Anwalt statt Mord

Drogenkartellboss El Chapo droht Netflix

Der US-Sender Netflix hat mit House of Cards, Lilyhammer und Orange is the New Black einige der besten Serien der letzten Jahre produziert. Mit entsprechend großer Spannung wird eine für 2017 angekündigte Netflix-Koproduktion mit dem spanischsprachigen US-Sender Univision erwartet, zu der am 25. Mai der erste Trailer erschien: El Chapo - die Lebensgeschichte des mexikanischen Drogenkartellbosses Joaquín Guzmán, der seit 8. Januar wieder in Haft sitzt.

El Chapo ist unter anderem deshalb der international bekannteste mexikanische Verbrecherboss, weil es ihm gleich zwei Mal - 2001 und 2015 - gelang, aus einem Gefängnis auszubrechen. Das zweite Mal ließ er dazu einen eineinhalb Kilometer langen Hi-Tech-Tunnel aus dem Hochsicherheitsgefängnis El Altiplano bauen und bot dem republikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump dabei eine unbezahlbar gute Gelegenheit, auf die Macht des Organisierten Verbrechens in Mexiko aufmerksam zu machen (vgl. Trump vs. El Chapo).

Erster Trailer für El Chapo
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Nun hat Andrés Granados, einer der Rechtsanwälte Guzmáns, in einem Radiointerview gedroht, man werde Netflix und Univision verklagen. Die Produzenten der Serienbiografie müssen Guzmán seinen Worten nach um Erlaubnis fragen, weil sein Mandant nicht tot sei. Letzteres könnte sich ändern, wenn El Chapo in den USA nicht nur wegen Drogenhandels und Geldwäsche, sondern auch wegen zahlreicher von ihm angeordneter Morde verurteilt wird. Einer Auslieferung an die USA hat das mexikanische Außenministerium letzte Woche zugestimmt - die Rechtsmittel dagegen sind allerdings noch nicht ausgeschöpft.

Ob eine Klage eines lebendigen El Chapos gegen Netflix Erfolg hätte, ist offen, weil die Rechtsprechung in vergleichbaren Fällen uneinheitlich ist: Während der Spielekonzern Electronic Arts (EA) vor zwei Jahren zur Zahlung von insgesamt 40 Millionen Dollar Schadensersatz bewegt wurde, weil er seit 2003 regelmäßig Hochschulsportler als Vorlagen für seine Football- und Basketballspiele verwendet hatte, lehnte ein Richter in Kalifornien fünf Monate später eine Klage des zu einer 30-jährigen Haftstrafe verurteilten ehemaligen De-Facto-Diktators von Panama gegen dessen Darstellung im Computerspiel Call of Duty ab (vgl. Ex-Diktator Manuel Noriega will Geld …).

Libertärer IT-Investor Thiel finanzierte Hulk Hogans Klage gegen Gawker

Sieht ein US-Gericht durch die Serie eine Persönlichkeitsrechtsverletzung von EL Chapo als gegeben an, dann können die daraus resultierenden finanziellen Forderungen existenzbedrohende Ausmaße annehmen, wie aktuell ein gewonnener Prozess des ehemaligen Wrestlers Hulk Hogan gegen das Klatschportal Gawker zeigt: Gawker muss Hogan 140 Millionen Dollar zahlen, weil das Portal im Oktober 2012 ein nach Angaben des Klägers heimlich aufgenommenes Video veröffentlichte, auf dem zu sehen ist, wie der Wrestler die Ehefrau seines Freundes begattet.

Mitfinanziert wurde Hogans Klage der New York Times zufolge vom bekannten IT-Investor Peter Thiel, der 2007 von einem zu Gawker gehörigen Portal gegen seinen Willen als homosexuell geoutet worden war. Der Libertäre versteht die Beteiligung nach eigenen Angaben nicht als "Rache", sondern als "philanthropisches Engagement" und "Abschreckung". US-Medienberichten nach soll Thiel auf dem anstehenden Nominierungsparteitag der Republikaner als Delegierter für Donald Trump teilnehmen. (Peter Mühlbauer)

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