Anonymous: Meinungsfreiheit hat (k)einen Namen - Teil 3

ACTA for the Lulz!

Nach dem Arabischen Frühling von 2011 bot Anonymous auch anderen Gegnern die Stirn. Im Kampf gegen ACTA brachten die Hacktivisten ein von der Lobby eingestieltes Gesetzesvorhaben zu Fall und trat auch sonst der Urheberrechtsindustrie auf die Füße. Eine für die US-Regierung und -Industrie arbeitende Detektei verbrannte sich an Anonymous spektakulär die Finger.

Anzeige

Teil 2: PayBack, PayPal, PayDay und der Arabische Frühling

Wie man seit 2014 durch die Snowden-Dokumente weiß, hatte kaum überraschend auch die NSA ihr allsehendes Auge auf Anonymous geworfen. Militärs sahen in Anonymous sogar eine ernsthafte Bedrohung: So setzte die Nato Anonymous auf eine Liste bekämpfenswerter Ziele. Tatsächlich hatten Hacktivisten der Nato 2011 einen Besuch abgestattet und dabei ausgerechnet ein Sicherheitshandbuch gegen Hacker-Angriffe aus den Dateien gefördert, das offenbar nicht beherzigt worden war. Anonymous teilte der Nato freundlich mit, dass diese Welt nicht länger ihr gehöre. Den Dokumenten zufolge erwog die Nato auch eine mögliche Unterwanderung des reichweitenstarken Kollektivs. Derartiges war tatsächlich geschehen - durch ein US-amerikanisches "Private Eye".

Ex-Militär Aaron Barr leitete die Detektei HBGary Federal, ein Partnerunternehmen des Sicherheitsunternehmens HBGary, Inc. Die Detektive arbeiteten u.a. für die US-Regierung und die US-Industrie. Barr brüstete sich in der Presse damit, in Anonymous eingedrungen zu sein. So wollte Barr die Führungsebene von Anonymous unterwandert haben, die ihm zufolge aus 30 Personen und 10 Kernmitgliedern bestehe. Der Hack wäre allerdings alles andere als beeindruckend gewesen, da man relativ einfach Zugang zu diesem Netzwerk bekam.

Barr jedoch gebärdete sich in einer Weise, die Anonymous als rufschädigend bewertete, zumal seine Informationen nur teilweise authentisch waren. Derartiges ließ sich Anonymous nicht lange bieten: Innerhalb von 24 Stunden manipulierten die Hacker nicht nur Barrs Website, sondern stellten 71.000 Firmen-E-Mails in die Pirate Bay, löschten das ein Terabyte umfassende Back Up der Firma und vermüllten Barrs Twitter-Account.

Auch sein iPad wollten die Hacker aus der Ferne gelöscht haben. Da Barrs Privatadresse bekannt war, sah sich Barr schließlich veranlasst, mit seiner Familie spontan zu verreisen. Zwar plädierten viele Anons dafür, die Namen von Barrs kleinen Kindern zu schützen, diese waren aber nunmehr leicht herauszubekommen. Barrs Sicherheitsfirma, die nicht einmal die eigenen Dokumente sichern konnte, streckte die Waffen und wurde geschlossen. Das nahezu gleichnamige Partnerunternehmen HBGary distanzierte sich von Barr und sah sich zur bizarren Unterwerfungsgeste gezwungen, im IRC-Channel von Anonymous um Gnade zu bitten.

In Barrs E-Mails fand Anonymous eine Power-Point-Präsentation mit Vorschlägen für die Bank of America, wie man WikiLeaks durch Desinformation diskreditieren könnte. Damit nicht genug, erwog Barr auch den WikiLeaks wohlgesonnenen Journalist Glenn Greenwald anzugreifen. In einem Interview in der Anonymous-Doku We are Legion bezeichnete Barr Verteidigung nicht als ausreichend und plädierte für Angriff. Auch bei Scientology lautete das Motto "Never Defend, Always Attack!" Barrs Dokumente bestätigten die als Verschwörungstheorien abgetanen Vermutungen von Julian Assange, dass seine Gegner erwogen, ihn mit schmutzigen Methoden zu zerstören.

Zu den Methoden, an denen Cyberkrieger Barr arbeitete, gehörte auch das Aufstellen einer Armee fiktiver Profile in Social Media zu Propaganda-Zwecken. Derartiges Astroturfing vermeintlich vieler individueller Meinungsträger, die alle aus der gleichen Quelle gesteuert wurden, ähnelte in gewisser Weise den tatsächlichen Strukturen von Anonymous. Barr arbeitete auch mit Schadware, etwa manipulierter LOIC-Software.

