"Anschein der Modernität"

Tuba Sarica. Foto: © Random House / www.benjaminpieper.de

Tuba Sarica über deutschtürkische Parallelgesellschaften

In ihrem Buch Ihr Scheinheiligen! erhebt die Bloggerin Tuba Sarica schwerwiegende Vorwürfe gegen die deutschtürkische Community. Telepolis sprach mit der Autorin.

Frau Sarica, was ist Ihre Meinung zur Özil-Debatte?
Tuba Sarica: Ich betrachte Özils Statement als Ablenkungsmanöver von seiner eigenen Verantwortung und das ist typisch für die Parallelgesellschaft. An der Debatte stört mich, dass man sich nun von Özils Fremdenfeindlichkeitsvorwürfen manipulieren lässt. So schafft es die Parallelgesellschaft immer wieder, das Thema Rückständigkeit bei den Deutschtürken zu vermeiden.
Der Rassismus der Deutschen steht wie fast immer im Vordergrund, obwohl es hierbei darum geht, dass sich selbst integriert wirkende junge Menschen mitten in Deutschland für eine faschistische Politik interessieren.
Was läuft generell schief bei der Integration der Deutsch-Türken?
Tuba Sarica: Ein großes Problem sehe ich darin, dass falsche Gründe als Ursache für die schlecht laufende Integration vorgeschoben werden. Die Integration der Deutschtürken scheitert meiner Meinung nach nicht etwa an fehlender Toleranz in der deutschen Gesellschaft. Sie scheitert an dem Unwillen vieler Deutschtürken, sich zu integrieren.
Auch bin ich davon überzeugt, dass die Integration so lange nicht funktionieren wird, bis man Verantwortung von den Deutschtürken selbst einfordert beziehungsweise bis die Deutschtürken selbst die Verantwortung für ihre Situation übernehmen.
Können sie das präzisieren?
Tuba Sarica: Als Schülerin habe ich einigen deutschtürkischen Kindern Nachhilfeunterricht gegeben. Was ich in den Gesprächen mit Kindern und Eltern immer wieder erlebt habe ist, dass die Kinder durch die Eltern demotiviert werden, indem diese behaupten, die Noten der Kinder seien schlecht, weil die Lehrer fremdenfeindlich seien. Ich selber hatte auch nicht immer gute Noten in der Schule, aber ich wusste: Wenn ich schlechte Noten habe, dann liegt das daran, dass ich mir keine Mühe gegeben habe.
Gibt es noch andere Gründe?
Tuba Sarica: Es gibt noch einen ganz wichtigen Faktor, der die Integration regelrecht lähmt und das ist der Anschein der Modernität, den die Deutschtürken nach Außen vermitteln möchten. Ihr Ziel ist es dabei, jeden Verdacht auf Rückständigkeit auszuräumen und anerkannt zu werden - als fortschrittliche Muslime.
Gleichzeitig sehen sie aber nicht ein, dass es nicht ausreicht, akzentfrei deutsch zu sprechen, deutsche Kollegen zu haben und die Kinder zum Fußball zu schicken. Sie müssen genauso die erforderlichen Anstrengungen unternehmen, die auch andere, westliche Gesellschaften unternehmen mussten, wie zum Beispiel Selbstkritik zu üben, Liebe und Sexualität zu akzeptieren und die Religion nicht mehr in den Mittelpunkt ihres Weltbildes zu stellen.
Stattdessen tun sie nur so viel, dass es gerade dafür reicht, dass die Deutschen sie für integriert halten. Gleichzeitig übt ein Teil der deutschen Gesellschaft den Deutschtürken der Parallelgesellschaft gegenüber eine falsche Toleranz. Toleranz ist ganz wichtig, nur bewirkt Toleranz in Bezug auf die an vielen Stellen selbst intolerante Parallelgesellschaft, dass diese in ihren weltfremden Ansichten bestätigt wird und sich erst recht keine Mühe gibt, sich zu verändern.
Sie schreiben, dass die Deutschtürken fremdenfeindlich wären. Inwiefern?
Tuba Sarica: Die Fremdenfeindlichkeit der Deutschtürken richtet sich gegen Nichtmuslime, den Westen, Griechen, Aleviten und gegen Juden. Was ich besonders perfide finde, ist ihre Feindlichkeit gegen die Menschen und das Land, in dem wir wohnen: Deutschland und die Deutschen.
