Anschlag in der Nacht

CIA soll mit einer bewaffneten Drohne ein Dorf in Pakistan bombardiert und zahlreiche Menschen getötet haben; der vom Geheimdienst dort vermutete al-Qaida-Chef al Sawahiri hat sich aber dort nicht aufgehalten, wie pakistanische Regierungsangehörige berichten

US-Zeitungen berichten, dass eine mit Hellfire-Raketen bewaffnete Predator-Drohne der CIA Häuser im Dorf Damadolain der Provinz Bajaur an der pakistanischen Grenze zu Afghanistan bombardiert hätten, weil man dort al-Zawahiri, der als Stellvertreter Bin Ladens gilt, vermutet hatte. Spekuliert wird darüber, dass er getötet worden sein könnte. Das Pentagon hält sich nach zahlreichen derartiger Erfolgsmeldungen allerdings zurück, vor allem auch deswegen, weil man mit diesem Anschlag – unabhängig davon, ob er erfolgreich war oder nicht - den pakistanischen Luftraum verletzt hat und damit Proteste evoziert. Pakistan hat den USA offiziell nicht erlaubt, dass Truppen die Grenzen überschreiten. Allerdings sieht es so aus, als hätte das US-Militär wieder einmal nur Zivilisten getötet.

Predator mit Hellfire-Raketen. Bild: U.S. Air Force

Im Krieg gegen den Terrorismus wurden zahlreiche neue Praktiken eingeführt, die höchst bedenklich sind und geltendes Kriegsrecht ebenso wie jede Rechtsstaatlichkeit untergraben. Dazu gehören zweifellos auch die bewaffneten Drohnen, mit denen gezielte Tötungen durchgeführt werden. Oft wurde beklagt, dass die Zeit zwischen der Information über den Aufenthaltsort von Gesuchten und der Ankunft von Kampfflugzeugen oder Truppen zu viel Zeit vergeht. Diese Lücke haben seit dem ersten Einsatz in Afghanistan 2001 die bewaffneten Predator-Drohnen geschlossen. Mit ihnen kann man die Bewegungen und Aufenthaltsorte von Verdächtigen aufspüren und versuchen, sie auch gleich zu eliminieren – Kollateralschaden inbegriffen.

Die Frage ist dabei nicht nur, ob solche gezielten Tötungen nicht als Anschlag oder Mord zu bezeichnen sind, sondern auch, ob Verdächtige auch wirklich erkannt wurden. Der Eindruck verdichtet sich jedenfalls, dass man im Pentagon dazu neigt, gemäß der Bush-Doktrin der Präventivschläge erst einmal die Raketen abzuschießen und dann zu schauen, wen man dabei getötet hat. Das geht freilich nur in Ländern, in denen Menschen keinen großen Wert besitzen, in denen es also relativ egal ist, ob Unschuldige dabei getötet oder verletzt werden. Man müsste sich solche Aktionen, bei denen das Risiko, Unbeteiligte zu töten, nur in den USA oder in Deutschland vorstellen, selbst wenn identifizierte Kriminelle oder Terroristen Schutz in einem Haus gesucht haben.

Piloten einer Predator-Drohne. Bild: U.S. Air Force

Anonym bleibende Informanten von amerikanischen und pakistanischen Geheimdiensten sollen US-Medien berichtet haben, dass sich in einem der drei zerstörten Häuser al-Sawahiri aufgehalten habe, der möglicherweise bei dem Anschlag getötet wurde. Manche sprechen von bis zu fünf al-Qaida-Mitgliedern, die in den Häusern gewesen und getötet worden seien. Ein Sprecher des Pentagon erklärte, er wisse nichts von einer derartigen Operation. Die bewaffneten Predator-Drohnen werden von der CIA auch deswegen gesteuert, weil ihre Einsätze damit verdeckte Operationen sind, über die aus Prinzip nichts mitgeteilt wird.