Anzeige

In den E-Mails, die Anonymous aus Barrs Mailbox heraustrug, wurde auch die wohl spektakulärste Schadware überhaupt erwähnt: Stuxnet.

Neben dem Retten der Welt vergaß Anonymous natürlich nicht das Bespielen der angestammten Themen. So sah man sich in der Pflicht, als 2011 drei Hacker wegen des Playstation-3-Hacks angeklagt wurden, darunter "GeoHot". Jailbreaking betrachten Hacker als essentiell, um Sicherheitslücken zu erkennen und so langfristig die Daten von Kunden zu schützen.

Die einsetzenden DDoS-Angriffe auf Sony scheinen nicht erfolgreich gewesen zu sein und wurden auch bei vielen Anons kontrovers beurteilt, weil Betroffene vor allem Playstation-Nutzer gewesen wären. Als Hacker schließlich das Playstation-Network aufmachten und sämtliche 77 Millionen Nutzerdaten heraustrugen, bröckelte bei den Unterstützern erneut der Konsens, denn es waren gerade die Playstation-Nutzer gewesen, für die sich Anonymous verwenden wollte. Anonymous beendete daher das Kettenrasseln.

Die am Hack gegen HBGary federführenden Hacker formierten sich 2011 als eigenes Hacker-Kollektiv unter dem Kunstwort "LulzSec", das lächerliche Security verhöhnte. Während bei Anonymous viele zu politischer Verantwortung mahnten, legte sich LulzSec aggressiv auch mit einigen Medien an, die ihrer Meinung nach etwa unfair über WikiLeaks berichtet hatten.

So drang LulzSec in das Fox-Netzwerk ein und hackte auch die Website des TV-Senders PBS, um dort alberne Falschmeldungen zu platzieren. Die Website "Sun", zu deren Verlag auch die durch den Abhörskandal berüchtigte Publikation "News of the World" gehörte, verkündete überraschend den Tod ihres kontroversen Herausgebers Rupert Murdock. Auch LulzSec erbeutete bei Sony Kundendaten, diesmal bei den Filmkunden. Mit DDoS-Attacken fuhr LulzSec diverse Polizeiwebsites und sogar die Homepage der CIA herunter.

LulzSec legte sich auch mit dem privaten Geheimdienst StratFor an, der geopolitische Informationen verkauft. Die Hacker entwendeten Kundendaten, die fortan bei WikiLeaks nachzulesen waren. Die erbeuteten Kreditkartennummern nutzte das Kollektiv, um 700.000,- $ an wohltätige Organisationen zu überweisen - was kaum zufällig an das Finale des Films "Sneakers" erinnert.

LulzSec war nicht allzu wählerisch mit seinen Opfern und leakte etwa erbeutete Daten von Pornokonsumenten. Nach gewissen Kabbeleien verbündeten sich Anonymous und LulzSec Mitte 2011 gegen die US-Behörden und attackierten die Websites von FBI und CIA, sowie die der britischen Polizei. Dies beeindruckte keinen geringeren als Julian Assange, der diskret zu LulzSec Kontakt aufnahm. Allerdings kriselte es in der Gruppe, da LulzSec zwar unterhaltsam war, das Projekt aber politisch nirgendwo hin führte. 50 Tage nach der Gründung von LulzSec verkündete das Kollektiv daher das Ende.

Die Hybris von LulzSec hätte jedoch ohnehin ein unrühmliches Ende gefunden, weil die eigene Sicherheit versagte. Der wohl wichtigste Kopf der Gruppe, der Hacker Sabu, wurde in New York vom FBI aufgespürt und umgedreht. Um nicht von seinen Kindern durch Haft getrennt zu werden, spionierte er als V-Mann über acht Monate hinweg seine Freunde aus. Nach und nach verhafteten die Behörden die prominenten Hacker. Etliche LulzSec-Mitglieder bekamen für ihre Streiche harte Haftstrafen. Der von Sabu verratene Anon Jeremy Hammonds wurde 2013 für den Stratfor-Hack zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Die Festnahmen der LulzSec-Hacker zerstörten manche Illusion. So kam heraus, dass viele DDoS-Erfolge von Anonymous in Wirklichkeit in erster Linie mit Botnetzen bewerkstelligt wurden, mithin viele Risiken der Anons an der LOIC unsinnig gewesen waren. Mögen die LulzSec-Hacker begabte und erfolgreiche Hacker gewesen sein, so war ein Großteil des LulzSec-Materials nicht wirklich gehackt, sondern an LulzSec geleakt worden. Die tatsächliche Geschichte (insbesondere von LulzSec) erzählte 2012 Parmy Olson in epischer Breite in ihrem Buch "Inside Anonymous".

