Anschlagsplan mit einer Bio-Bombe mit Rizin

Samen des Wunderbaums, die das tödliche Rizin enthalten. Bild: HediBougghanmi2014/CC BY-SA-3.0

Der Prozess gegen die Bio-Terroristen von Köln beginnt. Wie sind die Behörden auf einen terroristischen Einsatz biologischer Kampfstoffe vorbereitet

Der 12. Juni 2018 bedeutete eine weitere Steigerung in der Terrorgefährdung der BRD: Sief Allah Hammami und seine Ehefrau Yasmin wurden von einem Sondereinsatzkommando der Polizei festgenommen und ihre Wohnung durchsucht. Das Ehepaar arbeitete an einer biologischen Bombe unter Verwendung des ultragiftigen Biotoxins Rizin, das sie selbst aus den Samen des so genannten "Wunderbaums" (Ricinus communis) extrahierten und zu einer Paste verarbeiteten, um damit die Stahlkugeln einer Splitterbombe zu kontaminieren.

Zum Zeitpunkt seiner Festnahme hatte das Terrorpaar aus 3.150 Rizinussamen bereits 84,3 mg reines Rizin extrahiert. Die Vorräte hätten ausgereicht, um rund 100 Personen zu verseuchen. Es wäre der erste Fall von Bioterrorismus in Deutschland gewesen. Am 7. Juni beginnt das Hauptverfahren gegen das Terrorpaar vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf.

Familienverhältnisse

Sief Allah Hammami ist tunesischer Staatsbürger. Er wurde 1988 oder 1989 geboren und arbeitete als Praktikant bei der Post in Tunesien. Im Jahr 2014 lernte Hammami Yasmin D. über "Facebook" in Tunesien kennen. Sie ist deutsche Staatsbürgerin und war bereits 2004 zum Islam konvertiert. Aus früheren Beziehungen hatte Yasmin D. vier oder fünf Kinder von vier Vätern. Früher arbeitete sie als Arzthelferin, war aber seit 2010 war arbeitslos und widmete sich der Erziehung ihrer Kinder.

Obwohl er nie richtig Deutsch lernte und sie kaum Arabisch sprach, reichte es anscheinend dennoch für gemeinsame Pläne: Beide heirateten im Oktober 2015 in Tunesien. Nach der Hochzeit reiste er im November 2016 zu seiner Frau nach Köln. Hammami nutzte dazu ein Visum zur Familienzusammenführung. Im Juni 2018 brachte die Ehefrau ihr mittlerweile siebtes Kind zur Welt. Am 8. Januar 2018 zeigte ihn seine Frau wegen häuslicher Gewalt in drei Fällen an, daraufhin sprach die Polizei ein zehntägiges Hausverbot gegen Sief Allah Hammami aus. Am 25. Januar 2018 erschien das Ehepaar erneut auf der Polizeiwache und Yasmin H. zog ihren Strafantrag zurück.

Die Familie lebte von Hartz IV. Sie wohnte in Köln-Chorweiler in einem fünfzehn-stöckigen Hochhaus (Osloerstraße 3), in der Nähe der Zentrale des Bundesamtes für Verfassungsschutzes. Hammami hatte die Schlüssel zu mehreren Wohnungen. In einer Wohnung lebte er mit seiner Frau und den Kindern, in einer anderen Wohnung lagerte er Terrorutensilien.

Islamistische Kontakte

Schon in Tunesien war er den lokalen Behörden als Islamist aufgefallen. Er soll 2015 an einem Anschlag auf einen Bus beteiligt gewesen sein. Nach Angaben des Generalbundesanwalts Peter Frank, war Sief Allah Hammani "im islamistischen Spektrum tief verankert und stand mit Personen aus diesem Spektrum in Kontakt". Auf seinen beiden Handys fand sich eine umfassende Kommunikation: So lassen sich 11.000 Kontakte nachweisen. Sichergestellt werden konnten 180.000 Bilder, 2.000 Video- und Audiodateien und über 33.000 Textnachrichten.

Zweimal, im August und September 2017, versuchte er vergeblich, nach Syrien auszureisen, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen, musste aber in der Türkei umkehren. Schließlich schwor Sief Allah Hammami einen Treueeid auf den IS-Kalifen al-Baghdadi. Er wollte fortan die Organisation durch Propagandaarbeit unterstützen.

