Antisemitische Kontinuität

"Lisa Eckhart Foto: Moritz Schell" (2015). Bild: troebinger/CC BY 2.0

Zur Diskussion über eine uneindeutige Kunstfigur, verpackte Ressentiments gegen Juden und eindeutige Fortsetzungen von Propaganda-Botschaften

Im vergangenen Jahr musste die Polizei mit 2.275 Delikten einen neuen Höchststand antisemitischer Straftaten in der Bundesrepublik registrieren, womit der Rekord von 2019, wo 2.032 Straftaten gezählt wurden, deutlich übertroffen wurde. Dies ist der höchste Wert seit der Einführung des Erfassungssystems "Politisch Motivierte Kriminalität (PMK)" im Jahr 2001.

Die Täter rekrutierten sich überwiegend aus den Reihen der deutschen Rechten. Laut der Polizeistatistik sei die überwältigende Mehrheit der Straftaten rechten Judenhassern zuzuordnen, während linke oder islamistische Antisemiten in der Statistik nur "eine kleine Minderheit" umfassten, hieß es in Medienberichten. Die Urteilsverkündung im Prozess gegen den Rechtsextremisten, der 2019 in Halle einen antisemitischen und ausländerfeindlichen Terroranschlag verübte, macht deutlich, dass der zunehmende Hass jederzeit in tödliche Gewalt umschlagen kann.

Joseph Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, brachte den zunehmenden Antisemitismus insbesondere mit der sogenannten Querdenker-Bewegung in Zusammenhang sowie den in diesem neurechten Milieu propagierten Verschwörungsideologien:

Angesichts der zahlreichen antisemitischen Vorfälle auf den Corona-Leugner-Demos im vergangenen Jahr und der Verschwörungsmythen im Netz war leider damit zu rechnen, dass die Zahl der antisemitischen Straftaten erneut steigt.

Joseph Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden

Die Statistik mache deutlich, dass die "Radikalisierung der Gesellschaft" voranschreite, so Schuster. Für Felix Klein, den Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, hat diese Wahnbewegung der Pandemieleugner "die Grenzen des Sagbaren verschoben", indem in ihren Reihen der Holocaust relativiert und bekannte antisemitische Hassbilder reanimiert wurden. Der Anstieg des Antisemitismus müsse als eine Warnung verstanden werden.

Wo fängt Antisemitismus an?

Die diesbezüglichen öffentlichen Auseinandersetzungen tobten im vergangenen Jahr vor allem um die Frage, wo Antisemitismus anfängt.

Es waren Kämpfe um die Deutungshoheit über das, was unter antisemitische Ressentiments überhaupt zu verstehen ist. Zentral hierfür war die Debatte um Äußerungen der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart, deren Kunstfigur im Kontext der feministischen MeToo-Kampagne mit dem Vorwurf der sexuellen Nötigung nichtjüdischer Frauen durch Juden spielte.

In der jüdischen Gemeinschaft wurde der Vorwurf laut, Eckhart betreibe "Judenhass unter dem Deckmantel der Satire", während Deutschlands Rechte und auch Eckhart-Fans die Diskussion über eine Kunstfigur für ihre Zwecke nutzten: Unter der Losung eines Kampfes gegen eine "Löschkultur" (Cancel Culture) mobilisierten sie für die Künstlerin. In bewährter Manier sprachen sie von einer Zensur- und Maulkorb-Republik, in der man einfache Wahrheiten nicht mehr aussprechen könne, etc..

Zur Klärung dieser Streitfrage könnte es eventuell behilflich sein, diese letztjährigen Auseinandersetzungen um Deutungshoheit bei Antisemitismus mit Propaganda zu vergleichen, die unzweideutig antisemitisch ist.

Trotz der unzähligen "Tabubrüche", die seit der Sarrazin-Debatte von der Neuen Rechten begangen worden sind, um den öffentlichen Diskurs immer weiter zu enthemmen und zu verwildern, dürfte in der Bundesrepublik immer noch der Konsens herrschen, dass es sich bei Adolf Hitler und Joseph Goebbels um lupenreine Nazis und Antisemiten handelte.

