Angst vor der Zukunft

Die wachsende Gefahr des chemischen und biologischen Krieges

Vor zehn Jahren wurde das kurdische Dorf Halabja von irakischen Truppen mit Senfgas und dem Nervengas Sarin angegriffen, weil das Dorf die kurdische Autonomie unterstützte. Fünftausend Männer, Frauen und Kinder starben sofort. Wenn man die Bilder von diesem Massaker gesehen hat, wird man niemals die toten Babies vergessen, die in den Armen ihrer Eltern lagen. Eine kürzlich durchgeführte medizinische Untersuchung - die erste seit dem Angriff überhaupt -, wurde im Fernsehen am 1. März 1998 vorgestellt (Ein Manuskript kann hier bestellt werden). Hier wurde gezeigt, daß an den mutagenen und karzinogenen Wirkungen dieser Gifte bis heute weiter Menschen sterben und daß die nahegelegenen Felder noch vergiftet und unfruchtbar sind.

Halabja nach dem irakischen Angriff

Der Fall Halabja ist ein Grund dafür, warum die USA so hartnäckig auf die Durchführung der Inspektionen im Irak bestanden haben, aber es nicht der wichtigste. Halabjy ist Geschichte, und es ist die Zukunft, die den USA Sorgen bereitet und in der Schreckliches geschehen kann. Das Problem hat in Wirklichkeit zwei Seiten. Erstens hat das Problem der Massenvernichtungsmittel zu der Krise geführt, die ich den postmodernen Krieg nenne. In dessen Zentrum stehen Existenz und Verbreitung von Massenvernichtungstechnologien, die sich nicht wirklich militärisch einsetzen lassen.

Nukleare, chemische und biologische Waffen eröffnen alle gleichermaßen die Möglichkeit der Massenvernichtung, aber historisch waren die einzigen effektiven Waffen in dieser Gruppe die nuklearen, die jedoch sehr schwer herzustellen waren. Selbst wenn in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nukleares Material an den Höchstbietenden verkauft wird, ist es noch immer nicht einfach, ein "nuclear gadget" zusammenzubauen, wie der Handel dies nennt.

Auch mit besseren wissenschaftlichen und technischen Kenntnissen in der Chemie sind chemische Waffen in ihrer Wirkung vom Wetter und Zufällen abhängig, obgleich Halabja zeigt, daß ihre Folgen groß sein können. Das aber gilt nicht für biologische Waffen. Die biologische Revolution in der Gentechnik, die zum Klonen und anderen Wundern geführt hat, ist der zweite Bestandteil der Krise durch Massenvernichtungswaffen. Obgleich die Bedrohung durch nukleare und chemische Waffen dramatisch zunimmt, geht die Gefährdung durch biologischen Waffen weit darüber hinaus.

Nuklearwaffen

Atombomben waren die ersten leistungsstarken Massenvernichtungswaffen, und sie veränderten den Krieg tiefgreifend. Der Glaube an die Wirksamkeit des totalen Krieges, der das bestimmende Merkmal des modernen Krieges ist, wurde nicht nur unsinnig, sondern er bedrohte jetzt das Überleben der Menschheit. Die Ungewißheiten des postmodernen Krieges führten zum blutigen Kalten Krieg mit vielen begrenzten Konflikten, aber der grundlegende Widerspruch, der durch die Nuklearwaffen für den Krieg entstanden ist, hat sich nicht aufgelöst, sondern vertieft. Nuklearwaffen sind nur ein Symptom dafür, wie die Technowissenschaft den Krieg verändert hat. Bislang war es ein kontrollierbares System, weil die Herstellung von Nuklearwaffen ein irrsinnig schwieriges und komplexes Unternehmen ist. Das Rohmaterial muß gewonnen und aufbereitet, Sprengstoffe und radioaktive Metalle müssen auf komplizierte Weise maschinell hergestellt und der Sprengkopf muß unglaublich genau zusammengebaut und kalibriert werden. Daher hatten nur Nationalstaaten die Möglichkeit, Nuklearwaffen zu bauen.