Eigentlich wollte seine Ehefrau mit ihren Kindern ihn nach Syrien begleiten, aber dies scheiterte, weil einer der Väter die Kinder weder bei sich aufnehmen noch deren Ausreise nach Syrien gestatten wollte. So musste die Ehefrau und Mutter zu Hause bleiben und ihre Kinder vertrösten: "Wenn du mal groß bist, wirst du auch Attentäter", dann könne er sich "auch in die Luft sprengen", versprach sie einem ihrer Söhne.

Bau einer Bio-Bombe mit Rizin

Sief Allah Hammami arbeitete an einer biologischen Bombe unter Verwendung von Rizin, das er selbst aus den bohnenartigen Samen des so genannten "Wunderbaums" (Ricinus communis) extrahierte und zu einer Paste verarbeitete. Rizin ist ein Ultragift, ein Gegenmittel gibt es derzeit nicht.

Mitte April 2018 kaufte Hammami über ein Internetportal in drei Tranchen etwa 172 bis 200 Rizinussamen, im Mai 2018 erwarb er bei einem weiteren Online-Händler insgesamt 2.000 Samen. Im Mai tauschte er sich über das Internet mit zwei unbekannten IS-Kadern darüber aus, wie man Rizin gewinnen und eine Bio-Bombe herstellen könne; sie unterstützten ihn mit Anleitungen und praktischen Tipps, um ihn "Schritt für Schritt zu begleiten".

Wegen anfänglicher Lieferschwierigkeiten erhielt Sief Allah Hammami von einem Händler zusätzlich 1.000 Samen kostenlos. Zum Schluss besaß er insgesamt ca. 3.150 Rizinussamen (die handelsübliche Menge sind 8 Samen, 5 Samen kosten 1,59 Euro). Darüber hinaus bestellte er eine Knoblauchpresse, eine elektrische Kaffeemaschine zum Zerkleinern der Samen, eine Chemiekalie, die zur Extraktion des Rizins notwendig ist, zwei Fläschchen mit acetonhaltigem Nagellackentferner, einen Akku (Powerbank), Drähte mit aufgelöteten Glühbirnen, 950 Gramm eines pyrotechnischen Pulvers auf Aluminiumbasis, 250 kleine Metallkugeln, einen Schlafsack etc.. Außerdem kaufte er in einer Kölner Tierhandlung einen Zwerghamster, an dem er das von ihm extrahierte Rizin auf seine Wirksamkeit testete. So wollte er - nach eigenen Angaben - eine Bombe bauen, "die auf vier bis fünf Quadratmetern explodiert".

Die Bestellungen orientierten sich offenbar an einer entsprechenden Liste, die der Islamische Staat im Internet veröffentlicht hatte. Dies wurde einem amerikanischen Nachrichtendienst, vermutlich die CIA, gemeldet, der einen entsprechenden Hinweis an die deutschen Behörden weitergab. Daraufhin wurde Hammami durch ein Mobiles Einsatzkommando (MEK) der Kölner Polizei observiert.

Die Bestellungen wurden z. T. über das "Amazon"-Kundenkonto seiner Ehefrau Yasmin Hammami abgewickelt, so der Kauf der elektrischen Kaffeemaschine und der Metallkügelchen. Das pyrotechnische Pulver besorgte sich Sief Allah Hammami bei zwei Reisen nach Polen, u. a. in Slubice, dabei übernahm seine Frau die Geschäftskommunikation. Seit Mai 2018 stand er über einen Messengerdienst mit einem Chatpartner im Ausland in Verbindung, der ihm bei der Herstellung des Rizins beriet. Ab Ende Mai 2018 stand er über Messenger mit einem weiteren Chatpartner in Kontakt, der ihm bei der Herstellung einer Bombe half. Im Juni 2018 kaufte er die Metallkugeln als Splittermaterial.