Tatsächlich pflegt man in der Parallelgesellschaft eine recht klare Rassenhierarchie: Ganz oben stehen muslimische Türken und ganz weit unten stehen Deutsche und Türken, die nicht religiös sind oder ihren Glauben nicht nach außen tragen.
Das merkt man, sofern man türkisch spricht, daran, dass im alltäglichen Sprachgebrauch deutschenfeindliche Kommentare dazu gehören und Menschen, die religiöser sind als andere (muslimisch, versteht sich) nicht kritisiert werden dürfen. Wohingegen Menschen, die sich Freiheiten im Leben nehmen, zum Beispiel Frauen, die offen eine uneheliche Partnerschaft führen, sehr schnell und hart kritisiert werden.
Als Teenager merkte ich: Obwohl ich mich sozial engagierte, würde ich bei den deutschtürkischen Verwandten niemals so beliebt sein wie eine junge Verwandte, die Kopftuch trägt und die antisemitische und deutschenfeindliche Äußerungen von sich gibt.
Besonders gefährlich ist, dass über den Rassismus innerhalb der Parallelgesellschaft nicht gesprochen wird. Er wird, anders als der Rassismus innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft, nicht einmal als solcher benannt.
Wie wichtig ist dabei die Religion?
Tuba Sarica: Ich würde sagen, die Religion spielt dabei eine noch wichtigere Rolle als die Nationalität, weil sich die Deutschtürken der Parallelgesellschaft eher über ihre Religion definieren als über ihre Nationalität. Sie verstehen sich als Gemeinde. Sie glauben zudem fundamental und betrachten Andersgläubige nicht als vollwertige Menschen.
Das behindert die Integration natürlich. Durch die fundamentale Art zu glauben erklärt sich auch, dass sie Erdogan wählen. Fundamental zu glauben, bedeutet auch, dass die Religion immer im Mittelpunkt aller Lebensbereiche steht und somit auch die Politik für die Parallelgesellschaft nicht ohne Religion denkbar ist.
Erdogan sagte in einer seiner Reden:"Du kannst nicht sowohl muslimisch als auch laizistisch sein." Das seien "zwei entgegengesetzte Magnetpole".
Welche Fehler haben die deutsche Politik und welche Fehler haben die Deutsch-Türken bei der Entstehung der Parallelgesellschaft gemacht?
Tuba Sarica: Die deutsche Politik hat gegenüber den Deutschtürken von Anfang an zu wohlwollend agiert. So wurde aus falscher Toleranz heraus unter anderem der fatale Fehler gemacht, Deutschtürken mit der Einrichtung von Wahllokalen in Deutschland, die Möglichkeit zur Teilnahme an Wahlen in der Türkei zu geben - ohne dass sie dafür in die Türkei reisen müssen. Die Auswirkungen sehen wir heute.
Die Deutschtürken der "deutschtürkischen Mitte" haben den Fehler gemacht, die deutsche Gesellschaft nicht auf die Deutschenfeindlichkeit aufmerksam zu machen und die Regierung nicht vor Erdogan zu warnen. Da sehe ich vor allem die zahlreichen deutschtürkischen Personen der Öffentlichkeit in der Verantwortung.
Meiner Meinung nach haben die Vorbilder der Deutschtürken, seien es deutschtürkische Comedians, Sportler, Journalisten und Politiker versagt. Sie wussten (wie jeder Deutschtürke, der Türkisch versteht) von der Deutschenfeindlichkeit, die in der deutschtürkischen Community herrscht. Sie hatten ihren deutschen Kollegen gegenüber also einen Wissensvorsprung.
Diesen haben sie aber, wenn sie als Experten zum Beispiel in Talkshows eingeladen wurden und ihnen die Frage nach den Gründen für das Integrationsproblem gestellt wurde (meiner Meinung nach bewusst) nicht genutzt. Jedes Mal, wenn ich mir in der Vergangenheit eine politische Talkshow ansah, hoffte ich darauf, dass einer der zahlreichen deutschtürkischen Künstler, Journalisten oder Politiker endlich die eigentlichen Gründe für die schlecht laufende Integration aufdecken würden.
