Antisemitismus in Europa und Vergessen des Holocaust

Zum Wahlkampf 2017 gestartete Propagandakampagne der rechtspopulistischen Fidesz um Premier Viktor Orban unter einer Parole "Lasst Soros nicht zuletzt lachen!" Screenshot von YouTube-Video

Nach einer Umfrage in sieben EU-Ländern sagt ein Fünftel, die Juden hätten zu viel Einfluss auf die Wirtschaft, die Finanzen und die Politik in ihren Ländern und in der Welt

Dass nach und mit der grassierenden Ablehnung von Muslimen und Migranten und der Wiederkehr des Völkischen und Nationalsozialen auch der Antisemitismus wieder verstärkt auflebt, hat sich schon länger nicht nur in Deutschland abgezeichnet. Mit dem Milliardär George Soros, der als reicher Jude angeblich überall seine Finger drin hat, haben die Rechten aller Provenienz ihren Antisemitismus personalisiert, mit der Migration ("Umvolkung") und der angeblich heimatlosen globalen Elite verbunden, wogegen nur die völkische Säuberung und der Rückzug hinter Grenzen und Mauern hilft.

Gestern kam eine Email auch an Telepolis, in der mit Verweis auf Vera Lengsfeld die Schrecken des Migrationspakts und des diesen ergänzenden Flüchtlingspakts beschworen werden. Angeblich würden die "Merkel-Medien über diesen Pakt und seine Konsequenzen für die BRD" schweigen. "Der UN-Flüchtlingspakt soll unbemerkt durch die Hintertür kommen!", suggeriert Lengsfeld in schein-investigativer Manier, auch wenn der Text seit Somme längst von jedem gelesen werden kann - auch in deutscher Übersetzung. Der Lengsfeld-Fan spricht vom "nächsten Anschlag der UN-Globalsemiten gegen Deutschland", den Lengsfeld "aufgedeckt" hätte. Vereinte Nationen, eine globale Organisation, überhaupt Globales und dann noch Semiten, die ebenso heimatlos sind wie die globalen Finanzströme, da kommt der neue Antisemitismus zum Ausdruck.

CNN hat ComRes beauftragt, in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Österreich, Schweden und Ungarn eine Umfrage durchzuführen, inwieweit in den Ländern antisemitische Stimmungen vorhanden sind. Gefragt wurden jeweils 1000 Menschen. Die Umfrage wurde vor dem Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh durchgeführt. Der Täter hatte die Angstmache vor einer Masseneinwanderung, wie sie von Trump und anderen Rechten gepredigt wurden, ernst genommen und scheint der Überzeugung gewesen zu sein, dass Juden - und natürlich auch Soros - in den USA für offene Grenzen sind und den Migranten, speziell den Migrantenkarawanen aus Mittelamerika, helfen, die USA zu überfluten (Pittsburgh-Attentäter: "Alle Juden müssen sterben").

CNN schreibt, Antisemitismus gedeihe in Europa, während die Erinnerung an den Holocaust allmählich verschwinde. Letzteres ist auf jeden Fall so. AfD-Politiker wollen das Vergessen der Erinnerung aktiv betreiben, aber auch so verschwindet mit wachsendem zeitlichen Abstand das Wissen.

In Frankreich sagen 20 Prozent der 18-34-Jährigen, sie hätten nie vom Holocaust gehört, in Österreich sagen sogar 40 Prozent der jungen Menschen, sie wüssten nur ein bisschen davon, 12 Prozent haben nichts davon gehört. Da hat, wie dadurch bestätigt wird, zu wenig Aufarbeitung stattgefunden, man ist ja nur von einem Österreicher angeschlossen worden, dem zugejubelt wurde. Allerdings sind Zweidrittel der Meinung, dass man an den Holocaust erinnern müsse, um zu verhindern, dass ähnliche Schrecklichkeiten wieder geschehen können. Insgesamt sagen 3,6 Prozent, sie hätten nie vom Holocaust gehört, und fast 30 Prozent, dass sie nur wenig davon wissen. In den USA ist es nicht so viel anders, wie CNN auch berichtet. 10 Prozent der Amerikaner sagten in einer Umfrage, sie wüssten nicht, ob sie vom Holocaust schon mal gehört hatten, bei den Jungen sind es 20 Prozent.

