Anthropos Reloaded

Adam Brandejs: Genpets Series 01. Bild: Adam Brandejs

Nach seiner kurzzeitigen Entsorgung auf den Müllhalden der Geschichte feiert "der Mensch" angesichts drohender Weltkatastrophen seine ebenso wunderliche wie grüne Wiederauferstehung - auch auf der Ars Electronica 2009

In der „Leere des verschwunden Menschen“ zu denken, galt spätestens Anfang der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts als besonders chic und radikal. Und das trotz oder gerade wegen der lautstarken Proteste und Kampagnen, die die Kritische Theorie 2.0 mit ihrem Oberboss Jürgen Habermas gegen die Antihumanisten führte – zumal sich Strukturalismus, Systemtheorie und Medienarchäologie anschickten, Mensch und Geist aus den Geisteswissenschaften auszutreiben und die kulturelle Hegemonie in den weichen Wissenschaften zu erringen.

Als Stichwortgeber fungierte damals vor allem Michel Foucault, der gut fünfzehn Jahre vorher „den Menschen“ als „junge Erfindung“ entlarvt hatte. Nicht der Mensch habe die Humanwissenschaften konstituiert, vielmehr seien es diese Wissenschaften gewesen, die „den Menschen“, als sie ihn zum Wissensobjekt erklärten, höchstselbst in die Welt setzten. Vor 1800 habe „der Mensch“ als solches im Raum der Episteme gar nicht existiert. Im letzten Satz seiner Abhandlung über "Die Ordnung der Dinge" wollte Foucault schon Wetten darauf abschließen, dass der Mensch, nachdem Ethnologen, Psychoanalytiker und Linguisten in ihm nichts anderes entdeckt hätten als tausend kleiner unzusammenhängender Partikel, bald wieder verschwinden werde – „wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“.

Plakat Ars Electronica Festival 2009. Bild: Korherr/Jalsovec

Unabhängig davon hatte im Anschluss an die Kritische Theorie 1.0 auch in Deutschland bereits eine forsche Anthropologiekritik eingesetzt, die das Humanum, das von einer rebellierenden jungen Generation gerade zu Markte getragen wurde, zur handfesten Ideologie erklärte. Deformiert werde der Mensch, so ihr Anführer Ulrich Sonnemann in seiner "Negativen Anthropologie", durch „eine bestimmte Art der Selbstinterpretation“. Diese werde durch Theorien vermittelt, die „gesellschaftlich aufs Ganze“ gehen. Aufs Korn nahm Sonnemann dabei vor allem den Marxismus und die Psychoanalyse. Beiden attestierte er, „Totaltheorien“ zu sein und insofern das zu „vernichten“, was sie vorgaben, zuallererst ermöglichen zu wollen: „den Menschen“.

Was aber „der Mensch“ sei oder ihm wesenhaft zukomme, könne nicht der Diskurs bestimmen, sondern nur der Mensch selbst. Der Mensch sei ein „offenes Wesen“ (H. Plessner), das erste „nicht-festgestellte Tier“ (F. Nietzsche). „Emanzipation“, befand der Soziologe Dietmar Kamper damals mit Blick auf die reformwütigen Kollegen in den sozialen Abteilungen, die man dem Menschen „wie ein fremdes Kleidungsstück anpasst“, wäre verfehlt. Zu ihr gehöre, dass der Betroffene die Chance haben müsse, sie als die seine auch wahrnehmen zu können. Als „gut verpasste“, werde sie aber verpasst. Nirgends sei daher „Inhumanität wirksamer, als in den Plädoyers für Humanität“. Wenn überhaupt, so Sonnemann und Kamper unisono, erschließe sich das Humanum nur von selber, aus seiner „Abwesenheit“ oder „Verhinderung“.

Will der Denker dem Menschlichem, das Sonnemann mit „Spontaneität“, Kamper mit „Fantasie“ übersetzten, nicht im Wege stehen, bleibe ihm folglich nichts anderes übrig, als aus dem Horizont dieses Diskurses auszuscheren und sich davon zu distanzieren. Damit Denken im sozialen Raum wieder möglich werde, müsse es deshalb, wie Claude Lévi-Strauss in "Das Wilde Denken" von 1962 bereits forderte, „das letzte Ziel der Wissenschaften vom Menschen“ sein, den Menschen „aufzulösen“ statt ihn „zu konstituieren“.

