Ansbach: Syrer zündet Bombe

Nach Innenminister Herrmanns Einschätzung ist es naheliegend, dass es sich um einen islamistischen Selbstmordanschlag handelt. Ein Bekennervideo des Attentäters stützt die Annahme. Update

Der nächste Attentat/Amok-Schrecken im Süden Deutschlands, die nächsten Fragen, die der Aufklärung harren. Zum Beispiel: Wie kann jemand, der in einer Unterkunft für Flüchtlinge wohnt, eine Bombe bauen, ohne das dies einem Mitbewohner auffällt?

Flüchtlingsunterkünfte machten lange Zeit wegen ihrer beengten Verhältnisse Schlagzeilen. Trifft das auf die Ansbacher Unterkunft nicht zu oder hatte der 27jährige Syrer einen versteckten Ort, um den Sprengsatz zu bauen?

Update: Am Montagnachmittag wurde Genaueres über die Flüchtlingsunterkunft bekannt Demnach wohnte der Mann "zuletzt in einem zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierten ehemaligen Hotel in einem Einzelzimmer". Etwaigen Besuchern müsste aufgefallen sein, was die Ermittler dort vorfanden: "eine Fülle von weiteren Materialien, die zum Bau von Bomben geeignet gewesen wären, darunter Lötkolben und Batterien." (Spiegel) Laut BR gehört zu den Materialien unter anderem "Benzin, Salzsäure, Lötkolben, Drähte und Alkoholreiniger".

Zum Sprengsatz packte der Mann viele scharfkantige Metallteile in seinen Rucksack, erklärte der bayerische Innenminister Joachim Hermann. Man gehe davon aus, dass der Täter möglichst viele Menschen mit ins Verderben stürzen wollte. "Das ist die Situation eines typischen Selbstmordanschlags."

15 Verletzte

Es hätte schlimmer kommen können bei dem Sprengstoffanschlag, dem der Attentäter erlag. 15 Menschen wurden verletzt, 4 davon schwer, zum Glück nicht lebensgefährlich. Nach Angaben eines Polizeisprechers sei der Täter "vor Ort wiederbelebt worden", dann jedoch seinen schweren Verletzungen erlegen. (Ergänzung: "Weil ihm die Explosion eine Hauptschlagader, die Leber und die Lunge zerriss", berichtet der Spiegel).

Das "Glück" für die Umstehenden bestand demnach zum einen Teil darin, dass der Mann keine dieser Bomben gebaut hatte, die mit einer Wucht explodieren, wie sie aus unzähligen anderen Attentaten mit vielen Todesopfern bekannt sind. Über die Größe der Bombe wurden auch am Montagnachmittag keine Angaben gemacht. An seiner Leiche sei "eine Rolle 50-Euro-Scheine" gefunden worden, wurde später bekannt.

Auf dem Musikfestival im mittelfränkischen Ansbach waren gestern Abend mehr als 2.500 Besucher. "Wenn er mit dem Rucksack in die Veranstaltung gelangt wäre, hätte es bestimmt mehr Opfer gegeben", sagt der Nürnberger Polizeivizepräsident Roman Fertinger.

Screenshot, News-Video, Youtube

Die Explosion ereignete sich kurz nach 22 Uhr außerhalb des Festivalgeländes, vor einer Weinstube in unmittelbarer Nähe des Haupteingangs. Laut Angaben einer Regionalzeitung wollte der Mann zwar auf das Gelände des Open-Air-Konzerts vordringen, sei aber abgedreht, weil Sicherheitskräfte an der Verengung vor der Weinstube die Taschen aller Besucher untersuchten. Vor der Weinstube zündete er dann seinen Sprengsatz.

"Er soll viel telefoniert haben", heißt es in dem Bericht. Daran schließen sich die nächsten Fragen nach möglichen Mitwissern an. Innenminister Herrmann äußerte die persönliche Einschätzung, wonach er es "leider für sehr naheliegend halte, dass hier ein echter islamistischer Selbstmordanschlag stattgefunden hat."

Hinweise auf IS-Hintergrund

Konkrete Hinweise auf den IS gibt es nach Stand der Dinge allerdings noch nicht, hieß es zunächst am Montagmorgen.

Update: Bei einer Pressekonferenz am Montagnachmittag teilte der bayerische Innenminister mit, dass auf dem Mobilgerät des Attentäters ein Bekenner-Video entdeckt wurde. Dort drohe er mit einem Anschlag gegen die Deutschen, weil sie sich gegen den Islam in der Welt stellten. Auch habe sich der Mann eindeutig zum irakischen IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi bekannt.

Zur Person des 27-jährigen Selbstmordattentäters ist bislang bekannt, dass der Syrer vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen sei und einen Asylantrag gestellt habe, der vor einem Jahr abgelehnt wurde. Seither sei er nur geduldet. Dazu erklärte der bayrische Innenminister:

Es ist die einheitliche Festlegung in der Bundesrepublik Deutschland, dass angesichts der Bürgerkriegssituation in Syrien nur bei schwersten Straftaten, Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Straftäter nach Syrien zurückgebracht werden.

In allen anderen Fällen, fügte er hinzu, halte es die Bundesrepublik Deutschland angesichts des Krieges in Syrien für "nicht vertretbar". Der Mann solte nach Bulgarien abgeschoben werden, berichtet der Münchner Merkur.

Update: Nach Angaben des Bundesinnenminister de Maizière hat der Syrer im August 2014 einen Asylantrag gestellt. Es habe sich gezeigt, "dass er bereits in Bulgarien und später in Österreich einen Antrag gestellt habe. "Bulgarien habe mitgeteilt, dass der Mann dort Flüchtlingsschutz genieße."

Laut de Maizière wurde der Asylantrag in Deutschland im Dezember 2014 abgelehnt und die Abschiebung nach Bulgarien angeordnet, so de Maizière. Die Abschiebeandrohung sei aber zunächst aufgehoben worden, weil "medizinische Atteste die psychische Labilität des Mannes untermauert" haben. Die Suizidversuche wurden von Mittelfrankens Vize-Polizeipräsident Roman Fertinger allerdings mit Hinweis auf die Kriegserfahrung des Mannes als "oberflächlich" bezeichnet. Der Syrer sei "vor nicht einmal zwei Wochen" erneut von den Behörden aufgefordert worden, Deutschland innerhalb von 30 Tagen in Richtung Bulgarien zu verlassen.

Hermann: "Konsequente weitere Schritte"

Nach Auskunft Hermanns habe der Mann schon zweimal versucht, sich umzubringen, weswegen er auch in einem Krankenhaus behandelt wurde. Der Ansbacher Staatsanwalt äußerte sich vorsichtig, ob es einen politischen Hintergrund gebe, müsse erst noch geklärt werden. Auch bei dem Ansbacher Akt geht es wieder um Fragen zur Grenze zwischen Amok und Anschlag.

Der Mann war polizeibekannt. Er sei schon früher strafrechtlich in Erscheinung getreten, unter anderem wegen eines Drogendeliktes, wird Herrmann wiedergegeben. Genaueres wird wohl die nächsten Tagen bekannt gegeben. Der Leiter des städtischen Sozialamts in Ansbach schildert ihn als "unauffällig, nett und freundlich".

Der bayerische Innenminister kündigte an, dass zum Schutz der Bevölkerung und gegen den Missbrauch des Asylrechts "konsequente weitere Wege" beschritten werden. Wie diese aussehen wollen, gehört zum Fragenkatalog. (Thomas Pany)