Anti-Aufklärung? Kriegstechnologie?

Die lückenhafte Spur der Kybernetik in Kultur- und Medienwissenschaften

In den letzten beiden Jahrzehnten erfuhr der Begriff der Kybernetik in kultur- und medienwissenschaftlichen Kontexten und jüngst auch in politischen Debatten im eher linken Lager eine publizistische Renaissance.

Folgendes sei hier neben zahlreichen kleineren Artikeln und Blogbeiträgen stellvertretend hervorgehoben. 2007/08 erschienen drei Buchpublikationen, die Kybernetik entweder im Titel oder im Untertitel tragen, das schon erwähnte "Kybernetik und Revolte" des frz. Autorenkollektivs, Andrew Pickering: "Kybernetik und neue Ontologien" (Berlin 2007) sowie der Sammelband "Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik (Hg. Michael Hagner u. Erich Hörl, Frankfurt a.M. 2008).

In einer "zweiten Welle" folgten 2012 Rainer C. Becker: Black Box Computer - Zur Wissensgeschichte einer universellen kybernetischen Maschine (Bielefeld 2012, eine Dissertation aus 2008), 2016 das recht populär gewordene und vielfach rezensierte Werk von Thomas Rid: "Maschinendämmerung - Eine kurze Geschichte der Kybernetik" (Berlin 2016) und 2017 "Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen - Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel" (Hg. Paul Buckermann, Anne Koppenburger, Simon Schaupp, Münster 2017), wiederum ein Sammelband.

Und über Anna-Verena Nosthoff und Felix Maschewski fand unlängst das Thema "Kybernetisierung des Politischen" auch Eingang in die Debatten z.B. bei der Rosa Luxemburg-Stiftung.

Nahezu alle genannten Veröffentlichungen greifen zitierend und interpretierend zurück auf das 2003 und 2004 von Claus Pias herausgegebene 2-bändige Werk "Cybernetics / Kybernetik. The Macy-Conferences 1946-1953".11

Der erste Band enthält sämtliche Protokolle der letzten fünf der insgesamt zehn Konferenzen. Die Wortprotokolle entstanden auf die Initiative von Heinz von Foerster, der ab der sechsten Konferenz mit der ursprünglichen Herausgeberschaft beauftragt war. Er entschloss sich, die Tonbandaufzeichnungen transkribieren zu lassen, um den dialogisch-explorierenden Charakter der Gespräche zu erhalten. Letztlich gebührt Claus Pias der wesentliche Dank dafür, diese Bände - der zweite Band von Cybernetics beinhaltet interpretierende Essays und weitere Dokumente zur Kybernetik - für eine breitere Diskussionsgrundlage herausgegeben zu haben.

Sehr merkwürdig mutet die Tatsache an, dass außer bei Becker in "Black Box Computer" und in den Aufsätzen von Erich Hörl und des Soziologen Dirk Baecker die vielleicht bedeutendste Folge der Macy-Konferenzen überhaupt nicht erwähnt wird, noch nicht einmal bei Thomas Rid.

Gemeint ist die Gründung eines eigenen Forschungsinstituts, des Biological Computer Laboratory (BCL, Univ. of Illinois, Urbana-Champaign), das von 1958 bis 1976 existierte und von Heinz von Foerster geleitet wurde. Sogar der Herausgeber Claus Pias erwähnt es in seiner Einstimmung zu dem 2-bändigen Werk nicht. Dies bleibt ausschließlich Heinz von Foersters "Erinnerungen ..." im 2. Band überlassen.12 Und das ist umso verwunderlicher, weil dort erstmals die Idee des Parallelrechnens entstand. Albert Müller kritisiert ebenfalls, dass das BCL in der kultur- und medienwissenschaftlichen Rezeption so gut wie gar nicht erwähnt wird.

