Angst vor dem Nacktsein

Nacktbader am Strandbad Müggelsee in Ostberlin (1989). Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0710-419 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA 3.0

FKK vor dem Ende: Werden die Deutschen prüde oder waren sie das schon immer?

In der DDR waren sie alle nackt. Nackt am ungarischen Balaton oder in Rumänien am Schwarzen Meer. Inzwischen aber verliert FKK oder Nudismus - der übrigens woanders "Naturismus" oder "Naturalismus" heißt - seine Popularität. Der offizielle deutsche "Verband für Freikörperkultur", DFK, hat immer noch 30.000 Mitglieder.

Aber diese Mitglieder sind alt. Diese Praktik gerät außer Mode. Die Statistik lügt nicht: Der FKK-Nachwuchs stirbt aus. Die 18- bis 30-Jährigen sind die, die am wenigsten in den Nudistenvereinen Mitglied sind. Heute sind es nurmehr die alten Sugardaddys und Blumenmammas, die 50 - 70-Jährigen, die noch gerne nackt sind. Aber heute trauen sie sich das nur noch auf dem eigenen Balkon.

Deutschland war schon immer eine der Bastionen des Nacktseins. Freikörperkultur war vor 120 Jahren "Revolution". Am Anfang des 20 Jahrhunderts bildeten sich zwischen 1901 und 1903 die ersten Vereine für Freikörperkultur im Zuge der Lebensreform- und Jugendbewegungen. Sehr deutsch ist es übrigens, wie von "Freikörperkultur", von FKK gesprochen wird - noch wenn man sich auszieht, muss es in Deutschland etwas mit Kultur zu tun haben.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zum Boom. Nudismus war ein Gefühl der Freiheit, ein Protest gegen die Eltern - heute wirkt das alles vor allem schmierig. Und warum soll man sich nackte Körper anschauen müssen? Sind nicht schon die grassierenden Tattoos schlimm genug? In einer Epoche, in der es normal war, nackt zu baden, hat keiner die Menschen beurteilt oder verurteilt - heute ist alles viel weniger einfach. Die Menschen genieren sich.

Schon die Nazis verboten die Praktik - weswegen sich mache FKK-Adepten schon in den 1950er Jahren als Antifaschisten gerieren konnten. Aber nach 1945 überlebte dieser Freizeitspaß nur im Osten. Hier war er ein Stückchen Freiheit im Sozialismus. Freikörperkultur und Nudismus repräsentierten Modernität und die nominelle Klassenlosigkeit der Gesellschaft; Anzüge und Kleidungsstücke symbolisieren dagegen in irgendeiner Form die Klassenzugehörigkeit und boten Distinktionsmerkmale - nur wer nackt war, war wirklich gleich - fast gleich.

Auch die Frauen konnten sich auf diesem Weg emanzipieren und hatten einen Raum der Freiheit. Nach gewissen Schätzungen hat jeder zweite Ostdeutsche irgendwann FKK praktiziert, auch Angela Merkel, wie sie vor einigen Jahren in einem Interview gestand.

Die Wiedervereinigung, die Einwanderung und die sozialen Netzwerke

Dann kam die Wiedervereinigung vor 30 Jahren. Seitdem haben die FKK-Vereine über die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Schuld daran ist die Einwanderung, die sozialen Netzwerke und die Reglementierungen der Bundesrepublik. Nacktheit ist nämlich überall verboten, wo sie nicht ausdrücklich erlaubt ist. Das ersetzte die Regel, dass sie überall, wo sie nicht verboten ist, erlaubt ist.

Manche Nudisten machen auch den Multikulturalismus für den Verfall verantwortlich - denn fremde Kulturen, vor allem welche aus Südeuropa, Osteuropa, aus dem Nahen Osten sind nicht fürs Nacktsein.

Außerdem wird Nacktheit wieder zum Tabu in einer Gesellschaft, die erstens regressiver wird, und in der zweitens der Körper zunehmend ein Instrument der Bewertung geworden ist, etwas, das man nicht mehr einfach zeigt. Oder nicht auf Weisen zeigt, die nicht erlaubt sind.

Bei den Jüngeren spielen zudem die sozialen Medien eine wichtige Rolle. Heranwachsende wollen sich nicht nackt auf Facebook oder Instagram wiederfinden. Außerdem geht es natürlich um die Normierung des Körpers, um die Suche nach einem idealen Körper oder einem Körper, der den Idealen entspricht, die alle Mode- und Werbe-Fotografien reproduzieren, erst recht wenn sie mit Photoshop bearbeitet sind.

Vor diesen virtuellen idealen Körpern schämen sich die realen Körperinhaber.



(Rüdiger Suchsland)