Selbst die größten Eckhart-Fans aus der Neuen Rechten dürften somit dem simplen Fakt zustimmen, dass es sich bei den Propaganda-Werken, die Nazis über Juden fabriziert haben, um Antisemitismus handelt. Die Kontrastierung der aktuellen Auseinandersetzungen mit lupenreiner antisemitischer Propaganda könnte somit erhellend wirken bei deren Einschätzung und Beurteilung.

Filme als Verbrechen

Das in der Bundesrepublik bekannteste antisemitische Machwerk der Nazis - das tatsächlich maßgeblich von Hitler geformt wurde - ist der 1940 veröffentlichte Pseudodokumentarfilm "Der ewige Jude", der mit brutalsten Bildern, offener Hetze und Entmenschlichung von Juden arbeitet.

Der Film arbeitet mit Bildern aus den jüdischen Ghettos, die Nazideutschland in Polen errichten ließ. Die Perfidie an diesem Machwerk, das laut Regisseur Fritz Hippler eine "Symphonie des Ekels und des Grauens" sein solle, besteht somit darin, dass hier die Verelendung und Erniedrigung, die durch das deutsche Ghettoregime bewusst betrieben wurde, als ein Wesensmerkmal des Juden dargestellt wird.

Zentrale Motive bilden die Darstellung von Juden als "Ratten", als "Ungeziefer", sowie die Gleichsetzung des osteuropäischen Judentums mit den assimilierten Juden Deutschlands und Westeuropas als verschwörerische Parasiten, die ihre "Wirtsvölker" durch geheime Machenschaften unterwandern und zerstören würden. Im Abschluss gibt der Film Auszüge der berüchtigten Hitler-Rede vom Januar 1939 wieder, in der die Vernichtung des europäischen Judentums ankündigt wurde.

Angesichts der antisemitischen Exzesse in "Der ewige Jude", die den Film zu einem Symbol des Antisemitismus machten, scheint es kaum gerechtfertigt, die Äußerungen, die Lisa Eckhart ihrer Kunstfigur in den Mund legt, auf dieselbe Stufe zu stellen.

Die späte Wirkung

Das Problem besteht nur darin, dass "Der ewige Jude" ein schlechter, ein gescheiterter Propagandafilm war, der seine Wirkung erst nach Kriegsende als ein plakatives, abschreckendes Beispiel für Antisemitismus entfaltete - während er 1940 kaum ein Publikum finden konnte.

Der Film war ein kommerzieller Fehlschlag, der hauptsächlich vor Mitgliedern der unterschiedlichsten Gliederungen der NSDAP und SS ausgestrahlt wurde, während er an den Kinokassen floppte. In seinem Scheitern wirkt dieser Propagandafilm aber bis in die Gegenwart hinein - indem er ein falsches Bild davon vermittelt, wie antisemitische Propaganda funktioniert, wie Antisemitismus sich manifestiert und formiert.

Das Gift des Antisemitismus wird nicht mit dem Holzhammer, sondern mit der Injektionsspritze verabreicht. "Der ewige Jude" war nur einer von drei antisemitischen Filmen, die in Nazideutschland 1940 veröffentlicht wurden, um den sich immer deutlicher abzeichnenden Holocaust propagandistisch zu flankieren, der auf der Wannseekonferenz im Januar 1942 seine organisatorische Konkretisierung fand. Daneben erschienen die Filme "Jüd Süß" und "Die Rothschilds", bei denen Goebbels für die propagandistische Konzeption verantwortlich war.

Während Hitler in "Der ewige Jude" einen brutalen, auf Ekel und direkter Entmenschlichung beruhenden Weg einschlagen ließ, ging Goebbels weitaus subtiler vor, indem er Antisemitismus mit kulturindustrieller Unterhaltung amalgamierte.

Insbesondere "Jud Süß" zähle zu den "niederträchtigsten und gefährlichsten Erzeugnissen nationalsozialistischer, antisemitischer Filmpropaganda", wie es das Bundesarchiv formulierte. Goebbels bezeichnete das Machwerk als einen großen, genialen Wurf, als einen antisemitischen Film, "wie wir ihn uns nur wünschen" können.