Überraschen konnte diese Kritik an Duktus und Verfahren der Humanwissenschaften nur solche, die gerade im Lichte des Neomarxismus und seiner emphatischen Diskurse sozialisiert worden waren und zur gesellschaftlichen Tat schreiten wollten. Bereits zwanzig Jahre vorher hatten die Biologen Crick und Watson den Menschen in seine gentechnologische Bausteine zerlegt und das bestätigt, was Foucault später vermutet, Freud zuvor in unzähligen Analysen heraus- und die Ethnologen in fremden Ländern gefunden hatten. Zudem hatten übereifrige Bildungs- und Sozialreformer genau das ausgeführt, wovor die Anthropologiekritik vehement gewarnt hatte. Im Glauben, man könne Mündigkeit genauso herstellen wie Unmündigkeit, ließ man den Vermittlungsapparat intakt und passte die Bildungsziele nur den neuen politischen Erfordernissen an. Schließlich erinnerten die demütigen Blicke aus den Fenstern der Apollo-Missionen schmerzlich daran, dass es mit den herrschaftlichen Gesten, mit denen „der Mensch“ bedacht und einst als Macher und Motor der Geschichte lautstark und mit großem Pomp inthronisiert worden war, nicht besonders weit her sein konnte.

Vierzig Jahre danach muten uns diese Diskurse wie Überbleibsel aus einer längst vergangenen und versunkenen Zeit an. Reden, die von Regelsystemen und Machtspielchen, von Regimen oder anonymen Mächten handeln, die den Menschen zerpflügen, ihn zum Adressaten oder Appendix von Kommunikationen oder Medientechnologien degradieren oder ihn gleich vollkommen „liquidieren“ wollen, kommen uns vor, als kämen sie von einem anderen Stern.

Still, leise und heimlich hat der Mensch sich wieder an die vakante Rolle herangerobbt und den frei und leer gewordenen Platz des Königs wieder erobert. Eingeleitet hatte diese Trendwende Michel Foucault Mitte der achtziger Jahre höchstselbst – auch wenn das von einer bestimmten Hardcore-Fraktion bisweilen heftig bestritten wird. Der Mensch solle sich fortan, so der Meisterdenker im gut Heideggerschen Stil, vor allem um sich selbst sorgen und nur um dieses. Er solle sein „Dasein“ wieder in Eigenregie nehmen und seinem Leben eine Form geben, die zu großer Bewunderung und breiter Nachahmung Anlass gebe. Ohne Dressur, folgerte Foucault noch kurz vor seinem Ableben, könne es keine Kontrolle der eigenen Kräfte und folglich auch keine individuelle Freiheit geben. Durch Selbstdisziplin, Askese und die strikte Einhaltung von Regeln werde der Mensch weniger unterdrückt als vielmehr erst ermöglicht und hervorgebracht.

Fünfundzwanzig Jahre danach knüpft sich an Foucaults Mut zur „Alleinregierung“ ein ganzes Arsenal von Übungs-, Trainings- und Fitnessprogrammen. Mensch wird fortan nur, wer sich als Träger einer Serie von ausgedehnten Übungen und Trainingseinheiten zu erkennen gibt und dadurch vom bloßen Geformtsein auf die Seite des Formenden überwechselt.

Entworfen hat dieses gesellschaftlich höchst anspruchsvolle Programm Peter Sloterdijk in seinem jüngsten Buch, das den ebenso treffenden wie den Verkauf fördernden Titel: Du musst dein Leben ändern trägt. Darin plädiert der Philosoph für eine „allgemeine Disziplinik“. Menschen müssten, wenn sie frei und selbstbestimmt sein wollen, künftig nachhaltig auf sich selber einwirken, an sich selber arbeiten und an sich selber Exempel statuieren. Üben sei kein Selbstzweck an sich, sondern ein Verhalten, das der Selbstformung durch Selbststeigerung dient.

Eine Anthropologie, die sich auf der Höhe der Zeit bewegen wolle, könne deshalb nur in Form allgemeiner „Anthropotechniken“ entwickelt werden. Ziel jedes Einzelnen müsse es daher sein, durch Übungsreihen und Diätetiken, Trainingsprogramme und Fitnesspraktiken mehr und besser, stärker und mächtiger zu werden als er ist. „Dasein“ im Sinne Heideggers zu sein, bedeute daher, den Willen zur Verwandlung zu entwickeln, der über sich hinaus will und den Menschen zwingt, da oben wirklich sein zu wollen, da, wo die Luft immer dünner wird und sich in der Regel nur Hochleistungssportler, Akrobaten und andere Wagemutige sich hinwagen.

