Anti-Terror-Demonstration ohne DİTİB

Twitter-Impression von der Nicht-mit-uns-Demonstration in Köln

Veranstalter von geringer Teilnehmerzahl enttäuscht

Die nordrhein-westfälische Religionslehrerin und Fernsehpredigerin Lamya Kaddor erregte in der Vergangenheit unter anderem mit der Herausgabe eines "Korans für Kinder und Erwachsene" Aufsehen, in dem Verse mit Gewaltbezug entfernt und die Huris, die im Paradies warten , nicht mit "Jungfrauen", sondern mit "Partnerinnen" übersetzt wurden - aber auch damit, dass fünf ihrer Schüler Terroristen in Syrien wurden. Für heute Nachmittag hatte sie in Köln unter dem Motto "Nicht mit uns" zusammen mit der Wilhelmshavener Facebook-Bekanntheit Tarek Mohamad eine Anti-Terror-Demonstration initiiert, die vor allem von Moslems getragen werden sollte.

Anders als Aiman Mazyeks "Zentralrat der Muslime" sprach sich der mit der türkischen Staatsführung verbundene Islamverband DİTİB aber gegen eine Teilnahme aus. Er kritisierte die Veranstaltung als "Effekthascherei", "öffentliche Vereinnahmung" und "Instrumentalisierung". Damit, so DİTİB, werde der "internationale Terrorismus […] als Problem allein der Muslime propagiert". Außerdem könnten Moslems im Ramadan, wo sie tagsüber fasten müssten, keine anstrengenden Märsche in der Sonne zugemutet werden.

Die Absage stieß auf Kritik: Regierungssprecher Steffen Seibert bezeichnete es als "schade", dass sich der Verband nicht an der Demonstration beteilige, die der CDU-Bundesinnenminister Thomas de Maizière vorher als "wichtiges Zeichen von Muslimen in die Gesellschaft hinein, dass sie mit dem Terror und dem Missbrauch ihrer Religion durch die Terroristen nichts zu tun haben" bezeichnet hatte. Aydan Özoguz vom CDU-Koalitionsjuniorpartner SPD sagte der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), DİTİB stelle sich "mit dieser Haltung noch weiter ins Abseits und droh[e] vollends seine Glaubwürdigkeit zu verspielen". Damit erinnerte sie daran, dass DİTİB-Imame im Verdacht stehen, für Ankara spioniert zu haben.

Der männliche Grünen-Kovorsitzende Cem Özdemir wertete die Absage gegenüber der Berliner Zeitung als "vertane Chance", ein "klares Signal des Zusammenhalts zu senden". Praktische Konsequenzen forderte dagegen Anna von Treuenfels, die stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft. Sie sieht durch die Kritik des staatsnahen türkischen Religionsverbandes an einer Demonstration gegen islamistischen Terrorismus die Forderung "bestätigt, dass DİTİB kein Partner im Islamstaatsvertrag der Hansestadt Hamburg sein kann."

Außerhalb der Politik fiel die Kritik an der DİTİB-Absage etwas deutlicher und spöttischer aus: Die türkische Twitter-Bekanntheit Hadi ya kommentierte die Argumentation des Verbandes beispielsweise mit der Bemerkung: "Stimmt, Terror ist nicht das Problem des Islam - es ist das Problem des Westens, der darunter leidet."

Einige Beobachter vermuten, dass die Absage von DİTİB auch etwas mit einem Machtkampf in der türkischen Religionsbehörde Diyanet zu tun haben könnte: Deren aktueller Chef Mehmet Görmez wurde zwar von der AKP in sein Amt berufen, gilt aber eher als Vertreter eines gemäßigten Flügels, der im letzten Jahr zusammen mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu weitgehend entmachtet wurde. Vertreter des Erdoğan-Flügels der AKP werfen Görmez in Sozialen Medien mittlerweile vor, heimlich ein Anhänger der Gülen-Sekte zu sein, die der Staatspräsident für den Putschversuch im letzten Jahr verantwortlich macht und die ihm als Hauptargument für die Säuberung der Justiz, der Behörden und des Militärs dient.

Während die Veranstaltung in Köln - deren Teilnehmerzahl dem Kölner Stadtanzeiger mit etwa 300 bis 500 Menschen von den erwarteten 10.000 "meilenweit entfernt" war - friedlich verlief, zeigten randalierende Vermummte gestern Nacht in der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain (wahrscheinlich, ohne es selbst zu wollen), dass Terror nicht nur ein islamistisches Problem ist. Die Angehörigen der Autonomenszene (aus der man in den letzten Wochen terrorisierten Anwohnern gedroht hatte, man werde "jeden Tag kommen", wenn sie sich noch einmal an die Polizei wenden), verursachten mit Steinen, Flaschen und Brandstiftungen massiven Sachschaden und verletzten vier Polizisten. Polizeigewerkschaftssprecher Benjamin Jendro forderte nach den Bränden, die die Feuerwehr nur unter Polizeischutz löschen konnte, dass "der Staat langsam mal anfangen muss, die praktische Immunität dieser Straftäter aufzuheben." "Das", so Jendro, "sind keine Kiezromantiker, sie wollen Polizisten sterben sehen."

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