Bis ein Staat eine Nuklearwaffe einsetzt oder Terroristen eine solche kaufen oder stehlen, würde der wahrscheinlichste Einsatz mit einer schlecht gebauten Waffe mit geringer Sprengkraft geschehen. Die schrecklichen Wirkungen könnten leicht durch die Zündung einer konventionellen hochexplosiven Bombe in einem Atomkraftwerk verstärkt werden. Wenn sich die internationale Politik nicht grundsätzlich ändert, werden noch immer irgendwann Nuklearwaffen zum Einsatz kommen. Das wahrscheinlichste Szenario ist ein "begrenzter" Atomkrieg im Mittleren Osten, der vielleicht mit einem Terroranschlag in Tel Aviv beginnt, worauf die israelische Reaktion unter dem Motto "Fünf Augen für ein Auge" folgt und Tripolis, Teheran, Bagdad, Damaskus und möglicherweise Kairo als Ziele auswählt. Eine andere Möglichkeit ist ein Konflikt zwischen Indien und Pakistan, wenn einander bekämpfende hinduistische und moslemische Fundamentalisten in beiden Staaten an die Macht kommen. Es gibt noch weitere Gefahrenzonen, aber ein Atomkrieg ist zumindest gegenwärtig, so schrecklich er zu sein scheint, nicht der wahrscheinlichste Alptraum, mit dem wir konfrontiert sind.

Chemische Waffen - eine "höhere Form des Tötens"?

Das gilt auch für chemische Waffen, wenn auch deren Gebrauch wahrscheinlicher ist. Chemische Waffen sind bislang nicht so erfolgreich gewesen, was sich zum großen Teil den vielen strengen Abkommen verdankt, die ihre Produktion und ihren Einsatz verbieten. Als sie das erste Mal im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kamen, schienen sie die Möglichkeit anzubieten, das Patt an der westlichen Front aufzubrechen. Aber es stellte sich heraus, daß Giftgas wegen der drehenden Winde und den Mängeln der Gasmasken eine kaum kontrollierbare Waffe ist und oft zu den Truppen zurückgeweht wurde, die es eingesetzt hatten, wodurch der geplante Angriff nicht mehr zustande kam. Obgleich es durch Gas mehr als eine Million Opfer, darunter 91000 Tote, gab, veränderte der Einsatz von Chlorgas, Phosgen und Chloräthylsulfid (Senfgas, der "König" der Gase) nicht den Kriegsablauf. Behauptungen wie die des deutschen Nobelpreisträgers für Chemie, der die deutschen Forschungsarbeiten leitete, daß der Einsatz von Gas "eine höhere Form des Tötens" sei, waren kaum zutreffend. Selbst wenn viele große und kleine Mächte sich weiterhin für die chemische Kriegsführung vorbereitet haben, wurde diese nur gegen die Zivilbevölkerung wie gegen die chinesischen Opfer der japanischen Spezialeinheit 791 oder gegen das Dorf Halabja eingesetzt.

Biologische Waffen

Halabja nach dem irakischen Angriff

Es gibt eine lange Geschichte der biologischen Waffen. Manche Berichte sagen, daß bei der Belagerung von Kaffa pestverseuchte Leichen über die Stadtmauern katapultiert wurden und zu einer Epidemie führten, die die europäische Geschichte verändern sollte. Einige hundert Jahre später wurden mit Pocken infizierte Decken nordamerikanischen Indianern geschenkt. Doch die biologische Vergiftung war, abgesehen vom Verseuchen des Trinkwassers, wirklich nicht weit verbreitet. In den 30er und 40er Jahren führten Fortschritte in der Biologie unweigerlich zu militärischen Versuchen, biologische Waffen herzustellen. Die Japaner, Deutschen und Alliierten führten Forschungsprogramme zum biologischen Krieg durch, aber nur die Achsenmächte experimentierten mit Menschen und nur die Japaner setzten biologische Agenten ein, als sie Erreger von Beulenpest versprühten und Bomben mit Bakterien auf die Chinesen abwarfen.

