulturellen Identität eines kleinen Volkes am anderen Ende der Welt unterstützt. (Andrea Naica-Loebell)