Über die bei einer Hausdurchsuchung am 12. Juni 2018 sichergestellten Gegenständen berichtete der Generalbundesanwalt:

Im Rahmen der Durchsuchungsmaßnahmen wurden bei dem Beschuldigten insgesamt 3.150 Rizinussamen (die Behörden gingen zunächst von 100, dann 1.000 Samen aus, G. P.) sowie 84,3 mg Rizin sichergestellt. Rizin unterfällt als biologische Waffe dem Kriegswaffenkontrollgesetz. Seine Wirkung ist abhängig von der Menge des Gifts und der Art und Weise seiner Verabreichung (vgl. Information des Robert Koch-Instituts unter www.rki.de). Nach den bisherigen Ermittlungen bestellte der Beschuldigte sämtliche Rizinussamen über den Internetversandhandel. Die Teilmenge von 2.100 Rizinussamen kann drei konkreten Bestellvorgängen zugeordnet werden. Die Ermittlungen zur Herkunft der weiteren Rizinussamen dauern an.

Darüber hinaus sind bei dem Beschuldigten weitere Utensilien sichergestellt worden, unter anderem 250 Metallkugeln, zwei Flaschen acetonhaltiger Nagellackentferner sowie Drähte mit aufgelöteten Glühbirnen. Zudem wurden 950 Gramm eines grauen Pulvers sichergestellt. Bei dem Pulver handelt es sich um eine Mischung aus Aluminiumpulver und aus Feuerwerkskörpern stammenden pyrotechnischen Substanzen. Sein Verwendungszweck ist noch nicht abschließend geklärt; insoweit dauern die kriminaltechnischen Untersuchungen noch an.

Es liegen bislang keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür vor, dass der Beschuldigte Mitglied einer terroristischen Vereinigung war. Allerdings versuchte er 2017 zweimal vergeblich, über die Türkei nach Syrien mutmaßlich zum "Islamischen Staat" auszureisen. Nach den bisherigen Erkenntnissen stand der Beschuldigte in Kontakt mit Personen aus dem radikal-islamistischen Spektrum. Der Inhalt ihrer Kommunikation ist Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

Generalbundesanwalt

Bei der Hausdurchsuchung konnte kein bereits funktionsfähiger Sprengsatz gefunden werden. Der geplante Bio-Sprengsatz war zugleich eine Splitterbombe, gefüllt mit 250 Metallkugeln und scharfen Scherben von zerstampften Glühlampen. Möglicherweise plante Hammami den Bau einer Bombe, bei der mit Rizin kontaminierte Metallsplitter verstreut werden sollten.

Nach Erkenntnissen des Generalbundesanwalts, wollte er seine biologische Splitterbombe "an einem geschlossenen und belebten Ort" zünden. Ob Hammami bereits ein konkretes Objekt im Visier hatte, ist nicht bekannt.

Entgegen der allgemeinen Darstellung war Hammami nach Angaben des Landesinnenministers Herbert Reul (CDU) mit seinen Anschlagsplänen weit fortgeschritten, allerdings übertrieb der Christdemokrat erheblich: "Der Mann war fertig mit seinen Vorbereitungen. (…) Es hätte der schlimmste Anschlag in Europa werden können, im schlimmsten Fall mit Tausenden Todesopfern".

Festnahmen

Nach unterschiedlichen Angaben geriet Hammami ein halbes Jahr oder ein Jahr nach seiner Einreise in die BRD erstmals ins Visier des Bundesamtes für Verfassungsschutzes, als er nach Syrien bzw. den Irak ausreisen wollte. Spätestens seit März 2018 wurde Hammami durch ein Mobiles Einsatzkommando der Kölner Polizei bzw. den Verfassungsschutz observiert. Der damalige BfV-Präsident Hans-Georg Maaßen erklärte dazu: "Erst das Zusammenspiel aufmerksamer Bürger mit der nachrichtendienstlichen Erkenntnislage hat uns in die Lage versetzt, den Gefährdungssachverhalt zu konkretisieren."

Die NRW-Landesbehörden hatten Hammami kaum auf dem Radar. Im Dezember 2017 meldete er bei Ausländeramt Köln seinen Reisepass als gestohlen, daraufhin erging eine entsprechende Meldung an das Polizeipräsidium Köln, da Dschihadisten gerne einmal ihre Reisepässe "verlieren", wenn diese verdächtige Ein- oder Ausreisestempel enthalten.

Am 1. Juni 2018 beschäftigte sich das Gemeinsame Terrorabwehrzentrum (GTAZ) in Berlin erstmals mit dem Fall und am 11. Juni 2018 zum zweiten Mal. Gegen Sief Allah Hammami wurde wegen Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und dem Anfangsverdacht einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat ermittelt. Die polizeilichen Einsatzkräfte stürmten mit ABC-Schutzkleidung und Schusswesten die Wohnung.