Das süße antisemitische Gift des "Jud Süß"

Der Film konstruiert seine antisemitische Propaganda um eine historische Figur des 18. Jahrhunderts, einen jüdischen Bankier, der als Finanzberater Herzogs Karl Alexander von Württemberg tätig war. Die größtenteils frei erfundene Filmhandlung zeichnet "Jud Süß Oppenheimer" als einen skrupellosen Intriganten, als einen geldgierigen Lüstling, der den ausschweifenden Lebensstil des Herzogs durch immer neue Steuern finanziert, der den Judenbann aufheben lässt und sich dabei vor allem selber bereichert - während das Volk unter der zunehmenden Streulast stöhnt.

Zentral in dem Film ist aber ein klassisch melodramatischer Handlungsstrang, bei dem der zum Finanzminister aufgestiegene Jude einer verheirateten arischen Frau nachstellt, ihren Vater und Ehemann verhaften lässt, die verzweifelte Frau, die sich an ihn mit der Bitte um Gnade wendet, sexuell belästigt und schließlich vergewaltigt.

Die perfide Schlüsselszene des Films besteht aus einer Montage, bei der sich die Vergewaltigung der arischen Ehefrau durch den Juden mit der Folter ihres verhafteten Ehemanns abwechselt, die Oppenheimer anordnete.

Diese Vergewaltigung der arischen Frau, die hiernach Suizid begeht, führt zusammen mit der drückenden Streulast zum Aufstand der Stände. Die Württemberger ziehen zur Residenz ihres Herzogs und nötigen ihn, sich zwischen ihnen und dem Juden Oppenheimer entscheiden zu müssen - worauf der Herzog an einem Herzinfarkt stirbt.

Das "Happy End" des antisemitischen Historienschinkens besteht darin, dass Oppenheimer aufgrund der "Rassenschande", also des Beischlafs mit einer Arierin hingerichtet wird und alle Juden aus Württemberg wieder vertreiben werden.

Der Film entwickelte sich in seiner Mischung aus Unterhaltung und Antisemitismus zum Kassenschlager und einen der größten Propagandaerfolge der Nazis. Mehr als 20 Millionen Reichsbürger, rund ein Drittel der Bevölkerung, sahen sich dieses Machwerk an, bei dem eine tragische Beziehungsgeschichte mit antisemitischen Ressentiments angereichert wurde.

Nahezu alle antisemitischen Wahnbilder, die in aller Brutalität in "Der Ewige Jude" zu finden sich, werden auch in "Jud Süß" vermittelt, nur geschieht das implizit, aus der kulturindustriell standardisierten Handlung heraus. Auch die eliminatorische Konsequenz des Antisemitismus, die in "Der ewig Jude" faktisch im Rahmen der abschließenden Hitler-Rede angekündigt wird, ist in "Jud Süß" in Gestalt der Hinrichtung Oppenheimers zu finden.

Der Film war folglich nicht nur ein Kassenschlager, er wurde auch den Tätern vorgeführt. Die Einsatzkommandos im Osten, die hinter der Front den Massenmord an Juden vollzogen, haben den "Jud Süß" ebenso vorgeführt bekommen, wie die Wachmannschaften der SS in den Konzentrations- und Vernichtungslagern Nazideutschlands.

Der Sicherheitsdienst SD meldete in geheimen Berichten dem Propagandaministerium, dass der Film im ganzen Reich eine "anhaltend zustimmende Aufnahme" finde.

Die Schaffung und Vertiefung von antisemitischen Ressentiments sei laut SD geglückt, was sich in antisemitischen Parolen geäußert habe, die im Gefolge der Filmvorführungen gefallen seien.

Ressentiment gegen die Juden und eine "progressive Kampagne"

Goebbels verstand es als überzeugter Antisemit, den irrationalen Antisemitismus durch affektgeladene, emotionalisierende Bilder zu befördern, die das Reflexionsvermögen zugunsten des Affekts zurückdrängen und so das Ressentiment aufrichten - und als zentrales Motiv taucht in dem Kassenschlager "Jud Süß" die Rassenschande auf, die Vergewaltigung der arischen Frau durch den Juden.