Am 30.09.2014 trafen erstmals vier der LulzSec-Hacker, Topiary, Pwnsauce, Tflow und Kayla aufeinander, nicht jedoch Sabu.

Nach dem Hype um die Operation Payback, den Arabischen Frühling und LulzSec-Hacker im Jahr 2011 war es um Anonymous ruhiger geworden. Zum einen machte sich der Rückgang an Feinden bemerkbar, die sich von Anonymous trollen ließen, zum andern aber fehlten dem Kollektiv infolge von Festnahmen wohl talentierte Hacker. Doch auch jenseits der spektakulären Hacks war Anonymous eine beständige Bewegung geworden, die Staaten in aller Welt die Grenzen ihrer Macht im Netz zeigte - und umgekehrt die Grenzen ihrer Macht gezeigt bekam: So wurden beispielsweise in der Türkei 32 Anons zu Haftstrafen verurteilt, weil sie staatliche Websites per DDoS angegriffen hatten.

Als Feinde der Menschheit identifizierte Anonymous auch die Verwertungsrechtsindustrie, die das Internet unter ihre Kontrolle bringen wollte. Neben den Sicherheitsfanatikern wurde die Verwerterlobby als die treibende Kraft hinter den in vielen Ländern diskutierten Netzsperren gesehen, die mit der über Nacht auf einmal so wichtig gewordenen Gefahr von Kinderpornographie politisch durchgesetzt werden sollten. Gesetze wie Three Strikes, die in vielen Ländern der Erde vorbereitet oder gar umgesetzt wurden, konnte Anonymous schwerlich tolerieren.

So sagte die Bewegung der Content-Industrie den Kampf an, die nach ACTA, PIPA und SOPA gierte. Die Pläne zu ACTA, die Lobbyisten und weltfremde Politiker hinter verschlossenen Türen ausgehandelt hatten, waren WikiLeaks zugespielt worden.

Die Bedrohung des Lebensraums Internet und die Auswirkungen auch auf andere Lebensbereiche wurden im Winter 2011/2012 in Europa erstmals einer Masse an Menschen bewusst, die bei Minus-Temperaturen auf die Straße ging, um ihren Unmut zu demonstrieren. Zur Ikonographie der Anti-ACTA-Demonstrationen, mit denen sogar die deutsche ARD-Tagesschau eröffnete gehörte stets die Guy Fawkes-Maske, sowie die Fahne einer gleichfalls internetbasierten Partei, die sich auf selbige damals ähnliche Ziele wie Anonymous geschrieben hatte.

Die Politiker, die zuvor das Zugangserschwerungsgesetz gegen die einhellige Kritik aller Fachleute durchgewinkt hatten, fürchteten nicht ganz unberechtigt um Wählerstimmen - und sagten das Gesetz vorzeitig wieder ab.

Da Anonymous angetreten war, um unter der Guy Fawkes-Maske die Welt zu verbessern, nahm man (wie unter Maske von Zorro oder Batman) auch den Kampf gegen das Organisierte Verbrechen auf. So sammelte etwa Anonymous Mexiko Informationen über das wohl brutalste mexikanische Drogenkartell "Los Zetas", bei dem Morde an der Tagesordnung sind.

Die Zetas entführten daraufhin einen Anon und drohten mit dessen Ermordung. Anonymus bezeichnete einen Juristen als Zeta und behauptete den Besitz einer Liste mit 100 weiteren Zetas. Eine Veröffentlichung hätte die Autorität des brutalsten mexikanischen Drogenkartells, das in der Bevölkerung einen relativ geringen Rückhalt genoss, durchaus schaden können.

Die Situation spitzte sich zu, da Anonymous ein Ultimatum zum "5th of November" stellte, dem Jahrestag des Guy Fawkes Gunpowder Plots. Die Zetas ließen den Anon frei, Anonymous beendete die Operation gegen die Zetas. Die Bewegung mochte kugelsicher sein, einzelne Anons waren es nicht.

Während des ägyptischen Frühlings 2011 hatte Anonymous außerhalb der angestammten Feinde agiert und fand auch im eigenen Revier weitere politische Gegner. Nach der Atomkatastrophe in Fukushima weitete die Bewegung ihr Aktionsfeld auf Konzerne aus - vor allem auf Erdölkonzerne, deren Geschäfte als eine Bedrohung der Umwelt bewertet wurden. Da Anonymous in die Politik kein Vertrauen hatte, rief man die Operation GreenRights aus. In deren Rahmen attackierte Anonymous die Websites der Lieblingsgegner von Umweltschützern wie etwa die des Saatgut-Herstellers Monsanto. Das Engagement für die Ökobewegung blieb jedoch eine Randerscheinung, zumal ziviler Ungehorsam auf diesem Gebiet bereits seit Jahren von etablierten Playern wie Greenpeace professioneller praktiziert wurde.