Aber ich wurde jedes Mal enttäuscht. Sie unterstützten die Auffassung, die Deutschen seien Schuld an allem. Erst jetzt, als die Parallelgesellschaft damit schockiert, dass sie einen Präsidenten darin unterstützt, die Demokratie auszuhebeln und die Kritik an ihnen und Erdogan seitens der deutschen Medien laut geworden ist, schließen sich diese öffentlichen Vertreter der deutschtürkischen Gesellschaft der Kritik an. Aber das hilft meiner Meinung nach zum jetzigen Zeitpunkt leider nicht mehr.
Auch hat die deutsche Mehrheitsgesellschaft viel zu lange aus Angst, als fremdenfeindlich angesehen zu werden, den ehrlichen Dialog in der Gesellschaft und mit den Deutschtürken über die Gründe für das Integrationsproblem vermieden. Dieser Umgang ermöglicht den Deutschtürken, der Konfrontation zu dem Thema auszuweichen und (statt selbst einen produktiven Austausch zu initiieren) die Frage nach den Ursachen für das Scheitern immer wieder auf eine mangelnde Toleranz in der deutschen Bevölkerung umzulenken.
Ich bin in den 80er Jahren in der BRD aufgewachsen und da war der Spruch "Türken raus!" wahrlich kein Exot unter den Graffities. Außerdem wurde jahrzehntelang von der Politik realitätsfern behauptet, Deutschland sei kein Einwanderungsland und angenommen, dass die Türken in wenigen Jahren Deutschland wieder verlassen. Deswegen hat man sich auch nicht um die Organisation und Zusammensetzung der Islamverbände geschert. Sind das nicht auch Gründe für die Entstehung einer Parallelgesellschaft?
Tuba Sarica: Ich sehe ebenfalls die Islamverbände als Hauptverantwortliche an. Sicherlich wäre es gut gewesen, diese zu kontrollieren beziehungsweise stärker im Dialog mit ihnen zu stehen. Dass man staatlich nicht gründlich kontrolliert, gibt ihnen nicht das Recht, etwa demokratiefeindliche Predigten zu veranstalten und die Integration zu hemmen. Das haben meiner Ansicht nach viele Islam- und Integrationsverbände getan: Nicht für, sondern gegen die Integration gearbeitet.
Für die Zukunft bin ich deswegen sehr dafür, dass Islamverbände verstärkt unter die Lupe genommen werden. Besonders kritisch sehe ich die DITIB. Da ist fraglich, ob ein Dialog etwas bringt. Die DITIB ist der deutsche Ableger der Diyanet, also dem Amt für Religionsangelegenheiten in der Türkei, das dem türkischen Präsidenten obliegt - und der aktuelle Präsident ist nun mal antidemokratisch. Die Diyanet ist sogar der Meinung, Mädchen seien schon im Alter von 9 Jahren geschlechtsreif.
Welche Rolle spielen die türkische Politik und ihre Medien bei den Deutschtürken?
Tuba Sarica: Die türkische Politik hat sich lange gar nicht für die in Deutschland und Europa lebenden Türken interessiert. Sie fielen höchstens in den Sommerferien in der Türkei mit ihrem universellen Kleidungsstil unangenehm auf und waren Anlass für Parodien von türkischen Comedians.
Erdogan hat auch erst spät in seiner Amtszeit die Deutschtürken als Wählerschaft entdeckt. Inzwischen greift er all die Probleme der Deutschtürken auf und macht sie sich zunutze - zum Beispiel die Art, ihre Kinder zu undemokratischen Menschen zu erziehen, ihren ungesunden Umgang mit Liebe und Sexualität und vor allem ihre Fremdenfeindlichkeit, speziell gegen die Deutschen.
Die innerhalb der Vetternwirtschaft der Erdogan-Regierung aufgekaufte Medienlandschaft erzeugt zudem ein verzerrtes Bild von der Wirklichkeit, demzufolge es den Menschen in der Türkei gut gehe. Schaut man für eine halbe Stunde türkisches Fernsehen an, möchte man meinen, dort gebe es die beste Demokratie aller Zeiten, die türkische Gesellschaft sei überaus aufgeklärt und zeige sich sensibel für Themen wie Frauenrechte, Gewalt und Meinungsfreiheit.
