Anonymous: Meinungsfreiheit hat (k)einen Namen

Teil 1 - Das Netz ergreift Partei

2012 setzte das Time-Magazine ein Kollektiv namens "Anoymous" auf die "Liste der 100 einflussreichsten Personen". Der führungslose Internet-Schwarm, so Time, den ein Geschmack für Schock-Humor und Verachtung für Autorität eine, plündere und bespiele elektronische Netzwerke seiner Feinde: Arabische Diktaturen, den Vatikan, Banken, Unterhaltungskonzerne, FBI, CIA, Stratfor - und die Schnellbahn-Gesellschaft von San Francisco. Wie war es möglich, dass sich anonyme Menschen eine solche Machtposition erarbeiteten?

Die Wurzeln von Anonymous reichen tief in die Anfänge des Internets als kollektivem Lebensraum zurück.

Das Fundament für Anonymous hat zweifellos das 1984 in Texas gegründete US-Hacker-Kollektiv The Cult of the dead Cow (cDc) gelegt. cDc nimmt für sich in Anspruch, das elektronische Publizieren erfunden zu haben. 1990 veranstaltete cDc ein Untergrund-Hackertreffen und stellte schließlich bei jeder Präsidentschaftswahl einen eigenen Kandidaten. Anders als in Deutschland, wo sogar der Humor tendenziell moralisch zu sein hat, galt in den USA Hacken eher als technisch. cDc aber bezog durchaus politisch Haltung, zumindest satirisch. So streuten die Hacker 1994 das Gerücht, Ronald Reagan per Blasrohr mit Alzheimer infiziert zu haben.

1995 kreuzte die "Wissenschaftskirche" Church of Scientology die Wege der toten Kühe. So hatte Scientology versucht, die seit 1991 bestehende Newsgroup Alt.religion.scientology zu verbieten. Als Begründung führten die Anwälte u.a. den Gebrauch des Markennamens "Scientology" an. Zwar ignorierten die Admins diesen infamen Versuch, jedoch nahm cDc die Forderung zum Anlass, Scientology den Krieg zu erklären. Infolge dessen explodierte der Bekanntheitsgrad der Newsgroup - ein Trotz-Phänomen, das später als Streisand-Effekt bekannt werden sollte.

Die Freiheit des Informationsaustauschs wurde zum Kernthema von cDc. Jeder sollte Zugang zum Internet und die Möglichkeit zur freien Rede erhalten. Um dies zu gewährleisten, entwickelten cDc-Hacker Tools für Menschen in Ländern, die keine Meinungsfreiheit garantieren. Aus cDc gingen hierzu 1996 verschiedene Gruppierungen hervor - darunter die Ninja Strike Force und "Hacktivismo", die 2001 eine Hacktivismo Declaration veröffentlichten, die sich gegen staatlich geförderte Zensur des Internets mit der Unterstützung einiger transnationalen Großunternehmen aussprach. Man wollte nichts weniger, als die Menschenrechte in den digitalen Raum übertragen.

Nach 9/11 registrierte cDc auch im eigenen Land die Zunahme von Überwachung - besonders im digitalen Raum.

Als eigentliches Biotop von Anonymous gelten Imageboards - ein aus Japan stammender Trend, bei dem die Nutzer Bilder hochladen und auf meist sehr verspielte Weise diskutieren. Imageboards unterscheiden sich von konventionellen Internetforen dadurch, dass die Postings wegen begrenzter Speicherkapazität von nachrückenden Inhalten langfristig verdrängt und gelöscht werden. Das bedeutendste Imageboard ist das von Teenagern gegründete 4chan, wo man (wie in anderen Sozialen Medien auch) seine Postings mit einem persönlichen Account markieren kann, aber nicht muss. Wer sich nicht einloggt, dessen Name wird automatisch als "Anonymous" angegeben. Der Name selbst hat eine noch ältere Tradition: Auf vielen ftp-Servern von Universitäten und Forschungseinrichtungen konnte man sich mit dem Pseudo-Nutzernamen "Anonymous" schon vor der Erfindung des Web einloggen und Dateien herunterladen.

Die bei 4chan geposteten Inhalte sind nicht selten so gestaltet, dass man im richtigen Leben eher nicht damit identifiziert werden möchte - häufig beinhalten sie politisch unkorrekten und bisweilen sehr geschmacklosen Humor. Für Luxus wie Urheberrecht hat dort auch niemand Verwendung - zumal die Inhalte schneller verschwunden sind, als Anwälte Erfolge erzielen könnten. 4chan gilt als Geburtsstätte etlicher Internet-Meme, etwa Rickrolling und Lolcats. Besonders beliebt ist das anarchische Unterforum "/b/", in dem täglich bis zu 350.000 Nutzerbeiträge aufschlagen und sich mit provokantem Bad Taste-Humor gegenseitig überbieten. Da jeder mal "Anonymous" war, verwendeten die Nerds die Bezeichnung satirisch als Namen einer virtuellen Kollektivperson.