Am 12./13. Juni 2018 wurde Sief Allah Hammami von einem Sondereinsatzkommando der Polizei festgenommen, seine Wohnung durchsucht. Er befindet sich z. Zt. in der JVA Köln in U-Haft. Die hochschwangere Ehefrau wurde ebenfalls vorübergehend festgenommen, aber nach ein paar Stunden wieder freigelassen. Am 24. Juli 2018 nahm die Polizei Yasmin Hammami in Norddeutschland erneut fest.

Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen hatten zwischenzeitlich ergeben, dass die Bestellungen z. T. über das "Amazon"-Kundenkonto der Ehefrau abgewickelt worden waren, so der Kauf der elektrischen Kaffeemaschine und der Metallkügelchen. Da er kaum deutsch sprach, führte sie die Verhandlungen mit dem Händler für die Rizin-Samen und überredete diesen zu einer Extra-Lieferung von 1.000 Samen. Das pyrotechnische Pulver besorgte sich Sief Allah Hammami in Polen, dabei übernahm seine Frau erneut die Geschäftskommunikation. Außerdem wollte ihn seine Ehefrau bei der vormals geplanten Ausreise nach Syrien finanziell unterstützen.

Einsatz der ABC-Abwehr

Seit dem "11. September" wuchs die Gefahr eines Megaterrorismus, da Terrorgruppen wiederholt in den Besitz von ABC-Waffen gerieten oder sich solche zu beschaffen suchten. So wurden bereits 2001 in einem Quartier der al-Qaida Pläne zur Herstellung von Rizin entdeckt, darin hieß es: "Handschuhe und Gesichtsmasken sind wichtig zur Herstellung von Rizin. Todeszeit variiert zwischen 3-5 Tagen als Minimum und 4-14 Tagen als Maximum."

Um diese potentiell-exorbitante Gefahr abzuwehren, hatte die deutsche Bundesregierung mehrfach versichert, man würde alles Notwendige tun. So wurden bei mehreren Berufsfeuerwehren so genannten Analytische Task Forces (ATFs) aufgebaut, die für ABC-Lagen entsprechend ausgerüstet und ausgebildet sind und im Umkreis von 200 km jede Lage beherrschen sollten. Der Fall Hammami zeigte jedoch, dass die Regierungspropaganda von der Realität weit entfernt ist.

Um die 0,0843 Gramm Rizin am 12. Juni 2018 sicherzustellen, mussten bundesweit gleich vier Spezialeinheiten aufgeboten werden: An der Aktion waren das Robert-Koch-Institut in Berlin, das Bundeskriminalamt in Meckenheim, die Analytische Task Force (ATF) der Berufsfeuerwehr Köln, die Analytische Task Force (ATF) der Berufsfeuerwehr Dortmund und die Analytische Task Force Biologie (ATF-B) der Berufsfeuerwehr Essen beteiligt. Die ATFs in Köln, Dortmund und Essen bilden zusammen die so genannte "ATF NRW". Die Feuerwehr in Köln war durch diesen gefährlichen Bio-Einsatz so überfordert und verunsichert, dass sie es nicht einmal wagte, eine Presseerklärung herauszugeben.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin ist bundesweit für die Seuchenbekämpfung zuständig. Bereits 1996 gründete das RKI ein "Outbreak Investigation Team", um im Falle einer Epidemie den Landes- bzw. Kommunalbehörden im In- und Ausland Amtshilfe bei der Seuchenbekämpfung zu leisten. Bis zu zehnmal im Jahr muss diese "schnelle Eingreiftruppe" aus RKI-Wissenschaftlern mit Laptops, Handys, Fragebögen und Laborgerätschaften ausrücken, wenn in einer Kleinstadt oder an einer Schule eine Infektionskrankheit ausgebrochen ist. Nach dem "11. September" wurde beim Institut ein Zentrum für Biologische Gefahren und Spezielle Pathogene (ZBS - vormals: Zentrale Informationsstelle für Seuchenabwehr und Bioterrorismus [ZIBS]) am Standort Seestraße eingerichtet. Das ZBS ist u. a. für die Beschaffung von Spezialtechnik, Beratung bei Einsätzen und der Durchführung von Übungen zuständig. Dazu heißt es von Seiten des Robert-Koch-Institutes:

ZBS 3 bearbeitet Forschungsprojekte im Bereich der Diagnostik, Epidemiologie, Risikobewertung und Pathogenese von Erkrankungen, die durch bakterielle und pflanzliche Toxine verursacht werden. Primär stehen die Toxine Rizin, Botulinum Neurotoxine sowie Staphylokokken Enterotoxine im Fokus. Anhand einer Palette eigener hoch spezifischer Antikörper werden moderne Array-basierte Detektionsverfahren für Toxine entwickelt, die im Labor sowie zur vor-Ort-Detektion eingesetzt werden. Darüber hinaus werden funktionelle, massenspektrometrische und molekularbiologische Techniken etabliert, um die Toxine bzw. Toxin-Gene im Multiplex-Format aus komplexen Matrices zu erfassen. Angewandte Forschungen richten sich auf die Untersuchung der Stabilität, Variabilität und Funktionalität der genannten Toxine. ZBS 3 bietet darüber hinaus seine Referenztätigkeit bei Botulismus bzw. Rizin-Intoxikationen an.

RKI

Außerdem verfügt das Fachgebiet ZBS 5 des Instituts seit 2017 über ein Hochsicherheitslabor (BSL-4) in Berlin-Wedding (Seestraße Nr. 10). Nach Hamburg und Marburg ist dieses das dritte Speziallabor in Deutschland.

Ansonsten ist der Katastrophenschutz Ländersache und liegt vor allem in den Händen der Berufsfeuerwehren und Hilfsorganisationen. Für den Sonderschutz bei ABC-Lagen wurden in den letzten zehn Jahren Spezialkräfte aufgestellt. Diese Analytischen Task Forces (ATFs) sind auf sieben Stützpunkte in der BRD (Berlin, Hamburg, Heyrothsberge, München, Mannheim, Köln [seit 2009] und Dortmund [seit 2010]) verteilt und sollen im Umkreis von jeweils 200 Kilometern eingesetzt werden. Zur Ausstattung einer ATF gehören vier Spezialfahrzeuge: Einsatzleitwagen (ELW 1 ATF), Gerätewagen (GW ATF), ABC-Erkundungskraftwagen 2 (ABC-ErkKW ATF) und Abrollbehälter-Analytik (AB-Analytik ATF).

In der Theorie sollen die ersten Kräfte der Feuerwehr und des Rettungsdienstes rund 8 Minuten nach einem Gefahrgutunfall am Einsatzort - noch ohne ABC-Schutz - eintreffen. Die ersten Aufklärungsergebnisse der ABC-Erkunder der lokalen Feuerwehr sollen nach 30 Minuten vorliegen und nach rund 50 Minuten sollen die Dekon-P mit der Dekontamination der ersten Opfer beginnen. Nach rund 2 bis 3 Stunden soll die nächstgelegene ATF mit ihrer Spezialtechnik zur Verstärkung angerückt sein, um den Gefahrstoff genauer zu identifizieren, damit geeignete Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können. Außerdem sollen die Rettungskräfte vor Ort durch ein oder mehrere der 61 Medical Task Forces (MTF) verstärkt werden, die über besondere Kapazitäten zur Verletztendekontamination verfügen. ATFs und MTFs bilden die so genannte "Kernkomponente" des CBRN-Ausstattungskonzeptes.

Zwar sind die ATFs theoretisch für alle ABC-Lagen zuständig, in der Praxis waren sie aber vor allem für radiologische und chemische Lagen ausgerüstet und ausgebildet. Die Abwehr einer Bio-Lage gestaltet sich weit schwieriger: Erst nach und nach erhielten die ATFs - im begrenzten Umfang - auch eine spezielle Ausstattung, um bei Bio-Lagen eingesetzt werden zu können, so wurden die Einheiten vor drei Jahren mit einem Bio-Probeentnahmeset ausgerüstet.