Die Forschung in den USA begann im Zweiten Weltkrieg und wurde vor allem durch gefangene japanische Wissenschaftler vorangetrieben, die man begnadigt hatte, um sie für die Mitarbeit zu gewinnen. In den 50er und 60er Jahren testete man biologische "Ersatzagenten" in U-Bahnsystemen und ganzen Städten, wodurch wahrscheinlich viele US-Bürger infiziert wurden. Die USA wurde auch beschuldigt, Schweinepest gegen Schweine von Kuba und andere biologische und chemische Waffen in Afrika und Südostasien eingesetzt zu haben. Die Russen stehen unter einem ähnlichen Verdacht. Obwohl es schwierig ist zu sagen, ob diese Beschuldigungen im einzelnen zutreffen, besteht kein Zweifel, daß die beiden Supermächte große Forschungsprojekte betrieben haben. Rußland, China und die USA betreiben neben einem Dutzend kleinerer Länder weiterhin eine intensive Forschung. Die traurige Ironie ist, daß jede wirksame Gegenmaßnahme gegen einen biologischen Angriff auch das Wissen und die Technologien beinhaltet, um diese Waffen offensiv einzusetzen.

Gentechnik und biologische Waffen

Die Menschen sind sich des Fortschritts nicht bewußt, der in der Gentechnik erfolgt ist. Selbst die daran Beteiligten sind oft über die Innovationsgeschwindigkeit in diesem Bereich erstaunt. Die Schlagzeilen in den Zeitungen berichten, daß man Gene von Quallen in Mäuse eingeführt hat, so daß diese im Dunklen leuchten, daß man Mäuse hergestellt hat, auf deren Körper menschliche Ohren wachsen, und Tiere mit menschlichen Genen, damit sie als Fabriken für natürliche Medikamente dienen, was etwa der Zweck von Dolly und den anderen geklonten Tieren ist. Aber hinter diesen aufregenden Erfolgen wird die Gentechnik, mit der man Gene trennen und neu verbinden und so neue Maschinen herstellen kann, rastlos verbessert und wächst das Wissen über die genetischen und andere biologischen Prozesse. Für den biologischen Krieg bedeutet dies, daß die Entwicklung von wirksameren und spezifischeren biologischen Waffen nicht nur möglich ist, sondern von Tag zu Tag leichter wird. Bald kann, wenn das nicht schon heute der Fall ist, ein kompetenter Student mit der geeigneten Ausrüstung, die es an jedem besseren College gibt, eine Biowaffe bauen, die ein Gegenstand von Alpträumen ist.

Die ideale biologische Waffe wäre ein veränderter natürlicher Erreger mit einer hohen Infektionsrate, der in der Lust versprüht wird und fast jeden tötet oder erkranken läßt, aber zwei Tage später selbst ausstirbt. Auch wenn manche Infektionen sich durch Reisen mit dem Flugzeug überall auf der Erde ausbreiten können, sollten so die einzigen großen Ansteckungsherde dort sein, wo die Erreger zuerst verbreitet wurden. Die Angreifer müssen ein wirksames Mittel zur Immunisierung besitzen, um ihre Führungsschicht und das übrige wichtige leitende Personal zu schützen. Zwei entscheidende Bestandteile einer biologischen Waffe, die bislang nicht vorhanden waren, sind die Zielkontrolle der Infektion und ein wirksamer Schutz vor der Infektion.

Eine andere Möglichkeit, den Schutz mit der Zielkontrolle zu kombinieren, ist die Herstellung einer "ethnischen Waffe", die auf den sogenannten "privaten Polymorphismus" bestimmter Gruppen gerichtet ist. Es gibt eine Reihe von Krankheiten und chemischen Wirkstoffen, für die bestimmte Genotypen empfindlicher sind als andere. Das Problem ist nur die genaue Zielausrichtung. Keiner der natürlichen Wirkstoffe ist dafür hinreichend spezifisch, doch dieses Potential kennt man schon länger. Die Möglichkeit ethnischer Waffen wurde 1970 mit der Veröffentlichung eines Artikels in der Military Review, einer führenden Zeitschrift, bekannt. Die deutschen und japanischen Projekte des Zweiten Weltkrieges waren bereits ganz klar von der Hoffnung geprägt, ethnische Unterschiede zu finden, die für eine Waffe geeignet sind. Selbst in den 50er Jahren experimentierte man in den USA damit, Valley-Fieber auf die Zielgruppe der Afro-Amerikaner zuzuschneiden, weil diese mit einer zehn Mal größeren Wahrscheinlichkeit an dieser Krankheit sterben als Weiße. Natürlich waren die Amerikaner mit solchen Forschungen nicht alleine. Die südafrikanische Apartheid-Regierung beispielsweise führte ein groß angelegtes Programm zur Erforschung biologischer und chemischer Waffen und ihren Einsatz durch, das sogar die Suche nach einer Möglichkeit einschloß, die Rasse eines Individuums zu verändern.