Gleichzeitig vermitteln neben den Nachrichten und sämtlichen Fernsehserien auch quotenstarke Live-Unterhaltungsshows am Nachmittag, in denen die Schicksale von Studiogästen tränenreich inszeniert werden, den Eindruck einer gefährlichen und bösen Welt außerhalb der vertrauten Community, vor der man sich besser schütze und abschirme.
Aufgrund des durch die türkischen Medien verzerrten Bildes über die Realität in der Türkei wehren die Deutschtürken jede Art von Kritik gegenüber der Erdogan-Regierung ab und sehen den tatsächlichen Zustand, in dem sich das Land befindet, nicht. Auch sehen sie nicht, dass die Menschen in der Türkei momentan beispielsweise für alle möglichen Dinge des Alltags das fünffache bezahlen müssen - sei es für Tomaten oder ihre Miete.
Sie schreiben, dass fehlende Bildung, nicht der Grund für Integrationsprobleme sei. Wie meinen Sie das?
Tuba Sarica: Bildung ist essentiell, keine Frage - aber leider ist Schulbildung allein kein Garant für eine gelingende Integration, genauso wenig wie das Beherrschen der deutschen Sprache allein ausreicht, um sich vollständig zu integrieren. Ich beobachte immer wieder bei sehr vielen Deutschtürken, die akzentfrei deutsch sprechen und sogar zur Uni gehen, wie rückschrittlich ihr Weltbild trotz Sprache und Schulbildung ist. Selbst auf dem Campus habe ich bei den deutschtürkischen Studenten während meines Studiums Integrationsverweigerung erlebt.
Etwa habe ich zufällig, während ich auf eine Vorlesung wartete, ein Gespräch zwischen zwei deutschtürkischen Studentinnen mitangehört, die darüber sprachen, was sie wohl tun würden, wenn in Deutschland der Djihad ausbreche. Als sei dieser Gedanke nicht schon abwegig genug, waren sich die beiden einig: Sie würden als Muslima und Türkinnen gegen die Deutschen kämpfen.
Nach Ihrem Buch sind die Familienstrukturen der Deutschtürken und damit auch ihre Art von Erziehung ein riesiges Problem. Warum?
Tuba Sarica: Familien in der Parallelgesellschaft sind häufig traditionell patriarchalisch ausgerichtet und damit gilt das Recht des Stärkeren. Gleichzeitig werden Kinder und Heranwachsende von Erwachsenen weder ernst genommen, noch beantwortet man ihnen ihre Fragen. Wenn man den Bogen zur Politik spannt, geht damit auch eine Tendenz zu einer autokratisch ausgerichteten Politik einher, die ich an vielen Stellen beobachte. Diskurs und Konfrontation, die zur Demokratie dazugehören, sind ihnen zu anstrengend und werden vermieden. Mit einem solchen familiären Umgang, erzieht man Kinder meiner Meinung nach nicht zu demokratischen Menschen.
Auch dürfen viele deutschtürkische Mädchen in jungen Jahren keinen Freund haben. Sie wachsen mit dem Gefühl auf, Liebe sei etwas Böses. Sie dürfen ihren Eltern erst dann jemanden vorstellen, wenn sie gleichzeitig die Verlobung bekanntgeben. Das führt dazu, dass junge Frauen selbst in einer Zeit, in der die Zwangsehe eigentlich kein Thema mehr ist, viel zu früh heiraten. Ich finde, dass der Mehrheitsgesellschaft viele junge Individuen auf diese Weise verlorengehen. Denn eigentlich könnten jene, die mit zwei unterschiedlichen Kulturen leben, eine große Bereicherung für die Gesellschaft darstellen.
Sie haben ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu Deutschland. Was denken sie über die Mordserie des NSU und den Prozess?
Tuba Sarica: Die NSU-Mordserie ist meiner Meinung nach ein schreckliches Beispiel für fremdenfeindlich motivierten Terrorismus. Vor allem aber der unsägliche Umgang des Verfassungsschutzes mit dem Fall ist unseres Rechtsstaates unwürdig. Deswegen bin ich heilfroh über das Urteil gegen Beate Zschäpe. Auch bin ich dafür, dass der Fall nie vergessen und alle verantwortlichen Personen ausfindig gemacht und vor Gericht gestellt werden sollten. So etwas darf nie wieder passieren.
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