Von solcher neuheidnischer Artistik, transzendentaler Athletik und akrobatischem Ehrgeiz, die der Philosoph da dem Menschen verordnen will, war man auf der diesjährigen Ars Electronica naturgemäß meilenweit entfernt. Nichtsdestotrotz sind Anliegen und Grund, warum der Mensch erneut ins Zentrum aller Betrachtungen tritt und die „menschliche Natur“ wieder als Problemgebiet entdeckt wird, im oberösterreichischen Linz die gleichen wie im Sloterdijkschen Exerzitienbuch: Die Wahrnehmung und die wachsende Einsicht nämlich, dass es angesichts des drohenden klimatischen und demografischen Wandels, der bevorstehenden Energie- und Ressourcenknappheit und der blutigen Konflikte darum „so nicht mehr weitergehen“ könne wie bisher und der Mensch auf diese globalen Krisen und Bedrohungen mithin mit einer „kooperativen Logik“ reagieren müsse, wenn er überleben wolle.

Levi van Veluw: Landscapes. Bild: Levi van Veluw

Hofft der Philosoph dies mit einer „globalen Ko-Immunitätsstruktur“ meistern zu können, bei der alle übenden, in Netzwerken verwobenen „Einzelkulturen“ sich respektvoll begegnen, ihre Partikularinteressen achten und lokale Solidaritäten bilden, setzt die digitale Elite, wie in Linz zu beobachten war, vor allem und zunehmend auf das „grüne Programm“ und den von ihm in Gang gesetzten „Green Deal“. Mittels digitaler Technologien, mit Gentechnik und Pharmazeutik, Nanotechnologie und Bioengeneering soll es umgesetzt werden und damit „dem Menschen“ eine neue, herausragende „Stellung im Kosmos“ (Max Scheler) verschafft werden. Im Programmheft der diesjährigen digitalen Leistungsschau verstiegen sich die Macher gar zu der Behauptung, dass man nun im „Anthropozän“ angekommen sei, einem neuen Erdzeitalter, das „vom massiven Einwirken des Menschen auf seine Umwelt gekennzeichnet“ sei und dadurch die erneute Frage nach dem „Wesen des Menschen“, nach „der Natur des Menschen“ aufgeworfen werde.

Da war und ist er also wieder, der „Homo absconditus“, von dem nicht mehr geredet werden sollte und dessen „Ende“ oder „Tod“ vor knapp vierzig Jahren bereits beschlossene Sache war. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert soll er pharmazeutisch bewehrt, mit Prothetik gestählt und genetisch oder digital aufgemöbelt im grünen Kleid wiederauferstehen und fortan eine „quasi-göttliche Natur“ ausstrahlen. In Linz wurde deutlich, dass die „grüne Ideologie“ alle Chancen hat, „die Totaltheorie“ des 21. Jahrhunderts schlechthin zu werden. Nicht nur, weil sie keinen Widerspruch duldet und sich alle und alles ihr unterzuordnen haben. Sondern auch, weil Protagonisten glauben, wieder mal auf der Seite der Guten zu sein. Anders als im vergangenen Jahrhundert geht es nun nämlich nicht mehr bloß um Geschichte und Fortschritt, um soziale Gerechtigkeit und ein besseres Leben, sondern um nichts Geringeres als die Rettung der Menschheit und ihres Heimatplaneten (Es geht ums Ganze).

Kein Wunder, dass diesmal die Farbe „grün“ die digitale Leistungsschau überstrahlte, und ein Menschenkopf, der von lauter grünen Teilchen bedeckt war, ihr seinen bildhaften Ausdruck verlieh. Dies hinderte die Macher aber keinesfalls daran, wie in den dreißig Jahren zuvor üblich, auch allerhand Unsinn auszustellen und manch seltsame künstlerische Blüte zum Vorschein zu bringen. So setzte sich ein Projekt tatsächlich mit der Wiederverwertung von Urin als Nährstoffquelle und Düngemittel auseinander, während ein anderes sich abmühte, elektrische Energie aus Stoffwechselprozessen zu beziehen, die im Schlamm stattfinden.

Shen Shaomin: Creature No.2 Cockroach. Bild: Shen Shaomin

Selbstverständlich fehlte auch heuer weder die traditionelle Kritik an den Machenschaften der bösen Massen- und Konsumgesellschaft noch an den blindwütigen Auswüchsen der Bio- und Gentechnologie. Großen Anklang fand eine Performance, bei der Menschen sich vakuumverpackt in einen Kokon aus PVC einsperren ließen. Mit der Außenwelt verbunden waren sie nur durch einen Plastikschlauch, der Atemluft in die Behausung blies. Zum Fotoshooting luden seltsame Hybride, die ein Künstler aus Skelettteilen gefertigt hatte, wohl um auf die Gefahren des Herummanipulierens am Erbgut aufmerksam zu machen, die zur Schöpfung neuer oder zum Wiederbeleben ausgestorbener Kreaturen verführen könnte. Und zu sehen waren neben Plastik-Föten, die in Klarsichthüllen ruhend gelegentlich zu fiepen anfingen, um so zum Kauf einzuladen, auch ein Turnschuh, den ein Künstler aus eigenen Haut- und Latexteilchen genäht hatte und der beizeiten vor sich hinzuzucken begann.