Bereits die Schutzkommission beim Bundesinnenministerium hatte offiziell auf die "Bio-Lücke" hingewiesen:

Anders als bei der Eindämmung konventioneller, atomarer oder chemischer Angriffe auf die Öffentlichkeit sind die Sicherheitsbehörden auf den terroristischen Einsatz biologischer Kampfstoffe nur unzureichend vorbereitet. Das hohe Gefahrenpotential derartiger Agenzien erfordert kurzfristige Entscheidungen mit weitreichenden Folgen für das öffentliche Leben (Quarantäne, Betriebsstilllegungen, Massenimpfungen). Gleichzeitig gestaltet sich die Erkennung von biologischen Kampfstoffen schwierig. Insbesondere die zeitliche Latenz, mit der Effekte von Biokampfstoffen sichtbar werden, macht eine direkte Verifizierung von Anschlägen unmöglich. Die bloße Ankündigung eines dann nicht durchgeführten Anschlages beziehungsweise die Simulation eines Anschlages mit harmlosem Material stellt nach den Erfahrungen vom Herbst 2001 (reihenweises Auftreten potenziell milzbrandsporenhaltiger Gegenstände) eine Standardsituation im Kontext des Bioterrorismus dar.

Eine vorsorgliche Abriegelung betroffener Gebiete und die Isolierung einer Vielzahl potenziell betroffener Personen bringt dabei einen erheblichen ökonomischen und psychologischen Schaden mit sich und ist möglicherweise das primäre Ziel eines Angreifers. Sichere und schnelle Labortests, die eine sachgerechte Gefahrenbeurteilung ermöglichen, stehen derzeit erst im Zeitraum von Tagen an wenigen spezialisierten Einrichtungen (Robert-Koch Institut, Bernhard-Nocht Institut, verschiedene Universitätsinstitute) zur Verfügung. Die begrenzten Kapazitäten dieser Einrichtungen und die langen Transportzeiten für den Probenversand machen dabei das mehrfache Auftreten von Angriffsdrohungen an verschiedenen Orten (wie geschehen im Herbst 2001) zu einem nicht mehr zu bewältigenden öffentlichen Notstand. Die dezentrale Verfügbarkeit von Testmethoden, die denen der stationären Laboratorien weitgehend entsprechen und von diesen Laboratorien überwacht werden könnten, brächte eine wünschenswerte und erforderliche Kapazitätserweiterung mit sich.

Schutzkommission beim Bundesinnenministerium

Die amtliche Planung sah vor, dass insgesamt vier Spezialeinheiten "Analytische Task Force Biologie" (ATF-B) für Bio-Lagen aufgebaut werden sollten. Tatsächlich existieren mittlerweile drei Einheiten: bei der Berufsfeuerwehr Essen, bei der Berufsfeuerwehr München und in Berlin ein Verbund aus Berufsfeuerwehr, Landeskriminalamt und RKI. Allerdings ist lediglich die Einheit in Essen ist eine tatsächliche Neugründung, bei den beiden anderen Einheiten handelt es sich um einen Ausbau bestehender ATFs. Die Piloteinheit in Essen ist erst seit 2016 voll einsatzfähig. Sie umfasst rund 30 Mann, verfügt über mindestens vier Sonderfahrzeuge und führt jedes Jahr bis zu 15 Einsätze durch. Jede ATF-B ist für ein Gebiet im Umkreis von 300 km zuständig. Im Falle der Kölner Bio-Terroristen konnten die Essener den Kampfstoff schnell identifizieren.

Bei einem Einsatz fordert der zuständige Einsatzleiter der Feuerwehr vor Ort eine ATF-B an, indem er über seine Feuerwehrzentrale eine entsprechende Anfrage an das Lagezentrum des Bundesinnenministeriums in Berlin richtet. Dieses wiederum leitet die Anfrage an das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum (GMLZ) des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn weiter, das dann die nächste verfügbare ATF-B alarmiert. Zur Ausstattung der ATF-B wurden in den letzten Jahren spezielle Apparate entwickelt so ein Chemisch-Biologisches Massenspektrometer (CBMS) für Schnellnachweisverfahren für bioterroristische Agentien und das mobile Messgerät "RAZOR EX". Als Dekontaminationsmittel kommt - nach wie vor - die Peressigsäure zum Einsatz. Im Einsatzfall arbeiten die ATF-B - soweit möglich - mit den Universitätskliniken vor Ort zusammen.

