Anti-Aufklärung? Kriegstechnologie?

Filterblasen in Kultur- und Medienwissenschaften - der militärische Bias

Die Sprache sagt: "Geh dort lang, und wenn du das und das siehst, biege in die und die Richtung ein." Mit anderen Worten: sie bezieht sich auf den Diskurs des Anderen.

Friedrich Kittler, Jacques Lacan zitierend

Neben Galison gibt es mindestens eine zweite Spur der Zitationen und Interpretationen zur Kriegswissenschaft, die auf den einflussreichen Kulturwissenschaftler und Medienphilosophen Friedrich Kittler zurückgeht. Von ihm ist hinreichend bekannt, dass er immer wieder interpretierend auf Kriegstechnologie und Krieg als Ursprung Bezug nahm.16 Nicht wenige kritisierten seine Interpretationen - in diesem speziellen Punkt! - als zu monoperspektivisch fixiert.17 Für das "Spiel" und die Subversion als kreative menschliche Betätigung und als alternativer möglicher Ursprung von Technik und Technologie gibt es dann dort keine Plätze mehr.

Diese Kittlersche Spur der Interpretation lässt sich sogar noch weiter zurückverfolgen bis zu Martin Heidegger, der das Wort "Kybernetik" öffentlich nur ein einziges Mal in den Mund genommen hat. Auf die Frage von Rudolf Augstein und Georg Wolff zum Ende der Philosophie in seinem Spiegel-Interview: "Und wer nimmt den Platz der Philosophie jetzt ein?", antwortete er knapp: "Die Kybernetik."18

Heideggers Schatten ist lang - in mancherlei Hinsicht. Jedenfalls hatte er den Kybernetik-Philosophen Gotthard Günther eingehend studiert, dies jedoch nie öffentlich gemacht. Wir sind gezwungen, uns bis zur Öffnung des Heideggerschen Archivs auf eine von Otto Pöggeler schriftlich verifizierte mündliche Bemerkung Heideggers ihm gegenüber zu verlassen, nach der Heidegger gesagt hat, dass er die Lektüre Günthers für sehr lehrreich halte, gerade weil er scheitere.19

Die Interpretationen aus Kultur- und Medienwissenschaften sowie die Positionen der sich darauf in politischen Debatten Berufenden einfach als Technoskeptizismus abzutun greift fehl. Es spiegelt sich dort vielmehr eine Haltung im Diskurs, die sich selbst durch einen Mechanismus der Iteration eingrenzt und sich gegen alternative oder zusätzliche - wie gezeigt durch Quellen belegbare - Interpretations- oder Erkenntniswege verwehrt.

Sie weist damit die Charakteristika einer zitatorischen Echokammer auf, einer Filterblase, die ein dominierendes Narrativ einer bestimmten Färbung ausprägt. Dieses wird gebildet und verfestigt durch wiederholte Iterationen ähnlicher Interpretationen, die Quellenwahl wird selektiv, d.h. anderslautende Quellen werden selten bis gar nicht als solche registriert. Kybernetik und Macy-Konferenzen verbleiben als ein Hauptanker der Kritik. Dazu gehört auch, dass andere mögliche Ansatzpunkte, wie beispielsweise die zentralen Rollen Marvin Minskys, Claude Shannons und der Dartmouth-Konferenz 1956 nicht oder nur wenig in den Blick genommen werden. Hier wurde immerhin der Begriff "Artificial Intelligence" ins Leben gerufen, der auf heutige Entwicklungen einen sehr hohen Impact hatte.

Ironischerweise wird das Phänomen Filterblase in den Kultur- und Medienwissenschaften nicht nur mit Blick auf Facebook und andere "soziale" Netzwerke in der letzten Zeit eingehend reflektiert. Jedoch scheint die gerade von den Kybernetikern ausdrücklich thematisierte Selbstreferenz, hier als reflektierender zusätzlicher Blick auf den eigenen Fokus, zu fehlen.

Das ist umso bedauerlicher, denn viele kybernetische Primärquellen liefern Einsichten und Positionen, die erheblich bereichernde Argumente zur Kritik der kalifornischen Ideologie liefern können. Vom Standpunkt der Kybernetik zweiter Ordnung aus betrachtet sind die aktuellen IT-Systeme der Multis als zentralistisch organisierte simple Input-Output-Systeme beschreibbar, die in die eine Richtung als Datenstaubsauger arbeiten und in die andere als Instrument zur auf das Individuum bezogenen Selektion und Bereitstellung von Informationen mit dem Ziel, gesellschaftliche Gruppen zu fraktalisieren.

Demokratische Rückkopplungen, wie Vilém Flusser sie erhofft hatte20, sind das nicht. Insofern - um einmal in einem armoristischen Bild zu bleiben - stellen die aktuellen kritischen Positionierungen und Debattenbeiträge, die in ihren Begründungen die Kybernetik als Kriegs- und Steuerungswissenschaft für Gesellschaften interpretieren, eine argumentative Selbstentwaffnung dar.

Man möchte, fast verzweifelt, mit dem Phänomenologen Edmund Husserl ausrufen: "Zu den Sachen selbst"!, hier sinngemäß "Lest die kybernetischen Primärquellen!"

Oder wir bleiben erst mal in der Turing-Galaxis. Obwohl, Alan Turing hat das nicht verdient. (Joachim Paul)