Adam Brandejs: Animatronica Flesh Shoe. Bild: Adam Brandejs

Attraktion und unbestrittener Star des heurigen Festivals war jedoch, neben „Edunia“, einem Mischwesen aus Mensch und Pflanze, das Eduardo Kac mit einem Gen aus seiner eigenen DNA geschaffen hatte, der Geminoid HI-1 von Hiroshi Ishiguro, einem japanischem Robotiker aus Osaka. Durch eine neuartige Netzwerk- und Sensorentechnik ist diese Maschine eng mit seinem menschlichen Schöpfer verbunden. Der Geminoid sieht nicht nur haargenau wie sein Konstrukteur aus, er verhält sich auch so ähnlich wie er. Gelegentlich setzt der Professor, wie er stolz erzählte, seinen technischen Klon zu Vorlesungen ein, wohl auch, um sich mit höherwertigen Dingen als dem Unterrichten von Studenten zu beschäftigen. Wenn man so will, scheint der japanische Professor eine intelligente technische Lösung gefunden, sich von lästigen Alltagsroutinen zu entlasten. Im Prinzip könnte er sich jetzt verstärkt dem von Peter Sloterdijk angeratenen Trainingsprogrammen widmen, seinem persönlichen Höher-, Besser- und Mächtiger-Werden-Wollen.

Eduardo Kac: Golden Nica HYBRID ART. Bild: Eduardo Kac

Ishiguros technischer Zwilling war denn auch Thema einer Diskussion, die der Schöpfer mit Friedrich Kittler führte. Mit dem Bau solcher Geminoiden, bekundete der Mann aus Osaka, verfolge er zweierlei. Zum einen wolle er anhand seiner Kreation den funktionellen Zusammenhang sowie die Programmierbarkeit möglichst natürlicher menschlicher Bewegungen studieren; zum anderen möchte er herausfinden, inwieweit sich kognitive Strukturen digital modellieren lassen. Über die Kombinierung beider Ansätze hoffe er, Einblicke in Eigenschaften der „menschlichen Natur“, etwa der Wahrnehmung, der Interaktion und der menschlichen Präsenz, zu gewinnen, was später vielleicht mal zur Entwicklung von Robotern führen könnte, die dem Menschen verblüffend ähnlich sind und sich durch ein starkes Gefühl für Präsenz auszeichnen.

Hiroshi Ishiguro: Geminoid. Bild: Hiroshi Ishiguro

Mit dem reduktionistischen Bild, das Ishiguro vom Menschen liefert, wollte und konnte sich Friedrich Kittler naturgemäß nicht anfreunden. Statt den Menschen nur nachzubauen oder zu imitieren, sollte man Computer lieber zur Erweiterung von Horizont und Radius des Menschen einsetzen. Statt sich wie einst die Griechen ihre Sklaven zu Rechenknechten zu machen, sollte der Mensch Bottom-up-Strukturen nutzen, um Menschen und Evolution wachsen zu lassen. Was Menschen von Maschinen und anderen Lebewesen unterscheide, sei der Logos, also die Fähigkeit, sprechen und verstehen zu können. Während eine Biene nur tue, was sie tut, beispielsweise auch mit abgetrenntem Verdauungsteil Nahrung zu sich zu nehmen, zeichne sich der Mensch durch Bewusstsein und Reflexion aus. Anders als die Biene, die nur vor sich hinlebt, ist der Mensch in der Welt. Er existiert und ist eingebettet in Milieus und Sprachen, in Kulturen und Traditionen, die er selbst schafft und weitergibt.

Gleichwohl ist diese, am mittleren, folglich den zwischen „Sein und Zeit“ von 1927 und „Rektoratsrede“ von 1933 philosophierenden Heidegger entwickelte Haltung, die Kittler entwarf, im Prinzip und strukturell genauso reduktionistisch wie die des Robotikers aus Osaka. Was den Menschen über alle anderen, bislang bekannten Lebewesen hinaushebt, ist das, was die Griechen dereinst „Thymos“ nannten, die Christen später als „Seele“ und wir schlicht als „unser Gemüt“ bezeichnen. Dieser „Thymos“ ist es, der den Wunsch nach Anerkennung in uns weckt. Von Hegel und seinen genialen Interpreten Kojève und Bataille ist dieser Kampf um Ehre, Ansehen und Prestige ausführlich analysiert und gewürdigt worden (Die Unauffindbarkeit des Friedens IV). Liebe und Zorn, Ehrgeiz und Eigennutz, um nur die wichtigsten zu nennen, die unser Gemütsleben bewegen, erinnern uns nicht nur daran, dass wir Tiere sind, die sich gegen fremde Angreifer verteidigen müssen. Der Thymos macht uns auch zu Tieren, die in eigenem Interesse handeln. In ihm erkennen wir sowohl das Animalische im Menschen als auch das Menschliche im Tiermenschen.