Womit wir wieder bei der Lisa Eckhart und ihrer Kunstfigur wären. Bei deren umstrittenen Ausführungen zur sexuellen Nötigung von Frauen, wie sie von der feministischen MeToo-Kampagne thematisiert wurden, bediente sie sich eben jenes Motivs, das auch charakteristisch für "Jud Süß" ist. Bei den Auftritten der österreichischen Künstlerin sind es nicht mächtige, einflussreiche Männer, die ihre Machtstellung ausnutzen, um Frauen sexuell auszubeuten, sondern lüsterne Juden, die laut Eckharts Kunstfigur "unantastbar" seien.

Deswegen fragte die Kabarettistin, ob die MeToo-Bewegung antisemitisch sei, da unter den vielen Fällen an sexueller Gewalt und Nötigung, die 2018 öffentlich gemacht worden sind, auch etliche Männer jüdischer Herkunft zu finden sind (Weinstein, Allen, Polanski). Das Ressentiment gegen den Juden hängt sich hierbei an eine progressive Kampagne an, um sich öffentlich manifestieren zu können.

Geld diene dem Juden nur als ein Mittel, um "Weiber" abzugreifen, witzelt Eckhart auf der Bühne, womit die Unterhaltungskünstlerin das zentrale Motiv des antisemitischen Unterhaltungsfilms "Jud Süß" reproduziert. Dieses uralte antisemitische Bild des lüsternen Juden wird aber noch durch ein neues Motiv angereichert, durch das Ressentiment gegen die Opfer des Holocaust und deren jüdische Nachfahren. Eckhart wörtlich:

Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen auszugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist, wie dem Mateschitz ein Red Bull auszugeben. (...) Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? (...) Die heilige Kuh hat BSE.

Lisa Eckhart

Den "unantastbaren" Juden, die als "heilige Kühe" bezeichnet werden, müssen laut Eckhart nun Frauen zur sexuellen Verfügung gestellt werden. Dies sei eine Form von Reparation für den Holocaust, da mit Geld bei ihnen nichts gutzumachen sei - die Juden seien die Quelle des Geldes, so wie der Red-Bull-Miteigentümer Mateschitz an der Quelle seines Aufputschmittels sitze.

Der antisemitische Vorwurf, die Juden würden den Holocaust instrumentalisieren, um sich finanzielle oder politische Vorteile zu verschaffen, wird bei Eckharts Auftritten um eine sexuelle Dimension erweitert. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix brachte dieses Ressentiment mit der Bemerkung auf den Punkt, wonach die Deutschen den Juden den Holocaust niemals verzeihen würden.

Diese bizarre Fieberphantasie der Eckhartschen Kunstfigur, die den "lüsternen" Juden einen shoahbedingten Freifahrtschein bei Vergewaltigungen andichtet und diese in evidenter antisemitischer Tradition mit dem Geld identifiziert, nicht als antisemitisch zu charakterisieren, scheint kaum noch möglich. Der WDR, der in seiner Replik auf eine Programmbeschwerde die antisemitische Wahrnehmung der Bühnenfigur der Sexualstraftäter als Juden schlicht übernahm (schuldige und straffällige "Minderheiten"), wie auch ein großer Teil der veröffentlichten Meinung der Bundesrepublik, vollbrachte dennoch dieses Kunststück. Der WDR wörtlich:

Die mehrfach preisgekrönte Künstlerin erörtert die Schwierigkeiten im Umgang mit Minderheiten, mit Schutzwürdigen, mit Verehrungswürdigen, wenn diese Personengruppen sich Verfehlungen leisten, schuldig werden oder straffällig.

WDR

Schon diese Antwort, die durch Männer begangene Vergewaltigungen zu Straftaten von Minderheiten erklärt, stellt einen Skandal dar. Derselben Logik folgend, könnte mensch alle WDR-Mitarbeiter als Rassisten und Antisemiten bezeichnen.