Nachdem die biologische Revolution jetzt voll in Schwung gekommen ist, wird deutlich, daß sich extrem wirksame und schreckliche ethnische Biowaffen herstellen lassen. Es gibt Theorien, die davon ausgehen, daß die AIDS-Epidemie eine Folge der Erforschung biologischer Waffen ist, anderen betrachten verkrüppelte Rinder als Tests für ethnische Waffen, und es gibt Romane wie Slatewiper über rechtsgerichtete Japaner, die eine Möglichkeit gefunden haben, Koreaner zu bedrohen, indem sie inaktive Teile ihrer DNS aktivieren.

Das alles ist Symptom des wachsendens Bewußtseins von Regierungen und Behörden über die Gefahr eines Biokrieges und des Bioterrorismus. Im Golfkrieg wurden die amerikanischen und alliierten Truppen oft gegen biologische Bedrohungen, vor allem gegen Athrax, geimpft. Vielleicht wurden sie auch Behandlungen unterzogen, die bestimmte Nervengifte abwehren sollten. Es gibt immer mehr Hinweise darauf, daß das Golfkriegssyndrom, das geheimnisvolle Bündel an Symptomen, die viele Veteranen des Golfkriegs erlitten haben, mit diesen Behandlungen zusammenhängen könnten, im Verein möglicherweise mit Umweltverschmutzung durch die Kämpfe, vor allem durch die brennenden Ölquellen, und dort heimischen Tieren, z.B. Sandfliegen.

Die Vorbereitungen der USA und der NATO auf den Umgang mit einer biochemischen Kriegsführung sind vor kurzem eskaliert. Die US-amerikanische Infrastruktur zur Abwehr von Terroranschlägen mit chemischen und biologischen Waffen beginnt zu wachsen, obwohl sie im Vergleich mit den Schutzmaßnahmen vor Nuklearwaffen, zu denen auch Zentren zur Radarüberwachung vieler Orte und einsatzbereite NEST-Einheiten (Nuclear Emergency Response Teams) gehören, noch immer winzig ist.

Zuletzt entstanden Ängste mit der Festnahme von rechten Aktivisten, die angeblich über waffenfähiges Anthrax verfügten. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen falschen Alarm gehandelt hatte, aber wie die "erfolgreichen" Anschläge mit dem Nervengas Sarin in Japan durch die AUM-Sekte zeigt, ist nicht jede Warnung falsch. Auf der einen Ebene entsteht die Bedrohung sowohl durch terroristische postmoderne Staaten und postmoderne Terroristen, aber die wirkliche Gefahr liegt darin, wie die Gesellschaften ihre Entscheidungen treffen. Bevor der Krieg wahrhaft total wurde, konnte es einen gewissen Sinn haben, viele Konflikte durch Blut zu lösen. Aber wenn jetzt Massenvernichtungsmittel zunehmend leichter immer kleineren und verückteren Gruppen zur Verfügung stehen, funktioniert das nicht mehr. Die einzige Möglichkeit, die Bedrohung durch Massenvernichtsungsmittel wirklich zu beenden, ist die Verwirklichung des Traums von einer wirklichen Demokratie und einer wirklichen internationalen Kooperation.

Leonard A. Cole: The Specter of Biological Weapons

Federation of Atomic Scientists

Wichtige Links

Der Irak und der biologische Krieg

Literatur

Chris Hables Gray ist Associate Professor für Cultural Studies of Science and Technology und für Computer Science an der University of Great Falls, Great Falls, Montana. (Chris Hables Gray)