Wie man im Hyde Park beobachten kann, zieht Gewährleistung von Meinungsfreiheit auch solche Meinungen an, welche die Toleranz von aufgeklärten Menschen dann doch etwas strapazieren - etwa Rassismus und religiösen Fanatismus. Während sich 4chans Anonymous fundamental gegen Zensur einsetzt, folgt hieraus keineswegs, dass man dort Missstände ohne Haltung akzeptiert. Legendär wurde 2006 der Habbo Raid im Teenagernetzwerk "Habbo Hotel". Im virtuellen Habbo Hotel bewegten Nutzer ihre Avatare wie in Computerspielen mit menschlichen Figuren, deren Aussehen vom Nutzer eingestellt werden kann. Als Gerüchte die Runde machte, die Admins diskriminierten Avatare mit dunklerer Hautfarbe, ergriff Anonymous die Initiative: Etliche Nutzer loggten sich gleichzeitig mit dem identischen Avatar von Samuel L. Jacksons populärer Figur aus dem Kultfilm "Pulp Fiction" ein und blockierten die anderen Nutzer, indem sie etwa den Swimming Pool umstellten. Nach Art des Hauses 4chan wurde die Aktion mit einem neuen Meme besungen: Pool‘s closed. Nach dieser Fingerübung war Anonymous nun bereit für einen weitaus mächtigeren Gegner: Xenu.

2008 störten sich Anons an einem Motivationsvideo der Scientology-Kirche mit deren Werbebotschafter Tom Cruise, das nur den Mitglieder zugänglich sein sollte. Jemand beschaffte das Video, das fortan an etlichen Stellen im Internet erschien - und wegen Urheberrechten sofort überall wieder verschwand. Eine bessere Werbung als das Verbot wäre kaum möglich gewesen. Der unbeholfene Zensurversuch weckte das Interesse der Medien, Gawker platzierte das Video schließlich denkbar prominent und verweigerte demonstrativ eine Entfernung. Seither steht es unangefochten im Netz.

Nunmehr tauchte ein anonyme Video mit dem Titel Message to Scientology auf, in dem man der Sekte mitteilte, man habe deren Lügen lange beobachtet und entschieden, die Organisation zu zerstören. Die von einer Computerstimme verlesene Nachricht endete mit einem neuen, unheimlich wirkenden Meme:

"We are Anonymous. We are Legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us."

Da die Nachricht für das breite Publikum offenbar zu "inside" war, legte Anonymous mit einem weiteren Video Call to Action nach und rief zu einem Protesttag auf. Ein drittes Video präsentierte den Code of Conduct, um die Demonstration friedlich zu halten und die Teilnehmer vor Repression zu schützen. Da die Scientology-Kirche für ihren harten Umgang mit Kritikern bekannt war und Gegner zu fotografieren pflegte, rieten die Anons zur Vermummung.

Ursprünglich nutzten die Anons zur Real-Life-Anonymisierung Green Skins - hautenge Ganzkörper-Anzüge, die auch das Gesicht verbergen und für ca. 40 $ im Halloween-Bedarf zu haben sind. Später griff Anonymous das 4chan-Meme des epic fail guy auf - einem als Strichmännchen dargestellten ewigen Versager, der die Maske des gescheiterten Sprengstoff-Attentäters Guy Fawkes trägt. Indem nun auch Anons die Guy Fawkes-Maske trugen, wollten sie das Scheitern von Scientology verhöhnen.

Die anonymisierende Guy Fawkes-Maske stammte aus dem 2006 verfilmten Comic "V for Vendetta" von Alan Moore und David Lloyd, in dem der Maskenträger verkündet, Menschen könne man töten, Ideen aber seien kugelsicher. Zwar mag die Maske eines katholischen Fundamentalisten im Kampf gegen eine religiöse Organisation eine kuriose Wahl gewesen sein, sie kommunizierte jedoch vor dem Hintergrund von "V" perfekt den kollektiven Kampf gegen totalitäre Strukturen durch Anonymisierung.

Dem Aufruf zu dieser und weiteren Demonstrationen folgten weltweit ca. 8.000 Personen, die wiederholt vor Scientology-Einrichtungen protestierten. Hassobjekt wurde insbesondere der von Tom Cruise produzierte Film "Unternehmen Walküre", dessen PR-Termine gegen Protestaktionen weitgehend abgeschirmt wurden. Bei der Demonstration in Hamburg und Berlin wurde das mit politischen Erwägungen begründete Tragen der Masken trotz Vermummungsverbot gestattet.