Anders als das Tier, das, wenn es angegriffen wird, eine Habachtstellung einnimmt, die Krallen ausführt oder zu bellen anfängt, kann der Mensch darüber hinaus. Er will stets mehr als er hat. Wird er von einem Bankberater betrogen oder erliegt den falschen Schmeicheleien einer schönen Verkäuferin, kann er zwar wütend oder zornig werden. Jedoch kann er auch jederzeit für vermeintlich unsinnige, überflüssige oder sinnlose Dinge Partei ergreifen, er kann sich entweder sinnlos verausgaben oder berauschen, verschwenden oder sich selber zerstören, oder auch für Ideen und Würde, Werte oder Ideale kämpfen und dafür sein Tod riskieren.

Es ist folglich der Thymos, der uns zu Individuen macht und uns, pathetisch gesprochen, „menschliche Größe“ verleiht – im Guten ebenso wie im Schlechten. Um uns gegenüber anderen zu behaupten, uns durchzusetzen oder Großes zu leisten, braucht es neben Klugheit, Talent und Intelligenz, eben auch Ehrgeiz, Einsatz und Eigennutz. Ohne unser oftmals allzu „wirres Gemütsleben“ wären wir tatsächlich nur hochkomplexe Geminoiden, die vollkommen aus- und berechenbar sind und bloß auf Reflexe und Rückkopplungen reagieren. Schon Ridley Scotts "Blade Runner" von 1982 hat uns auf diesen „Gefühlsmatsch“, (Mischgestalten) aufmerksam gemacht, darauf, was uns jenseits aller Ähnlichkeit in Aussehen und Bewegung, Sprache und Kognition von technischen Klonen und Doppelgängern unterscheidet, nämlich Schmerz und Enttäuschung, Leidenschaft und Lachen.

Gewiss wäre es schön, wenn nur der Logos, wie Kittler meint, den Menschen zum Menschen machte und er den Thymos ersetzen könnte. Die Welt wäre nicht nur wohlgeordnet, so stabil und harmonisch, wie sie sich der Philosoph Aristoteles dereinst ausgemalt hat, es gäbe auch keine Kränkungen, Verletzungen und blutigen Konflikte mehr, nichts, was wir mit verletztem Stolz, verletzter Eitelkeit oder auch mit dem Begriff der „Liebe“ verbinden. Aus Sagen, Märchen, Filmen und anderen Erzählungen wissen wir, dass auch Götter, Künstler und möglicherweise auch Robotiker aus Japan eine erotische Beziehung zu ihren Kreationen entwickeln und sich in sie verlieben können. Wir wissen durch sie aber auch, dass sich diese Geschöpfe bisweilen auch gegen ihre Konstrukteure wenden können und gegen sie rebellieren. Daraus resultiert auch unsere Angst vor ihnen, die beizeiten ausbrechen, wenn sie uns zu nahe kommen. Und wir wissen schließlich auch, dass sie, statt Nymphen und andere Schönheiten anzuhimmeln, auch, wie Narzissus, in ihr eigenes Bild vernarrt sein können.

Doch auch in allen diesen Fällen wurde stets der „Thymos“ erregt, jenes ebenso reale wie spirituelle „Lebenselexier“, das die Maschinen, Roboter und andere Avatare nur fiktiv oder virtuell an den Tag legen können. Nur Menschen, nicht Maschinen, wollen und können für immaterielle Güter eintreten, für Ideen und Ehre, für Werte und Ideale, und dafür sogar ihr Leben riskieren. In aller Regel stoßen sie dabei bisweilen auf andere Menschen, auf Kulturen oder Religionen, die von völlig anderen Werten, Vorstellungen und Vorbildern beseelt sind, gegen die sie sich behaupten müssen und die möglicherweise dafür auch ihr Leben in die Waagschale werfen. Schon deshalb wird der Traum einer Welt ohne Blut, Opfer und Mord wohl auf ewige Zeiten hin ein frommer Wunsch bleiben. (Rudolf Maresch)

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