Der WDR sprach in seiner Replik von Minderheiten, weil die antisemitische Äußerungen der Kabarettistin eingebettet waren in einen penisfixierten Rassismus, dem die Vergewaltigungen durch Bill Cosby zum Vorwand dienten, um entsprechende Stereotype zu verbreiten.

Ein Motiv dieses "Humors", den die Kleinkünsterin zum Besten gibt, besteht faktisch in einer rassistischen Penis-Vermessung. Hier ein Beispiel:

Nimmt man von allen Ching-Chongs die Ding-Dongs und legt sie nebeneinander auf, hat man etwa die Länge einer kongolesischen Vorhaut.

Lisa Eckart

Vor dem Hintergrund solcher Äußerungen scheinen sich auch die Umrisse der Kultur abzuzeichnen, die von den gegen die angebliche "Cancel-Culture" gerichteten Kampagnen, derzeit etwa an den Unis, verteidigt wird: Es ist eine "Vorhaut-Kultur", deren autoritärer Humor sich in der Mobilisierung für das nächste Pogrom einbettet.

Die antisemitischen Motive vom lüsternen reichen Juden, die schon in Goebbels "Jud Süß" zu finden sich, docken bei Eckharts Auftritten gewissermaßen an eine feministische Kampagne an. Das Ressentiment durchläuft ein pseudo-progressives Verpuppungsstadium, bevor es durchbricht und manifest wird. Der Hass der neuen Rechten auf die "politische Korrektheit" wird bespielt und auch bedient.

Auch wenn die absurd scheinende Frage der Bühnenfigur Eckharts, ob die MeToo-Bewegung antisemitisch sei, es nahelegt, dass sie genau weiß, was sie da anrichtet, müsste selbst eine unreflektierte, quasi dem "Bauchgefühl" Ausdruck verleihende Motivationslage als antisemitisch bezeichnet werden.

Dieses affektgetriebene, eruptive Moment, wo "es" plötzlich aus dem Ich spricht, ist gerade charakteristisch für das Festsetzen antisemitischer Ressentiments. Dies hat gerade Goebbels verstanden, der bei "Jud Süß" den subtilen, indirekten Weg wählte, um durch den Handlungsverlauf und die Charakterkonstruktion die Vertiefung antisemitischer Ressentiments zu befördern.

Geschäftsmodell Tabubruch

Ob es nun Absicht und Kalkül war, oder ob sich die Kleinkünstlerin aus dem Affekt zu ihren Ressentiments hinreißen ließ, ist somit - angesichts des objektiv antisemitischen Charakters der obigen Äußerungen - genauso sekundär wie ihre späteren Rechtfertigungsversuche und Ausreden. Entscheidend ist die ungeheure Wucht, die der Skandal auslöste. Im Jahr mit der höchsten Zahl antisemitischer Straftaten seit der Einführung der entsprechenden Statistik wurde Frau Eckhart in den Massenmedien zu einem Opfersymbol aufgebaut.

Der Skandal und die daraus entspringende Antisemitismus-Debatte des Jahres 2020 bildete faktisch einen ungeheuren Karriereschub für die Künstlerin - während zugleich das übliche rechte Gejammer einsetzte, das Kritik an ihren Äußerungen als Ausdruck einer Gutmenschen-Diktatur darstellte. Die rechten Kampagnen, die unter dem Vorwand des Kampfes gegen eine angebliche "Absage- oder Löschkultur" gerade im Gefolge der Antisemitismus-Debatte an Breite gewannen, sehen ja faktisch Äußerungen deutscher Kultur durch Kritik an Eckhart bedroht.

Diese Opferrolle Frau Eckharts kontrastierte mit Dutzenden von Interviews oder Fernsehen-Aufritten, die faktisch aufgrund ihrer antisemitischen und rassistischen Grenzüberschreitungen möglich wurden. Die "marginalisierte" österreichische Vorhaut-Expertin konnte sich im Gefolge des Skandals unter anderem im ZDF, bei der Süddeutschen Zeitung, der taz, dem Tagesspiegel, dem Tagesanzeiger, der Wiener Zeitung, der Berliner Zeitung, der NZZ, dem Spiegel, dem MDR, dem Saarländischen Rundfunk, dem Hessischen Rundfunk, dem Deutschlandfunk, dem ORF, der Augsburger Allgemeinen, der Leipziger Volkszeitung und bei Bremen Eins produzieren.