Dabei entstanden am BCL ganz wesentliche Arbeiten zu neuronalen Netzwerken, zur Theorie autopoietischer Systeme (Maturana/Varela), zu Selbstorganisation und zur Philosophie der Kybernetik, zur Polykontexturalitätstheorie und Logik (Gotthard Günther, Lars Löfgren) sowie zu Musiktheorie und Computermusik (Herbert Brün, Heinz von Foerster), um nur einige wenige zu nennen. Das Institut ist somit - gemessen an den dort arbeitenden Personen und ihren zahlreichen Veröffentlichungen - in der Ideengeschichte der Kybernetik kein wissenschaftshistorisch vernachlässigbares Detail.

In seinem einflussreichen Aufsatz "The Ontology ..."13 erwähnt Galison das BCL nicht, obwohl dort die prominentesten Vertreter der Kybernetik entweder arbeiteten oder mit den Kollegen am BCL kooperierten, darunter auch Warren McCulloch, Norbert Wiener und Gregory Bateson. Galison bleibt seltsam fixiert auf Norbert Wiener, John von Neumann und die Bombe sowie seine These von der Kybernetik als Kriegswissenschaft. Bemerkenswert ist, dass gerade diese These durch die Bezugnahme auf das BCL - vordergründig betrachtet - eine zusätzliche Bekräftigung hätte erfahren können, denn das Institut wurde überwiegend durch das US-Militär finanziert, insbesondere durch das AFOSR, das Airforce Office of Scientific Research.

Es hat in mehrerlei Hinsicht und insbesondere für uns Europäer durchaus etwas Groteskes, wenn z.B. der philosophische Aufsatz Gotthard Günthers "Das metaphysische Problem einer Formalisierung der transzendental-dialektischen Logik", ebenso wie andere am BCL entstandene Texte Günthers, den Vermerk tragen: "Prepared under the Sponsorship of the Airforce Office of Scientific Reseach, Directorate of Information Sciences, Grant AF-AFOSR-xx.14

Dabei hatte diese Förderung durch die Airforce durchaus ihre Konsequenzen. In Deutschland. Als Günther 1968 das 1967 erschienene Werk "Zur Logik der Sozialwissenschaften" von Jürgen Habermas in der Zeitschrift "Soziale Welt" scharf kritisierte, wurde kolportiert, dass aus Kreisen um Habermas geäußert worden sei, den Günther müsse man nicht lesen, der sei ja von der US-Airforce bezahlt.15

Hierzu ist anzumerken, dass es in den USA bis Ende der 1960er-Jahre durchaus eine gemeinsame Verantwortung aller staatlichen Institutionen für die staatliche Forschungsförderung - insbesondere der Grundlagenforschung - gab, dazu gehörte eben auch das Militär.

Die Gegenthese zu Galisons Kybernetik als Kriegswissenschaft lässt sich flankieren durch eine historisch-politische Tatsache, die in medien- und kulturwissenschaftlichen Publikationen in Europa ebenso wenig Erwähnung findet wie das BCL selbst, sieht man einmal von Albert Müller ab.

Die Förderbedingungen änderten sich mit den studentischen Protesten gegen den Vietnamkrieg in den USA. Senator Mike Mansfield machte, um die Situation an den Universitäten zu entspannen, den Vorschlag, alle Forschungsförderungen des Militärs zu überprüfen und nur noch solche Projekte zu fördern, die einen direkten militärischen Nutzen hatten. 1969 verabschiedete daher der US-Kongress das sogenannte Mansfield-Amendment, das 1970 in den Defense Procurement Authorization Act integriert wurde.

Entsprechend dem Mansfield-Amendment war nun jeder Wissenschaftler, der Förderungen über das DoD, das Department of Denfense, erhielt, angehalten, die Bezüge seiner Forschungen zu militärischen Aufgaben zu erläutern. Heinz von Foerster erklärte freimütig, dass "the research at BCL was not related to a military mission". Damit endete die Förderung für das BCL, da sich woanders Mittel im selben Umfang nicht beschaffen ließen. Das Institut wurde 1974 geschlossen und abgewickelt.