Anonymous besuchte mit seiner Strahlenkanone auch etliche Websites homophober Anbieter, etwa die der Westboro Babtist Church, das deutsche kreuz.net oder Regierungswebsites entsprechender afrikanischer Staaten wie Simbabwe oder Uganda, sowie diverse Nazi-Seiten. Wirkliche Aufmerksamkeit erfuhr dabei allenfalls die Kabbelei mit der Westboro Church. Auch mit dem Occupy-Movement, gleichermaßen eine Graswurzelbewegung, gab es personelle Überschneidungen.

In Schweden und später in Deutschland gelangen "Piratenparteien" überraschende Achtungserfolge. Nach einem rasanten "Frühling der Piraten" 2012, in dem die (wie Anonymous weitgehend über das Internet organisierte) Partei schließlich sogar in das Parlament des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslands Nordrhein-Westfalen einzog, präsentierten sich die Protagonisten der in den Fokus der Medien geratenen Partei allerdings in ähnlicher Weise wie die Grünen und die Linkspartei.

Diese Parteien gab es aber bereits, jedoch mit professionellen Strukturen und politisch erfahrenem Personal. Im Laufe des Jahres 2012 wich die Aufbruchsstimmung einer breiten Enttäuschung. Auch bei den deutschen Anons sah man die thematische Entwicklung der Piraten von der Netzpartei hin zum Gemischtwarenladen mit gemischten Gefühlen.

Bereits im Bundestagswahlkampf von 2013 spielten die Piraten keine Rolle, obwohl mit den Snowden-Leaks Themen wie Überwachungswahn aktueller denn je waren. In Berlin, wo der Hype um die neue Partei Ende 2011 begonnen hatte, etablierte der ideologisch besonders aufgeladene Landesverband ein meinungsfeindliches Klima und überwachte die politische Haltung seiner Mitglieder durch ein Klarnamensliquid - dem genauen Gegenteil von Anonymous.

Nach Xenu, arabischen Diktatoren und Umweltzerstörern fand Anonymous einen weiteren würdigen Gegner: die ehrenwerte Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA).

Die Forderungen der GEMA für die Nutzung des von ihr vertretenen Repertoires an den zum Google-Konzern gehörenden Webhoster YouTube bewerteten viele Kommentatoren als überzogen. Um sich keinen grotesk hohen Schadensersatzforderungen auszusetzen, blockierte schließlich YouTube bei etlichen Videos für Nutzer mit deutschen IP-Nummern den Zugriff.

Im Rechtsstreit zwischen den Kontrahenten gab Anonymous der GEMA eine freundliche Hilfestellung, mit der die Verantwortlichen offenbar überfordert waren. Den Nutzern spendierte Anonymous Tools, wie man regional gesperrte Videos dennoch genießen kann - wovon die angeblich von der GEMA vertretenen Künstler erst recht nichts haben. Viele Musiker wiederum sind alles andere als glücklich über die Situation, denn längst ist YouTube für sie ein wichtiges wie kostenfreies Werbemedium.

Anonymous verordnete den Musikzolleintreibern schließlich eine Generalpause und legte für ein Wochenende die GEMA-Website lahm. Auf der der GEMA-Homepage injizierte man die sarkastische Meldung "Diese Seite in Deutschland nicht verfügbar, da sie auf ein Unternehmen verweisen könnte, für das Anonymous die erforderlichen Freiheitsrechte nicht einräumt".

Ein Jahr später kam es wegen dem Hack bundesweit zu insgesamt 106 Beschlagnahmungen. Ob der GEMA, die jährlich an die 130 Millionen € an Verwaltungskosten für das Überwachen des Musikgenusses beansprucht, durch die vorübergehende Nichterreichbarkeit ein Schaden entstanden ist, darf man bezweifeln.

Und wenn die GEMA nicht gestorben ist, dann streitet sie mit YouTube noch heute.

Als Edward Snowden im Juni 2013 der Welt die Augen dafür geöffnet hatte, was die staatlichen Hacker der NSA so den lieben langen Tag taten, ließ der Kommentar von Anonymous nicht lange auf sich warten. Anonymous warnte vor Überwachungswahn und erklärte Snowden zum Helden, den man nach Kräften schützen werde. DDoS-Attacken gegen die NSA waren allerdings kaum das Mittel der Wahl, ist das Internet doch das ureigene Terrain der NSA. Stattdessen beschränkte sich Anonymous auf eine Kompetenz, die das Kollektiv bereits zu Zeiten von 4chan bewiesen hatte: Geschicktes Ausnutzen der Macht der Bilder. (Markus Kompa)

Anzeige