Der Einsatz bei Bio-Lagen muss regelmäßig geübt werden, dazu dienen u. a. die Analytische Task Force Exercises (ATFEX). Außerdem behandelte die Länderübergreifende Katastrophenschutzübung "LÜKEX 2013" im November 2013 einen Anschlag mit einer Bio-Waffe (Rizin und Tularämie) in Berlin. Erst am 30. November 2018 - also nach dem Rizin-Fund in Köln - startete ein erster Spezialisierungslehrgang am Institut für Brand- und Katastrophenschutz (IBK) in Heyrothsberge (Sachsen-Anhalt).

Nach der Hausdurchsuchung im Juni 2018 kündigte der Vermieter, die "GAG Immobilien AG" der damals schwangeren Ehefrau die Wohnung fristlos. Der Sprecher des Unternehmens Jörg Fleischer erklärte dazu: "Auf uns kommen nun erhebliche Kosten zu. Die Wohnung, in der die Familie wohnte, muss nun dekontaminiert werden."

Hauptverfahren gegen das Ehepaar Hammami

Am 7. Juni 2019 beginnt der Prozess gegen Sief Allah und Yasmin Hammami vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf (Kapellweg 36) unter dem neuen Vorsitzenden Richter Jan Reinhard van Lessen (Aktenzeichen: III-6 StS 1/19). Die Anklageschrift umfasst 94 Seiten: Die Eheleute hatten Sprengstoff und Geschosse beschafft, einen Zünder fertiggebaut, eine erfolgreiche Probesprengung durchgeführt und genug Rizinussamen gekauft, um bei einem Bio-Anschlag bis zu 100 Menschen zu töten, berichtete der "Spiegel" ("Tödliche Bohnen") am 18. Mai 2019.

Sief Allah Hammami wird durch Serkan Alkan verteidigt, einen zweiten Pflichtverteidiger wollte er vergeblich loswerden. Das Hauptverfahren dauert voraussichtlich bis zum 30. August 2019. Das Gesetz sieht für die vorsätzliche Herstellung einer biologischen Waffe eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren bis zu 15 Jahren (§ 20 Abs. 1 Kriegswaffenkontrollgesetz) und für die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis zu 10 Jahren (§ 89a Strafgesetzbuch) vor. Für den Prozess wurden - wie bei Staatsschutzverfahren gegen dschihadistische Gewalttäter üblich - besondere Sicherheitsmaßnahmen angeordnet.

Hintermänner in Tunesien

Am 26. Juli 2018 wurden in Tunesien zwei Männer festgenommen, die Sief Allah Hammami bei seinen Anschlagsplänen unterstützt haben sollen. Eigentlich wollten die beiden Männer nach Syrien ausreisen, aber das hatte nicht funktioniert; daraufhin beschlossen sie, Sief Allah Hammami in Deutschland zu unterstützen. Einer der beiden Festgenommenen wollte zeitgleich mit Hammami in Deutschland einen Anschlag in Tunesien verüben, der andere hatte falsche Papiere für Hammami produziert, damit dieser nach einem Anschlag fliehen konnte.

Nach Angaben des Magazins "Focus" stand Hammami mit den beiden ägyptischen Brüdern (Mohamed M., …) in Kontakt, die ebenfalls an einer Rizin-Bombe arbeiteten und am 11. Mai 2018 in Paris festgenommen worden waren, möglicherweise war er mit den Ägyptern sogar verwandt.

Als Mohammad Abo R. am 15. Oktober 2018 einen Anschlag auf den Außenbereich des Kölner Hauptbahnhofs verübte, ein McDonald's-Restaurant in Brand stecken wollte und in einer benachbarten Apotheke eine Angestellte als Geisel nahm, forderte er von der Polizei die Freilassung von Yasmin Hammami. Der Prozess gegen Mohammad Abo R. wurde im Mai 2019 vorübergehend ausgesetzt, da er bei seiner Festnahme durch einen Kopfschuss niedergestreckt wurde, der nun in einer neurologischen Fachklinik behandelt werden soll.

Der Fall der "Bio-Bomber" beschäftigte mehrfach den Landtag in Düsseldorf. So legte Innenminister Herbert Reul Anfang Juli 2018 einen Bericht ("Vereitelung eines Gift-Terroranschlags durch Festnahme in Köln") mit weiteren Details zum Ermittlungsstand dem Innenausschuss vor.