Den Höhepunkt der steilen Medienkarriere - an deren Anfang ein antisemitischer Tabubruch lag - bildete Eckharts Auftritt im literarischen Quartett, also in der Fernsehsendung, die wie keine andere von einem jüdischen Intellektuellen, von Reich-Ranicki, geprägt worden ist.

Die ganz große Runde im deutsch-österreichischen Medienzirkus, die die Kabarettistin absolvieren konnte, ist vor allem Ausdruck der großen Marktnachfrage, die sich bei solchen Auseinandersetzungen einstellt. Die Interviews, Selbstdarstellungen und Auftritte brachten schlicht Umsatz: Sie erhöhten die Zugriffszahlen, die Quote, den Zeitungsabsatz.

Starkes Bedürfnis nach eben diesen Ressentiments

Diese Nachfrage stellt sich gerade deswegen ein, weil es in weiten Teilen der Bevölkerung ein starkes Bedürfnis nach eben diesen Ressentiments herrscht. Wie groß der entsprechende Markt für Ressentiments ist, machte die Sarrazin-Debatte klar, die gewissermaßen als Urknall der Neuen Rechten fundierte - und in deren Verlauf dessen wirres Elaborat immer neue Verkaufsrekorde brach.

Sarrazins dummes Machwerk "Deutschland schafft sich ab", in dem Rassismus und Sozialdarwinismus zur Erklärung krisenbedingter sozialer Erosionstendenzen herangeführt werden, gehört zu den meistverkauften Büchern Deutschlands, gleich nach der Bibel und Hitlers "Mein Kampf".

Mit dem Aufstieg der Neuen Rechten in der Bundesrepublik etablierte sich somit auch ein Milieu an Kleinkünstlern und Selbstdarstellern, das diese Nachfrage bedient - und/oder mit ihr spielt - und Sarrazin gewissermaßen nacheifert. Mensch könnte hier tatsächlich von einem kulturellen Überbau der Neuen Rechten sprechen. Die zivilisatorische Grenzüberschreitung, der kalkulierte Tabubruch, bei dem mit Ressentiments gespielt wird, bilden gewissermaßen die Geschäftsgrundlage dieses Milieus.

Im Zeitalter des Rechtsterrorismus imaginiert man die Bundesrepublik im Griff einer politisch korrekten Meinungsdiktatur. Die Vorgehensweise ist bereits standardisiert, die Rollenverteilung eingespielt: Sobald Kritik an rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Äußerungen geäußert wird, wirft man sich in die Opferpose, sieht sich als verfolgte Unschuld, die ans Kreuz der politischen Korrektheit geschlagen werde, während die Massenmedien die Sache hochkochen und für die notwendige Publizität sorgen, die den Tabubrechern den üblichen Karriereschub verpasst.

Das langfristige Problem bei dieser Strategie, die auf der Überschreitung zivilisatorischer Mindeststandards beruht, besteht nur darin, dass die Dosis permanent erhöht werden muss. Welche "Tabus" sind noch nicht gebrochen worden? Gegen wen darf man noch nicht hetzen in einer "Kultur", in der rassistische Penis- und Vorhautvermessungen als Humor aufgefasst werden?

Das letzte Tabu im Land der Täter stellt der krisenbedingt zunehmende Antisemitismus dar, der sich 2020 in dem eingangs besprochenen Höchststand antisemitischer Straftaten manifestierte. Das Bedürfnis, "dem Juden" endlich mal freiheraus die Meinung sagen zu können, verzehrt die Antisemiten der Bundesrepublik. Und es ist eben dieser dunkle, ans Licht der Öffentlichkeit strebende Trieb, dem die Bühnenfigur Lisa Eckharts mit ihren Äußerungen über lüsterne Geldjuden ein Ventil verschafft.