Ein Problem ist aber auch, dass mit dem Holocaust nach Ansicht eines Drittels politisch gearbeitet wird. Ein Drittel meint, die Juden würden den Holocaust instrumentalisieren, um eigene Interessen durchzusetzen, ebenfalls ein Drittel aber sagt, Kritik an Israel sei vom Antisemitismus motiviert. In Deutschland sagt die Hälfte, der Staat Israel würde den Holocaust instrumentalisieren, um seine Aktionen zu rechtfertigen. 32 Prozent sagen, das würden jüdischen Menschen auch so handhaben.

Fast 36 Prozent äußern eine ablehnende Haltung gegenüber Israel, ebenso viele wie gegenüber dem Iran. Gegenüber Russland haben weniger eine ablehnende Haltung (31 Prozent), deutlich weniger gegenüber den USA (fast 26 Prozent). Aber das sagt nicht viel, man kann die Politik des Staats Israel ablehnen, ohne antisemitisch zu sein. Der Verdacht besteht jedoch nicht zu Unrecht, dass Kritik an Israel oft als antisemitisch denunziert wird. 35 Prozent der Befragten sagen, dass Befürworter von Israel diese Strategie nutzen. Und schließlich wird Nordkorea noch viel stärker von Zweidritteln und Saudi-Arabien von fast 50 Prozent abgelehnt. Für Deutschland spielt die Nazi-Geschichte offenbar keine große Rolle mehr. Nur 11 Prozent bekennen sich zu einer ablehnenden Haltung. Großbritannien fährt allerdings noch besser mit nur 7 Prozent mit einer ablehnenden Haltung.

Klar ist, dass Muslime deutlich stärker abgelehnt werden als Juden, von denen 10 Prozent eine ungünstige Meinung haben, bei Muslimen sind es jedoch 66 Prozent. Auch Roma werden mit 38 Prozent deutlich stärker abgelehnt, Migranten von 35 Prozent. Dagegen werden LGBT von 15 Prozent abgelehnt. Wenig verwunderlich, dass Christen, aber auch Atheisten kaum auf Ablehnung stoßen. Allerdings hat eine Mehrheit in allen Ländern, abgesehen von Ungarn, eine positive Meinung von Juden.

Aber dann kommt es doch. Mehr als jeder Fünfte ist der Überzeugung, dass Juden im Vergleich zu anderen Menschen zu viel Einfluss auf Wirtschaft und Finanzen in ihrem Land haben. Der Meinung sind mehr Männer als Frauen, eher die älteren Menschen und die Muslime. In Polen und Ungarn sagen dies 40 Prozent der Befragten, in Österreich ein Drittel und in Deutschland und Frankreich ein Viertel. Und mehr als 27 Prozent aller Befragten sagen, die Juden hätten zu viel Einfluss auf Wirtschaft und Finanzen in der ganzen Welt. Auch in der Politik und den Medien haben für fast 17 Prozent Juden in ihrem Land zu viel Einfluss, für die ganze Welt sagen dies 22 bzw. 20 Prozent. Ähnlich wird der Einfluss der Juden auf Kriege und Konflikte gesehen.

Dabei beträgt der Anteil von Juden an der Weltbevölkerung gerade einmal 0,2 Prozent. Das sehen aber viele Menschen offenbar anders, was damit verbunden zu sein scheint, dass man Juden so viel Einfluss zuschreibt. Besonders grotesk ist es in Ungarn, wo die Regierung eine Anti-Soros-Kampagne geführt und damit den Antisemitismus geschürt hat. Ein Viertel der befragten Ungarn sagen, der Anteil der Juden in der Welt liege bei mehr als 20 Prozent, auch noch ein Fünftel der Polen und der Briten sehen dies so. 40 Prozent aller Befragten meinen auch, dass der Anteil der jüdischen Bevölkerung in ihren Ländern zwischen 3 und 10 Prozent liegt. In keinem Land der Welt außer Israel ist der Anteil höher als 2 Prozent.

54 Prozent sind der Meinung, dass Antisemitismus in ihrem Land ein zunehmendes Problem ist, 19 Prozent sehen dies nicht. Um die 40 Prozent befürchten auch, dass Juden in ihren Ländern von Hass und rassistischer Gewalt bedroht seien. Und fast die Hälfte ist der Meinung, ihre Regierung solle mehr machen, um den Antisemitismus zu bekämpfen. (Florian Rötzer)