"Ann Coulter Wants Paris Hilton Sent To Guantanamo"

Spam als Musical und Street Art des 21. Jahrhunderts

Gut 30 Jahre nachdem Carl Gartley für Digital Equipment die erste Spam-Mail verschickte funktioniert die Masche noch immer so gut, dass sie alles andere als am Aussterben ist. Was damals galt, das gilt auch heute noch: Die Mail zog zwar wütende Reaktionen auf sich, führte aber trotzdem dazu, dass die Firma einige Computer verkauft.

Mittlerweile hat sich Spam diversifiziert. Unter anderem führten Filtermaßnahmen dazu, dass in die Mails mehr Aufwand gesteckt werden musste, dessen ästhetischer Nebenertrag seit geraumer Zeit abgeschöpft wird – sei es durch Alben mit vertonten Spam-Mails oder durch Sammlungen und Blogs wie My Pet Spam, Delightful Spam oder die Spam Hunter Diaries.

Nun gibt es eine auf fünf Länder verteilte sechzehnköpfige Gruppe, die aus Spam ein Musical gebastelt hat. Aus in zwei Jahren gesammelten Mails wurden bisher drei Clips produziert, die das Material nicht nur musikalisch, sondern auch visuell interpretieren: The Lottery hat eine klassische "Gewinninformation" zur Grundlage, die mit einem Krawattenträger und seiner Assistentin in klassisch-überdrehter Quizshow-Manier mit Leuchtpunktschrifteinblendungen, Gekreische, Tom-Jones-Hintergrundmusik, Kunstapplaus und einem Laptopimitat aus Pappkarton inszeniert wird.

Auf den eigentlichen Vortrag der Spam-Mail folgt in jedem Video eine "Deleted Scene" als eine Art Antithese. In The Lonely Girls, der Umsetzung einer klassischen Sexofferte mit drei kauderwelschenden weiblichen Darstellerinnen enthält die Deleted Scene dazu eine Körpermarionette, die zu einer depressiven Coverversion von AC/DCs TNT bewegt wird. The Dying Widow wird von einer Opernsängerin vorgetragen, weshalb sich der Text ohne Programmheft eher erahnen als verstehen lässt. Eine Figur, welche sie in einer Pieta-Pose hält, trägt vor dem Gesicht ein "Your-Face-Here-Schild". Weitere Videos sind in Planung.

Premiere hatte das Musical als "Viral Video" auf dem Edinburgh Art Festival – dort wurden die Clips in Sportbars, Pubs, Clubs, Konzerthallen, Kinos und Elektroläden als 3gp-Dateien über einen Bluetooth-Sender gespamt, den Stadtführer dabei hatten.

In Berlin ist "Spam the Musical" in der Galerie Wagner derzeit im "Joseph Mumbasi Remix" zu sehen - zwischen Bildern des Anselm-Kiefer-Lehrers Peter Dreher und Werken von Natascha Stellmach, die behauptet, aus Kurt Cobains Asche einen Joint gebastelt zu haben. Joseph Mumbasi ist der Name eines angeblichen Tretminenopfers, der für sein Mitwirken einen 10 Jahre alten Computer bekommt und von dem die Spam-Musical-Schöpfer meinen: "Roy Liechtenstein couldn't have done it better without arms." Die in der Skulptur von Mumbasis Webpage verwendeten chinesische LED-Schnüre sollen von dessen Onkel stammen, der ihm diese in einer Art Zwangsmarketing aufdrängte.

Derzeit analysieren die Initiatoren Kunstnewsletter wie e-flux oder Photography Now und sammeln über diese Adressen von Museen und Kuratoren die sie dann persönlich "anspammen". Laut eigener Auskunft "täglich vier Stunden, mindestens zwölf Monate lang."

Daneben hat sich das Projekt auch noch auf 14 Video- und sieben Social-Network-Portalen eingerichtet: Die MySpace-Freundesliste - eine relativ junge Kunstform für sich – enthält unter anderem Jesus, Luis Buñuel, de:bug, Charles Darwin, Cobra Killer den Steirischen Herbst und - Paris Hilton.

Street Art des 21 Jahrhunderts

Aber auch auf Seiten der eigentlichen Spammer ist man innovativ: Waren es vor einigen Jahren noch zufällige Dada-Ähnlichkeiten maschinell erstellter Filterüberwinder, so zeigt sich mittlerweile zunehmend, dass Spam auch viel mit Graffiti zu tun hat: Neben vielen langweiligen und hässlichen Schmierereien gibt es auch einige möglicherweise durchaus absichtsvoll (aber trotzdem außerhalb eines Kunst-Kontexts) erstellte Perlen.

Das in jüngster Zeit auffälligste Talent am Himmel der unerwünschten Emails war der Paris-Hilton-Spammer. Zwar zeichnete er die Spam-Mails nicht mit dieser Kennung - aber seine Formulierungen hatten eine Eigenart, eine Handschrift von hohem Wiedererkennungswert. Seine Methode unterschied sich nicht grundsätzlich von der anderer Spammer. Und (das sei vorweggenommen, bevor jemand unbedacht und in der Erwartung, mehr zu finden, auf einen Link klickt) er warb für Websites, die via Script die Trojaner troj_fakeav.fp und troj_faveav.fw verteilten – darauf machte unter anderem Trend Micro durch eine Sicherheitswarnung aufmerksam.

Bei der Erzeugung von Aufmerksamkeit bediente sich das Talent einer spätestens seit dem Anna-Kournikova-Virus allgemein bekannten Methode: Der Nennung von Berühmtheiten. Allerdings nutzte der Paris-Hilton-Spammer dazu nicht nur eine Verbindung mit Sex, die Nutzer verleiten soll, auf den Trojaner zu klicken, sondern einen Kontext.

Am 22. August stellte er beispielsweise fest: "Taliban say Nicky Hilton Hotter Than Paris Hilton". Zwei Tage später folgte eine ähnlich gewagte Konstellation: "Ann Coulter Wants Paris Hilton Sent To Guantanamo". Entweder für die Freunde seltener Wörter oder für die Unterbringung eines Trojaners in Wörterbüchern geeignet war dagegen eine Betreffszeile vom 25. August: "Paris Hilton Revives Millinery Business" – ein Manko, das er am selben Tag vielleicht mit dem deutlich volkstümlicheren "Paris Hilton To Visit Rwanda, Rwandan Citizens Panic For Vaccination?" auszugleichen versuchte. Sein bisher imposantester Slogan scheint allerdings auch vorerst sein letzter gewesen zu sein: "Exclusive: Barack Obama Can Fly Through The Air Like That Guy On Heroes". (Peter Mühlbauer)

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