Zeugen vor Ort berichten allerdings anderes. Getötet wurden nach dem pakistanischen Militär bis zu 14 Menschen, nach Zeugen 18 oder sogar noch mehr Menschen, die sich in den drei Häusern von Bakht Pur, Muhammad Rahim und Bacha Khan – alle angeblich Juweliere - aufgehalten haben, die um drei Uhr früh beschossen wurden. Schon seit Tagen seien Drohnen am Himmel gekreist, sagte der Abgeordnete Sahibzada Haroon Rashid, der in einem benachbarten Dorf wohnt. Die Häuser seien dem Erdboden gleich gemacht worden. Pakistanische Medien berichten, es seien 18 Menschen getötet und sechs schwer verletzt worden. Unter den Toten waren 8 Kinder im Alter zwischen 5 und 10 Jahren sowie vier Frauen. Bei den drei Familien soll es sich um Juweliere gehandelt haben.

Nach Rashid seien unter den Toten weder al-Qaida-Mitglieder noch Ausländer gewesen. Rashid, der einer islamischen Partei angehört, fordert die pakistanische Regierung auf, bei der amerikanischen Regierung Protest einzulegen. Auf einer Demonstration, an der sich mehrere Tausend Menschen beteiligten, wurde gegen die Bombardierung durch die Amerikaner protestiert. Allerdings ist die Informationslage höchst unübersichtlich. Angeblich soll die CIA davon ausgegangen sein, dass sich al-Sawahiri in einem der Häuser mit dem Taliban-Chef Mullah Omar trifft. Tatsächlich scheinen mehrere Personen von auswärts angereist zu sein, nach Auskunft von Dorfbewohnern Verwandte aus Afghanistan. Aber es wurden angeblich Leichen beiseite geschafft, die nicht identifiziert waren. In der Region sympathisieren Menschen mit Taliban-Gruppen oder der Hezb-i-Islami, die von Gulbuddin Hekmatyar geführt wird.

Der pakistanische Informationsminister Sheikh Rashid Ahmed hat bestätigt, dass mehrere Menschen getötet wurden und dass man den Vorfall untersuchen werde. Mittlerweile wurde auch vom pakistanischen Militär erklärt, dass sich al-Sawahiri nicht unter den Getöteten befunden habe. Der Nachrichtenagentur AP sagten zwei Regierungsangehörige, dass die CIA aufgrund von falschen Informationen gehandelt hätten. Auch die Taliban bestreiten, dass Omar oder andere Taliban-Mitglieder in dem Dorf waren.

Al-Sawahiri, der erst vor kurzem in einem Video die US-Regierung aufgefordert hat, ihre Niederlage im Irak einzugestehen, scheint nicht in dem Dorf gewesen zu sein.

Update:

Inzwischen hat die pakistanische Regierung den Angriff auf das Dorf verurteilt. Allerdings vermied es der Informationsminister Sheik Rashid Ahmed, direkt die USA dafür verantwortlich zu machen. Er versicherte, die Regierung werde sicher stellen, dass solche Angriffe in Zukunft nicht mehr erfolgen. Allerdings kündigte er an, dass seine Regierung des US-Botschafter wegen des Vorfalls einbestellen will. Man habe sich darum bemüht, dass keine Fremden in das Grenzgebiet eindringen können, aber die Bevölkerung müsse hier auch wirklich kooperieren.

Offenbar verfügt die CIA über keine verlässlichen Informanten, wie dies bereits im Irak der Fall gewesen ist (weswegen eine Kooperation mit dem BND stattfand), und wie dies auch im Iran der Fall zu sein scheint. Möglicherweise wurde die CIA auch bewusst falsch informiert. Wenn es stimmen sollte, dass in der Region bereits mehrere Tage vor dem Anschlag Drohnen gekreist waren, so zeigt der Vorfall erneut, dass Luftaufklärung alleine bislang nicht ausreicht, um Menschen wirklich zu identifizieren.

Erst vor ein paar Tagen hatte es einen vergleichbaren Vorfall an der pakistanischen Grenze gegeben, bei dem 8 Menschen angeblich vom US-Militär auf pakistanischem Territorium getötet wurden. Die pakistanische Regierung hat sich darüber beschwert, das Kommando der in Afghanistan stationierten US-Truppen weist die Anschuldigung zurück. Große Teile der Bevölkerung in Pakistan unterstützen die Beteiligung ihrer Regierung am Krieg gegen den Terrorismus nicht. Solche Vorfälle, bei denen Zivilisten getötet und die von manchen als "staatlicher Terrorismus" bezeichnet werden, dürften die Situation nicht gerade verbessern. Und auch die CIA verbessert ihren angeschlagenen Ruf dadurch nicht. (Florian Rötzer)

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