Die Anons beließen es jedoch nicht bei einem mit Informationen geführten Glaubenskrieg, sondern setzten Information als Waffe ein: Sie blockierten die Scientology-Hotlines mit Hoax-Anrufen, orderten unzählige Pizzas in die Zentrale, faxten schwarze Seiten, welche die Tinte des Empfangsgeräts leerten und griffen Websites mit den bereits von cDc praktizierten Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDoS) an. Inzwischen hatten die Hacker ein martialisch Low Orbit Ion Cannon genanntes Tool entwickelt, mit dem sich jeder Nutzer ohne Hackerkenntnisse an DDoS-Angriffen beteiligen konnte.

Die "Wissenschaftskirche" behauptete darüber hinaus, Anonymous hätte Hunderte Todesdrohungen versendet und versuchte seinerseits mit Videos, die Bewegung lächerlich zu machen. Mit Detektiven gelang es, einige dann doch nicht so anonyme Anons aufzuspüren, die sich nun mit Anklagen mit bis zu 5 Jahren Strafandrohung konfrontiert sahen. Brian Mettenbrink wurde schließlich zu einem Jahr Haft und einem weiteren überwachten Jahr verurteilt, in dem er keinen Computer berühren durfte. DDoS-Angriffe dürften auch in den eigenen Reihen Sympathien gekostet haben, denn das Blockieren von Kommunikation lässt sich mit den von cDc formulierten Postulaten nicht in Einklang bringen.

Was im Film die Maske war, wurden im Netz die Anonymisierungs-Tools der Hacker. Das Bedürfnis nach Diskretion und Freizügigkeit beschränkte "Anonymous" nicht nur auf seine Mitglieder, sondern führte zu einem offensiven Eintreten für Meinungsfreiheit und gegen Zensur, was im US-Kulturkreis seit der Bill of Rights ohnehin eine fundamentale Bedeutung hat. Wer immer fortan Meinungsfreiheit bekämpfte, hatte es nun mit einem mächtigen Gegner zu tun, der nicht vor Selbstjustiz zurückschreckte, selbst aber kugelsicher war.

Ziviler Ungehorsam ist naturgemäß immer kontrovers, hat jedoch durchaus gesellschaftlichen Fortschritt gebracht. So konnten die Suffragetten durch ihre konsequenten Aktionen das Frauenwahlrecht durchsetzen, Gandhi gelang die friedliche Vertreibung einer rassistischen Kolonialmacht vom indischen Subkontinent, die Bürger der DDR entledigten sich eines totalitären Regimes.

Zur Organisation ihres Project Chanology richteten die Anons eigens ein Wiki ein. Die Wiki-Software nutzt auch ein seelenverwandter Partner, der ebenfalls gesteigerten Wert auf seine Anonymität legte, Zensur hasste und dem Anschein nach auch ein Hacker-Kollektiv war: WikiLeaks. Als WikiLeaks aus unbekannter Quelle Insidermaterial zu Scientology zugespielt wurde, war es kaum zufällig, dass im WikiLeaks-Chat zur gleichen Zeit lauter Anons aufschlugen und Hilfe beim Aufbereiten des Materials im Wiki der anboten.

Plötzlich tauchten im Internet unzensierbar die sündhaft teuren Scientology-Lehrbücher auf, für die Sektenmitglieder bis dahin ihr Vermögen zu verschwenden hatten. Besonders peinlich waren die nur den höheren Grade zugänglichen Lehrwerke, die krude Märchen von Außerirdischen auftischten. Besonders die Schöpfungsgeschichte um Xenu bot Spöttern unbezahlbares Material. Der Leak der geheimen Handbücher dürfte dem Geschäftsmodell der Sekte einen empfindlichen Dämpfer verpasst haben.

Doch WikiLeaks wurden auch handfestere Dokumente zugespielt, die Aufschluss über das Firmengeflecht rund um Scientology gaben. Besonders bedrückend waren die Insiderinfos zum tragischen Fall der Scientologin Lisa McPherson, die 1995 beim geheimen "Introspection Rundown" der Sekte einer Lungenembolie erlag. Beim Aufbereiten des Scientology-Materials leisteten die Anons durch Manpower wertvolle Hilfe, von der die in Wirklichkeit nicht gerade zahlreichen WikiLeaks-Macher bei anderen Aktionen nur träumen konnten.

Während zuvor etwa das von WikiLeaks bloßgestellte Bankhaus Julius Bär den Rechtsweg beschritten hatte, schien Scientology inzwischen verstanden zu haben, dass man sich mit dem Internet besser nicht anlegen sollte. WikiLeaks galt als kugelsicher, da lästigen Anwälten bereits eine ladungsfähige Anschrift fehlte, denn vorgeblich waren die Betreiber ja anonym - oder wie es bei 4chan heißt: "Anonymous".

Nächste Folge: PayBack, PayPal, PayDay und der Arabische Frühling.

Weitere Teile finden sie im neuen Telepolis-eBook Anonymous - Sieben Jahre Hacktivismus, das im September erscheint.

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